Ausbildung und Supervision von Aidsberatern

Weiterentwicklung eines Modells zur Anwendung von Telefonsimulation und Gesprächsanalyse

Thomas Bliesener

1. Das Feld, die Institution

Im folgenden wird über die Schulungsarbeit mit Aidsberatern in den Jahren 1988 und 1989 berichtet. Sie baut auf den Erfahrungen mit einzelnen lokalen Beraterschulungen in den Jahren 1986 und 1987 auf, über die an anderer Stelle berichtet wurde (Bliesener 1989). Wegen ihres überregionalen Charakters wurde sie jedoch nach einem weiterentwickelten Modell durchgeführt.

Das alte Modell war auf lokale Zusammenhänge ausgerichtet. 1986-87 arbeitete ich für die Aidshilfen Aachen und Bonn als externer, für die Aidshilfe Köln als hauptamtlich beschäftigter Mitarbeiter. Die Schulungen führte ich mit den jeweiligen örtlichen Beratergruppen durch, also denjenigen ehrenamtlichen Mitarbeitern, die durch abwechselnde Dienste das Gesamtangebot persönlicher und telefonischer Beratung ihrer Aidshilfe sicherstellen wollten. Trotz Fluktuation gehörten den Beratergruppen nach einem Jahr immerhin noch etwa die Hälfte der anfänglichen Mitglieder an. Daher konnten die Schulungen auf Fortsetzung und Vertiefung ausgerichtet werden. Sie wurden zusätzlich zu den vierzehntäglich oder monatlich stattfindenden Gruppen-treffen zwölfmal im Jahr angeboten. Mit den 3 Jahreskursen wurden im Zeitraum 1986-87 insgesamt ca. 60 Teilnehmer erreicht.

Das neue Modell war auf überregionale Zusammenhänge ausgerichtet. 1988-89 arbeitete ich für den nordrheinwestfälischen Landesverband der Aidshilfen (in einer Landesgeschäftsstelle mit insgesamt vier Mitarbeitern) als Bildungsreferent. Die von mir organisierten Veranstaltungen richteten sich nicht an gewachsene Gruppen als Ganzheiten, sondern an einzelne Mitglieder aus einzelnen lokalen Aidshilfen in NRW, manche Veranstaltungen auch an einzelne Mitglieder anderer Einrichtungen (Gesundheitsämter, Telefonseelsorge, Rosa Telefone, Telefonnotrufe usw.). Als Arbeitsformen kamen keine kontinuierlichen Jahreskurse in Frage, sondern nur eine Vielzahl einmaliger, in sich abgeschlossener Wochenend-Seminare mit parallelen Arbeitsgruppen. Die Arbeitsgruppen wurden differenziert für Anfänger und für erfahrene Aidsberater ausgeschrieben. Speziell mit diskursanalytischer Methodik wurden im Zeitraum von zwei Jahren insgesamt 16 Arbeitsgruppen durchgeführt. Das bedeutet, daß bei einer durchschnittlichen Gruppengröße von acht Teilnehmern rund 130 Teilnehmer erreicht wurden. 

2. Programm, Finanzierung, Organisation, Personal

Das Programm zur überregionalen Mitarbeiterfortbildung des nordrheinwestfälischen Landesverbandes der Aidshilfen bot den geeigneten Rahmen, in den die diskursanalytisch orientierte Beraterausbildung eingeordnet werden konnte. Das Gesamtprogramm gliederte sich in die Fachbereiche "Aufklärung", "Beratung", "Betreuung", "Organisation" und "Selbsthilfe". In allen Fachbereichen zusammen wurden im Zeitraum von zwei Jahren insgesamt 48 Wochenendseminare durchgeführt. Auf den Fachbereich "Beratung" entfielen davon 16. In der Hälfte dieser Beraterseminare wurden ausschließlich inhaltsbezogene Arbeitsgruppen angeboten, in denen beispielsweise Partnerschaft, Sexualität, Antikörpertest, Angst/Phobie, Trauer, Suizid als Beratungsgegenstand behandelt wurden. In der anderen Hälfte der Beraterseminare wurden insgesamt 16 kommunikationsbezogene Arbeitsgruppen angeboten, in denen Rollenspiele mit einer Telefonsimulations-Anlage, Nachbesprechungen der Tonbandmitschnitte und Analysen von Transkripten anderer Beratungen durchgeführt wurden. (Die Anlage wurde nach Plänen des Autors als Sonderanfertigung hergestellt und befindet sich in seinem privaten Besitz. Leihmöglichkelt nach Vereinbarung.)

