Das Internet im Unterricht

an berufsbildenden Schulen



Volker Wiehe





In diesem Artikel sollen die Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, die ein Bestandteil meiner Examensarbeit zum o.a. Thema war, kurz dargestellt werden. Ausgangspunkt der Untersuchung war die Frage, ob und in welcher Form das Internet in der Berufsschule bereits eingesetzt wird. Hierdurch sollte ein Einblick in die praxisbezogenen Anwendungen des Internet im Kontext beruflicher Bildung gegeben werden. Im März 1997 habe ich deshalb eine Befragung mittels Fragebogen an im WWW mit eigener homepage vertretenen berufsbildenden Schulen durchgeführt.

Unter den in Frage kommenden Befragungsmedien wurde die schriftliche Befragung mittels Email gewählt. Dabei ergab sich neben einer Zeit- und Kostenersparnis auch der Aspekt der Nutzung der neuen Kommunikationstechnik. Die praktische Durchführung der Untersuchung stellt eine Form der schulbezogenen Anwendung des Internet dar.



Eine auf Repräsentativität abzielende Untersuchung im Internet kann in der Regel nicht durchgeführt werden. Das Internet ist ein dezentrales Netzwerk. Es besteht aus Tausenden von Einzelnetzwerken, die sich aus weiteren Teilnetzen zusammensetzen können. Aufgrund dieser dezentralen Struktur haben Schulen die Möglichkeit über die Vielzahl der Einzelnetzwerke (etwa über den Gastzugang an einer Universität) in das Internet zu gelangen. Auch existiert kein Gesamtverzeichnis aller Nutzer. Eine exakte Angabe der Grundgesamtheit der an das Internet angeschlossenen bzw. nutzenden Schulen ist somit nicht möglich.

Die Gesamtheit aller Berufsschulen, die das Internet im Unterricht nutzen, wäre die größtmögliche Zielpopulation. Als Teilpopulation wurden in dieser Befragung die berufsbildenden Schulen in Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein ausgewählt, die im März 1997 im WWW mit eigener homepage vertreten waren. Insgesamt waren nach Angaben des Deutschen Bildungsservers insgesamt 39 berufsbildende Schulen im Internet. Von diesen 39 Schulen hatten jedoch zwei keine eigene homepage bzw. waren unter der angegebenen Adresse nicht erreichbar. Es wurden also 37 Schulen angeschrieben, insgesamt zwanzig verwertbare Fragebögen kamen zurück.



"Der Nutzen von Netzumfragen ist darin zu sehen, daß mit vertretbarem Aufwand empirische Informationen gewonnen werden, die - solange repräsentative Daten fehlen - reinen Spekulationen in jedem Fall vorzuziehen sind."



Im Sinne dieser Aussage ist die hier vorliegende Befragung zu sehen. Sie ist nicht als repräsentativ, sondern als exemplarisch zu betrachten.

Ergebnisse der Befragung



Nachfolgend wird auf einige der im Fragebogen enthaltenen Fragenblöcke eingegangen.





Fragen zur technischen Ausstattung



Von den 20 Schulen haben sieben Schulen nur einen PC mit dem man ins Internet gelangen kann. Vier Schulen besitzen eine Anzahl von zwei bis fünf PC mit denen sie in das Internet gelangen können. Einer Schule stehen sieben PC zur Verfügung und insgesamt besitzen acht Schulen mehr als zehn PC mit Internet-Zugang. Bemerkenswert hierbei ist eine Schule mit 120 Schülern und neunzig internetfähigen PC.



Die Computer stehen in 15 Schulen in eigenen Räumen, zumeist einem Informatikraum. Bei fünf Schulen sind die PCs auf mehrere Räume verteilt, in der Schule mit insgesamt neunzig PC steht in jedem Klassenraum mindestens ein Computer.

Die Wartung der technischen Anlagen übernehmen in fast allen Fällen ausschließlich Lehrkräfte. Nur in einem Fall übernehmen Lehrer und Schüler gemeinsam diese Aufgabe. Hier könnten durch eine verstärkte Zusammenarbeit von Lehrern und Schülern beide Seiten von den Erfahrungen des anderen profitieren. Gleichzeitig könnten so die den Internet Zugang betreuenden Lehrer entlastet werden, da der Zeitaufwand dafür von vielen Befragten als sehr groß angesehen wird. So übernimmt an einer Schule eine Internet-AG die Pflege des Zugangs. Lehrer und Schüler können so gemeinsam die Möglichkeiten der Nutzung ausbauen.





Die pädagogischen Ziele



Als pädagogische Ziele der Arbeit mit dem Internet wurden folgende genannt (Mehrfachnennungen waren möglich):



  • die Förderung der Kommunikation mit anderen
15
  • die Vorbereitung auf die zukünftige Arbeitswelt
12
  • eine Einführung in neue Medien
7
  • die Entwicklung einer Medienkompetenz
5
  • eine interkulturelle Erziehung
4
  • die Vorbereitung auf die Informationsgesellschaft
4
  • die Förderung der Sprachkompetenz
1
  • die Einführung neuer Formen des Lehrens und Lernens
1


Bei nahezu allen Nennungen zu den pädagogischen Zielen wird deutlich, daß die Lehrer von einer sich verändernden Gesellschafts- und Arbeitswelt ausgehen, in der die Telekommunikation an Bedeutung gewinnt.



