Rezension



Herbert Willems/Martin Jurga (Hg.): Inszenierungsgesellschaft, Ein einführendes Handbuch, Opladen, Westdeutscher Verlag 1998, 602 Seiten, 98,- DM



Die "Inszenierungsgesellschaft"

Die rasanten Entwicklungen der Moderne scheinen in regelmäßigen Abständen dazu zu führen, daß neuartige Gesellschaftstypisierungen deklariert werden. Nach der "Risikogesellschaft" (Ulrich Beck 1986), der "Fernseh-Gesellschaft" (Joshua Meyrowitz 1987), der "Erlebnisgesellschaft" (Gerhard Schulze 1992) sowie der "Kommunikationsgesellschaft" (Richard Münch 1995) gibt es nun eine wissenschaftliche Debatte um die "Inszenierungsgesellschaft".

Die Herausgeber aus Trier haben in den 32 Beiträgen ihres Bandes eine Vielzahl von interdisziplinären Autoren versammelt, die aus den Fachrichtungen Soziologie, Philosophie, Journalistik, Politik-, Medien-, Theater-, Sozial-, Literatur- und Kommunikationswissenschaft stammen. Da-bei dominiert die soziologische Fachrichtung, der auch Herbert Willems und Martin Jurga zuzuordnen sind.

In mehreren Texten werden die Ergebnisse der ersten Phase eines auf sechs Jahren angelegten, fächerübergreifenden Forschungsprojekts zum Schwerpunkt "Theatralität" vorgelegt, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird.



Zum "Inszenierungsbegriff" in der Theaterwissenschaft

Der Terminus "Inszenierung" ist aus dem semantischen Feld des Theaterbegriffs adaptiert worden, wie die Berliner Theaterwissenschaftlerin und Sprecherin des DFG- Schwerpunktprojektes Erika Fischer-Lichte in ihrem Grundlagentext "Inszenierung und Theatralität" aufzeigt. "Inszenierung" beschreibt in Anlehnung an das Bühnenmodell eine Form der Darstellung, die spezifische Dramatisierungsfunktionen und -effekte in den unterschiedlichsten Kontexten aufweist. "Inszenierung" fungiert dabei als Leitbegriff und focussiert sich auf den schöpferischen Aspekt der Theatralität. "Theatralität", so die Autorin weiter, umfaßt als Oberbegriff insgesamt vier Richtungen, die wie folgt ausdifferenziert werden:

"1. [...] den der Performance, der als Vorgang einer Darstellung durch Körper und Stimme vor körperlich anwesenden Zuschauern gefaßt wird und das ambivalente Zusammenspiel aller beteiligten Faktoren beinhaltet;

2. den der Inszenierung, der als spezifischer Modus der Zeichenverwertung in der Produktion zu beschreiben ist;

3. den der Korporalität, der sich aus dem Faktor der Darstellung bzw. des Materials ergibt, und

4. den der Wahrnehmung, der sich auf den Zuschauer, seine Beobachterfunktion und -perspektive bezieht" (Fischer- Lichte, S. 86).



Diese vier Aspekte bestimmen in ihrer Gesamtheit und in je wechselnden Konstellationen den Begriff der Theatralität.



Themenschwerpunkte

Aufgrund der unterschiedlichen wissenschaftlichen Ausrichtung und der daraus resultierenden Heterogenität der Themen und Arbeitsgebiete fällt es z.T. nicht leicht, den roten Faden innerhalb des facettenreichen Spektrums der "Inszenierungsgesellschaft" aufzuspüren. Hilfreich ist jedoch die Untergliederung der analysierten Textbeiträge in drei Themenblöcke.

Im ersten Bereich "Identitäten und Interaktionen" reicht die Palette der Beiträge von der "Soziologie der "Anmache"" (Jeff Kintzele) über "Inszenierungsrituale von jugendlichen Black-Metal-Fans" (Waldemar Vogelsang) bis hin zu "Aspekten modischer Kommunikation" (Stefanie Würtz und Roland Eckert).

Im zweiten Schwerpunkt "Gesellschaftliche Felder" werden u.a. "Rituale in der Politik" (Hans Georg Soeffner) sowie die "Selbstdarstellung ostdeutscher Unternehmen im Transformationsprozeß" (Frank Lettke) thematisiert. Daß geistreiche und humorvolle Analysen keinen Widerspruch darstellen, dokumentiert der als "Campus"-Autor bekanntgewordene Dietrich Schwanitz, der der eigenen Zunft in seinem Beitrag über die "Formen der Selbstdarstellung in der Wissenschaft" den Spiegel vorhält und die Irrationalitäten, Eitelkeiten und Widersprüche der Intellektuellen deutlich macht. Bei der Typisierung der Wissenschaftler unterscheidet er zwischen Imponiertyp, Entertainer und Polemiker, während seiner universitären Gremientypologie u.a. die Attribute: Chaot, Inquisitor, Schlichter, Pedant, Erzähler, Spieler und Theatraliker zugeordnet werden.

