Zum aktuellen Forschungsstand des fötalen Alkoholsyndroms

Annika Drozella


6. Mögliche Unterstützungen für Menschen mit FAS/FAE in den verschiedenen Lebensabschnitten

In den folgenden Kapiteln werden einige Hinweise für die Erziehung von Kindern und Jugendlichen, aber auch Tips für die Unterstützung von Erwachsenen gegeben. Diese Hinweise sind nicht unbedingt FAS-spezifisch, d.h. sie sind auch bei anderen Menschen mit ähnlich gelagerten Besonderheiten gültig.

Unter anderem weil es nicht "Die" speziellen Hilfen, Behandlungen oder Bedürfnisse für Menschen mit FAS/FAE gibt, hat sich die deutsche Elterninitiative (s. Kapitel 6.4.1) zum Thema vor wenigen Wochen aufgelöst.

Im Anhang an die Arbeit ist eine Liste mit "Educational Techniques" zu finden, die von der Universität in Süd-Dakota aufgestellt worden ist. Sie zeigt Schwerpunkte für Arbeit gemeinsam mit Menschen mit FAS/FAE.

 

6.1 Hilfen für die Säuglings- und Kleinkindzeit

Viele Babys mit FAS/FAE neigen dazu, häufig und andauernd zu schreien, sie sind dann nur schwer wieder zu beruhigen. Beim Hochnehmen machen sie sich steif und werden auch durch den Körperkontakt nicht ruhiger. Das häufige und lange Schreien kann eine große Belastung für die Eltern des Kindes sein (s. Kapitel 5.1).

Es kann helfen, dass Baby fest in eine Decke zu wickeln, so dass es bequem und sicher verpackt ist, so erfährt es Halt. Die Decke erleichtert für das Kind auch, den sonst eventuell eher unangenehmen Körperkontakt auszuhalten. Helfen könnte auch das vertikale Schaukeln des Babys auf dem Arm, Autofahren, Gehen mit dem Baby auf dem Arm, leises Singen oder Sprechen (George 1993 (b), 17).

 

Säuglinge und Kleinkinder mit FAS/FAE haben häufig Schlafstörungen. Sie haben Einschlafstörungen und Durchschlafstörungen, sie wachen bei der kleinsten Unruhe wieder auf. Es kommen schnelle Wechsel von festem Schlaf und verzweifeltem Schreien vor (s. Kapitel 5.1).

Es kann dem Kind helfen, wenn sein Bett in einem ruhigen, abgedunkeltem Raum, etwas entfernt vom übrigen Geschehen im Haus steht. Der natürliche Schlaf-Wach-Rhythmus des Kindes sollte unbedingt unterstützt werde. Das Einschlafen wird dem Kind durch eine jeden Tag gleiche Routine vor der Bettzeit erleichtert. Das Einschlafritual kann aus einem Bad, einer sanften Massage oder einem Lied bestehen.

Auch das Füttern kurz vor der Bettzeit kann das Einschlafen unterstützen (Morse 1992, ?; George 1993 (b), 19)

 

Einige Säuglinge reagieren sehr sensibel auf Umweltreize, was durch die beschriebenen Schwierigkeiten in der Informationsverarbeitung ( s. Kapitel 3.1.1) zu erklären ist. Einige Kinder können nur einen Stimulus zur Zeit verarbeiten, mehrere zur gleichen Zeit führen zu einer Reizüberflutung, die sie verwirren und zu, für die Umwelt, unerwarteten Reaktionen bringen können. Es ist wichtig zu erkennen, welche Reize das einzelne Kinder verarbeiten und aushalten kann, um es nicht zu überfordern. Dennoch benötigen Kinder Reize aus der Umwelt, damit sie lernen und sich entwickeln können. Reize sollten dem Kind nur angeboten werden, wenn es ruhig ist. Sobald es Anzeichen für eine Überstimulation zeigt, sollte es wieder beruhigt werden. Zeichen für eine Reizüberforderung könnten z.B. das Vermeiden von Blickkontakt oder Weinen sein. Auch auf bestimmte Kleidungstoffe kann das Kind sehr sensibel reagieren, so dass es für neue Reize nicht mehr aufnahmefähig ist. In diesem Fall sollten die unangenehmen Stoffe vermieden werden, Socken können auf links getragen werden und die Kleiderschilder entfernt werden. Das Kind muss langsam an mehrere gleichzeitige Stimuli gewöhnt werden ( George 1993b (b), 19-20; Morse 1992, ?).