Die Nutzung des Internet als neuen Weg des Lehrens und Lernens anzusehen, wurde nur einmal genannt. Ein Schulleiter schrieb:

"Vielleicht kann der Anfang gemacht werden mit einer neuen Art des Lernens (selbstbestimmt, handlungs- und problemorientiert, Lehrer nur noch als Moderator). Ob ich das aber mit meiner jetzigen "überalterten Mannschaft" schaffe, ist zu bezweifeln."





Zur Nutzung im Unterricht



Hier ist positiv festzustellen, daß bei dem überwiegenden Teil der Schulen das Internet im Unterricht zum Einsatz kommt. Die Frage, ob das Internet im Unterricht genutzt wird, beantworteten 17 Schulen mit ja, drei Schulen mit nein.

Weiterhin ist als positives Ergebnis die Vielzahl der Fächer anzumerken, bei denen die neuen Technologien benutzt werden. Es wurden nicht

nur die "klassischen" Unterrichtsfächer wie Informatik und EDV genannt. Neben diesen jedoch weiterhin dominierenden Fächern kommt das Internet auch in Fächern wie Politik und Deutsch zum Einsatz.

Abbildung 1: Fächer, in denen das Internet im Unterricht an Berufsschulen genutzt wird



Dabei wird das Internet benutzt um:

  • Informationen aus Datenbanken und anderen Quellen zu beschaffen




15
  • Electronic-Mail durchzuführen
13
  • Ergebnisse des Unterrichts in Datenbanken einzubringen


2
  • Ergebnisse des Unterrichts zu veröffentlichen


7
  • Planspiele durchzuführen
1
  • eine Schülerzeitung zu veröffentlichen.


1


Der zeitliche Anteil, den die Nutzung des Internet am jeweiligen Fachunterricht hat, wird dabei in 19 Fällen als gering (unter 5%) eingestuft. In der Schule mit neunzig PC wurde er mit ca. 15 % beziffert.



Als vorherrschende Aktionsform des Unterrichts wird die Gruppenarbeit elfmal, die Partnerarbeit viermal und der Lehrervortrag zweimal genannt.



Die Antworten zeigen vor allem ein wichtiges Ergebnis: Das Internet wird in nur sehr geringem zeitlichem Umfang, dann hauptsächlich zur Informationsbeschaffung, genutzt. Das dabei Gruppenarbeit als Unterrichtsform dominiert, ist auf die oft geringe Anzahl an Computern zurückzuführen. Die geringe Anzahl der zur Verfügung stehenden PC mag weiterhin auch Ursache sein für die geringe zeitliche Nutzung. Eine spontane Nutzung von "online-Quellen" ist dadurch in der Regel nicht möglich, da die wenigen PC sich meist in einem eigenen Computerraum befinden. Diese Hypothese wird dadurch unterstützt, daß die Schule mit der größten Anzahl an "Internet-Computern" den höchsten zeitlichen Anteil am Fachunterricht angab.



Ein fächerübergreifender Unterricht findet in sechs Schulen statt, vornehmlich bei der Arbeit im Lernbüro.



Eine Kommunikation mit anderen Schulen betreiben elf der Schulen mittels Email. Eine Kommunikation mit den Ausbildungsbetrieben mittels Email findet nur in einer Schule statt. Die Kommunikation mit den Ausbildungsbetrieben via Internet spielt demzufolge z.Zt. eine noch eher untergeordnete Rolle. Ein Lehrer beantwortete die Frage, ob es eine solche Kommunikation gebe, mit einem "Nein" und dem Zusatz: "die sind noch lange nicht soweit". Vier der Befragten ergänzten, daß eine solche Kommunikation geplant sei.



Das technische Medium Internet ermöglicht theoretisch die aktive wie auch passive Nutzung. Von den Schulen werden beide Möglichkeiten in Anspruch genommen. Als aktive Formen der Nutzung werden Ergebnissen des Unterrichts im Internet veröffentlicht sowie eine Kommunikation mittel Email betrieben. Im Rahmen der passiven Nutzung werden Informationen aus Datenbanken beschafft.





1. Fragen zur Aus- und Weiterbildung der Lehrkräfte



Schulungen zum Thema Internet wurden in zehn Fällen innerhalb des Kollegiums durchgeführt. Weiterhin gaben vier der Befragten an, Einführungen im Rahmen von Lehrerfortbildungen besucht zu haben, sie sahen keinen Bedarf für weitere Schulungen. In vier Fällen gab es keinerlei Fortbildungen.



