Starr und die Folgen



mit freundlicher Genehmigung aus: Internet intern 20/98 (23.9.1998),

http://www.intern.de/98/20/01.shtml



Die Veröffentlichung des Starr-Report in der vergangenen Woche hat für enorme Aufmerksamkeit gesorgt. Aber auch für Kritik an der Vorgehensweise des Sonderermittlers und Clinton-Kritikers Kenneth Starr. Und auch die Medien müssen eine gehörige Portion Kritik einstecken.

http://www.house.gov/icreport/

http://thomas.loc.gov/icreport/



KRITIK AN VERÖFFENTLICHUNG



Viele Internet-Anwender, Politiker, der Papst und natürlich auch die Anwälte Bill Clintons kritisierten die Veröffentlichung, da sie etliche intime Details über die Beziehung zwischen dem US-Präsidenten und Monika Lewinsky beinhaltete.



Dabei ging es in den USA nicht nur um das Eindringen in die Privatsphäre des Präsidenten. Die Zurschaustellung von sexuellen Inhalten ist dort generell unerwünscht. Zumal dann, wenn diese Informationen auch Kindern und Jugendlichen zugänglich sind.



Und das war bei diesem Vorgang wohl der Fall, denn die amerikanischen Informationsanbieter überschlugen sich förmlich dabei, den Starr-Report auf ihren eigenen Seiten zu übernehmen.



Wer in der vergangenen Woche in amerikanischen Medien stöberte oder Suchmaschinen benutzte, konnte es kaum vermeiden auf den Report zu stoßen. Und viele Anbieter gaben sich Mühe, gerade die anrüchigen Details besonders leicht zugänglich zu machen.

Da war es fast schon peinlich, daß fast zeitgleich zur Veröffentlichung des Berichtes im Repräsentantenhaus ein Gesetz auf den Weg gebracht wurde, das die Veröffentlichung solcher Schriften zukünftig unter Strafe stellen soll.

ftp://ftp.loc.gov/pub/thomas/c105/h3783.ih.txt



Dieser Child Online Protection Act gilt als Nachfolger des Communications Decency Act (CDA), der bereits im Jahr 1996 als Gesetzesvorschlag veröffentlicht und 1997 wegen mangelnder Konformität mit der US-Verfassung abgelehnt worden war.



Viele amerikanische Medien wie beispielsweise CNet fragten sich angesichts dieses neuen Gesetzesvorschlags, wie es wohl angehen könne, daß Inhalte wie die des Playboy unter Strafe gestellt werden, wenn man auf amtlichen Rechnern gleichzeitig detailliert nachlesen kann, wie das geheime Liebesleben des US-Präsidenten aussieht. Und das in allen Details!

http://www.news.com/News/Item/0%2C4%2C26477%2C00.html



INTERNET VERÄNDERT MEDIENBERICHTERSTATTUNG



Die Veröffentlichung des Starr-Report machte aber auch etwas anderes deutlich: Das Internet verändert die bisherige Rolle der Medien und der Journalisten.



Ohne die Möglichkeiten des World Wide Web hätte wohl kaum ein amerikanischer Bürger jemals den Originalbericht des Sonderermittlers vor Augen bekommen.



Wahrscheinlicher wäre es gewesen, daß sie den Bericht nur in Auszügen und mit Kommentaren versehen durch die Medien erhalten hätten. Doch durch das World Wide Web schlüpften die Anwender selbst in die Rolle der Journalisten, wie es der Rechtsprofessor Jon Katz beschreibt.

http://www.freedomforum.org/technology/1998/9/14katz.asp



Seine Schlußfolgerung aus den Ereignissen ist, daß durch die Online-Veröffentlichung die Rolle der Journalisten als Agenda-Setter (d.h. Journalisten legen fest, über welche Themen berichtet wird) und als Informationslieferanten verändert wurde.



Ob diese Annahme wirklich in dieser Tragweite zutrifft kann getrost bezweifelt werden. Nur ein geringer Teil der Anwender dürfte den Starr-Report in voller Länge von den Regierungs-Servern abgerufen haben. Weitaus mehr dürften die aufbereiteten Passagen bei den Content-Providern (Medien, Suchmaschinen etc.) abgerufen haben.



Wirklich "interessant" waren für die meisten ohnehin nur einige Passagen des über 400 Seiten langen Berichtes.