 

Viele Säuglinge und Kleinkinder mit FAS/FAE haben Probleme bei der Nahrungsaufnahme. Diese äußern sich, wie schon oben (s. Kapitel 5.1) beschrieben, in Saug-, Ess- und Schluckstörungen (Löser 1995, 69). Auch eine eventuelle Sensibilitätsstörung kann das Essen erschweren. Die betroffenen Kinder mögen dann das Gefühl der Brustwarzen, des Saugers, eines Löffels oder bestimmter Nahrungsmittel nicht im Mund (Morse 1992, ?). Bei einigen Kindern muss die Ernährung in der ersten Zeit sogar über eine Sonde erfolgen (Löser 1995, 70).

Hilfreich für die Kinder ist eine ruhige entspannte Atmosphäre beim Essen. Die Nahrung sollte in der für sie akzeptablen Form sein, d.h. nicht zu weich und nicht zu klumpig sein (Morse 1992, ?). Bei älteren Kindern sollte auch auf ein bequemes Sitzen am Tisch geachtet werden, d.h. der Körper sollte durch Armlehnen und eine Fußbank so gestützt sein, dass die motorische Unruhe nicht durch hängende Extremitäten gefördert wird (Morse 1992, ?). Dem Kind sollte es aber auch erlaubt werden, den Tisch zu verlassen, wenn es nicht meht still sitzen kann.

 

6.2 Unterstützung für Schulkinder und Jugendliche

Bei Schulkindern mit FAS/FAE sind die Kommunikationsfähigkeiten eingeschränkt (s. Kapitel 3.2 u. 5.2).

Jedes Gespräch mit dem betroffenen Kind sollte mit seinem Namen begonnen und der Augenkontakt gesucht werden, so dass man sich der Aufmerksamkeit des Kindes gewiß ist (Shaskin 1994, 9 ; Morse 1992, ?).

Eine Anrede an mehrere Personen wird das Kind nicht auf sich beziehen, es sollte immer persönlich angesprochen werden (Shaskin 1994, 9; Morse 1992, ?), damit es merkt, dass es gemeint ist.

Mit dem Kind sollte langsam gesprochen werden. Die Sprache wird für das Kind leichter entschlüsselbar, wenn sie durch Gesten, Mimik, Variationen im Tonfall und der Lautstärke unterstützt wird (Shaskin 1994, 9; Morse 1992, ?).

Es ist auch sinnvoll das Sprachverständnis durch visuelle Hilfen zu unterstützen (Shaskin 1994, 9). Zwischen kurzen Sätzen sollten Pausen sein, die es dem Kind erlauben, das Gesagte zu verarbeiten (vgl. Prozessing, s. Kapitel 3.1.1). Informationen sollten wiederholt werden, bei Bedarf neu und klarer strukturiert.

Es sollten auch immer die gleichen Bezeichnungen für Vorgänge und Gegenstände benutzt werden, um dem Kind die Orientierung in der Umwelt zu erleichtern (Shaskin 1994, 9).

 

Um lernen zu können, muss sich ein Kind oder Erwachsener mit FAS/FAE sicher in einer Routine und Struktur einer Umwelt, sei es die Familie oder ein Heim, eingebunden fühlen. Erst dann können die neuen Reize des zu lernenden Gegenstandes aufgenommen und verarbeitet werden (George 1993, 27).

Die neuen Informationen müssen klar und einfach strukturiert sein. Ein Vorgang muss in mehrere kleine Schritte gegliedert werden, damit ein Lernen erfolgreich sein kann (Shaskin 1994, 8 ; Morse 1992, ?). Neben den verbalen Informationen, eine visuelle Hilfe zur Unterstützung anzubieten ist sehr wichtig (Morse 1992, ?). Computer und Recorder sind eine gute Hilfe bei Gedächtnisproblemen (Morse 1992, ?; McIntyre-Palmer 1994, 103).