Der dritte Teil der Analysen reflektiert die Entwicklungen auf dem Markt der Massenmedien. Neben Printmedienanalysen der Dortmunder Journalisten Günter Rager, Ricarda Hartwich-Reick und Thomas Pfeifer sowie des Soziologen Jörg Tykwar werden Theatralitätsmerkmale im Unterhaltungsspektrum des Mediums Fernsehen in "Daily Soaps" aus sozialwissenschaftlicher Perspektive der Duisburger Udo Göttlich und Jörg-Uwe Nieland herausgearbeitet sowie "Daily Talks" vom renommierten Potsdamer Medienwissenschaftlers Lothar Mikos reflektiert. Mikos vertritt in seinem Beitrag die These, daß in diesen kommerziell-erfolg-reichen Unterhaltungssendungen kein rationaler Diskurs stattfindet, sondern eine Debatte der Betroffenheit vorzufinden ist, da die Teilnehmer nicht miteinander sprechen, sondern primär die Selbstdarstellung und Inszenierung von Privatheit in den Vordergund der Gesprächsrunden rücken. Das "Theater des Politischen" analysieren der Dortmunder Politikwissenschaftler Thomas Meyer und der Theaterwissenschaftler Rüdiger Ontrup, während der Soziologe Roland Kurt sich mit dem "Kampf um die Inszenierungsdominanz" von Moderatoren in Gesprächen mit Helmut Kohl und Gerhard Schröder in Sendungen des öffentlich-recht- lichen Fernsehens befaßt. Kurt zeigt dabei die Differenz auf zwischen dem intellektuell ansprechenden Fragestil des Journalisten Friedrich Küppersbusch im Politikmagazin ZAK, der den Anspruch des investigativen Journalismus aufrecht erhält, und der devoten Fragetechnik Alfred Bioleks in Talk-Show "Boulevard Bio". Der Philosoph Mike Sandbothe untersucht im abschließenden Beitrag des Buches die spezifischen Charakteristika "Theatralische(r) Aspekte im Hybridmedium Internet".



Inszenierung zwischen Darstellung und Manipulation

Als roter Faden zwischen den zahlreichen Textbeiträge des Bandes fungiert die Theoriekonzeption des Soziologen Erving Goffmann. Goffman hat in seinen Publikationen "Wir alle spielen Theater" und "Interaktionsrituale" aufgezeigt, daß soziale Situationen prinzipiell einem Bewältigungsproblem der Individuen unterliegen. Die Individuen sind dabei suksessiv gefordert, Wahrnehmungen zu interpretieren, Handlungsalternativen zu selektieren und Deutungsschemata zu applizieren. Sie müssen deuten, wählen, entscheiden und sich spezielle Dramaturgien und Inszenierungstechniken aneignen, um in der sozialen Lebenswelt bestehen zu können. Der Autor geht davon aus, daß die Grundsituation der Interaktion von Menschen durch Konkurrenzsituationen gekennzeichnet ist. Die Individuen fungieren dabei als Gegenspieler. Interaktion ist einerseits interessenantagonistisch angelegt, andererseits liefert sie einen Akt der Selbstdarstellung, um Anpassungsstrategien zu bewerkstelligen. Dabei ist die Imagewahrung ein Ziel dieser skizzierten Motive und Verhaltensweisen der Selbstinszenierung. Der Konstanzer Soziologe Hans-Georg Soeffner überträgt diese Überlegungen auf die Ebene der Politik. Er konstatiert, daß die zunehmende Größe "öffentlicher Bühnen" auf denen soziales Handeln stattfindet, dazu beiträgt, daß sich die politischen Akteure sich überpersönlicher, gemeinhin anerkannter oder zumindest bekannter Formen und Typen bedienen, um das Wahlvolk von der eigenen Position zu überzeugen. Die Legitimation des politischen Handelns zeige sich demzufolge darin, politisches Handeln wirkungsvoll zu inszenieren, um politische Macht abzusichern. Politiker müssen das Kunststück fertigbringen, als Egoisten sozial zu erscheinen, als Lobbyisten dem Gemeinwohl zu dienen, als Roßtäuscher um Vertrauen zu werben und dennoch als herausragende Repräsentanten der Gesellschaft geachtet zu werden. Diese Gradwanderung zwischen normativen Ansprüchen und pragmatischem Handeln bei diesem spezifischen Berufsbild fordert die Fähigkeit, unterschiedliche Realitätsebenen auseinanderzuhalten.

