DEUTSCHER VOLKSHOCHSCHUL-VERBAND E.V.

Medien und Weiterbildung:

Offenheit, Qualität und Kompetenz



Medienpolitische Erklärung

des Deutschen Volkshochschul-Verbandes



46. Mitgliederversammlung des DW, Kiel -8. Juni 1998



Die Veränderungen der Industriegesellschaft zur Wissensgesellschaft bedeuten für Erwachsenenbildung und Weiterbildung, das Prinzip des lebenslangen Lernens in all seinen Facetten und Möglichkeiten aktiv zu gestalten.



Information und Kommunikation werden künftig selbst entscheidende Produktionsfaktoren sein, die tiefgreifende Veränderungen des Arbeitsmarktes, der Berufstätigkeit, des Sozialsystems und auch des Bildungssystems nach sich ziehen. In diesem Prozeß werden Erwachsenenbildung und Weiterbildung unter den Aspekten ihrer Dienstleistungsfunktion und Kundenorientierung sowie ihrer öffentlichen Wirksamkeit unter ökonomischen Bedingungen definiert.



Rundfunk- und Telekommunikationssysteme, aber auch computergestützte und virtuelle Entwicklungen haben Auswirkungen auf die Erwachsenenbildung. Sie sind vom gesellschaftlichen Veränderungsprozeß betroffen und setzen ihren Wandel auch selbst in Gang.



Die Einführung des privaten Rundfunks vor über einem Jahrzehnt und die Etablierung der dualen Rundfunkordnung haben die Konkurrenz der Systeme und Programme des öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunks zur Folge gehabt. Konsequenzen dieser Entwicklung waren jedoch nicht nur Vielfalt der Programme und Pluralität der Meinungen, sondern es wurden auch Programme und Programmformen an den Rand gedrängt, in Spartenkanäle verlagert und ausgeschaltet, die explizit dem Bildungs- und Kulturauftrag des Rundfunks verbunden waren.



Unter dem Anspruch der Wissensgesellschaft und den Konsequenzen neuer Medien und Informationstechnologien ergeben sich aber nicht nur Folgen für die Weiterbildung, sondern auch Anforderungen der Weiterbildung an die Medien, vor allem an die Rundfunkunternehmen.



Angesichts dieser Veränderungen stellt der Deutsche Volkshochschul-Verband fest:





zur Erfüllung des kulturellen und gesellschaftlichen Auftrags



Hörfunk und Fernsehen dürfen nicht allein dem Marktkalkül und dem Quotendenken unterworfen werden. Rundfunk hat immer auch die Aufgabe, Bürgerinnen und Bürger mit Information zu versorgen, ihnen die Teilhabe am gesellschaftlichen und kulturellen Leben zu ermöglichen, ihnen Orientierung in einer immer unübersichtlicher werdenden Welt zu liefern. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist in besonderer Weise dem Gemeinwohl und der Gesamtgesellschaft verpflichtet und gefordert, Qualität als Produktionskriterium zu beachten.



Programmqualität kann nicht allein vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk eingefordert werden. Die privaten Rundfunkunternehmen müssen ihrerseits in Programmqualität investieren.



Der Deutsche Volkshochschul-Verband ist der festen Überzeugung, daß nur durch die kontinuierliche Produktion von programmqualität der Rundfunk in seiner kulturellen und gesellschaftlichen Bedeutung Bestand haben wird.



Mit der Stiftung und durch die alljährliche Verleihung des Adolf Grimme Preises sucht der Deutsche Volkshochschul-Verband die Qualitätsdiskussion über bundesdeutsche Fernsehprogramme öffentlich zu führen und Programmacherinnen und Programmverantwortliche an die gesellschaftliche Aufgabe zu erinnern, ihren Beitrag zur Aufklärung und für eine lebendige Demokratie zu leisten.





Der Deutsche Volkshochschul-Verband tritt dafür ein, daß die Medienangebote für alle Bürgerinnen und Bürger zugänglich sind. Sowohl die Rundfunk- als auch die Telekommunikationsangebote dürfen nicht nur für wenige, die in der Lage sind, für attraktive Rundfunkangebote Geld zu bezahlen, zugänglich sein. Monopole schränken die Entscheidungsfreiheit der Nutzer ein und schließen eine Vielzahl von Bürgerinnen und Bürgern von der Nutzung aus.