 

Fr. McIntyre-Palmer beschreibt in ihrem Buch "Two sides of the coin" das Lernen mit dem Computer. Die Vorteile des Computers beruhen auf seinen vorwiegend visuellen Anforderungen, und er wiederholt Informationen und Anweisungen geduldig je nach Bedarf. Die beständige Wiederholung, die Anerkennung von richtigen Antworten und das emotionslose Aufdecken von Fehlern, bietet den Kindern und Jugendlichen mit FAS/FAE die Möglichkeit zu erforschen, zu entdecken und von Erfahrungen zu lernen, in dem sie nach dem "trial and error"-System vorgehen.

Die Bezugspersonen sollten dennoch die Schüler nicht allein am Computer lassen, da gerade die soziale Interaktion für Menschen mit FAS/FAE wichtig ist.

 

Eine klare Struktur in der Schule bzw. im Klassenzimmer erlaubt es den betroffenen Schülern, den Überblick über ihre Umgebung und deren Anforderungen an sie zu behalten (Murphy 1993, 193). So sollte das Klassenzimmer in klare Bereiche geteilt sein und jedes Kind seinen eigenen Stuhl an einem bestimmten Ort stehen haben. Der Tagesablauf sollte routiniert sein, Änderungen den Schülern rechtzeitig mitgeteilt werden. Trotz alledem darf die Spontanität nicht verlorengehen, damit die Schüler auch "Überraschungen des Alltags" aushalten können.

 

Das häufig vorkommende HKS (s. Kapitel 3.3) schränkt die Kinder ein, es wirkt sich auf die geistige Entwicklung des Kindes aus (Löser 1995, 67). Es kann sich nicht konzentrieren und hat keine Geduld, um eine Aufgabe zum Ende zu bringen. Der Erfolg des Kindes in der Schule und in seiner sozialen Entwicklung wird zu großen Teilen vom HKS bestimmt.

 

Wie schon bei dem Absatz über die Gefahr der Überstimulation (s. Kapitel 5.1) beschrieben, ist es auch in Bezug auf das HKS des Kindes wichtig, es genau zu beobachten und zu eruieren, welche Umwelteinflüsse die "Hyperaktivität" begünstigen bzw. welche sie verringern.

 

Die Kinder sollten Situationen meiden, in denen sie mit zu hellem Licht, zu viele Bewegung, Lärm, Spielzeug, Farben, Aktivitäten oder Menschenmengen überfordert werden, da dieses ihre Unruhe und Unkonzentriertheit verstärken könnte.

 

 

 

 

 

 

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit FAS/FAE folgende Punkte für Leben und Lernen wichtig sind:

 

(Sashkin 1994, 8)

 

 

6.3 Hilfen für Erwachsene

Ein großes Augenmerk in der Erziehung und Unterstützung Jugendlicher und Erwachsener mit dem FAS/FAE ist die Suchtprävention. Wie schon in Kapitel 3.5 beschrieben worden, ist ihre Gefahr eine Abhängigkeit zu entwickeln recht groß.

Löser (1995, 119-121) macht folgende Vorschläge zur Vorbeugung der Alkoholkrankheit:

 

Bei dem Versuch Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit FAS/FAE zu einem abstinenten Leben zu erziehen, wird es natürlich nicht zu vermeiden sein, dass diese trotz der Warnungen, Alkohol oder Drogen konsumieren. An diesen Punkten ist es wichtig, dass die Betreuer oder Eltern nicht das Vertrauen der Kinder, Jugendlichen oder Erwachsenen verlieren, in dem sie drastische Konsequenzen folgen lassen. Wichtig ist es in Gesprächen immer wieder auf die Gefahren von Drogen und Alkohol hinzuweisen, aber trotzdem das Vertrauen zueinander aufrechtzuerhalten, um keine Trotzreaktion hervorzurufen.

Mit den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit FAS/FAE könnten Situationen durchgespielt werden, in denen sie mit Alkohol oder Drogen konfrontiert werden können, so dass sie auf solche angemessen vorbereitet sind.