Aufgrund der fachübergreifenden Ausrichtung und Themenvielfalt wundert es nicht, daß der Inszenierungsbegriff die unterschiedlichen Bedeutungszusammenhänge und Bewertungen erfährt. Dieser Terminus ist im Rahmen der politischen Berichterstattung speziell im Bundestagswahlkampf mit primär negativen Konnotationen und Assoziationen belegt worden. Speziell die Auftritte des Bundeskanzlers Gerhard Schröder wurden mit Attributen wie Spektakel, Show, Werbung, Täuschung und Manipulation assoziiert und kritisiert. Der Hauptvorwurf liegt darin, daß inhaltliche Sachaussagen zu Lasten der Darstellungs- und Inszenierungsdominanz in den Hintergrund rücken. Dieser Auffassung schließt sich Dörner an. Er vertritt die These, daß an die Stelle des Arguments in der politschen Debatte das "Impression Management" der Talkshow gerückt sei und an die Position der Nachrichten das "Infotainment" getreten sei. Als Beleg seiner These verweist er auf das Verhalten des amerikanischen Präsidenten Bill Clinton, der seine Wählerstimmen beim Musiksender MTV, durch Fersehauftritte als Saxophonspieler und mit Hilfe von prominenten Show-Größen inszeniert habe. Formen symbolischer Politikinszenierung haben auch in der deutschen Politik eine lange Tradition. Erinnert sei an dieser Stelle nur an den Kniefall Willy Brandts in Warschau oder an die sportliche Glanztat des ehemaligen Umweltminister Klaus Töpfer, der einen kurzen Rheinabschnitt durchschwamm, um auf die gute Qualität des Gewässers hinzuweisen. Solche Aktionen lassen auch Parallelen mit dem Feld der Werbung ziehen, wo Glaubwürdigkeit und Rationalität nicht an erster Stelle stehen, sondern Emotionen, um die Erregung von Aufmerksamkeit zu bewerkstelligen. Dabei werden "Traumwelten" inszeniert, die Images und Zugehörigkeitsgefühle erzeugen, die dann auf Produkte übertragen werden sollen, um das Kaufinteresse zu wecken, wie Herbert Willems in seinem Beitrag "Inszenierungsgesellschaft?" aufzeigt.

Die skizzierten negativen Bewertungsmaßstäbe im Kontext von Inszenierungsambitionen findet bei zahlreichen Autoren des Bandes bei einer differenzierteren Analyse hingegen nicht statt. Knut Hickethier und Joan Kristin Bleicher verweisen in ihrem Text "Die Inszenierung der Information im Fernsehen" darauf, daß Inszenierung in einer Darstellungsfunktion zunächst nur eine neutrale Ausrichtung besitzt, um etwas in Szene zu setzen, einem Geschehen Gestalt und Form zu geben, bzw. eine Geschichte in einen Rahmen zu führen. Die Autoren verabschieden sich in ihrer Analyse von der Auffassung, daß alle Bilder, die den Anspruch erheben, Realität wiederzugeben, dies auch tun können. Vielmehr seien Inszenierungen der Realität ein Strukturmerkmal der Medienberichterstattung.

Hubert Knoblauch rekurriert bei seiner Analyse zum Thema "Inszenierung, Performance und die Kunstfertigkeit alltäglichen kommunikativen Handelns" in bezug auf den Inszenierungsbegriff auf Facetten der besonderen Kunstfertigkeit von Alltagshandlungen. Für ihn wird damit sowohl auf eine ästhetisch-künstlerische sowie eine alltägliche Bedeutungsdimension verwiesen. Jo Reichertz versucht in seinem Beitrag "Theatralisierungstendenzen bei der (Re)Präsen-tation von 'Liebe'" in Fernsehsendungen dem Vorurteil entgegenzutreten, daß Inszenierungen automatisch mit moralisch fragwürdigen Motiven verbunden seien. Er stellt sich gegen die These, daß es sich bei Inszenierungen um plumpe Lügen, Täuschungsabsichten und Manipulationen handele, vielmehr ginge es dabei um "unhintergehbare, unverzichtbare Formen des menschlichen Ausdrucks" die sich aufgrund des Ineinandergreifens von erlernten und habituell verfügbaren Handlungsroutinen herausgebildet hätten.



