Die Visite - Chance zum Gespräch      

  Ladenpreis DM 29,80    

 Vorbemerkung des Verfassers  

Thomas Bliesener  

Wer Computer, Wertpapiere oder Betablocker verkaufen will, erhält gewöhnlich ein besseres Training in Gesprächsführung als ein Arzt, der einem Kranken bei der Gesundung helfen möchte. Es gibt hochspezialisierte, professionelle Redetrainings für Vertreter, Verkäufer und Referenten aller Produktbereiche. Für den Arzt gibt es eine solche Redeschulung nicht. Der Arzt bleibt mit seinen Problemen der Gesprächsführung weitgehend allein. 

Wenn er nicht ein besonderes Talent zur Kommunikation mit Patienten mitbringt und dennoch nicht resignieren will, bleibt ihm meist nur übrig, auf eigene Faust Anleihen zu machen bei bewährten psychologischen Verfahren, etwa bei Gesprächstherapie, Tiefenpsychologie oder Gruppendynamik. Aber bei allem guten Willen: Das Krankenzimmer ist keine therapeutische Sprechstunde, der Patient kommt nicht freiwillig, der Kontakt währt nur so lange wie die stationäre Behandlung, und das tägliche Gespräch kann nur einige Minuten dauern. Deswegen ist es durchaus eine offene Frage, wie die verschiedenen Gesprächsmethoden unter den besonderen klinischen Bedingungen wirken. Ganz allgemein ist weitgehend unbekannt, welche Gesprächsmittel und -strategien im klinischen Gespräch verwendet werden, welche gewollten und ungewollten Wirkungen sie erzielen und wie eine eventuelle Verbesserung der Gesprächsführung aussehen könnte. 

Die internistisch-psychosomatische Krankenstation in Ulm ist in mancher Hinsicht etwas besonderes. Hier wurde versucht, überhaupt erst einmal genug Zeit und Raum für den Dialog zwischen Arzt und Patient zu schaffen, und es wurde versucht, den gewonnenen Spielraum für eine umfassende psycho- 
soziale Betreuung des Patienten zu nutzen. Die Mitarbeiter der Station waren hoch motiviert, sehr engagiert und überdies - insofern sie sich per Tonband- oder Videoaufnahme ins Handwerk blicken ließen - sehr exponiert. Die Station galt zu Recht als Modell, das bei Stationsreformen an anderen Kliniken Pate stehen konnte. Es handelte sich sozusagen um die vorderste Front der Entwicklungsmöglichkeiten institutionalisierter Medizin. Wenn es sich irgendwo lohnte, die Mittel, Methoden und Effekte von Arzt-Patient- 
Gesprächen vor Ort in der Klinik zu studieren, dann auf einer Station wie der in Ulm. 

Mehrere Jahre lang hatte ich bereits die Arzt-Patient-Kommunikation in traditionellen Visiten untersucht. Ich hatte dabei eine erschreckende Fülle von Kommunikationsbehinderungen gefunden: Die Visite - ein verhinderter Dialog. Nun interessierte ich mich ganz besonders für die Kommunikation im Kontrastfall, in den weitgehend reformierten Visiten der Ulmer Station. Ich wollte herausfinden, welche positiven Möglichkeiten der Gesprächsgestaltung in diesem entwickelten Modell verwirklicht werden können: Die Visite - eine Chance zum Gespräch. Das Studium dieser Visiten erlaubt am ehesten Aussagen darüber, welche Kommunikationsmittel und -methoden unter klinischen Bedingungen welche Effekte erzielen können. Auf diesen Befunden kann die Entwicklung von Verbesserungsvorschlägen aufbauen. Das Fernziel der Konzipierung einer systematischen Gesprächsschulung für Arzte rückt dadurch ein Stück näher. Das vorliegende Buch versteht sich als ein Schritt auf diesem Wege. 