Wichtig ist aber auch, dass die nähere Umwelt den Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit FAS/FAE als Modell den erwünschten Umgang mit Alkohol und Drogen zeigt.

 

Die Schulen zur individuelle Lebensbewältigung sollten, meiner Meinung nach, auch auf das Thema "Umgang mit Genußmitteln" eingehen. Denn wenn im Rahmen des Normalisierungsprinzips gefordert wird, dass Menschen mit geistiger Behinderung ein Leben ermöglicht wird, das dem der durchschnittlichen Bevölkerung weitgehend ähnlich ist (vgl. Adam 1994, 9-20), dann gehört dazu auch ein für den betreffenden Menschen individuell angemessener Umgang mit Genußmitteln, in diesem Fall mit Alkohol. Doch weder in den KMK-Empfehlungen 1980, noch im Lehrplan für den Unterricht in der Schule für geistig Behinderte oder im Lehrplan für die Werkstufe der Schule für Geistigbehinderte 1989 wird auf dieses Thema eingegangen.

 

Die Einbeziehung des Themas Drogen in die Gesundheitserziehung von Menschen mit geistiger Behinderung wird auch von Lee Ann Christian und Alan Poling (1997) gefordert. In einem Rückblick über die letzten 15 Jahre beklagen sie, dass es keinerlei Fortschritte in der Prävention bei Menschen mit geistiger Behinderung in den USA gegeben hat, obwohl das Thema "Drogenmißbrauch" im Zuge der Integration immer aktueller wird.

 

 

Für den Fall, dass ein Jugendlicher oder Erwachsener mit dem FAS/FAE regelmäßig Alkohol konsumiert bzw. diesen mißbraucht, empfiehlt Diane Davis (1994, 139) eher eine stationäre Behandlung als eine ambulante. Bei dieser Behandlung ist es wichtig, dass die Therapeuten über die Lern- und Verhaltensbesonderheiten eines Menschen mit FAS/FAE informiert sind. Ansonsten könnten die Gespräche und Anleitungen den Jugendlichen und Erwachsenen mit FAS/FAE nicht erreichen. Für die stationäre Behandlung bei Alkoholmißbrauch spricht nach Meinung von Fr. Davis (1994, 139) auch die enge Kontrolle, die klare Struktur, Ordnung und Routine einer Einrichtung.

 

Auf Grund ihres eingeschränkten Urteilsvermögens und Selbststeuerung können Jugendliche und Erwachsene mit FAS/FAE schnell zu sexuellen Kontakten kommen, von denen sie eventuell die Folgen nicht abschätzen können. Sie können Opfer von Mißbrauch werden (McIntyre-Palmer 1994, 74 + 94).

Der Gebrauch von Verhütungsmitteln und Kondomen zum Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten sollte den Jugendlichen und Erwachsenen immer wieder Nahe gebracht werden. Bei Mädchen muss eventuell die Einnahme der Pille überwacht werden (Davis 1994, 143).

 

 

6.4 Hilfen für die Bezugspersonen von Menschen mit FAS/FAE

6.4.1 Elternitiativen in Deutschland

In der Bundesrepublik Deutschland gab es bis vor wenigen Wochen eine Elterninitiative "Alkoholgeschädigter Kinder e.V.". Sie wurde 1984 von Pflege- und Adoptiveltern von Kindern mit FAS/FAE gegründet.

Die Hauptziele der Elterninitiative "Alkoholgeschädigter Kinder e.V." waren:

 

Vor wenigen Wochen hat sich die Gruppe aufgelöst. Die Mitglieder sind einzeln in den Bundesverband Behinderter Pflege- und Adoptivkinder e.V. eingetreten. In dem Bundesverband hat Fr. Beate von Knappen die Elternberatung für das Thema "fetales Alkoholsyndrom" übernommen. Als Hilfe empfiehlt sie den Ratgeber zur Alkoholembryopathie "Alkoholschäden bei Kindern" 1987, der von der früheren Elterninitiative herausgegeben worden ist.

Bundesverband behinderter Pflegekinder e.V.

