Fernsehnachrichtenarchivierung:

Dringlichkeit und Aufgabenfelder(1)



Jörg-Uwe Nieland





Die Gründe, Fernsehsendungen aufzuzeichnen und aufzubewahren, sind zahlreich. Wie der Beitrag von Olaf Irmscher zeigt, gibt es auch Überlegungen und Bemühungen mit einer Deutschen Mediathek das kulturelle Gedächtnis der Bundesrepublik anzureichern und zu pflegen.



Der folgende Beitrag setzt sich mit den Anforderungen und den Vorarbeiten im Bereich der Archivierung von Fernsehnachrichten auseinander. Dabei steht nicht so sehr der Museumsgedanke, als vielmehr der medienwissenschaftliche und -pädagogische Aspekt im Mittelpunkt.



Das Fernsehen war und ist maßgeblich an sozialen, kulturellen und politischen Veränderungen der Bundesrepublik beteiligt. Dies gilt sowohl für Unterhaltungs- als auch für Informationsangebote des Fernsehens; doch gerade in Krisenzeiten oder bei bestimmten Ereignissen von weltumspannender Bedeutung - so beim Mauerfall - spielen Nachrichtensendungen (inzwischen auch Nachrichtensender, wie die Berichterstattung von CNN zum Golfkrieg zeigte) eine zentrale Rolle. Trotzdem fehlt es an Einrichtungen, die solche Sendungen sammeln und zugänglich machen. Leider wird so die Allgemeinheit und die Wissenschaft der Möglichkeiten beraubt, die Ereignisse selbst und die Rolle der Medien im speziellen zu bestimmen und kritisch zu bewerten. Dabei dürfte klar sein, daß nur auf der Grundlage von langfristig archivierten sowie der Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglichen Fernsehnachrichtensendungen eine angemessene Würdigung möglich ist. Als unabdinglich stellt sich die Aufbewahrung von Nachrichtensendungen aber nicht nur aus der historischen Perspektive dar, vielmehr es geht darum, auf der Grundlage von Programmanalysen Fernsehwirklichkeit und Medienverantwortung aufeinander zu beziehen. In einem weiteren Schritt könnten dann die einzelnen Programmsparten in den verschiedenen Bereichen der Öffentlichkeit erörtert werden, mit dem Ziel, die Debatte über Zustand und Perspektiven der Medienangebote angesichts notwendiger gesellschaftlicher Verständigung und Verantwortung zu fundieren. Anzustreben ist eine Zusammenführung von fernsehgeschichtlicher, medienpsychologischer sowie sozial- und kulturwissenschaftlicher Forschungsstränge. Grundlage eines solchen Vorhabens bildet die kontinuierliche Aufzeichnung und Sicherung audiovisuellen Materials als Kulturgut und Forschungsgegenstand.



Außerdem eröffnet die Digitalisierung neue Wege der Speicherung, Dokumentation und Archivierung sowie schließlich des Abrufs (off- wie online) und der Übertragung von Fernsehsendungen. Die digitale Technik und die Fortsetzung der Deregulierungspolitik in den USA und Europa führten zu unterschiedlichen Kooperationen international operierender Medien-, Computer- und Telekommunikationsunternehmen. Dabei ist neben der Kommerzialisierung der Mediensysteme auch die Kommerzialisierung der journalistischen Präsentation von tagesaktuellen Nachrichtenangeboten zu beobachten.



Die Vorgänge um die Veröffentlichung des Starr-Reports zeigen deutlich, wie sich in jüngster Zeit die Auswahl, Übermittlung und Bewertung von Informationen verändert hat. Inzwischen bieten verschiedene Fernsehsender und Fernsehnachrichtenredaktionen komplementäre und/oder exklusive digitale Informationsangebote online oder mittels neuer Technologien wie Intercast an. Zu nennen sind hier vor allem: CNN, MSNBC, die "Tageschau/Tagesthemen" und "heute/heute journal" (ZDF in Kooperation mit Microsoft).