Die Finanzierung der Wochenendseminare erfolgte aus zwei Quellen. Für Seminare mit Mitarbeitern aus Aidshilfen standen Mittel zur Verfügung, die der Bundesverband Deutsche Aidshilfe über die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung letztlich vom Bundesministerium für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit (BMJFFG) erhielt. Für Seminare mit Mitarbeitern anderer sozialer Einrichtungen standen Mittel des nordrheinwestfälischen Landesministeriums für Arbeit, Gesundheit und Soziales (MAGS) zur Verfügung. Bei beiden Finanzierungsarten konnte nur eine begrenzte Anzahl von Seminaren veranstaltet werden, die zur Deckung der Nachfrage nicht ausreichten. Beiden Finanzierungsarten lag ein fester Kostenplan zugrunde, nach dem Sachkosten, Unterkunft und Verpflegung von ca. 25 Teilnehmern und Honorare von 3 Leitern paralleler Arbeitsgruppen pro Seminar gedeckt werden konnten. Allerdings waren die vorgeschriebenen Honorarsätze knapp bemessen; der Höchstsatz, den ein Referent für ein komplettes Wochenende bei der Aidshilfe erhalten konnte, lag noch unter dem Standardsatz, den er bei den staatlichen Aids-Modellprogrammen für einen einzelnen Tag Fortbildungsarbeit bekommen hätte. So mußte öfter die Gewinnung interessanter Referenten an der Finanzierung scheitern.

Die Organisation und Gestaltung des Bildungsprogramms, von der Wahl der Themen und Gewinnung der Referenten bis zur Planung der Orte und Termine, lag bei mir, die Planung und Leitung einzelner Arbeitsgruppen übernahm ich in begrenzter Anzahl bei ausgesuchten Themen. Für die Veranstaltungen jedes Fachbereichs führte ich einen terminlichen Rhythmus ein, Im Fachbereich "Beratung" folgten die Seminare für erfahrene Aidsberater mit vierteljährlichem Abstand aufeinander, die Seminare für Anfänger und die für Mitarbeiter anderer Einrichtungen jeweils genau dazwischen. Als Tagungsorte wurden verschiedene Tagungshäuser mit meist zentraler Lage in NRW gewählt. Die Seminardauer betrug zwei oder zweieinhalb Tage, in jedem Fall 12 Zeitstunden für die Gruppenarbeit. Die Teilnehmer konnten sich den Seminaren und den speziellen Arbeitsgruppen nach eigener Einschätzung zuordnen, so daß in Anfängerveranstaltungen immer auch einige tatsächlich erfahrene Berater teilnahmen und in Fortgeschrittenenveranstaltungen immer auch einige Neulinge. Etwa die Hälfte aller Teilnehmer besuchte mehr als ein Seminar pro Jahr, ein Viertel sogar drei oder mehr Seminare. Vom Angebot her gab es jedoch keine Seminare, die als Fortsetzung vorhergegangener konzipiert waren.

Personell waren die Seminarveranstaltungen sehr vielseitig ausgestattet. Im gesamten Fachbereich "Beratung" mit seinen 16 Seminaren à 3 Arbeitsgruppen traten ca. 25 verschiedene Referenten als Gruppenleiter auf. Im speziellen Teilbereich der Beraterseminare mit kommunikationsbezogenen Arbeitsgruppen wurden 8 Gruppen von mir selbst geleitet, die anderen meist von Ruth Brons-Albert. Das Konzept der Arbeitsgruppen war gleich, der Arbeitsstil vielleicht in einem Fall mehr psychologisch, im andern Fall mehr linguistisch akzentuiert. Die simulierten Beratungsgespräche aus beiden Gruppen lassen sich nicht unterscheiden.

3. Ziele

Die Ziele von Beraterschulungen müssen den besonderen Bedürfnissen der Teilnehmer und den speziellen Arbeitsbedingungen der Institution Rechnung tragen. Bei Aidshilfen und ähnlichen Einrichtungen müssen vor allem drei Zwänge berücksichtigt werden:

1. Die Teilnehmer verfügen nur über ein geringes Zeitbudget. Ehrenamtliche Mitarbeiter haben in der Regel für ihr Gesamtengagement nur die Freizeit zur Verfügung, die ihnen jenseits beruflicher Verpflichtungen bleibt. Von dieser knappen Zeit müssen sie die Zeit für Schulungen wieder abzweigen.

