Zum aktuellen Forschungsstand des fötalen Alkoholsyndroms

Annika Drozella


3. Über die Fähigkeiten eines Menschen mit FAS oder FAE

Nachdem zuvor die medizinischen Gesichtspunkte der pränatalen Alkoholschädigung dargestellt worden sind, sollen nun im folgenden Kapitel die kognitiven Fähigkeiten, hier besonders die Informationsverarbeitungsprozesse dargestellt werden. Auch das mögliche Verhalten eines Menschen mit FAS/FAE wird aufgezeigt. Ein Kapitel behandelt die erhöhte Suchtgefährdung.

3.1 Zum schulischen Lernen

An dieser Stelle werden die Besonderheiten der kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, die mit dem schulischen Lernen verbunden sind, dargestellt.

 

Bei Kindern, die pränatal dem Alkohol ausgesetzt waren, wurden von Coles (1993, 255-263) Defizite in der kognitiven Entwicklung, Schulleistung und Aufmerksamkeit gefunden.

Eine verkürzte Konzentrationsfähigkeit und Aufmerksamkeitsspanne wird auch von Streissguth (1987, 158) beschrieben.

 

Der mittlere Intelligenzquotient bei Menschen mit erheblicher pränataler Alkoholexposition beträgt, laut Streissguth, 68. Der niedrigste von ihr gemessene Intelligenzquotient war 20, der höchste 105 (1991 (b), 1964). Aufgeteilt in FAS und FAE ergibt sich folgende Verteilung der IQ-Werte:

FAS: mittlerer IQ-Wert bei 66

FAE: mittlerer IQ-Wert bei 73

Nach der AAMR-Definition (1992, s. Kapitel 1.2) liegt eine geistige Behinderung bei einem IQ von ca. 70 bis 75 oder darunter vor.

Löser (1990 (a), 335) gibt zu bedenken, dass es schwierig ist, reale Angaben zu den IQ-Werte bei Menschengruppen mit FAS/FAE zu erhalten, da die Zahlen meist nicht bei unausgewählten Menschen erhoben werden. Die Werte werden auch durch die ungenügende Mitarbeit der Kinder auf Grund der "Hyperaktivität" (s. Kapitel 3.3) verfälscht (Neumann 1996, 4).

 

Integrative Denkprozesse, Abstraktionen, Symbolisationen, Erlernen von Regeln und Erfassen von Sinnzusammenhängen oder Konzeptbildungen sind bei Menschen mit FAS/FAE erschwert oder unmöglich (Neumann 1996, 4; Löser 1995, 62; Löser 1990 (a), 335).

Häufig haben Menschen mit FAS/FAE ausgeprägte Rechenschwächen (Streissguth 1991(b), 1964, Löser 1990 (a), 335, Carmichael , Streissguth 1994 (b), 96, Spohr 1991, 298) und es bestehen große Schwierigkeiten mit Abstraktionen (Spohr 1991, 298), wie z.B. Zeit und Entfernungen, Ursache und Wirkung oder der gedanklichen Übertragung von einer Situation auf eine andere (Streissguth 1991 (b), 1964).

Michael Dorris ( 1994, 254) schreibt über seinen Adoptivsohn mit FAS, "Adam hatte ständig Schwierigkeiten mit bestimmten Abstraktionen: größer als – kleiner als, vorausplanen; Geld sparen."

 

Lesen und Schreiben wird verzögert erlernt (Löser 1995, 61). Die Fähigkeit zum Buchstabieren ist gut, es besteht aber laut Streissguth nur geringes Interesse am Lesen (1991 (b), 1964).

 

Es besteht eine Verminderung der Erinnerungsleistungen im Kurz- und Langzeitgedächtnis (Streissguth 1991, 1965; 1994 (b) 96, Carmichael ).

