Bericht von der Tagung der

"Initiative Nachrichtenaufklärung - Die vernachlässigten Nachrichten 1998"

vom 7.12.1998 in Siegen



Dr. Christian Schicha



Zur Initiative

Als Vorbild der bundesdeutschen "Initiative Nachrichtenaufklärung" fungiert das amerikanische "Project Censored", das seit mehr als 20 Jahren die Berichterstattung in den USA verfolgt. Dort werden jährlich eine Liste von 25 Themen veröffentlicht, die trotz enormer Relevanz für die Bevölkerung durch das Raster der journalistischen Berichterstattung gefallen sind.



Die deutsche Variante

Nachrichtenaufklärung wurde im Mai 1997 gegründet, um einmal im Jahr eine Rangliste der zehn wichtigsten in den Medien der Bundesrepublik Deutschland vernachlässigten Nachrichten zu veröffentlichen. Auf der Basis der eingereichten Vorschläge entscheidet eine Jury der Initiative über eine Rangliste der Top-Ten-Themen und -Nachrichten, die ihrer Meinung nach stärkerer Aufklärung bedürfen. Zur Jury gehören neben einigen Tagungsteilnehmern u.a. die Leiterin der Evangelischen Journalistenschule Imme de Haen aus Berlin, Jürgen Bischof als Vorsitzender der Deutschen Journalistenunion/dji in der IG Medien aus Hamburg sowie der Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Wolfgang Langenbucher von der Universität Wien. Im Dezember 1997 veröffentlichte die Initiative ihre erste Liste von Themen und Nachrichten, die im Rahmen der Berichterstattung - aus der Perspektive der Initiative - nicht adäquat gewürdigt worden sind. Die Jury wählte auf Platz 1 das Thema "Die Demokratie der 3,8 Prozent", da genau dieser Anteil der wahlberechtigten Bürger in der Bundesrepublik Mitglieder der im Bundestag vertretenen Parteien sind. Trotz dieses geringen Anteils sind eine Vielzahl öffentlicher Ämter mit dieser statistischen Minderheit von Parteimitgliedern besetzt, die aufgrund ihrer Parteizugehörigkeit über einen breiten Einfluß verfügen.



Zur Tagung

Die leider nur spärlich besuchte Tagung begann mit einer Einführung des Gastgebers Prof. Peter Ludes zum Thema "Kollektive Vernachlässigung". Er wies darauf hin, daß die Politikberichterstattung aufgrund ihrer ritualisierten Darstellungform in den Medien nach wie vor dominierend ist, während Themen aus der Wirtschaft und Wissenschaft, die sich nicht so "leicht" vermitteln lassen, eine nur unzureichende Berücksichtigung in den Medien erlangen.

Die Dominanz der politischen Berichterstattung mit Techniken der Medienpersonalisierung, dem stereotypischen Gebrauch von fernsehadäquaten Formaten zur Aufmerksamkeitsgewinnung führe - so die Kritik von Ludes - schließlich dazu, daß das Massenmedium zunehmend zu einem "Desorientierungsmittel" avanciere.

Prof. Dr. Horst Pöttker vom Institut für Journalistik der Universität Dortmund skizzierte in seinen Ausführungen die Kriterien, die er im Rahmen seines Projektseminars zusammen mit Studierenden entwickelt hat, um eine Liste der vernachlässigten Themen und Nachrichten zu erstellen. Dazu gehören die gesellschaftliche Relevanz, der "Grad" der Vernachlässigung, die Professionalität der journalistischen Recherche und die daraus resultierende Zuverlässigkeit der Information.

Als Gründe für die Vernachlässigung von Themen und Nachrichten nannte er spezifische Einflüsse und Interessen von Institutionen außerhalb des Mediensystems, medienlogische Faktoren im Hinblick auf Selektionskriterien sowie "Gesetzmäßigkeiten" der öffentlichen Kommunikation in bezug auf die Aufbereitung komplexer Sachverhalte.

Der Vorsitzende des Deutschen Journalistenverbandes Dr. Hermann Meyn machte in seinen Ausführungen zunächst auf Einflüsse der Werbeindustrie in Hinblick auf die Berichterstattung in Tageszeitungen und politschen Magazinen aufmerksam. In seinen Bemerkungen zur Auslandsberichterstattung verdeutlichte er, daß Zensur und Sensationalismus die Berichte aus aller Welt in vielen Fällen mehr prägen, als eine fundierte und wahrheitsgemäße Darstellung von Ereignissen und Sachverhalten. In der sich anschließenden Diskussion wurde bemängelt, daß die Reflexion der journalistischen Arbeit durch die Journalisten selbst im ganzen nur unzureichend erfolge.