2. Die Teilnehmer sind nur für eine begrenzte Dauer engagiert. Viele Mitarbeiter sind nur ein bis eineinhalb Jahre lang aktiv. Daher würde ein mehrjähriges Curriculum, wie es bei Weiterbildungen zu professionellen Therapeuten oder Beratern üblich ist, allein schon an der Fluktuation scheitern.

3. Die Teilnehmer sind psychischen Belastungen ausgesetzt. Sowohl ihre persönliche Problematik, die gewöhnlich vor ihrem Engagement besteht und als Antrieb zu ihm wirkt, als auch später ihre Anteilnahme an den Problemen der Anrufer binden viel Energie. Deswegen ist von Anfang an fortlaufende Unterstützung für die Berater nötig. In dieser Hinsicht muß Schulung Soforteffekte erzielen.

Die Beraterschulungen verbanden daher die Ziele, die in herkömmlichen Fortbildungsansätzen gewöhnlich getrennt verfolgt werden, miteinander:

1. Fallsupervision. Die konkrete Problematik eines früheren Klienten soll vom Berater (oder Hospitanten) erinnert, im Rollenspiel erlebt, mit Hilfe der Gruppe besser verstanden und in ihren Auswirkungen auf das Beraterverhalten durchschaut werden.

2. Selbsterfahrung. Das Wahrnehmen und Erleben des Beraters bei früheren Beratungen oder Hospitationen soll von ihm in seinen subjektiven Anteilen, seinen Blindheiten und Phantasien, Verzerrungen und Vorurteilen durchschaut werden.

3. Kommunikationstraining. Das eigene und fremde Kommunikationsverhalten, die verfolgten Strategien und erzielten Effekte und das Zusammenwirken beider Partner in Kommunikationsmustern sollen durchschaut, Alternativen sollen erkannt und erprobt werden.

Die Verbindung der Ziele zog jedoch nicht die Verbindung der Methoden dieser Ansätze nach sich. Vielmehr wurde ein eigenes didaktisches Konzept entwickelt, das in Abschnitt 5. dargestellt wird.

4. Fokussierte Bereiche der Kommunikation

Bei den kommunikationsorientierten Beraterschulungen werden nicht nur manifeste Verhaltensweisen, sondern alle Ebenen und Instanzen der Persönlichkeit angesprochen, die am Kommunikationsprozeß beteiligt sind. Das hat drei Gründe:

- Die Wirkfaktoren von Kommunikation liegen auch in Instanzen, die dem manifesten Verhalten vor- und nachgeschaltet sind.

- Die Ziele einer umfassenden Kommunikationsschulung verteilen sich dementsprechend auf alle beteiligten Instanzen.

- Die didaktische Verankerung von Lernimpulsen ist wirkungsvoller, wenn sie auf alle Instanzen verteilt wird.

Deswegen werden in Beraterschulungen im einzelnen die folgenden Ebenen und Instanzen angesprochen:

1. Ansprüche: Es wird geklärt, diskutiert und relativiert, nach welchen Normen und Idealen die Teilnehmer ihre Beratungsgespräche "gut" machen wollen und nach welchen Kriterien sie Beratungen für "erfolgreich" einschätzen. Es wird herausgearbeitet, daß Beratungen vielfältige Ziele haben, die in aller Regel sogar im Konflikt miteinander stehen.

2. Gewohnheiten: Die Teilnehmer werden auf individuelle Gewohnheiten in ihrem Gesprächsverhalten und auf mögliche Auswirkungen hingewiesen, beispielsweise auf Atemlosigkeit, auf Stammeln oder Dialektgebrauch an peinlichen Stellen, auf Fremdwörter oder Metapherngebrauch bei Unsicherheit, auf Schachtelsätze, Monologe, Doppelfragen, unterlassene Sprecher- und überhörte Hörersignale usw. usf. Es wird über die Funktion und individuelle Nützlichkeit solcher Gewohnheiten reflektiert.

3. Gefühle und Erleben: Mit den Teilnehmern wird erarbeitet, welche Gefühle sie bei bestimmten eigenen Verhaltensweisen erleben, unterdrücken oder modifizieren. Durch Feedback der Gruppe können sie erleben, daß auch scheinbar versteckte Gefühle von anderen wahrgenommen werden können.