Allerdings möchte ich eine Beschränkung der vorliegenden Arbeit einräumen, die mir selbst aus forschungs- wie aus gesundheitspolitischen Gründen mißlich erscheint. Die gesamte Untersuchung basiert auf einer einseitigen Kooperation mit Mitarbeitern der Institution Klinik. Der Blickwinkel der Untersuchung ist, trotz meiner Bemühungen, die Perspektive des Patienten nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, der Blickwinkel der Institution. Das beginnt mit den Videoaufnahmen, die das Gesicht des Patienten zeigen, aber nicht das Gesicht des Arztes - gerade so, wie der Arzt blickt. Es setzt sich fort mit den Kontextinformationen, die aus den Dokumenten der Station, den Erinnerungen des beteiligten Personals und den Nachbesprechungen mit dem visiteführenden Arzt stammen. Und es endet mit der Adressierung dieses Buches an eine professionelle Zielgruppe, die die gewonnenen Erkenntnisse im vermuteten Sinne des Patienten für sein Wohl einsetzen möge. Die Lebenswelt des Patienten ist in dieser Untersuchung unterrepräsentiert. Die Datenlage und die Programmatik der Ulmer Arbeitsgruppe zur Analyse von Visitengesprächen boten allerdings zu dem Zeitpunkt, als ich hinzukam, keine anderen Möglichkeiten mehr. 

So lege ich diese Ergebnisse eines zurückliegenden Forschungsprojektes zugleich in der Hoffnung vor, daß sich in der künftigen Forschung stärker der Grundsatz ,,audietur et altera pars" berücksichtigen läßt. Vielleicht kann dann schon in der Erforschung und Erprobung von Visitengesprächen ein Stück von dem vorweggenommen werden, was nach Thure v. Uexküll das oberste Ziel des Gesprächs zwischen Arzt und Patient ist: der Aufbau einer ,,gemeinsamen Wirklichkeit". 
 
 

     

 


Kapitel 1.   Ziele und Methoden der Untersuchung
 

1. Der Arbeitsprozeß
 

Das vorliegende Buch geht aus dem Experiment hervor, kommunikations- 
wissenschaftliche Verfahren für klinische Belange nutzbar zu machen. Es gewann seine jetzige Form in einem Arbeitsprozeß, der sich in mehreren Stufen zwischen 1980 und 1984 abspielte. Die Beteiligten dieses Prozesses sind der Erstautor des Buchs, also das ,,ich" in diesem Text, die Teilnehmer der Ulmer Arbeitsgruppe zur Erforschung von Visitengesprächen sowie eine Reihe von Kollegen, die zu den ersten Fassungen der Analysen Ergänzungcn beisteuerten. 

Die Ulmer Arbeitsgruppe ist interdisziplinär zusammengesetzt. An den Sitzungen zusammen mit mir als Kommunikationswissenschaftler beteiligen sich Ärzte, Psychologen, Soziologen, Sprachwissenschaftler, ein Klinikpfarrer und weitere Interessierte in wechselnder Zusammensetzung. Ziel der Arbeitstagungen ist es, Arzt-Patient-Gespräche wissenschaftlich zu erforschen und daraus neue Möglichkeiten der Gesprächsführung zu entwickeln und dem Arzt zur individuellen Fortbildung zu vermitteln. In monatlichen Abständen finden Treffen statt, bei denen jeweils ein einzelnes, auf Ton- oder Videoband aufgezeichnetes Arzt-Patient-Gespräch eingehend durchgesprochen wird. Nicht selten beanspruchen solche Fallseminare einen ganzen Tag. 

Im Laufe der Zeit hat sich eine gewisse Form herausgebildet, in der solche Arbeitssitzungen ablaufen. Sie läßt sich wie folgt skizzieren. 

1.  Zunächst wird eine kurze Einführung zur Person, zur Krankheit und zur vorausgegangenen Behandlung des Patienten gegeben. Wenn der Arzt, der die zu besprechende Visite führte, selber anwesend ist, übernimmt in der Regel er die Einführung. Sonst übernimmt sie ein Gruppenmitglied, das mit dem Fall aus früherem eigenen Erleben zumindest vertraut ist.  