Bislang liegen noch keine medienwissenschaftlichen Arbeiten zu den neuen Angeboten und den neuen Kommunikatorrollen vor, offenbar ist hier ein interessantes und wichtiges Untersuchungsfeld eröffnet. Solche Untersuchungen setzen notwendigerweise Vergleichspunkte voraus und diese finden sich in Forschungen zu Fernsehnachrichten.



Gerade die Qualitäts- und Nutzungsansprüche für die Bewegtbilddokumentation und -analyse verlangen nach Konzepten und Einrichtungen die weitreichende technologische Ergänzungen zusammenführen und realisieren. Hier ist an die MPEG II und IV - Standards, den Aufbau von Hochgeschwindigkeitsnetzen und die Fortschritte bei der Videoservertechnologie zu denken. Die Weiterentwicklung, Erprobung und Anwendung dieser Komponenten ließe sich allerdings nur in enger Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft (als Mitentwickler und als Anwender), Hard- und Softwareherstellern und Anbietern (Fernsehanbieter, Nachrichtenagenturen und Medienunternehmen) sowie schließlich verschiedenen Nutzern, insbesondere in Bildungs- und Weiterbildungseinrichtungen (Schulen, Volkshochschulen, Universitäten, Medienkompetenzzentren etc.), realisieren.



Weiterer Forschungsbedarf ergibt sich dadurch, daß im Zuge der Digitalisierung die Bibliotheken in das Spannungsfeld von Urheberrecht und Informationsfreiheit gezwungen werden. Offenbar besteht hier enormer Bedarf an rechtlicher Klärung, wie es zum Interessenausgleich zwischen Urheber und Allgemeinheit kommen soll. Auf diesem Feld wird es in den nächsten Monaten zu Regelungen auf europäischer Ebene kommen. Und auch wenn derzeit nur über den Ausgang des Meinungsbildungs- und Gesetzgebungsprozesses spekuliert werden kann, hinter die Gewährleistung einer wissenschaftlichen Nutzung sowie der grundsätzlichen Bereitstellung digitaler Informationen (etwa über eine Abgabepflicht geregt) werden die Aktivitäten nicht zurückfallen.



Während die augenblickliche Debatte vor allem über die Museums- und Ausstellungsanforderungen geführt wird, ist die Archivierung von Fernsehnachrichten kaum behandelt. Als ernüchterndes Resultat für die Medienwissenschaft bleibt: Langzeituntersuchungen von bundesdeutschen Fernsehnachrichten sind - insbesondere mit Meßzeitpunkten vor der Dualisierung - nahezu ausgeschlossen.



Um nicht bei der Identifikation dieser Lücke stehen zu bleiben, folgt ein Überblick über die aktuelle Archivierungstätigkeit von Fernsehnachrichtensendungen insbesondere der des Audiovisuellen Zentrums an der Wuppertaler Universität.



Ein Vergleich zeigt, daß die Archivierungstätigkeiten vor allem in den USA, Großbritannien und Frankreich weitaus entwickelter sind. Das "Museum of Television and Radio" in New York und Los Angeles, das "Museum of Moving Image" in London und die "Vidéothèque de Paris" in Paris genügen den Anforderungen wie:



1. Umfassende Sicherung aller audiovisuellen Materialien als Teil der kulturellen Überlieferung



2. Ungehinderter Zugang der Wissenschaft nach Maßgabe von Nutzungsordnungen



3. Präsentation von Materialien in Form eines "Museums" für Audiovision



4 Verbreitung von Editionen, Dokumentationen und wissenschaftlichen Arbeiten.



Aber auch für die Aufbewahrung von Nachrichtensendungen existiert bereits ein Vorbild: In den USA findet seit dem August 1968 die kontinuierliche Archivierung der Hauptnachrichtensendungen statt. Als Abteilung der Jean und Alexander Heard Library der Vanderbilt Universität in Nashville nahm das Television News Archiv seine Arbeit auf. Fast zehn Jahre arbeitet das Archiv in einem rechtlichen Schwebezustand: erst das Copyright-Gesetz vom 1. Januar 1978 erlaubt die Aufzeichnung und Verwendung der Hauptnachrichtensendungen, in der Form, wie es seit langem praktiziert wurde. Nachdem anfänglich hauptsächlich wissenschaftliche Einrichtungen Gebrauch vom Angebot des Fernsehnachrichtenarchivs machten, nutzen es inzwischen auch zahlreiche kommerzielle Stellen. Das Archiv präsentiert sein umfangreiches Angebot im Internet (www.tvnews.vanderbilt. edu). Die Katalogisierung der Nachrichtensendungen ermöglicht den Zugriff nach Themen, Autoren etc. Auch wenn derzeit die Internetangebote der Fernsehsender in den USA wachsen, bietet das Vanderbilt Television News Archiv für die Fernsehnachrichtenforschung weiterhin die zentrale Anlaufstelle.



Verschiedene Stellen archivieren Fernsehnachrichtensendungen; zu nennen sind: 1. Sendeanstalten; 2. Private Mediendienste; 3. Universitäten und Forschungseinrichtungen; 4. Parteien und ihre Stiftungen und 5. Landesmedienanstalten. Für die genannten Institutionen existiert bislang noch kein einheitlicher Standard. Die Aufbewahrungsdauer, aber vor allem die Zugriffsmöglichkeiten sind sehr unterschiedlich. Meist sind Aufzeichnungen nur gegen enorm hohe Gebühren zu erhalten.



Diesen Zustand versucht das Audiovisuelle Medienzentrum der Bergischen Universität - Gesamthochschule Wuppertal entgegen zu wirken. Seit Frühjahr 1988 bemüht sich die Einrichtung um die regelmäßige - sprich tägliche - Aufzeichnung der Hauptausgaben von "Tagesschau" und "heute". Obwohl damals weder die personelle noch die technische Ausstattung den heute geltenden Ansprüchen genügte, ist es gelungen, eine in der Bundesrepublik einzigartige Dichte an Mitschnitten der beiden wichtigsten öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen zu erreichen. Das Wuppertaler Fernsehnachrichtenarchiv hat sich die kontinuierliche Aufzeichnung, Archivierung, Dokumentation und medienwissenschaftliche Bearbeitung von Fernsehnachrichten zum Ziel gesetzt.



Inzwischen werden täglich sieben Hauptnachrichtensendungen aufgezeichnet: von der ARD (seit Februar 1988), dem ZDF (seit Mai 1988), RTL (seit Dezember 1992), SAT.1 (seit Dezember 1992), n-tv (seit Dezember 1992), RTL2 (seit Dezember 1993) und PRO7 (seit Dezember 1993). Außerdem werden seit Dezember 1993 die "Tagesschau"-Wiederholungen (von vor 20 Jahren) und die "Tagesthemen" aufgezeichnet.



Für den Zeitraum vom 28. Juli bis 3. Oktober 1989 wurden die einzelnen Meldungen der "Tagesschau"-Hauptausgabe dokumentiert, um einen in der Geschichte der Bundesrepublik bedeutsamen Zeitraum wissenschaftlich besser untersuchen zu können.



Die Stellung des Fernsehnachrichtenarchivs und sein Potential resultieren nicht nur aus dem umfangreichen Bestand und der archivarischen Kompetenz, sondern auch aus der jahrelangen Erfahrung bei der Auswahl, der Erprobung, der Bewertung und der Weiterentwicklung medientechnologischer Komponenten. Dieses Know-how konnte unter anderem in den Bereichen digitale Produktion und Post-Produktion angewendet werden. Derzeit werden Testläufe für die Anwendungen der Videoservertechnologie in Verbindung mit Hochgeschwindigkeitsnetzen konzipiert. Angestrebt ist der Probebetrieb und die Weiterentwicklung einer digitalen Mediathek. In diesem Zusammenhang erfolgt unter anderem eine Abschätzung verschiedener Standards und der Akzeptanz/Benutzer-freundlichkeit des Angebots.