Die Leiterin der Hamburger Journalistenschule Gruner und Jahr/DIE ZEIT, Ingrid Kolb, zeigte in ihrem Vortrag "Redaktionen auf dem Prüfstand. Wer bestimmt die Themen?" auf, daß 70% der in den Medien anzutreffenden Themen von den Journalisten nicht selbst recherchiert worden sind, sondern überwiegend von den fünf großen Nachrichtenagenturen der Bundesrepublik stammen. Von den täglich etwa 2000 Meldungen, von denen die Deutsche Presseagentur mit 600 Meldungen die Funktion eines Basisdienstes übernommen hat, werden in der Tagesschau nur etwa 12 Themen gesendet, während die Regionalzeitungen etwa 50 Themen berücksichtigen. Kolb formulierte die Befürchtung, daß Medienberichterstattung zunehmend von Inter-essengruppen instrumentalisiert und mißbraucht werde und insbesondere der Einfluß von PR-Agenturen steige. Sie beklagte Fälschungen und Manipulationen insbesondere im Rahmen der Golfkriegsberichterstattung und sieht durch die Internetrecherche neue Probleme auf die journalistische Arbeit zukommen, da dort in vielen Fällen die verantwortlichen Quellen der übermittelten Inhalte im Dunkel bleiben. Kolb plädierte in ihren Ausführungen dafür, die Interessen derjenigen deutlicher zu formulieren, die Nachrichten anbieten. Folgende Fragen sollten dabei Berücksichtigung finden:

Wer steckt dahinter?

Was soll bezweckt werden?

Wem nützt es?

Wer profitiert davon?

Warum soll das jemand wissen?

Der ehemalige Intendant des Saarländischen Rundfunks Dr. Manfred Buchwald formulierte in seinen Ausführungen mit dem Titel "Absonderliches und Abstruses - Haben Journalisten eine perverse Realitätswahrnehmung? eine Reihe provozierender Thesen, die z.T. auch in seinem lesenswerten Buch "Medien-Demokratie, Auf dem Weg zum entmündigten Bürger" von 1997 nachzulesen sind. Er beklagte die "historische Kurzatmigkeit" zahlreicher Meldungen, die häufig nur als "Fragmentsammlung" fungieren. Des weiteren kritisierte er den Einfluß der Öffentlichkeitsarbeit und der Werbung im Rahmen der journalistischen Berichterstattung. Medien seien "Herrschaftsinstrumente für neue Feudalstrukturen". Der massive Einfluß des Fernsehens auf die Meinungsbildung bezeichnete er als "modernen Menschenhandel", der in immer stärkeren Maße dem Diktat der Ökonomie zum Opfer falle. Insgesamt verliere die Kraft der Argumente in den Medien an Bedeutung, während die Kaufkraft der Rezipienten zur zentralen Richtschnur der Programmanbieter avanciere.

Prof. Dr. Rainer Geißner aus Siegen beschäftigte sich mit dem verzerrten Bild bei der "Darstellung ethnischer Minderheiten in den Massenmedien". Er kritisierte, daß die Berichterstattung von Ausländern in der Bundesrepublik überwiegend mit negativen Konnotationen der "Bedrohung" verbunden sei. Dies werde bereits im journalistischen Sprachgebrauch deutlich, wenn von "Überfremdung" oder "Asylantenflut" die Rede sei. Wünsche und Ängste von Ausländern würden hingegen nur unzureichend thematisiert. Um diese Mißstände zu beseitigen, forderte er einen Katalog für Anti-Diskriminierungsregeln, ein Programm, um die Sensibilität gegenüber der Thematik zu erhöhen und eine stärkere Repräsentation von Migranten in den Medien selbst.Als wichtigstes vernachlässigte Thema des Jahres 1998 wurde von Pöttker die Nachricht "ISDN-Telefon als Wanze: Lauschangriff auch bei aufgelegtem Hörer?" vorgestellt. Recherchen

haben ergeben, daß durch technische Manipulation die Freisprechfunktion von ISDN-Anlagen auch bei aufgelegtem Hörer aktiviert werden könne, wodurch ein Abhören möglich würde, das die Datenschutzrichtlinien aushebelt.

Auf Platz 2 der Top 10 setzte die Jury das Thema: "Das ECHELON-System: Die USA belauschen ganz Europa". Dabei wird auf ein Überwachungssystem hingewiesen, bei dem alle Telefongespräche, e-mails und Faxe kontrolliert werden können. Durch dieses System kann u.U. ein unerlaubter Eingriff in die Privatsphäre sowie Wirtschaftsspionage erfolgen.

