Risiko Elektrosmog - Anlaß zu einem Fazit?



Bernd Wagner





Die Debatte um die Risiken des Elektrosmogs erhitzte in den vergangenen Jahren die Gemüter. War diese Risikodebatte seit den siebziger Jahren lediglich ein Thema von fachspezifischen Diskussionen, erreichten diese Auseinandersetzungen zu Beginn der neunziger Jahre hierzulande auch die Aufmerksamkeit einer größeren Öffentlichkeit. Ausgelöst durch einige aufsehenerregende Studien waren die Risiken des Elektrosmogs zunehmend als ein neues gesundheitliches Gefahrenpotential angesehen worden und wurden teils sogar als Erklärungsprinzip für eine Vielzahl unspezifischer Gesundheitsbeschwerden herangezogen. Sensationsorientierte Aufmachungen in den Medien, eine vielfach unseriöse Darstellungsweise in der populärwissenschaftlichen Literatur, aber auch die Komplexität und Unübersichtlichkeit der Problematik trugen das ihre dazu bei, daß in der Allgegenwärtigkeit der physikalischen Wellen und Felder ein spezifisches neues Risikopotential wahrgenommen wurde. Mittlerweile haben sich die Wogen der Diskussion geglättet, ohne daß bei den entscheidenden Differenzen Einigkeit erzielt worden wäre. In den Medien werden die Risiken des Elektrosmogs nur noch vereinzelt thematisiert. Seit Anfang 1997 ist eine gesetzliche Grenzwertfestlegung in Kraft getreten, welche eine Angleichung an die seit 1989 bestehende internationale IRPA-Norm darstellt. Es scheint, als sei mit dieser Regelung eine Beruhigung in die öffentliche Debatte eingetreten.



Ist damit ein Anlaß gegeben zu einem Fazit, wonach ein Schlußstrich unter eine Diskussion gezogen werden kann innerhalb derer sich die Risiken des Elektrosmogs als weit überschätzt beurteilen lassen? Einer solchen Einschätzung müßte entgegengehalten werden, daß sich an den grundlegenden Konfliktpunkten in der Einschätzung des Elektrosmogs nichts geändert hat. Denn wenn auch mit der neuen Grenzwertsetzung eine Senkung verbunden ist, stellt diese Reduzierung noch keine Neuorientierung in der Risikoeinschätzung des Elektrosmogs dar: Die Grundlage für die neue Festlegung bildet weiterhin allein eine Orientierung an thermischen Effekten. Weiterhin unberücksichtigt bleiben damit mögliche athermische Wirkungen, von denen jedoch auch immer noch keine ausreichende wissenschaftliche Erklärungsgrundlage aufweisbar ist. Auch wenn viele ernsthafte Studien athermische Wirkungen elektrischer und magnetischer Einflüsse auf den menschlichen Organismus nahelegen, so ist durch ein fehlendes kausales Wirkungsmodell die mögliche gesundheitliche Beeinträchtigung nur äußerst schwierig abzuschätzen, und - so die Gegner einer weiteren Reduzierung der Grenzwerte - eine Orientierung auf einer solch zweifelhaften Grundlage könne dementsprechend auch nicht als Grundlage für eine Grenzwertorientierung dienen.

Fraglich ist allerdings, ob die damit implizierte Risikoorientierung akzeptabel ist. Denn unabhängig davon, ob die gegenwärtigen wissenschaftlichen Erklärungsmöglichkeiten ausreichend sind, um eine allgemeine Akzeptanz zu erreichen, sind die Hinweise auf mögliche Risiken zu zahlreich, um beim Elektrosmog von einem bloßen "phantom risk" auszugehen. Eine ungefähre Abschätzung des Risikos von Krebserkrankungen durch magnetische Feldeinflüsse ist derzeit - wenn auch noch umstritten - durch die bisherigen epidemiologischen Studien zum Leukämierisiko (bes. die großangelegte Untersuchung der schwedischen Forscher Feychting und Ahlbom von 1992) in der Umgebung von Hochspannungsfreileitungen möglich. Während bei Erwachsenen nur eine sehr geringe Zunahme des Risikos festzustellen war, liegt der Risikofaktor für Kinder bei einer magnetischen Feldstärke von 0,2 Mikrotesla bei 2,7 und steigt oberhalb von 0,3 Mikrotesla auf einen Risikofaktor von 3,8. Eine Vielzahl von Studien zum Zusammenhang zwischen Elektrosmog und Krebserkrankungen verschiedenster Art weisen allerdings immer noch sehr widersprüchliche Ergebnisse auf. Den Ergebnissen zu einem erhöhten Leukämierisiko stehen zudem die statistischen Erhebungen entgegen, wonach - trotz eines starken Anstiegs der Elektrifizierung in den letzten Jahrzehnten - die Rate der Leukämierisiken insgesamt abnimmt. Weitere Hinweise scheinen allerdings die Zusammenhänge zwischen der Häufigkeit von Krebserkrankungen und der Arbeit in elektrischen Berufen darzustellen, sowie folgende in Laborexperimenten festgestellte Effekte durch niederfrequente Feldeinflüsse im athermischen Bereich:



Diese Effekte wurden durch niederfrequente Feldexpositionen hervorgerufen, wie sie im alltäglichen Umfeld anzutreffen sind. Völlig ungeklärt sind zudem sogenannte "Fenstereffekte" (d.h. mögliche Effekte, welche nur bei ganz bestimmten Frequenzen einen Einfluß auf den Organismus ausüben), sowie synergetische Wirkungsweisen im Zusammenhang mit anderen Umwelteinflüssen und Langzeiteffekte. Auch wenn dem wissenschaftlichen Erklärungsvermögen für diese Phänomene derzeit noch Grenzen gesetzt sind, ist es nicht unwahrscheinlich, daß durch verifizierbare und reproduzierbare kausale Erklärungsmodelle einige der bislang noch nicht erklärbaren Effekte schlüssig mit den Einflüssen des Elektrosmogs in Verbindung gebracht werden können. Das Fehlen eines zureichenden Erklärungsmodells darf hier nicht mit dem Fehlen von Wirkungen verwechselt werden. Daß eine solche Position im Bereich Elektrosmog nicht allzu spekulativ ist, dagegen sprechen eine Anzahl von seriösen Forschungsergebnissen.



In bezug auf athermische Wirkungsweisen kann nun angesichts der gegenwärtigen wissenschaftlichen Lage streng genommen nicht von einem Risiko gesprochen werden, sondern viel mehr von einer Situation der Unsicherheit, da ein genaueres Schadensrisiko gar nicht abgeschätzt werden kann. Nimmt man die bislang einer exakten wissenschaftlichen Klärung nicht zugänglichen Effekte als Hinweise ernst, so ist es jedoch durchaus plausibel, eine eher risikoaversive Orientierung anzustreben, welche mit einem vorbeugendem Gesundheitsschutz verbunden wäre. Das hieße jedoch nicht, daß mit einer solchen Orientierung auch derart weitgehende Grenzwertvorschläge verbunden wären, wie sie etwa von verbraucherkritischen Instituten - z.B. dem Katalyse-Institut - gemacht wurden. Entsprechende Abschätzungen der Kosten für eine weitere Reduzierung der Grenzwerte auf bis zu 0,2 Mikrotesla bei niederfrequenten magnetischen Feldern würden schnell Kosten in zweistelliger Milliardenhöhe ergeben. Ob solche hohen Aufwendungen bei einem unsicheren Wissensstand tragbar ist, erscheint mir als sehr zweifelhaft. Denn eine Risikoabwägung kann sich nicht ausschließlich an einer Minimierung der gesundheitlichen Risiken orientieren, sondern muß sorgfältig die Kosten und Nutzen von Reduzierungsmaßnahmen beurteilen (entsprechend kann eine Reduzierung der Fahrgeschwindigkeit bei Autos auf 100 Stundenkilometer sinnvoll diskutiert werden, eine Reduzierung auf 10 Stundenkilometer schon sehr viel weniger). Eine solche Beurteilung muß entsprechend auch berücksichtigen, ob die Aufwendungen für die Begrenzungen des Elektrosmogs als einem möglicherweise nur kleinen Risiko angemessen wären. Verbunden mit einer umfangreichen Risikoabwägung wäre zudem ein Vergleich mit anderen Risikobereichen, denn die alleinige Feststellung eines Risikos reicht für sich nicht aus, sondern muß auch im Vergleich zu anderen Risikoarten gesehen werden, um eine sachliche, d.h. verhältnismäßige Beurteilung zu ermöglichen. Eine umfassende Risikoeinschätzung, welche in einer interdisziplinären Ausrichtung die Risikoaspekte des Elektrosmogs abwägt, steht allerdings immer noch aus.







Damit kann unter die Debatte um den Elektrosmog kein Fazit gezogen werden, sondern vielmehr eine Zwischenbilanz: Vor-erst erscheinen die gegenwärtigen Grenzwerte als durchaus vertretbar, allerdings sollte dies nicht eine vorschnelle Beruhigung darstellen und davon abhalten, weiterhin intensive Forschung nach möglichen Wirkungszusammenhängen zu betreiben. Und unabhängig von den jetzigen Grenzwerten, wäre es durchaus ratsam, zusätzlich die Strategie einer "klugen Vermeidung" zu verfolgen, d.h. Emissionen zumindest da zu vermeiden, wo sie als unnötige Belastungen auftreten.