(Postfach 2125)

Nenndorfer Straße 25

26882 Papenburg

Elternberatung zum Thema:

Beate von Knappen

Von- Graefe-Straße 44a

Mühlheim a.d. Ruhr

 

 

6.4.2 The National Organization on Fetal Alcohol Syndrome (NOFAS)

Hierbei handelt es sich um eine gemeinnützige Organisation, die 1990 in den USA mit dem Ziel gegründet worden ist, Geburtsschäden durch Alkoholgenuß während der Schwangerschaft zu verhindern und die Lebensqualität von Menschen mit FAS/FAE und deren Familien zu verbessern. Es ist die einzige nationale Organisation in den USA, die sich nur um die Belange rund um FAS/FAE kümmert. Viele Projekte der Organisation richten sich gerade an ethnische Minderheiten in den USA.

Nach eigenen Angaben hat NOFAS in den letzten Jahren:

 

Die NOFAS gibt auch eine vierteljährliche Zeitung "Notes From NOFAS" heraus.

 

Ein besonderes Ziel von NOFAS ist es, schon Teenager über die Gefahren von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft zu informieren.

 

NOFAS

1819 H Street NW Suite 750

Washington, DC 20006

Phone: (202) 785-4585 Fax: (202) 466-6465

Email: NOFAS@erols.com

 

Diese Organisation ist auch unter folgernder Internet-Adresse zu finden: www.NOFAS.org

 

 

 

 

 

 

 

6.5 Prävention des fötalen Alkoholsyndroms und der fötalen Alkoholeffekte

In Deutschland gab und gibt es "keine größere, von Bund, Ländern oder Krankenkassen getragene Aufklärungskampange" (Löser 1995, 139).

Obwohl das fetale Alkoholsyndrom schon früh in den siebziger Jahren der Öffentlichkeit bekannt war, kam es erst 1982 "zu einer ersten Anfrage im Bundestag über das gesundheitliche Ausmaß der Schädigung", die letzte fand 1990 im Zusammenhang mit der Diskussion über den §218 statt (Löser 1995, 134).

Niedersachsen hat in jenem Jahr ein Modellprojekt ins Leben gerufen, dass Möglichkeiten der primären und sekundären Prävention untersuchen sollte (s. Kapitel 6.5.2).

 

Nur in Huddinge (Vorort von Stockholm) gelang bisher institutionalisiert eine primäre und sekundäre Prävention des FAS/FAE durch rechtzeitige Erfassung der Schwangeren mit Alkoholproblemen. Seit 1983 wurde dort kein FAS/FAE mehr beobachtet (Löser 1990 (a), 336; Löser 1995, 139).

 

"In den USA wurde 1983 ein mit öffentlichen Mitteln gefördertes Projekt durchgeführt, bei dem unter hohen Kosten eine öffentliche Kampagne gegen Alkohol in der Schwangerschaft erfolgte" (Löser 1995, 137-138).

Seit dem 1. April 1990 müssen in den USA, einige Zeit später auch in Kanada und Australien alle alkoholischen Getränkeflaschen oder –Dosen mit einem Warnhinweis gekennzeichnet werden:

 

 

 

 

 

Die Warnung vor Alkoholkonsum während der Schwangerschaft steht sogar noch vor der Warnung vor Alkoholkonsum im Straßenverkehr. Dies fällt auf, da in den USA gerade Alkohol im Straßenverkehr durch zahlreiche Gesetze geregelt ist, z.B. dürfen nicht einmal geöffnete Flaschen mit Alkoholika im Auto transportiert werden.

 

Die <<Aktion Sorgenkind>> stellte 1990 ein Gesuch an das Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, auch in Deutschland die alkoholischen Getränke mit Warnhinweisen zu versehen. Doch das Ministerium lehnte dieses mit Hinweisen auf EU-Recht ab, und begründete die Ablehnung weiter "damit nicht durch eine Überzahl von Warnungen und Verboten die Schwangerschaft das Image einer Bürde erhält, die der Frau auferlegt wird und sich daraus Negativfolgen für den Kinderwusch ergeben" (berichtet Löser 1995, 137).

