Das vergessene Gedächtnis

Ein Plädoyer für die Deutsche Mediathek



Olaf Irmscher





"Glücklich ist, wer vergißt...", heißt es in der Straußschen Fledermaus. Das mag bei Liebeskummer vielleicht stimmen aber für die Kulturgeschichte ist dies der sichere Tod. Bei Kulturgeschichte denkt man sofort an Bildende Kunst, Theater, Musik, Architektur oder an Literatur. Schon der Film fällt im Vergleich hierzu weit ab und wird wie eine untergeordnete, Zelluloid gewordene Sektion des Theaters betrachtet. Eines aber haben diese Kulturbereiche gemein: Sie alle verfügen in Form von Museen, Galerien oder Bibliotheken über eigene Foren der Präsentation, Sammlung und Archivierung.



Wie sieht es nun aber mit der kulturhistorischen Bewertung des Hörfunks und des Fernsehens aus? Hier gilt offensichtlich das Fledermaus-Prinzip, obwohl durch diese Medien das gesellschaftliche Leben und Bewußtsein in den vergangenen Jahrzehnten grundsätzlich verändert wurde. Sicher gibt es in allen Kulturbereichen - auch in Funk und Fernsehen - einzelne Hervorbringungen, die man besser vergißt. Aber es ist bemerkenswert und fatal, daß in Deutschland - anders als etwa in den USA, Frankreich oder England - dieser Bereich gänzlich unberücksichtigt bleibt.



Darf man den Hörfunk oder gar das Fernsehen einfach zur Kultur zählen? Das Grund-gesetz tut es jedenfalls, nur hat sich dies noch nicht allzuweit herumgesprochen. Noch immer haftet dem Hörfunk und besonders dem Fernsehen allzusehr der Geruch des Gewöhnlichen an. Was auch immer im Äther passiert, es versendet sich.



Deshalb ist es auch schick, sich zum Nichtfernsehen zu bekennen. Man könnte fast glauben, niemand von kultivierter Natur sieht fern, mit Ausnahme der Nachrichten vielleicht. Der Bildungsbürger hört Radio, allerdings nur im Auto. Mag sein, daß er einige Fernsehspiele und auch einige Hörspiele recht interessant findet. Aber ist das Kultur? Benötigt man dafür wirklich ein Museum, braucht man eine Mediathek?



Ja, man braucht sie, die Deutsche Mediathek! Und je ehrlicher man ist, um so mehr braucht man sie sogar. Die schleichende Gewöhnung an Radio und Fernsehen hat wohl den Blick auf die Veränderung der eigenen Wahrnehmung verstellt. Denn wer könnte sich wirklich ein Leben gänzlich ohne Funk und Fernsehen vorstellen?





Beim Thema Rundfunk herrscht

kulturelle Amnesie



Die Gründe für eine Mediathek sind vielfältig und sie werden auch von niemandem bestritten, der sich einmal ernsthaft mit dieser Idee beschäftigt hat. Die Deutsche Mediathek soll ein lebendiges und kollektives Gedächtnis der Programmgeschichte sein. Sie ist eine Aufgabe all derer, um deren Schaffen es geht, eine Aufgabe der Rundfunkveranstalter. Sie soll nicht einfach eine "Hall of Fame" für vergessene Moderatoren und Komödianten sein, vielmehr muß sie die Programmgeschichte repräsentativ erfassen und darstellen. Zur Zeit ist sie jedoch nur ein vergessenes Gedächtnis. Beim Thema Rundfunk herrscht offensichtlich kulturelle Amnesie.



Wer sich heute fragt, wie irgend ein historisches Ereignis in Hörfunk und Fernsehen reflektiert wurde, findet keinen Ort, der dieses Geheimnis lüftet. Gewiß existiert noch vieles in den Rundfunkanstalten, doch ist es dort nahezu unzugänglich. Reinkarnation erleben Sendungen nur anläßlich von Jahrestagen und Todesfällen - oder, wenn sie eine entsprechende Quote versprechen.



Un wie trivial ist Fernsehunterhaltung wirklich? Ist sie nicht immer auch Ausdruck eines bestimmten Zeitgeistes? Gibt sie nicht Auskunft über das gesellschaftliche Leben einer Zeit, über die Mode, den Geschmack? Wer wollte schon bestreiten, daß Kuhlenkampffs "Einer wird gewinnen" neben der Unterhaltung nicht auch für die Europäisierung des deutschen Denkens wichtig war und Grzimeks "Ein Platz für Tiere" die ersten Anstöße für ein wachsendes Umweltbewußtsein gab?



