Es lebe der Markt

Nachruf auf Nickelodeon



Prof. Dr. Jörg Becker

Auch in den neo-liberalen Zeiten von Pest und Cholera gilt über den Markt das, was uns "Gablers Wirtschaftslexikon" beibringt: Markt ist der "ökonomische Ort des Tausches, an dem sich durch Zusammentreffen von Angebot und Nachfrage Preise bilden". Für das Kinderfernsehen Nickelodeon hat sich eben zu wenig Preis gebildet. Auch neo-liberale Nachfragestimulanzien, sprich: Marketing, PR, Werbung und wie dieser ganze Kram auch sonst noch heißen mag, versagten, und Nickelodeon starb einfach. Um was geht es?



Fernsehen kann definiert werden als der Verkauf von Zielgruppen an die Werbung treibende Industrie: bei diesem Verkauf sind die TV-Programme das kostenlose "free lunch" zwischen den Werbeblöcken. In diesem Sinne war Nickelodeon ein Fernsehsender, der Kinder an die Werbeindustrie verkaufte. Schließlich liegt die Gesamtkaufkraft der 7 bis 15jährigen gegenwärtig bei rd. 15 Mrd. DM, der 7 bis 20jährigen bei rd. 40 Mrd. DM.



Neben den Kinderkanälen von ARD, ZDF und Super RTL war Nickelodeon einer der vier Kinderfernsehkanäle in Deutschland. Nickelodeon nahm seinen Betrieb 1996 auf. Der Sender gehörte zu 10% der Ravensburger Film+TV GmbH (eine Tochter des Kinder- und Spielwarenkonzerns) und zu 90% dem US-Konzern Viacom. Viacom seinerseits ist nach Time, Bertelsmann und Disney der viertgrößte Medienkonzern der Welt mit einem Jahresumsatz von rd. 17 Mrd. DM (1995). Zu den bekanntesten Produkten, Dienstleistungen und Firmen von Viacom gehören: MTV, Paramount, Blockbuster, Simon & Schuster, The Free Press, MacMillan-Publishing, Film 'Mission Impossible'. Viacom ist ein krisengeschüttelter und hochverschuldeter Medienmulti. Mit der Kirch-Gruppe ist Viacom durch ein Vertragspaket verbunden.



Am 31. Mai 1998 stellte Nickelodeon seine Sendetätigkeit in Deutschland ein. In der einschlägigen Presse gab es seitens des Senders dazu folgende Begründungen: "Die Situation des deutschen Kinderfernsehmarktes rechtfertigt nicht die Kosten eines Vollprogramms für Kinder." "Es gibt ein Überangebot an Werbefläche." "Es ist kein Geheimnis, daß der Kinderfernsehmarkt in Deutschland schwierig ist und erhebliche strukturelle Herausforderungen aufweist, darunter ein Überangebot an Werbefläche und fehlende Kabelentgelte der Netzbetreiber."



So weit, so gut - der Markt hat entschieden. Gleichzeitig läßt der Markt so manch anderes Produkt sterben, für das es offensichtlich kein bezahlbares Interesse gibt:



  1. Das Defizit des privat finanzierten Baden-Badener Festspielhauses beläuft sich inzwischen auf knapp 10 Mio. DM.


  2. Anfang 1998 machte das Kölner Musical 'Gaudi' mangels Publikum dicht.


  3. Die US-Firma 'Toys 'R Us, Inc.' will wegen starker Umsatzeinbußen weltweit 90 Geschäfte schließen. Wie viele der 50 deutschen Filialen davon betroffen sind, ist noch unklar.


  4. Der Unterhaltungskonzern des schwäbischen Unternehmers Rolf Deyhle (Beteiligungen u.a. an den Musicals 'Cats', 'Phantom der Oper', 'Joseph' und 'Miss Saigon') ist krisengebeutelt und enorm verschuldet.


Ob Nickelodeon, 'Gaudi', Festspielhaus in Baden-Baden, Toys 'R Us oder Deyhle - der Markt hat entschieden, er ist weise, schlechte Produkte gehen halt nicht. Und nochmals: so weit, so gut. Aber: Angesichts der Nickelodeon-Pleite wußte die Fachpresse auch folgendes zu berichten: "LfR-Direktor Norbert Schneider macht daher die Werbeformen für das Aus verantwortlich und stellt zur Diskussion, ob kommerzielles Kinderprogramm nicht eine Teilfinanzierung aus Kabelentgelten möglich gemacht werden müsse. Hier sei der Gesetzgeber gefragt." (zit. nach Horizont, 4.6.1998, S. 6)

Wie bitte, und man muß sich diese Sätze auf der Zunge zergehen lassen: Da macht also eine kleine Unternehmenstochter eines Weltkonzerns pleite, und schon gibt es Überlegungen der öffentlichen Hand, ein solches Unternehmen mit öffentlichem Geld in Zukunft zu subventionieren. Da bricht also der gesamte neo-liberale Schwanengesang auf das freie Unternehmertum, auf Risikobereitschaft, Investitionsrisiko und Wagemut in sich zusammen.



Was unser jetziger Bundeskanzler Gerhard Schröder zu seinen Juso-Zeiten Stamokap nannte, firmiert bei seinem Kanzleramtsminister Bodo Hombach als "linke Angebotspolitik"; was die Politikwissenschaft ätherisch abgehoben Korporatismus nennt, bezeichnet der schwäbische Volksmund seit langem als Gemauschel. Und die alte linke Erkenntnis meint nach wie vor: Gewinne werden privatisiert, Verluste werden vergesellschaftet.