 

Menschen mit FAS/FAE erscheinen manchmal kompetenter als sie es sind, da ihre kognitiven Einschränkungen durch häufig sehr gute verbale Fähigkeiten überdeckt werden können (Streissguth 1991 (b), 1966; Carmichael).

 

 

3.1.1 Zu Informationsverarbeitungsprozessen bei Menschen mit FAS/FAE

Wie schon in Kapitel 2.3.8 beschrieben, wird ganz besonders das Gehirn durch den pränatal konsumierten Alkohol geschädigt, deutlich wird dieses bei den Informationsverarbeitungsdefiziten bei Menschen mit FAS/FAE. Ein Kind mit FAS/FAE kann z.B. den Auftrag bekommen, das Licht vor der Haustür anzumachen. Entweder geht es jetzt auch zum Hauseingang, kann sich dann aber nicht mehr an Grund für sein Kommen erinnern, oder es geht in einen anderen Raum und macht dort das Licht an. Das Kind hätte den Auftrag aber vielleicht korrekt wörtlich wiedergeben können (Beispiel aus Morse 1993, 31). Bei Menschen mit FAS/FAE ist die Umsetzung des verbalen Auftrages bzw. einer Information in eine konkrete Handlung nicht immer möglich, es bestehen Informationsverarbeitungsdefizite (Morse 1993, 32).

 

Erklärung des Modells der Informationsverarbeitung:

Mit Input ist die Aufnahme von Informationen aus der Umwelt gemeint. Diese Informationsaufnahme wird beeinflusst von der Aufmerksamkeit, der Vigilanz, der Reizoffenheit und der Gedächtnisleistung einer Person. Der Informationsverarbeitungsprozess (Processing) besteht aus der Informationsverarbeitung (Integration) und der Informationsspeicherung (Memory). Im Prozess der Integration wird die eingehende Information interpretiert in Bezug auf die Art der Information, der Situation und der Bedingungshintergründe und mit anderen verknüpft. Dann werden die Informationen für einen späteren Abruf gespeichert (Memory), also geordnet abgelegt.. Mit Output ist die angemessene Reaktion, d.h. z.B. die Anwendung von sprachlichen und motorischen Fähigkeiten gemeint.

 

Bei Menschen mit FAS/FAE scheinen alle Stufen der Informationsverarbeitung beeinträchtigt zu sein. Sie haben Schwierigkeiten in der Aufnahme (s. Kapitel 2.3.2 und Kapitel 2.3.3), Interpretation, Informationsverknüpfung, Auffinden von schon gespeicherter Information und der Anwendung von Wissen (George 1993, 26; Morse 1993, 32).

 

Es kann auch vorkommen, dass gespeicherte Informationen an einem Tag zur Verfügung stehen, an einem anderen aber nicht (Morse 1993, 32/35).

 

Bei Menschen mit FAS/FAE bestehen Schwierigkeiten, Informationen von einer Situation auf eine andere zu übertragen oder Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu erkennen (Shaskin 1994, 7; Morse 1993, 33). Diese Schwierigkeit erklärt auch, warum Kinder keine Unterschiede zwischen Fremden und Familienangehörigen machen. Sie erkennen die Unterschiede zwischen diesen Menschen nicht (Morse 1993, 33).

 

Die Schwierigkeiten in der Informationsverarbeitung können auch erklären, warum Menschen mit FAS/FAE nicht aus ihren Fehlern zu lernen scheinen (Morse 1993, 33). Sie sind oft nicht fähig zu verallgemeinern, Gemeinsamkeiten und Unterschiede einer Situation zu sehen. Zum Beispiel kann ein Kind sich daran halten, nicht auf der Strasse vor dem Haus mit dem Fahrrad zu fahren, in der Nachbarstrasse fährt es aber. Es sieht nicht, dass das Verbot mit dem Fahrrad auf der Strasse zu fahren für alle und nicht nur für die konkrete Strasse, auf der das Verbot ausgesprochen worden ist, gilt (Morse 1993, 33).