Die weiteren zu wenig beachteten Themen der Rangliste und weitere Information zur Initiative finden sich im Internet unter: www.avmz.uni.siegen.de~in.

Es bleibt zu hoffen, daß die "Initiative Nachrichtenaufklärung Siegen" in Zukunft mehr Beachtung erfährt. Das Projekt soll auch in Zukunft fortgesetzt werden. Beiträge aus der Öffentlichkeit in Hinblick auf vernachlässigte Themen und Nachrichten sind willkommen.



Bericht der Tagung vom 3. Mainzer Medien Disput

"Wa(h)re Nachrichten-Berichterstattung zwischen Medien-Realität und Wirklichkeit" vom 26.11.1998



Dr. Christian Schicha



Prof. Dr. Bernd Guggenberger von der FU Berlin zeigte in seinem Vortrag "Die Inszenierung des Scheins - welche Öffentlichkeiten stellen die Medien her?" die Problematik der zunehmenden Ästhetisierung im Rahmen der politischen Berichterstattung auf. Dramatisierungseffekte und symbolische Politikvermittlung prägten dabei die Wahrnehmungsmuster der Rezipienten. Aufgrund dieser Entwicklung wird weniger nach Ursachen und Wirkung politischer Zusammenhänge gefragt, sondern vielmehr Eindrücke vermittelt, die sich nicht mehr adäquat einordnen lassen und nur noch unterhalten sollen.

In einem ersten "Steitgespräch über Medienrealität" stand die Frage "Kam in den Nachrichten all das vor, worüber berichtet werden sollte?" im Mittelpunkt des Interesses. Zeitungs-, Hörfunk- und Fernsehjournalisten setzten sich dabei der Kritik aus Politik, Wirtschaft und Kultur aus, deren Vertreter die Auffassung vertraten, daß insbesondere Kultur- und Wirtschaftsthemen im Rahmen der Berichterstattung nur unzureichend berücksichtigt würden. Die anwesenden Journalisten antworteten auf die Kritik, daß die Vermittlung dieser spezifischen Themen im Rahmen der geringen Zeitressourcen von Nachrichten nur schwer zu bewerkstelligen seien.

Die Frage "Versagen die Medien bei der Politikvermittlung" beschäftigte sich noch einmal mit dem Thema des Bundestagswahlkampfes. Dr. Frank Brettschneider von der Universität Stuttgart bemängelte - ähnlich wie Guggenberger - eine Tendenz hin zur Boulevardisierung, Vereinfachung und negativen Darstellung politischer Ereignisse. Der Chefredakteur der ARD aus Bonn, Hartmann von der Tann, sah die Medien in vielen Fällen als "Opfer", da sie aufgrund der Relevanz der politischen Akteure auch über deren symbolische Gesten - z.B. auf Parteitagen - berichten müssen.

Die abschließende Diskussion zum Thema "Meinungsmacher auf dem Prüfstand" beschäftigte sich mit der Frage, wie sich die Aufgaben der Journalisten im Rahmen der politischen Berichterstattung verändert haben. Der Studioleiter von RTL aus Bonn, Dr. Gerhard Hofmann formulierte gleichsam den Trend zur Boulevardisierung und kritisierte die "Kumpanei" und Abhängigkeiten zwischen Journalisten und Politikern. Hajo Schumacher als leitender Redakteur der Spiegel-Redaktionsvertretung in Berlin plädierte für eine verantwortliche Berufsauffassung der beteiligten Akteure, um wechselseitige Abhängigkeiten zu vermeiden.



Initiative: Die "Fördergemeinschaft zur Gründung einer Friedensuniversität e.V. (FGF)

Mit 1000 Mitgliedern in 45 Ländern stellt die 1991 gegründete FGF eine ambitionierte Initiative dar, die sich unter der Schirmherrschaft zahlreicher Friedensnobelpreisträger wie Dalai Lama, Nelson Mandela und Elie Wiesel die Aufgabe gestellt hat, "ein weltoffenes und geistig unabhängiges Konzept" zu entwickeln, bei dem internationale, interkulturelle und interdisziplinäre Kooperationen bewerkstelligt werden, um in Tagungen, Seminaren und Publikationen eine Themenpalette vom "Friedesjournalismus" (vgl. IKÖ-Rundbrief 20/1998, S. 11ff.) über den "Interreligiösen Dialog" bis hin zur "Erziehung zur Toleranz" zu erarbeiten. Weitere Informationen finden sich im Internet unter

http://www.peace-university.net.