4. Wahrnehmung des Gesprächspartners und Einfühlung in ihn: Die Teilnehmer üben, differenzierte Vermutungen über die Effekte von Kommunikationsverhalten auf den Gesprächspartner zu entwickeln (sei es im eigenen Rollenspiel, sei es in vorgelegten Transkripten). Sie lernen, die Zweckgerichtetheit im Gesprächsverhalten des Partners wahrzunehmen, beispielsweise die Bemühungen um mehr Redezeit, um treffenderes Eingehen auf sein Thema oder um anteilnehmendere Reaktionen auf seine Gefühlslage.

5. Wissen: Die Teilnehmer werden theoretisch und an Gesprächsbeispielen mit den wichtigsten Begriffen und Sichtweisen von Gesprächsanalyse bekanntgemacht. Sie lernen Strategien von Anrufern und Beratern zur Steuerung des Themas (insbesondere der bei Aidsberatungen typischen Vielschichtigkeit) erkennen. Sie werden mit den Faktoren vertraut gemacht, die die Verteilung der Redeaktivität zwischen Anrufer und Berater beeinflussen (insbesondere auf den erhöhten Einfluß von Gleichzeitigkeit, Pausenverhalten, Intonationen und Zuhörsignalen am Telefon). Sie lernen schließlich interaktive Schemata der Gesprächsentwicklung erkennen (insbesondere Beratungsmuster wie ,,Aufklärung", ,,Beistand', ,,Fürsorge", ,,Auseinandersetzung") und Indikatoren für Musterkonflikte und Gesprächskrisen. Eine genauere Darstellung dieses Wissenskanons findet sich in Bliesener (1991).

6. Können: Die Teilnehmer suchen Alternativen zu nutzlosen oder schädlichen Verhaltensweisen, sie suchen Interventionen zur Uberwindung von Kommunikationskrisen, und sie werden zur Anwendung ermutigt.

7. Verhalten: Beim Rollenspiel können Teilnehmer sich darin üben, schwierige Beratungsfälle und schwierige Gesprächsverläufe durchzuhalten. Sie können lernen, daß viele gute Vorsätze nicht umsetzbar sind, aber Beratung auch bei persönlicher Begrenztheit und Unvollkommenheit helfen kann.

In der Schulungspraxis werden die verschiedenen Ebenen nicht unbedingt vollständig, gleichgewichtig und der Reihe nach bearbeitet. Aber durch die Vielfalt der kombinierten Medien, Materialien und Methoden wird doch die Vielfalt der Lernimpulse sichergestellt. Der didaktische Ansatz ist ein "integriertes Mehrebenen-Konzept".

5. Vermittlungsformen: Medien, Materialien, Methoden

Der Aufbau der Schulungsseminare wurde zwar in Einzelheiten mehrmals variiert, als tragende Elemente wurden jedoch stets die folgenden Arbeitsphasen angesetzt:

1. Demonstrationsphase: Konkrete Beratungsgespräche aus anderen Situationen oder von früheren Seminaren wurden multimedial (Ton- bzw. Videoaufnahme, Transkript, visuelle Strukturanalyse des Transkripts, ggf. Verlaufsdiagramm, ggf. Begleittext mit fertiger Gesprächsanalyse) vorgestellt und anschließend diskutiert. Als Kontrastbeispiele wurden fragwürdige Beratungen gewählt, z.B. ein Mitschnitt aus der RTL-Reihe "Eine Chance für die Liebe" von Erika Berger oder der Mitschnitt einer früher gespielten Karikatur, bei der der Berater die Instruktion hatte, "alles verkehrt" zu machen.

2. Experimentalphase: Die Teilnehmer machen eigene Erfahrungen durch Spiele und Ubungen. Beispiel: Die Zuhör- und Wiedergabe-Übung, Paare zu bilden, sich persönlich dem Partner vorzustellen und im anschließenden Gruppenplenum der Gruppe den Partner vorzustellen (weitere Beispiele in den Schulungsmaterialien von Bliesener et al. 1989). Zentral ist die Arbeit an der Telefonsimulationsanlage: Zwei Teilnehmer aus der Schulungsgruppe spielen über die Anlage ein Beratungsgespräch, während die restliche Gruppe über einen Lautsprecher mithören kann. Ein zugleich angeschlossenes Tonbandgerät ermöglicht einen Mitschnitt der Beratung für die Nachbesprechung. Die räumliche Anordnung dieser Übung und ihre wichtigsten Nutz- und Störeffekte sind im nachfolgenden Schaubild dargestellt. Damit jedes Gruppenmitglied einmal Spieler sein kann, reichen bei der üblichen Gruppenstärke von 8 Mitgliedern bereits vier Simulationsübungen.