So schreibt Michael Dorris (1994, 281) über seinen Adoptivsohn: "Und doch lernte er [Adam] nicht aus seinen Fehlern, die oft so lästig waren und einen schier verrückt machen konnten. Er klammerte sich an eine einmal aufgestellte Ordnung und weigerte sich, auf Veränderungen in seiner Umgebung einzugehen".

 

 

3.1.2 Konzentrationsfähigkeit

Menschen mit FAS/FAE sind leicht ablenkbar, ihre Reaktionszeiten sind verlängert und sie haben wenig Geduld (Löser 1995, 61).Die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit ist psychometrisch messbar verkürzt (Streissguth in Löser 1995, 61).

 

 

3.1.3 Wahrnehmungsstörungen

Ganz allgemein gesagt, ist die Aufnahmefähigkeit bei Menschen mit FAS/FAE beeinträchtigt (Löser 1995, 61 zit. Coles). Die Fähigkeit zur Figurenerkennung, zur Raum- und Formwahrnehmung, sowie die Worterkennung ist eingeschränkt. "Die Erkennungsstörungen können bis zu einer kognitiven Konfusion gesteigert sein" (Lö 1995, 61).

Es bestehen visuelle und akustische Perzeptionsstörungen beim FAS, inwieweit derartige oder andere Wahrnehmungsstörungen bei den Alkoholeffekten vorkommen, ist laut Löser (1995, 62) noch nicht genauer bekannt.

 

 

3.2 Kommunikationsfähigkeiten

Es besteht eine grosse Diskrepanz zwischen den augenscheinlichen kommunikativen Fähigkeiten eines Menschen mit FAS/FAE und den wirklichen Kompetenzen (Abkarian 1992, 226). Es bestehen Schwierigkeiten im Entschlüsseln von verbalen Botschaften und die Fähigkeiten zum Aufbauen einer effektiven sozialen Kommunikation (Abkarian 1992, 226) sind eingeschränkt.

Löser (1995, 62) gibt eine Untersuchung von Streissguth (1989) wieder, nach der 90% der Kinder mit FAS/FAE eine gestörte Sprachentwicklung zeigten, während in einer Kontrollgruppe nur 20% der Kinder eine solche aufwiesen. In seiner eigenen Untersuchung trat bei einigen Kindern Stottern, oder Stammeln auf. Löser stellt weiter eine Arbeit von Shaywitz (et al 1981) dar, in der über eine Verzögerung beim Erwerb des Wortschatzes, der Artikulation, der Syntax, des Redeflusses und des Sprachantriebes berichtet wird.

 

Abkarian (1992, 226) gibt die Beschreibung von Streissguth et al. (1986 ?) wieder, diese beschreibt die Sprache von Vorschulkinder mit FAS/FAE als redselig, aufdringlich, mit fehlendem Sprachreichtum und mangelnder grammatischer Komplexität.

 

Nach einem Vergleich von verschiedenen Publikationen zur Sprachkompetenz von Menschen mit FAS/FAE kommt Abkarian (1992, 231) zu dem Schluss, dass diese in folgenden Punkten übereinstimmen:

Menschen mit FAS/FAE sind "intrusive" (aufdringlich), "loquacious" (geschwätzig), und "over-inquisitive" (überneugierig). Bei ihnen besteht eine Diskrepanz zwischen hohen verbalen Fähigkeiten und einer ineffektiven Kommunikationsfähigkeit.

 

Bei Kindern mit FAS/FAE besteht die Gefahr, dass eine eventuell verzögerte Sprachentwicklung verspätet bemerkt werden könnte, weil sie körperlich nicht altersgerecht entwickelt sind (s. Kapitel 2.3.1) (Abkarian 1992, 226).

 

 

3.3 Zur Hyperaktivität

Kinder mit Alkoholembryopathie sind antriebsvermehrt, unruhig, leicht ablenkbar und wechseln häufig die Interessenlage. Ihre Bewegungen sind weitgehend unkontrolliert und überschiessend (Löser 1995, 65).