Hinzukommt die intensiven Zusammenarbeit mit medienwissenschaftlichen Institutionen wie dem Duisburger Rhein-Ruhr-Instituts und des Siegener Sonderforschungsbereichs "Bildschirmmedien". Die Kontakte zu wissenschaftlichen, öffentlichen und privaten Institutionen konnten in den letzten Jahren intensiviert werden. Dabei wurde nicht nur über zukünftige Nutzungsmöglichkeiten des Fernsehnachrichtenarchivs diskutiert, vielmehr wurden - oft durch die Vermittlung der Landesanstalt für Rundfunk NRW (LfR) - zahlreiche Forschungsarbeiten verfaßt, die auf die Bestände und die Aufnahmeleistungen des Wuppertaler Archivs zurückgegriffen haben und außerdem wurde der Bereich Fernsehnachrichten in der Oberhausener Ausstellung: "Der Traum vom Sehen - Zeitalter der Televisionen" durch Materialgaben und Beratung des Archivs unterstützt.



Einen Schwerpunkt im Rahmen des institutionellen Netzwerkes des Fernsehnachrichtenarchivs bildet die Zusammenarbeit mit der Deutschen Mediathek. Insbesondere technische Fragen werden gemeinsam erörtert, um schnellstmöglich eine Verzahnung der Aktivitäten zu erreichen; angedacht ist auch eine Koordinierung von Tests bei der Erprobung von neuen Abruf- und Übertragungsdiensten.



Derzeit wird an weiterreichenden Aufgabenfelder für das Fernsehnachrichtenarchiv gearbeitet, umfassen sollten sie:



- Sicherstellung der fortlaufenden Archivierung, dabei steht die Anpassung an die medientechnologische Entwicklung mit ihren Konsequenzen für den Ausbau, die Pflege und die Präsentation des Archivbestandes im Vordergrund,

- fortlaufende Dokumentation Archivbestands,



- Entwicklung und Test eines Protokollierungsverfahrens (zunächst für ausgewählte Sendungen),



- Fortführung der Dokumentation/Analyse der "Tagesschau"-Berichterstattung zum Prozeß der deutschen Wiedervereinigung,



- Erstellung von Videodokumentationen zu ausgewählten Themen,



- Freisetzung von Kapazitäten zur Aufnahme von Sondersendungen,



- Auf- und Ausbau des Netzwerks (Kooperationspartnern, Beratern, Sponsoren),



- Präsenz im Internet und periodische Publikationen über das Archiv,



- Konkretisierung der Kooperation mit der Deutschen Mediathek und des Vanderbilt Television News Archive,



- Entwicklung und Test eines Abruf- und Übertragungssystems (in Zusammenarbeit mit der Deutschen Mediathek, Netzanbietern und Unternehmen aus dem Hard- und Softwarebereich),



- Aufstellungen zu den Archivbeständen von Nachrichten und politischen Informationssendungen Fernsehnachrichten im In- und Ausland,



- Aufarbeitung und Zusammenführung bestehender fernsehgeschichtlicher Forschungsarbeiten,



- Beteiligung an der Weiterentwicklung inhaltsanalytischer Methoden (u.a. computergestützte Bildanalyse),



- Vertiefung der Zusammenarbeit mit Hardwareherstellern und Netzbetreibern,



- Erörterung medienrechtlicher Fragen (v.a. europäisches Medienrecht, Urheberrecht),



- Unterstützung (v.a. Materialbereitstellung) von Medienkompetenzzentren und Weiterbildungseinrichtung,



- Durchführung von Workshops sowie Mitarbeit an Studien und Forschungsprojekten,



- Beteiligung an Pilotprojekten zum Digitalen Fernsehen.



1. Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine überarbeitete Fassung des Aufsatzes: Archivierung von Fernsehnachrichten in der Bundesrepublik: Stand und Perspektiven (Nieland/Philipp 1998; in: Meckel/Kamps (Hg.): Fernsehnachrichten; Opladen: 305-310.)