Fazit

In den Beiträgen des von Herbert Willems und Martin Jurga herausgegebenen Bandes "Inszenierungsgesellschaft" werden interessante und fächerübergreifende Perspektiven einer Gesellschaft reflektiert, wo neben der Sach- und Inhaltsebene von Themen gerade im Medienzeitalter die Darstellungsebene mit ihren spezifischen Inszenierungsformen immer bedeutender wird, um Aufmerksamkeit und Zustimmungsfähigkeit zu erreichen. Die jeweiligen Mechanismen und Strategien theatraler Elemente werden in zahlreichen Beiträgen dieses Buches adäquat vermittelt. Insofern wird dem interessierten Leser aus ganz unterschiedlichen Perspektiven die Möglichkeit gegeben, sensibel auf die Differenz zwischen Form und Inhalt zu reagieren und Defizite auf der Inhaltsebene zu erkennen, die ggf. durch die Inszenierungsform verschleiert werden sollen.



Christian Schicha




Kubicek, Herbert u.a. (Hrsg.): Lernort Multimedia. Jahrbuch Telekommunikation und Gesellschaft 1998, Bd. 6 mit Diskette. Heidelberg (R. v. Decker) 1998, 470 Seiten,

98 DM.



Lebenslanges Lernen in der Multimedia-Gesellschaft



In mehr als 50 Einzelbeiträgen beschäftigt sich das "Jahrbuch Telekommunikation und Gesellschaft 1998" mit den Rahmenbedingungen und den möglichen Folgen des Einsatzes neuer Informations- und Kommunikationstechnologien in unterschiedlichen Bereichen des institutionellen und des alltäglichen Lernens. Der seltsam anmutende Titel "Lernort Multimedia" markiert die Differenz zwischen der örtlich gebundenen und mit großen Baukosten verbundenen Bildungsbürokratie und den immer stärker von zeiträumlichen Vorgaben entkoppelten Bildungsangeboten. Er markiert damit zugleich

die sich immer schärfer abzeichnende Konkurrenzsituation, der sich die etablierten Orte des institutionalisierten Lernens (Schule, Hochschule, berufliche Bildung) durch kommerzielle Angebote ausgesetzt sehen.

In einer Zeit, in der insbesondere das Schulsystem als staatlicher Bildungsapparat hinsichtlich seiner Effektivität in die Kritik geraten ist (Stichwort: TIMS-Studie) und hinsichtlich seiner Effizienz in seinen Strukturen mit Wirtschaftsunternehmen verglichen wird, verspricht das Zauberwort "Multimedia" eine Zukunft des Lernens, die auf die Eigenverantwortlichkeit des einzelnen setzt und dort, wo dies noch nicht der Fall sein kann, das Prinzip des eigenständigen Lernens als didaktisches Ziel des Unterrichts definiert.

"Multimedia" - das bedeutet die Verknüpfung von Texten, Tönen, bewegten und unbewegten Bildern zu einem Dokument eigener Art. Von einer Konvergenz der bekannt-vertrauten Medien Fernsehen, Radio, Computer und Telefon ist die Rede und es verblüfft kaum noch, daß angesichts dieser mehr als wahrscheinlichen Zukunftsperspektiven für die meisten der in diesem Sammelband vertretenen AutorInnen der Einsatz der neuen IuK-Technologien in Bildungseinrichtungen deshalb zu einer Art eierlegender Wollmichsau wird, die es schnellstmöglich - um im Bild zu bleiben - mit entsprechenden Finanzspritzen 'zu mästen' gilt. Dabei gilt als ausgemacht, daß multimediales Lernen besseres Lernen bedeutet. Die zu diesem Thema vorliegenden Forschungsergebnisse sind allerdings keineswegs eindeutig, sondern geprägt von organisatorischen Einflüssen (weniger Frontalunterricht, mehr Projektphasen etc.), die in ihren Wirkungen von den Effekten der Implementation neuer Medien in Unterrichtszusammenhänge nicht sauber zu trennen sind.

Gerade diese als positiv beschriebenen Veränderungen im Unterrichtsalltag sind in der Bildungslandschaft der Bundesrepublik (noch) eher die Ausnahme denn die Regel. Die Gatekeeper des curricularen Wissens, die Lehrer, bilden in vielen Szenarien das Nadelöhr, an dem sich der Erfolg oder das Scheitern des neuen Lehren und Lernens erweisen muß (Schulz-Zander; Reinmann-Rothmeier/Mandl; Tulodziecki). Nur wenn es gelingt, hier sind sich alle AutorInnen einig, diese Gruppe der Wissensvermittler zu motivieren und mobilisieren, kann z.B. die Integration des Internet als multimedial ausgerichtetes Medium in den Schulunterricht auf Dauer erfolgreicher verlaufen als der ehemals vielumjubelte Einsatz der Sprachlabore. Grundbedingung hierfür ist eine bediener- und fehlerfreundliche Installation und Konfiguration von Hard- und Software sowie rechtsstaatliche Sicherheit beim Einsatz dieser 'neuen' Technologien (Bizer; Hoeren).