Bei 72% der Kinder mit FAS sind "hyperaktive Verhaltensmuster" zu beobachten, bei 42% der Kinder sind diese hochgradig. Für Kinder mit Alkoholeffekten liegen keine Zahlen vor (Löser 1995, 65).

Gleichzeitig mit der "Hyperaktivität" tritt auch Impulsivität und mangelnde Impulssteuerung auf (George 1993, 26 / McIntyre-Palmer 1994, 118). Die Handlungen der Kinder wirken überstürzt, planlos und ziellos (Löser 1995, 65), wobei die Kinder in ihrem Überschwung aber nicht aggressiv anderen gegenüber werden (Löser 1995, 65).

Die soziale Reife wird, nach Meinung Lösers (1995, 67), zum grossen Teil durch das "hyperaktive Verhalten" bestimmt.

 

 

Keiner der Autoren, der Kindern mit FAS/FAE Hyperaktivität zuschreibt, definiert genauer, ob er unter diesem Term mehr als die umgangssprachliche Bezeichnung für motorische Unruhe versteht. Wenn man aber alle erläuterten Verhaltensweisen der Kinder mit FAS/FAE berücksichtigt, scheint bei ihnen wirklich gehäuft ein Hyperkinetisches Syndrom (HKS) vorzuliegen. Myschker (1993, 334) gibt die zentralen Merkmale des HKS nach der Beschreibung von Steinhausen wieder. Die folgenden Merkmale müssen für die Diagnosestellung HKS beachtet werden:

"Hyperaktivität

ziellose Aktivität, kann nicht still sitzen, ständig in Bewegung, Zappeligkeit, starker Rededrang

Aufmerksamkeitsstörung

kurze Konzentration, wenig Ausdauer in Arbeit und Spiel, schneller Wechsel der Beschäftigung, leicht ablenkbar, hört nicht genügend zu

Impulsivität

unvorhersehbares Verhalten, mangelnde Steuerung des Verhaltens im häuslichen wie im schulischen Bereich

Erregbarkeit / Irritierbarkeit

unvorhersehbare Affektschwankungen, Wutanfälle aus relativ unbedeutendem Anlass, empfindlich gegenüber Kritik, niedrige Frustrationstoleranz, Störanfälligkeit

Emotionale Störungen

Geringes Selbstwertgefühl, häufiges Weinen, Verleugnen von Schwierigkeiten

Dissoziales Verhalten

Destruktivität, Unbeliebtheit, Streitigkeiten, Schlägereien, Necken, Disziplinschwierigkeiten in Haus und Schule, Ungehorsam, Lügen

Lernstörungen

Schlechte Leistungen in der Schule, isolierte Lernstörungen in Rechnen, Lesen, Schreiben etc."

 

Ursache für das HKS kann eine Hirnschädigung, wie z. B. eine "Minimale Cerebrale Dysfunktion" (MCD) (Myschker 1993, 333, Neuhäuser ?, 70) sein, es besteht auch die Möglichkeit, "dass mangelnde Anregung im Sinne von sensorischer und sozialer Deprivation zu der Symptommanifestation beiträgt" (Neuhäuser ?, 70). Genauer sind die "Störungen der Aufmerksamkeit, der Aktivität und des Sozialverhaltens" im Diagnostischen und Statischen Manual Psychischer Störungen DSM-IV ab Seite 115 dargestellt.

 

 

3.4 Über die Emotionen

Kinder mit Alkoholembryopathie sind überwiegend in gehobener Gemütsverfassung. Sie sind fröhlich, zugewandt, kontakt- und mitteilungsfreudig. Nur sehr selten sind sie depressiv, introvertiert oder autistisch (Löser 1995, 68).