2.  Dann wird die Tonband- oder Videoaufzeichnung des Visitengesprächs ein erstes Mal abgespielt. 

3.  Im Anschluß daran tauscht die Gruppe ihre Eindrücke von dem vorgeführten Gespräch aus, stellt detaillierende Nachfragen zur klinischen Situation, äußert spontan Vermutungen über psychologische oder kommunikative Prozesse, nennt Kritikpunkte und Verbesserungsvorschläge usw. Ist auch der visitenführende Arzt bei der Sitzung, so teilt er gewöhnlich Erläuterungen und Erinnerungen zum Patienten und zu seinem eigenen Verhalten bei der Visite mit. In dieser Phase des Gruppenprozesses hält sich der Kommunikationswissenschaftler weitgehend zurück. 

4.  Danach bekommt der Kommunikationswissenschaftler das Wort, um seine ausgiebig vorbereitete Gcsprächsanalyse des Visitengesprächs vorzustellen. Unterstützt wird mein Referat mit Transkriptionen des Gesprächstextes, mit Text- und Markierungsfolien für die Overhead-Projektion und mit dem Wiederabspielen einzelner Gesprächssequenzen. Diese Vorstellung: dauert meist zwischen einer halben und einer ganzen Stunde. 

5.  Schließlich entwickelt sich durch zunehmende Fragen, Einwände oder Ergänzungen eine allgemeine Gruppendiskussion, bei der Inhalt, Ablauf und Ende weitgehend offen sind. 

Als besondere Erfahrungen mir dem Ablauf derartiger Gruppensitzungcn sind zwei Phänomene mitzuteilen. 

Zum einen wurde der Gruppenprozeß von den verwendeten Methoden deutlich beeinflußt. In den Anfängen der Kooperation entstanden immer wieder Kontroversen zwischen einer kommunikativ-textorientierten und einer klinisch-erfahrungsorientierten Sichtweise. Der Gcwinn daraus war eine ungewöhnliche Vielseitigkeit an Einsichten in das Geschehen beim Visiten- 
Gespräch. Im Laufe der Zeit nahm jedoch die Tendenz zu Kontroversen ab. Die Harmonisierung schritt so weit voran, daß zuletzt sogar beklagt wurde, die Gruppe sei sich zu einig und die Ergebnisse seien zu umstandslos akzeptabel. 

Zum andern wurde der Gruppenprozeß von den bearbeiteten Materialien fühlbar mitbestimmt. Emotionen, die mit den diskutierten Visiten in Zusammenhang standen, schlugen zum Teil in der Diskussion durch, und zwar einerseits solche Emotionen, die Gruppenmitglieder gegenüber Teilnehmern der Visite entwickelten, andererseirs aber auch Emotionen, die innerhalb der besprochenen Visite bei deren Teilnehmern anklangen. Wurde etwa der Patient von der Gruppe als,,nervend" oder als ,,ausgeglichen" empfunden, so konnte in der Gruppe eine nervende oder ausgeglichene Stimmung aufkommen. Dasselbe konnte aber auch geschehen, wenn der Arzt innerhalb der Visite den Patienten als nervend empfunden hatte; hier reproduzierte die Gruppe sozusagen in ihrer eigenen Mitte Szenen aus dem untersuchten Gespräch. Es trat also unbeabsichtigt ein Effekt ein, der in Balint-Gruppen systematisch benutzt wird, um aus der Gruppenstimmung Rückschlüsse auf die Vorgänge im untersuchten Gespräch zu ziehen. Diese Verbindung aus Balint-Gruppe und gesprächsanalytischem Seminar wäre weiterer Erprobung wert. 
 

  DM 29,80  Online-Bestellung:  http://www.westdeutschervlg.de  

 

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