Gerade für die Informations- und Telekommunikationsangebote muß ordnungspolitisch der Zugang zur Grundversorgung für alle gesichert werden. Träger der Weiterbildung und insbesondere die Volkshochschulen sehen es als eine ihrer gewichtigen Aufgaben an, zu verhindern, daß sich eine neue soziale Frage in der Informations- und Kommunikationsgesellschaft stellt. Eine Trennung zwischen Informationsreichen und Informationsarmen darf nicht entstehen.



Durch Infrastrukturausstattung und über Gebührenordnungen muß Chancengerechtigkeit beim Zugang zu den neuen Kommunikationstechnologien hergestellt und die Möglichkeit zur Partizipation an der Informations- und Wissensgesellschaft gesichert werden. Jeder einzelne hat ein Recht auf informationelle Grundversorgung. Die private Verfaßtheit der Telekommunikationswirtschaft darf nicht dazu führen, pädagogische Chancen und Möglichkeiten der Informations- und Kommunikations-Techniken allein dem Markt zu überlassen.





Grundlegende Veränderungen der Gesellschaft erfordern umfangreiche Qualifikationen, für die der Begriff Medienkompetenz steht. Die Vermittlung dieser Kompetenz - zu vergleichen mit den Kulturtechniken Lesen, Schreiben, Rechnen - wird eine wichtige Aufgabe von Weiterbildung in der Mediengesellschaft sein.



Die Volkshochschulen und ihre Verbände bilden ein Netzwerk zur Vermittlung von Medienkompetenz. Sie schaffen Voraussetzungen für eine kompetente Bewertung und Nutzung von Medien- und Telekommunikationsangeboten, die Grundlage sind für eine Beteiligung an öffentlicher Kommunikation sowie für die selbstbestimmte Aneignung von Welt und Wissen und für die Nutzung der Möglichkeiten selbstorganisierten Lernens.



Die Entwicklung von neuen Weiterbildungsformen unter Einbeziehung multimedialer Lernangebote kann nur auf der Basis von Zusammenarbeit zwischen Schulen, Bibliotheken, Medienzentren, Museen, Universitäten und Weiterbildungseinrichtungen gelingen. Der Deutsche Volkshochschul-Verband und die in ihr zusammengeschlossenen VHS-Landesverbände und Volkshochschulen bilden die Basis für ein bundesweites Medienkompetenznetzwerk, das traditionellerweise über vielfältige Anknüpfungspunkte und Kooperationsbeziehungen zu anderen sozialen und kulturellen Einrichtungen verfügt. Gemeinsam können Nutzungs- und Angebotsformen entwickelt werden, so daß Weiterbildung den Stellenwert in der Wissensgesellschaft erlangt, der ihr gebührt.



In der Informations- und Wissensgesellschaft kommt den Medien eine entscheidende Rolle auch für die Weiterbildung zu.



Die Volkshochschulen



fordern die Rundfunkunternehmen auf, ihren Informations- und Bildungsauftrag durch Stärkung der Programmvielfalt und durch Nutzung der multimedialen Möglichkeiten wahrzunehmen

appellieren an die privaten und öffentlich-rechtlichen Rundfunkunternehmen, Hörfunk und Fernsehen nicht allein dem Marktkalkül und dem Quotendenken zu unterwerfen und fordern, durch kontinuierliche Produktion von Programmqualität die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung des Rundfunks zu sichern

treten für eine öffentliche Diskussion über die Qualität der Programmangebote ein, die der Deutsche Volkshochschul-Verband durch die Stiftung und alljährliche Verleihung des Adolf Grimme-Preises anregt

erinnern Programmmacher/-innen und Programmverantwortliche an die gesellschaftliche Aufgabe, ihren Beitrag zur Aufklärung und für eine lebendige Demokratie zu leisten

plädieren dafür, daß Medienangebote für alle Bürgerinnen und Bürger zugänglich sind

sehen deshalb in der Vermittlung von Medienkompetenz eine der wichtigsten Aufgaben.

Kontaktadresse: Deutscher Volkshochschul-Verband e.V., Obere Wilhelmstr. 32, 53225 Bonn, Telefon: 0228-97569-20 bzw. Telefax: 0228-97569-30