Natürlich wird so ein Warnhinweis keine alkoholkranke Frau vom Trinken abbringen, aber es kann Frauen, die nur gelegentlich Trinken davor warnen und ihnen Argumentationshilfe geben, wenn ihnen alkoholische Getränke aufgedrängt werden.

 

Im Rahmen der Schwangerschaftsvorsorge wird zumeist nach Nikotin oder Drogenabusus gefragt, nach Angaben von Löser (1995, 135) aber nicht nach dem Alkoholkonsum. Wobei dieser bei Nachfrage von den betroffenen Frauen häufig auch verharmlost oder verneint wird. Und obwohl auch das sogenannte soziale Trinken der Schwangeren zu einer Beeinträchtigung der kindlichen Entwicklung führen kann, "werden die Alkoholschäden bei Kindern noch immer nicht in ihrer ganzen Tragweite, auch nicht in ihrer gesundheitspolitischen und wirtschaftlichen Bedeutung erfaßt" (Löser 1995, 135). Löser (1995, 135) fordert, dass Schwangere mit Alkoholproblemen zumindest für die Zeit der Schwangerschaft abstinent, "notfalls unter stationärer Bedingungen leben" sollten. Denn auch die Einstellung des Alkoholkonsumes bei fortgeschrittener Schwangerschaft hilft dem sich entwickelndem Kind (Blum 1994, 98).

 

 

6.5.1 Broschüren

Um zu sehen, in wie weit FAS/FAE ein Thema bei Krankenkassen oder Suchthilfestellen ist, habe ich versucht Broschüren zum Thema zu erhalten.

 

Nur ein Informationsblatt, nämlich das der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren, zielt direkt auf das Thema Alkoholkonsum und Schwangerschaft ab. Bei den Krankenkassen kommt zumeist nur ein kurzer Abschnitt zum Alkoholkonsum während der Schwangerschaft vor.

 

Name der Broschüre: DrogenInfo: Alkohol und Schwangerschaft "Alkohol schadet Babies" Die Broschüre der Deutschen Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V. von 1996 informiert ausführlich über die Folgen des Alkoholkonsums in der Schwangerschaft, geht auch auf die Rolle des Vaters ein und gibt Hinweise zum Gebrauch von Drogen und Medikamenten während der Schwangerschaft..

 

Das DIFA Forum e.V. hat eine Broschüre zur Information über die Gefahren des Alkoholkonsums in der Schwangerschaft herausgegeben, nachdem das Forum im Oktober 1997 einen Kongreß über die Risikofaktoren in Schwangerschaft und Stillzeit abgehalten hat. Die Broschüre ruft schwangere Frauen dazu auf, gänzlich auf Alkohol zu verzichten.

 

Von den Krankenkassen konnte ich keine Broschüre speziell zum Thema erhalten, deshalb habe ich allgemeine Informationen zum Alkohol und zur Schwangerschaft nach Hinweisen auf FAS/FAE durchgesehen.

 

Die AOK hat einen "Ärztlichen Ratgeber für werdende und junge Eltern" 1995 herausgegeben. Unter der Überschrift "Das Baby trinkt und raucht mit" wird folgender Hinweis gegeben:

"Eine häufige Ursache von Mißbildungen bei Kindern ist der Alkoholgenuß der Mutter während der Schwangerschaft. Das Baby "nippt" bei jedem Glas der Mutter mit. Alkohol gelangt ungefiltert in das Gewebe des Embryos, dessen Leber völlig unfähig ist, ihn wieder abzubauen."

Das Ungeborene "nippt" nicht nur bei jedem von der getrunkenen Glas der Mutter, es wäre vielleicht wirkungsvoller den gleichen Alkoholspiegel bei Mutter und Ungeborenen nicht zu verniedlichen.

 

In der Broschüre ""Kleinkind" 1997 wird unter der Fragestellung "Was sollten Frauen vermeiden" grundsätzlich jede Art von Suchtmittel während der Schwangerschaft verboten. Über Alkohol wird gesagt:

In einer anderen Broschüre "Das Kind" 1990 wird geraten, "um Genußgifte wie Nikotin und Alkohol einen ganz großen Bogen zu machen..".