Mit einer Mediathek könnte man besser über Qualität diskutieren, denn Beispiele hervorragender Programmleistungen ließen sich hier vermutlich leichter finden als im aktuellen Programmgeschehen. In eine Deutsche Mediathek könnte man kommen, wenn man einfach nur ein altes Lieblingsstück wiederfinden möchte. "Die Welt am Draht" zum Beispiel, ein furioses Meisterwerk von Rainer Werner Faßbinder. Wer es vergessen hat, könnte sich in Erinnerung rufen, wie alles anfing in der "Lindenstraße". Die "Stimme der Kritik" von Friedrich Luft würde so manchem Theaterkritiker noch hilfreiche Anregungen geben können. Und, wer weit abgeschnitten im Westen des geteilten Landes aufwuchs, könnte einmal nachvollziehen, wie das "Ostfernsehen" wirklich war. Wahrlich eine Zeitreise durch die verschiedenen Genres und historischen Ereignisse. Dabei gäbe ein Vergleich mit dem aktuellen Programmangebot nicht nur dem Publikum sondern vor allem den Programmverantwortlichen Gelegenheit zum Nachdenken. Und immerhin geht es auch darum, dem eigentlichen Souverän, den Gebührenzahlern, die Programme wieder zugänglich zu machen, die von ihrem Geld produziert wurden. Aber wie schon gesagt, Gründe gibt es viele, nur es gibt keine Mediathek.



Es gibt einen Förderverein, der das Ziel einer Deutschen Mediathek verfolgt. Die Idee entstand Ende der 80er Jahre, als das erste Mal engagierte Filmemacher in der Akademie der Künste in Berlin darüber diskutierten, wie man das "audiovisuelle Erbe" retten und der Öffentlichkeit zugänglich machen könnte.



Der erste Vorsitzende dieses Vereins, Eberhard Fechner, gab den Anstoß zu dieser Diskussion. Fechner (u.a. Tadellöser und Wolff, Comedian Harmonists), stellte eines Tages verblüfft fest, daß eines seiner Frühwerke gelöscht worden war, weil man das "wertvolle" 2-Zoll- MAZ-Band für eine andere Sendung benötigte. Er starb 1992 ohne die Deutsche Mediathek noch erlebt zu haben. 1996 starb auch sein Nachfolger, der Dokumentarfilmer Erwin Leiser, der 1969 durch den Film "Mein Kampf" berühmt wurde. Auch er ging ohne die Mediathek noch zu erleben. Immerhin erfreut sich sein amtierender Nachfolger Klaus Schütz, der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin und Intendant der Deutschen Welle a.D., bester Gesundheit und müht sich redlich um die Deutsche Mediathek.



Dafür kränkelt jedoch das in Berlin einst mit viel Hoffnung gestartete Projekt einer Deutschen Mediathek erheblich. Bis zum Juli sahen die Planungen noch vor, daß sie im Filmhaus des zukünftigen Sony-Centers am Potsdamer Platz unterkommen sollte. Das wurde nun vorerst in Frage gestellt.





Wird die Mediathek schon in den

Startlöchern beerdigt ?



Seit 1995 arbeitet unter der Leitung des ehemaligen RIAS-Intendanten, Helmut Drück, ein kleines Aufbauteam in einem Gründungsbüro auf dem Adlershofer Gelände des ehemaligen DDR-Fernsehens an der Verwirklichung der Idee. Große Pläne wurden geschmiedet, unzählige Varianten und Konzepte verfaßt. Ab und zu zeigte sich auch ein Silberstreif am Horizont. Mal mit Sat1, das eine Beteiligung an einer Finanzierung in Aussicht stellte. Mal mit der ARD, deren scheinbar großzügiges Angebot, das gesamte Deutsche Rundfunkarchiv einzubringen, von den anderen Wunschpartnern jedoch eher als ein Danaergeschenk angesehen wurde, weil es den bislang geplanten Rahmen einer Mediathek weit überschreiten würde.



Wirkliche Unterstützung kam bislang nur vom Berliner Senat, der frühzeitig den Prestige-Charakter einer Deutschen Mediathek erkannte. Und viele Gründe sprechen tatsächlich für Berlin: Zum Beispiel, daß 1923 der Rundfunk von hier aus seinen Sendebetrieb aufnahm, daß auch von hier die Initiative für eine Mediathek ausging, daß es hier die dichteste Konzentration von Rundfunksendern bundesweit gibt und natürlich, daß Berlin auf dem besten Weg ist, das kulturelle Zentrum der Bundesrepublik zu werden. Das heißt aber nicht, daß die Programme nur in Berlin zugänglich sein sollen, sie sollen in einem Netzwerk kooperierender Einrichtungen möglichst vielen zugänglich gemacht werden. Dabei muß erwähnt werden, daß das Internet als mögliche Plattform nicht zur Diskussion steht. Die Möglichkeiten dieses "Netzes der Netze" sind sicher verlockend, aber der Schutz der unzähligen Urheberrechte an den Sendungen verbietet eine vollständige Verbreitung des Programmangebotes einer Deutschen Mediathek über das Internet. Allenfalls wird man den Katalog der verfügbaren Sendungen eines Tages im Internet publizieren und so die Entscheidung im Vorfeld bereits erleichtern können, ob man in die Mediathek oder in eine der kooperierenden Einrichtungen gehen will.