Einen Bedarf an Weiterbildungsmaßnahmen sahen demzufolge 16 der angesprochenen Lehrer. Als Themen nannten sie:



Die oft geäußerte Behauptung, daß es für die Nutzung des Internet im Unterricht an didaktischen Konzepten fehle, scheint sich hier zu bestätigen. Abhilfe könnten hier Lehrerfortbildungen schaffen, die diese Kenntnisse vermitteln. Eine interne Schulung innerhalb des Kollegiums kann dies offenbar nicht. Die vier Befragten, die keinen weiteren Bedarf für Fortbildungen sahen, kamen aus Hamburg. Daraus kann gefolgert werden, daß die dortigen Lehrerfortbildungen den Bedürfnissen der Lehrenden angepaßt sind.





1. Persönliche Angaben



Nach ihrer Einschätzung bezüglich der Chancen und Risiken der Internet-Nutzung im Unterricht befragt, nannten sie:

als Risiken:

als Chancen:

Auffällig ist, daß häufig keine Angaben zu Risiken gemacht wurden. Dies mag darin begründet sein, daß die Einbringung des Internet in den Unterricht in einer Art "Aufbruchstimmung" geschieht. Die damit verbundenen Probleme und Risiken wie z.B. Jugendschutz, Datensicherheit, ein verändertes Kommunikationsverhalten, mögliche Vereinsamung nur in geringem Maße Beachtung finden.



Als Resümee der Befragung kann zusammenfassend festgehalten werden, daß es den Schulen oft an der notwendigen technischen Ausstattung mangelt. Ein PC mit Zugang zum Internet erscheint als zu wenig für einen sinnvollen Einsatz im Unterricht, bei Klassenstärken von oft bis zu dreißig Schülern.



Will man die Einbeziehung des Internet nicht nur auf die Fächer Informatik und EDV beschränken, so PC mit Internet-Anschluß nicht nur im Informatik-Raum der Schule aufgestellt werden. Die Schule mit der höchsten Anzahl an PC mit Internet-Zugang und der Verteilung dieser PC auf alle Klassenräume nutzte das Internet in fast allen Unterrichtsfächern. Um alle Schulen mit einer ausreichenden Anzahl an Internet PC auszustatten, kann man angesichts leerer Kassen in den öffentlichen Haushalten nur auf die Hilfe von Sponsoren aus der Wirtschaft hoffen. In dieser möglichen Einflußnahme auf das Schulwesen liegt die Gefahr einer "Zwei Klassen Gesellschaft". Sponsoren finden sich eher in wirtschaftlich stärkeren Regionen und oftmals nur für solche Schulen in denen potentielle Käufer ihrer Produkte der Computerindustrie unterrichtet werden. Schulen in wirtschaftlich schwächeren Regionen sowie Berufs-, Haupt- und Realschulen könnten ins Hintertreffen geraten.



Die von den Befragten genannten pädagogischen Ziele verdeutlichen, daß die Lehrenden von einem stärker werdenden Einfluß neuer Technologien auf die zukünftige Arbeitswelt ausgehen. Um diese pädagogischen Ziele didaktisch umsetzen zu können, fehlt es jedoch vielen an den notwendigen Konzepten. Die Schulungen der Lehrer in Hamburg können hier als Vorbild dienen, da sich die Befragten aus diesem Bundesland als ausreichend geschult ansahen.



Bildungspolitiker haben die Notwendigkeit der Heranführung der Schüler und Lehrer an die neuen Medien erkannt. Die Aktion "Schulen ans Netz" ist ein erster Schritt, die neue Technologie in die Lehranstalten zu bringen. Doch neben der technischen Ausstattung der Schulen mangelt es weiterhin an einer Integration der neuen Medien in den Lehrpläne. Auf die schriftliche Anfrage beim niedersächsischen Kultusministerium nach Studien zum Wandel der Schulen im Zeitalter von Multimedia wurde folgendes geantwortet:

"(...) im Bereich Multimedia werden die Gesetze des Handelns von der Technologie vorgegeben. Jegliche Art von Studien wären bei ihrer Veröffentlichung überholt."

Inwiefern die Erkenntnisse der bisher in Niedersachsen durchgeführten Modellversuche

zur Integration neuer Technologien in der Schule zukünftig berücksichtigt werden, kann nicht beantwortet werden. Konkrete Pläne für eine stärkere Einbindung scheinen nicht vorzuliegen. Die Verankerung neuer Technologien in den Lehrplänen und die Schulung der Lehrer auf diesem Gebiet sind, so hat es auch die empirische Untersuchung gezeigt, weitere Bedingungen für den Einsatz des Internet im Unterricht.



Abschließend ist festzustellen, daß das Internet sicherlich nicht die Lösung für viele berufsschulische Probleme ist, wie etwa die mangelnde Kommunikation zwischen Schule und Betrieb. Die Integration in die Berufsschule kann jedoch Schule, Lehrer und vor allem Schüler auf die zukünftige Arbeitswelt vorbereiten.