Die Beschreibungen der Sexualpraktiken des Präsidenten waren für meisten Inhalte-Anbieter dann auch die einzige Information mit Nachrichtenwert. Und wer wollte, konnte sich sogar in seinem Schreibtischsessel zurücklehnen und sie sich vorlesen lassen. Ein Angebot, das sicher an manchem Arbeitsplatz für geschmackvolle Erheiterung sorgte.



http://www.broadcast.com/news/starr/chapter.stm



Den Audio-Voyeuren wurde es auch noch besonders leicht gemacht. Ihnen wurde das Angebot "Hear the blow-by-blow account without having to wait!" mit zwei Optionen offeriert:

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KRITIK VON DER BASIS



Doch davon abgesehen zeigte sich noch etwas anderes: Das Internet dient nicht nur als neuer Distributionskanal für Informationen. Es ist gleichzeitig eine Plattform für Reaktionen auf diese Informationen.



Und damit sind wiederum nicht nur die klassischen Medien wie etwa Die Welt gemeint, die über die fast schon als chemisch zu bezeichnende Reaktion des deutschen Bundeskanzlers berichtete: "(...) wie hier die Weltöffentlichkeit mit einer heuchlerischen Gier privateste Vorkommnisse im Internet verfolgt, das ist - und diesen Ausdruck verwende ich jetzt bewußt - für mich zum Kotzen". http://www.welt.de/cgi-bin/ out.pl?url=/980921/0921s101.htm



Gemeint sind damit auch private Informationsangebote wie etwa das von KISS., dem "Kitchen Table Institute for Sane Sex". In Anlehnung an den Film "In & Out" versuchen sie die Absurdität des aktuellen Sex-Skandals vorzuführen.



In diesem Film wird ein homosexueller Lehrer durch die Solidarität seiner Schüler vor der Entlassung bewahrt: Alle Schüler erklären ihrem Rektor, daß sie auch schwul seien. KISS übernimmt dieses Muster und vertreibt T-Shirts mit dem Slogan "I had sex with Clinton too".

http://ihadsexwithclinton.com/



Doch auch auf vielen anderen Seiten und Diskussionsforen wurde die Veröffentlichung des Berichtes und speziell die Rolle des Sonderermittlers Starr kritisiert.



Dem Clinton-Gegenspieler wird vorgeworfen, er habe sich auf die Sex-Affairen des Präsidenten konzentriert, weil er bei seiner Untersuchung der Whitewater-Affaire keine Ergebnisse erzielen konnte.



Die Online-Zeitschrift Salon Magazine bringt die Kritik an seinem Vorgehen auf den Punkt: Bill Clinton soll nicht wegen seiner Sex-Affaire aus dem Amt bugsiert werden. Die offizielle Begründung des Anklägers bezieht sich vielmehr auf die Falschaussagen vor dem Untersuchungsausschuß. Das Wort "Affaire" beinhaltet aber nach Ansicht des Salon Magazines doch schon, daß Lügen im Spiel sind.

http://www.salonmagazine.com/



Und um zu zeigen, daß auch Mitglieder der republikanischen Partei nicht immer den Verlockungen des anderen Geschlechts widerstehen können, veröffentlichte das Magazin einen Report über die Lügen des Republikaners Henry Hyde anläßlich einer eigenen Affaire. Hyde steht heute dem Justizausschuß des US-Repräsentantenhauses vor. Dem Ausschuß also, der über den Starr-Report zu befinden hat.



Zwar liegt diese Affaire bereits dreißig Jahre zurück, doch die Veröffentlichung dieser "ollen Kamelle" im World Wide Web sorgte dafür, daß der Politiker inzwischen um Rücktritt nachgesucht hat.



Verständlicherweise hat diese Veröffentlichung nicht jedem gefallen: Von Seiten der Republikanischen Partei wurde inzwischen angekündigt, man wolle das FBI einschalten, um zu überprüfen, ob die Informationen auf legalem Weg recherchiert worden waren.



Gleichzeitig wurde das Salon Magazine zum Opfer von Racheaktionen aufgebrachter Republikaner. Mail- und Faxbomben wurden abgeschickt, um die Informationskanäle der Zeitschrift lahmzulegen.



Aber gerade solche Veröffentlichungen zeigen, daß die Veröffentlichung des Starr-Reports im Internet tatsächlich als Meilenstein anzusehen ist. Dabei geht es nicht um den von vielen Medien herbeigejammerten "erwartbaren" Zusammenbruch des Internet.



Auch wenn der Starr-Report insgesamt über 400 Seiten umfaßt: Jeden Tag wird mindestens die hundertfache Datenmenge an Pornobildchen über die Verbindungskanäle des Internet transportiert.



Die Veröffentlichung des Reports und die vielfältigen Reaktionen darauf stellten aber unter Beweis, daß die klassischen Medien zukünftig mit einer neuen Konkurrenz rechnen müssen. Sie sind auch bei politischen Vorgängen nicht mehr alleine für die Informationsversorgung und die Interpretation dieser Informationen zuständig.



Schade ist dabei nur, daß es ausgerechnet dieser globalen Anprangerung bedurfte, um die Möglichkeiten des Internet unter Beweis zu stellen.