Drei Jahre wurde in Berlin bereits konkret geplant, verhandelt und am Potsdamer Platz gebaut, dann kam vor wenigen Wochen das abrupte Aus: Keine Mediathek im Filmhaus des Sony-Centers. Das Risiko sei zu groß, daß es mangels Senderbeteiligung vielleicht gar keine Mediathek geben wird. Der Senat versichert zwar, daß das Streichen der weiteren Planungen einer Mediathek für das vom Land gemietete Filmhaus nur eine Zwischenlösung sei. Aber die Chance, doch noch dort einzuziehen, ist gering, wenn sich die Sender nicht bald zu einer Beteiligung durchringen. Damit hätte man in Berlin dann so lange an den Startlöchern für die Deutsche Mediathek gegraben, das man sie gleich darin beerdigen kann.





Hoffen auf den Kulturminister



In dieser Situation hat der Vorsitzende der Rundfunkkommission der Länder, der Ministerpräsident des Landes Rheinland- Pfalz, Kurt Beck, noch einmal die Initiative ergriffen. Schriftlich wandte er sich erneut an die Intendanten und Geschäftsführer der Sender und bat sie, ihre Vorstellungen zur Realisierung einer Mediathek zu nennen. Die bislang eingetroffenen Antworten lassen jedoch nur wenig Optimismus zu: wohlwollende aber meist ausweichende Erklärungen. Was nun geschieht, ist unklar.



Kommt für das Projekt wirklich eine neue Stunde Null, dann kommt zum Problem der Finanzierung nicht nur die Suche nach einem neuen Standort hinzu. Es würde alles schon Erreichte in Frage gestellt und vermutlich auch an der Substanz der Grundidee gerüttelt werden. Womöglich müßte die Notwendigkeit einer Deutschen Mediathek völlig neu unter Beweis gestellt werden. Genau dies aber würde nur jenen helfen, die sich trotz gegenteiliger Bekundungen seit Jahren mit bemerkenswertem Erfolg der Gründung einer Deutschen Mediathek entziehen. Das entschiedene Nein einzelner Sender könnte sogar dazu führen, sich von der Idee einer Mediathek auf sehr lange Zeit gänzlich verabschieden zu müssen. Dann ist zu befürchten, daß auch attraktive Standort-Angebote anderer Bundesländer das Projekt nicht wiederbeleben könnten.



Es mangelt nicht an Ideen und Konzepten für eine Deutsche Mediathek, es fehlt die Bereitschaft, sich an deren Finanzierung zu beteiligen. Die grundsätzliche Idee ist gut und sie ist richtig, nur den Rundfunkverantwortlichen ist sie zu teuer. Rund 8 Millionen Mark soll die Mediathek in Berlin jährlich kosten. Das ist, verglichen mit den Summen, um die es im Rundfunkgeschäft geht, nicht viel. Berlin ist nach wie vor bereit, davon allein 2 Millionen zu tragen. Den Rest sollten die privaten und die öffentlich-rechtli-chen Rundfunkveranstalter aufbringen können. Aber außer der Zusage von Sat1, sich an der Finanzierung der Gründungsphase zu beteiligen, ist bisher wenig Konkretes in Aussicht.



ARD und ZDF nehmen von den Rundfunkkonsumenten im Jahr rund 12 Milliarden Mark an Gebühren ein und der jährliche Umsatz bei den privaten Sendern wird auf 14 Milliarden Mark geschätzt. Dafür wird Programm gemacht, das ist O.K. Es wird auch Programm gekauft, Spielfilme zum Beispiel oder Fußball. Allein das ZDF steht kurz davor, für 700 Millionen Mark - zum Teil über Kredite finanziert, für deren Zinsen allein eine Mediathek leicht zu finanzieren wäre - Fußballrechte zu kaufen. Fußball dient der nationalen Identifikation und Fußball schafft Zuschauerbindung. Fußball bringt Quote. Und sicher wird es irgendwo auch ein Fußballmuseum geben, vermutlich in München. Aber das ist ein anderes Thema.



Womöglich kommt nun mit der neuen Bundesregierung neuer Schwung von anderer Seite. Mehr als ein zurückhaltendes Interesse des Bundes, der ja mit der Deutschen Welle seit Jahrzehnten selbst Rundfunk veranstaltet, war bisher nicht einzuholen. "Bundeskulturminister" Michael Naumann hat sich bereits sehr dezidiert zur kulturellen Rolle Berlins geäußert. Das läßt hoffen. Michael Naumann kennt New York gut, vielleicht kennt er auch das dortige Museum of Television and Radio. Die Unterlagen des Projektes einer Deutschen Mediathek liegen jedenfalls schon seit einiger Zeit in seiner Post.