Problematisch erscheint mir, dass in dieser Broschüre nicht auch auf die möglichen Schäden bei gelegentlichen erhöhtem Alkoholkonsum ("Anlaßtrinken") hingewiesen wird.

 

In der Broschüre "Schwangerschaft Noch Fragen?" wird unter der Überschrift "Genuß oder Mit-Gift?" auf das Thema eingegangen:

Meiner Meinung nach werden sich nicht sehr viele Frauen durch diese Warnung angesprochen fühlen. Denn Frauen, bei denen wirklich ein Alkoholmißbrauch vorliegt, werden sich durch diese Warnung nicht vom Trinken abhalten lassen. Frauen, die "normal" Alkohol konsumieren, werden diese Warnung nicht auf sich beziehen. Über die Schäden, die schon durch gelegentliches Trinken verursacht werden können, werden keine Angaben gemacht.

 

Diese Auswertung der Broschüren fällt sehr knapp aus, aber es wird deutlich, dass die Gefahren des mütterlichen Alkoholkonsumes während der Schwangerschaft für das Kind nicht wirklich deutlich gemacht werden. Entweder werden die Gefahren verniedlicht (s. AOK) oder sogar verschwiegen (s. Anlaßtrinken bei Techniker Kasse).

 

 

6.5.2 Modellprojekt in Niedersachsen zur primären und sekundären Prävention des FAS/FAE

Seit November 1990 wird von der Niedersächsischen Landesregierung das Modellprojekt "Suchtberatung für Frauen mit dem Schwerpunkt: Schwangere und Mütter mit ihren kleinen Kindern" finanziert. Dieses Projekt wird von einer Sozialpädagogin, einer Sozialarbeiterin und einer Kinderkrankenschwester und Heilpädagigin im Raum Meppen (ländliches Gebiet) und in Hannover (Großstadt) durchgeführt.Ziel des Projektes war es, zu erproben womit und wie schwangeren Frauen (Sekundärprävention) mit Alkoholproblemem und ihren Kindern geholfen werden kann.

Mit diesem Projekt soll dem Bedarf nach frauenspezifischen Suchthilfeangeboten nachgekommen werden. Das Auftreten des FAS/FAE soll durch ein frühzeitiges Erreichen von suchtkranlken Frauen vermieden werden (Primärprävention).

Die Alkoholabhängigkeit von Frauen wird in unserer Gesellschaft weniger als die von Männern toleriert (s. 2.2), was dazu führt, dass Frauen heimlich trinken und den Gang zu einer Beratungsstelle scheuen. Noch stärker ist die Ächtung alkoholkranker Schwangerer. Beides zeigt sich auch darin, dass Frauen, bzw. Schwangere in Beratungsstellen gänzlich unterrepräsentiert sind oder fehlen.

Das Modellprojekt soll ein niedrigschwelliges Beratungsangebot für die Frauen bereitstellen. Es besteht aus folgenden Angeboten:

 

Die Ergebnisse des Modellprojektes zeigen, dass alkoholkranke Schwangere vor allem ein stabilisierendes Hilfsangebot benötigen, damit es ihnen möglich ist, während der Schwangerschaft abstinent zu sein. "Eine tiefergehende und zwangsläufig konfliktive Auseinandersetzung mit Sucht und Abhängigkeit ist in der Regel erst nach der Geburt des Kindes möglich und wird dann auch von vielen Frauen, die in der Schwangerschaft eine vor allem unterstützende Betreuung erfahren haben, in Angriff genommem" (Niedersächsisches Sozialministerium 1994, S. 37).

Im Zuge des Modellprojekts kümmern sich die Mitarbeiterinnen auch um die Kinder der suchtkranken Frauen, um deren Lebenssituation in "ihrer Komplexität gerecht zu werden, bisher unerreichte Kinder an Hilfeangebote heranführen zu können und um dazu beizutragen, dass verhängnisvolle Wiederholungen (z.B. erneute Schwangerschaft nach Sorgerechtsentzug ohne Veränderung der Grundproblematik) vermieden werden". (Niedersächsisches Sozialministerium 1994; Hilgers 1993)

 

Das Projekt hat inzwischen vom Land Niedersachsen eine Regelfinanzierung erfahren.

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11.03.01