 

Die Gefühlsäusserungen sind häufig instabil, d.h. Lachen und Weinen können schnell wechseln. Bei 42% der Kinder mit FAS gibt es Hinweise, dass die Wechsel in der Stimmungslage zu leicht und zu wenig motiviert einsetzen. Die Affekte können nicht selbstständig kontrolliert werden (Löser 1995, 68).

 

Bei Erwachsenen besteht eher eine mürrisch-verdriessliche und trotzige Grundstimmung (Löser 1995, 68).

 

Steinhausen berichtet, dass überdurchschnittlich häufig Gesichtsticks, Nägelkauen, stereotype Bewegungen, Haarausreissen, Jaktationen und diverse Erziehungsprobleme auftreten (Steinhausen 1984 in Löser 1995, 68).

 

 

 

 

 

 

 

 

3.5 Suchtgefährdung für Menschen mit FAS/FAE

Bei Kindern mit dem fetalen Alkoholsyndrom muss davon ausgegangen werden, dass eine erhöhte Gefahr der Suchtentwicklung besteht (Löser 1995, 116; Löser 1990 (b), 157 ; Davis 1994, 128 ; Löser 1994 (b), 73).

Nach Löser ist die höhere Wahrscheinlichkeit eine stoffgebundene Sucht zu entwickeln, durch folgende Faktoren zu begründen:

 

 

 

 

Aber auch in einer Pflege – oder Adoptivfamilie kann das Kind den, in unserer Gesellschaft, recht sorglosen Umgang mit Alkohol erfahren, denn wie häufig wird auf Familienfeiern Kindern Alkohol zum Probieren gegeben.

 

 

Der Wunsch zu einer Gruppe Gleichaltriger dazu zugehören, sowie ihre eingeschränkte Selbststeuerung kann sie zu Alkohol- und Drogenkonsum führen (Davis 1994, 138; s. auch Beispiel in Kapitel 5.3).

 

Aus den zuvor genannten Gründen schätzt Löser das Risiko für eine Suchtentwicklung bei Kindern mit FAS auf 20-30%. Zum Vergleich dazu, die Suchtentwicklung in der Durchschnittsbevölkerung beträgt nach Angaben der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) etwa 5% (in Löser 1995, 118).

 

Doch sind Kinder mit FAS nach Löser (1995, 119) nicht als "trockene Alkoholiker" anzusehen, bei denen der einmalige Genuss von Alkohol sofort zur Abhängigkeit führt. Es scheint vielmehr, dass sich nach längerfristiger Gewöhnung und Missbrauch, die Phasenentwicklung nach Jellinek (s. Kapitel 2.2) rascher als bei Erwachsenen vollzieht.

 

 

3.6 Risikobereitschaft bei Menschen mit FAS/FAE

Kinder mit Alkoholembryopathie verhalten sich im Spiel riskant und waghalsig. Sie können Gefahren für sich, Andere und Sachen nicht einschätzen (Löser 1995, 67).

 

Es könnte möglich sein, dass die vermehrte Risikobereitschaft im Zusammenhang steht, mit einer gehäuft bei Menschen mit FAS/FAE auftretenden, verminderten Schmerzempfindlichkeit, im Sinne einer Hypästhesie oder einer Hypalgesie, steht (Löser 1995, 68).

 

 

3.7 Zum Freizeitverhalten

Löser ist im Rahmen einer Befragung auch auf das Thema Freizeitgestaltung und Hobbies bei Kindern und Jugendlichen mit FAS/FAE (n=31) eingegangen:

 

Mehr als 50% der befragten Menschen mit FAS/FAE haben keine oder nur wenige Interessen. Sie werden von ihren Sorgeberechtigten als "initiativlos", "antriebsarm" mit wenig Spontanität" und als "schwer motivierbar"beschrieben. Fernsehen, Musikhören, Basteln, Spielen am Computer, Interesse für Natur und Tiere oder Wandern waren die am häufigsten genannten Freizeitaktivitäten (>70%).