Dies gilt für alle Schulformen und Schulfächer gleichermaßen, da sich - und hier sind alle AutorInnen sich einig - der Einsatz multimedialer Lernsysteme nicht auf ein einzelnes Schulfach oder einen speziellen Computerraum sinnvoll begrenzen läßt. Demzufolge scheint nicht wenigen der allgegenwärtige Einsatz der neuen IuK-Technologien in der Schule didaktisch zwingend und die Forderung nach einer Verankerung dieser Techniken in Schulentwicklungspläne und Curricula nur konsequent, nicht zuletzt um soziale Ungerechtigkeiten in der Ausstattung von Schulen zu vermeiden (Kubicek/Breiter). Erst diese Art Verankerung schaffe die Basis für eine umfassende Ausstattung der Schulen mit entsprechenden multimediafähigen Rechnern und deren Vernetzung.

Wer sich ein Bild über die Folgekosten dieser Entscheidung machen möchte, findet im Beitrag von Kubicek und Breiter das entsprechende Zahlenmaterial. Spätestens an dieser Stelle dürfte auch dem letzten Leser klargeworden sein, daß es sich um Investitionen von bisher ungeahnten Ausmaßen handelt, die aus Steuermitteln alleine kaum zu bestreiten sind. Es ist deshalb auch wenig verwunderlich, daß die Initiative "Schulen ans Netz" mit ihrem Modell einer Public-Private-Partnership von Staat, Ländern und Kommunen zusammen mit privaten Investoren 'nur' eine Art Vorreiterrolle für das gesamte Bildungssystem spielt (Drabe; Behler).



Beispiel: Hochschule

Die weiter voranschreitende Ökonomisierung des Bildungswesens macht auch vor den Hochschulen nicht halt. Die desolate Situation an Deutschlands Hochschulen (übervolle Hörsäle, Gedränge bei Sprechstunden etc.) dient z.B. einem Kreuz- und Querdenker wie Peter Glotz zu den schönsten Rationalisierungsträumen (Profilbildung durch Streichung von Fachbereichen, Online-Seminare, Sprechstunden per eMail). Gängige Realität ist dies Szenario z.B. an der Fernuni Hagen, wo vor kurzem die 100 Prüfung per Video-Übertragung abgenommen wurde. Und weil dies alles nicht ganz kostenfrei zu haben ist, gilt es, die "Nulltarif-Mentalität" im Bildungswesen zu überwinden. Bildung muß, so Glotz vor Vertretern eines Computerunternehmens, zu einem hochgeschätzten Investitionsgut werden, für das der Bürger gerne zahlt (sofern er zahlen kann!). Bildung, das hatte der ex-designierte Wirtschaftsminister Jost Stollmann - selbst in der Computerbranche erfolgreich - richtig erkannt, ist ein Wachstumsmarkt von ungewöhnlichem Ausmaß. Die weltweit aktiven Medienkonzerne, zu denen neben Telekom und Microsoft u.a. Bertelsmann und Siemens gehören, haben dies ebenfalls erkannt.

Umso erstaunlicher ist, daß Herbert Kubicek stellvertretend für die Herausgeber in seinem Vorworzt davon berichtet, wie schwer es war, diesen voluminösen und facettenreichen Band über einen sich etablierenden Zukunftsmarkt überhaupt zu finanzieren. Die von Siemens und der Bertelsmann Stiftung finanzierten Anzeigen am Ende des Buches haben leider nicht verhindern können, daß dieses sorgfältig editierte und mit einem umfangreichen Stichwortverzeichnis versehene Jahrbuch für viele Interessenten mit einem Preis von 98 DM unerschwinglich teuer wurde. Man kann dies nur bedauern, weil es sich trotz aller - scheinbar unvermeidlichen - Technikeuphorie vieler Beiträge um einen wichtigen Beitrag zur Zukunft des Bildungssystems handelt. Wer sich das Buch nicht leisten kann, aber Zugang zum Internet hat, kann sich unter der Adresse http://www.jtg-online.de über die Online-Version des Jahrbuchs an der aktuellen Diskussion beteiligen.



Thomas Langkau