Ca. 30% der von Löser untersuchten Kinder und Jugendlichen betrieben in ihrer Freizeit Sport, wie z.B. Schwimmen, Tischtennis (im Verein: 1) oder Tanzen.

"Weitergehende Beschäftigung mit Intelligenz erfordernden Ansprüchen wurden gemieden" (Löser 1995, 131), damit ist das Lesen von Bücher, eigenes Musizieren, die Beschäftigung mit dem Computer oder eine Phantasie erfordernde Tätigkeit gemeint. Nur eine der befragten Personen konnte in diese letzte Gruppe eingeordnet werden, wobei diese Befragung nicht unbedingt als repräsentativ angesehen werden kann, da die befragte Gruppe sehr klein ist.

 

Ein Beispiel dafür, dass ein Mensch mit FAE durchaus auch zu künstlerischer Tätigkeit fähig sein kann, ist in dem, von Judith Kleinfeld und Siobhan Wescott (1993) herausgegebenen, Buch nachzulesen. Anne Ruggles Gere (S. 55-68) berichtet von ihrer Tochter Cindy mit FAE, die malt. Cindy Gere hat sogar einen Abschluss am Institute of American Indian Arts gemacht.

3.8 Fähigkeiten zur sozialen Interaktion

Kinder mit FAS/FAE werden von "anderen Kindern" auf Grund ihrer starken Ablenkbarkeit, Ungeduld, ungehemmten Lautheit und wegen der, als dissozial empfundenen, Durchbrechung der Spielregeln abgelehnt (Löser 1995, 67), dabei werden sie aber nicht aggressiv.

Löser vermisst bei den Kindern mit FAS/FAE das Feingefühl im Umgang mit Erwachsenen. Einige von ihnen zeigen distanzloses Verhalten im Umgang mit Fremden (s. Dorris S. 254-255).

 

 

3.8.1 Distanzlosigkeit, Verführbarkeit

Kinder mit FAS/FAE sind kontaktfreudig, sie versuchen mit anderen Kindern in Beziehung zu treten. Doch sie werden von ihrer Peer-group häufig abgelehnt (s. Kapitel 3.8). Deshalb haben die Kinder bereits im Kindergarten, und auch später in der Schule, wenige Freunde und geraten leicht in eine Aussenseiterposition (Löser 1995, 67).

Nach Streissguth (in Löser 1995, 67) ist bei einem hohem Prozentsatz der Kinder die soziale Akzeptanz, die Flexibilität der Kinder im Sozialverhalten, das Taktgefühl und die Kooperationsfähigkeit vermindert.

 

Sie zeigen nur sehr selten wirklich dissoziales, aggressives Verhalten (Löser 1995, 67).

Kinder mit FAS/FAE zeigen nur ein geringes Distanzgefühl, sie suchen in anschmiegsamer Weise den Kontakt zu Erwachsenen. Sie scheinen keine Fremdenangst zu haben (s.Kapitel 3.1.1,). Ihre Sorglosigkeit im Umgang mit fremden Menschen kann zu sozialen Problemem führen (Löser 1995, 67), z.B. mit ihnen mitgehen oder distanzloses Verhalten.

Die betroffenen Kinder können leicht von Anderen beeinflusst werden und zu problematischen Handlungen veranlasst werden. Kritiklos erfüllen sie dann die Erwartungen der Anderen, ohne eigenen Nachteil oder Schäden bei Dritten bzw. Gegenständen antizipieren zu können. Leicht können sie zu kriminellen Taten verführt werden bzw. zum Konsum von Suchtmitteln (s. Kapitel 3.4).

 

In seinem Bericht über seinen Adoptivsohn Adam schreibt Michael Dorris (1994, 244) auch über dieses Verhalten seines Sohnes. "Einige Teenager aus der Belegschaft [vom Pizza Hut, wo Adam arbeitet] hatten bald spitzgekriegt, dass man Adam leicht an der Nase herumführen konnte, dass er mit allem einverstanden war, was sie ihm vorschlugen. So wiederholte er ohne weiteres dem Chef gegenüber obszöne Worte, die er nicht verstand."

 

Ähnliches berichtet eine Mutter über ihren zwölfjährigen Adoptivsohn mit FAS (Lutke 1993, 71). Er wird von anderen Jungen angeregt mit ihnen ein Mädchen durch Worte zu ärgern ("I want to f----- you."). Nachdem die anderen Jungen längst weggelaufen sind, folgt er dem Mädchen bis zu ihrem Haus, selbst das Erscheinen des Vaters bringt ihn nicht von seinem Rufen ab.

 

 

 

 

 

3.9 Zum Wohnen von Erwachsenen mit FAS/FAE

Keiner der von Streissguth untersuchten Menschen mit FAS/FAE konnte unter den Gesichtpunkten Housing und Income unabhängig leben (Streissguth 1991 (b), 1966).

 

Aus der Untersuchung von Löser (1995, 130) ergab sich, dass nur 3 (7%) von 43 Menschen mit FAS/FAE "selbständig in Beruf und Lebensführung, ohne beschützende Umgebung und unabhängig von der zuletzt betreuenden Familie" leben konnten. Doch von 21 (49%) ist eine Selbständigkeit zu erwarten, während für 19 Menschen (44%) mit FAS/FAE eine beschützende Umgebung erforderlich ist.

 

 

 

3.10 Arbeitsfähigkeit

Je nach Schulabschluss stellt sich die Frage, ob eine Arbeitsstelle auf dem freien Arbeitsmarkt oder in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gesucht werden muss.

 

Auf Grund der guten verbalen Fähigkeiten und des freundlichen Wesens, fällt es Menschen mit FAS/FAE relativ leicht eine Arbeitsstelle zu finden. Problematisch ist es dann für sie, diese auch zu behalten. Sie können Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen, also mit Kollegen oder Kunden, bekommen. Im Rahmen einer Arbeitsstelle kann ihrem Bedürfnis nach Routine häufig auch nicht gerecht werden.

 

 

In der Untersuchung von Löser (1995, 130) zeigt sich, dass nur ein kleiner Teil der Menschen mit FAS/FAE in der Lage sind, einen Beruf auszuüben. In der folgenden Tabelle ist abzulesen, wieviele der von Löser befragten Menschen mit FAS/FAE einen Beruf bzw. welche Art von Beruf ausüben können.

 

 

 

Beruf (n=51)

Ohne Berufsfähigkeit:

11 (22%)

Bisher ohne Beruf:

16 (31%)

Fragliche Berufsfähigkeit:

(Berufswünsche: Weberei, Gärtnerin; Tierpflegerin, Kauffrau (2), Hausfrau (7), Krankenpflege)

Beschützende Werkstatt (8)

13 (25%)

Im Beruf tätig:

Kaufmänn. Lehre (2), Köchin, Bäcker, Arzthelferin, Krankenpfleger,-schwester, Altenpflege, Schlosser, Mechaniker, Dachdecker

11 (22%)

 

n=51 (100%)

 

Die Schwierigkeiten für einen betroffenen Menschen eine Arbeitstelle zu behalten, beschreibt Michael Dorris in seinem Bericht über seinen Adoptivsohn Adam (1994, ab 346). Nachdem für Adam endlich eine Arbeitstelle als Gärtnergehilfe für den Sommer gefunden worden war, bekam er sie trotz der Motivation und des Wohlwollens der Mitarbeiter im nächsten Jahr nicht wieder, da er ohne ständige Aufsicht nicht arbeiten konnte. Später verliert Adam auch seine feste Stelle als Tellerwäscher (S. 364).

Zurück Inhaltsverzeichnis Weiter

Kommentare, Ideen ,Kritiken und persönliche Fragen können Sie zu folg. e-mail schicken
patrick.dubray(at)uni-due.de.

11.03.01