Als Erweiterung dieser Übung können Modifikationen der simulierten Beratung gespielt oder zusätzliche Aufgaben erledigt werden, z.B. die Anfertigung von Gedächtnisprotokollen (= Experimentalphase 2).

3. Reflexionsphase: Bei der Nachbesprechung in der Gruppe können die Spieler und Zuhörer aus der Erinnerung schöpfen oder den Tonbandmitschnitt abschnittweise abhören. Überdies können die Spieler (nach der Methode des ,,nachträglichen lauten Denkens") über ihre Gedanken und Gefühle an bestimmten Stellen der Beratung berichten. Die Reflexion kann auf drei verschiedene Ebenen abstellen:
- den Kommunikationsprozeß
- das Erleben der Spieler
- das Problem des Ratsuchenden.

Um Kränkungen und Entmutigungen vorzubeugen, werden für die Nachbesprechungen bestimmte Spielregeln vereinbart (schriftliches Merkblatt für alle Teilnehmer; siehe Anhang) und vom Ausbilder überwacht.

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6. Die Seite der Teilnehmer: Zusammensetzung, Reaktionen auf das Konzept

Die Teilnehmer der Schulungsseminare waren nach Alter, Bildungsstand, Berufsrichtung, Erfahrenheit in der Aidsthematik usw. außerordentlich unterschiedlich. Bemerkenswert waren die (in anderen sozialen Arbeitsfeldern kaum wieder anzutreffende) Gleichverteilung zwischen den Geschlechtern. Von den ca. 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmern waren gleichviel Männer und Frauen. Bei den 60 auf Band aufgezeichneten simulierten Beratungsgesprächen wurde die Beraterrolle 34mal von Männern, 26mal von Frauen eingenommen; die Anruferrolle wurde 28mal von Männern, 32mal von Frauen eingenommen. in der Zuordnung zu Spielerpaaren wurde sogar eine exakte statistische Gleichverteilung erreicht: 30mal führten ein Mann und eine Frau das Gespräch miteinander, 15mal zwei Männer, 15mal zwei Frauen. Die Vorliebe zu den Rollen "hilfsbedürftig" und "hilfsbereit" war also im Zusammenhang der Schulungen geschlechtsunspezifisch verteilt.

Die Anwendung des beschriebenen Schulungskonzepts bedingte eine Reihe spezifischer Effekte bei den Teilnehmern.

1. Die Anwendung der Gesprächsanalyse brachte durch ihre strikt deskriptive mikroskopisch unterhalb der Schwelle bewußter Wahrnehmung operierende Betrachtungsweise und durch ihr im Alltag unvorbelastetes Vokabular eine deutliche Verfremdung mit sich. In dieser Hinsicht wurden die Sozialprofis unter den Teilnehmern mit den anderen gleichgestellt; allen gemeinsam wurde ein gewisses Maß an emotionaler Distanzierung abverlangt und zugleich möglich gemacht. Die Kehrseite davon war eine spürbare Anstrengung der Teilnehmer, in einzelnen Fällen auch der Wunsch nach ausgleichenden Körperübungen, z.B. Massage oder Entspannungsübungen.

2. Die Methode der Telefonsimulation bot durch die räumliche Anordnung und durch das echte Medium Telefon (anders als die herkömmlichen Rollenspiele) ein Höchstmaß an situativer Echtheit. Sie gab den Spielern Schutz vor peinlicher Beobachtung und Ablenkung durch die Gruppe oder durch den Partner. Sie gab dem Anrufer Raum, sich mit einem Problem ernsthaft zu exponieren, und dem Berater Anreiz, sich mit all seinen beraterischen Fähigkeiten ernsthaft zu engagieren. Beide Partner verloren schon nach kurzer Zeit, oft in weniger als einer Minute, das Bewußtsein, daß sie Beratung simulieren und daß in einem Nebenraum die Gruppe zuhört. Störend wirken gewöhnlich nur eventuelle Vorsätze der beiden Spieler. Manchmal nimmt sich der Anrufer vor, ein ausgedachtes Beratungsgespräch möglichst genau nach seiner Idee durchzuziehen ("Anruf nach Drehbuch"), und manchmal nimmt sich der Berater vor, gerade zuvor gelernte neue Möglichkeiten der Gesprächs-führung auszuprobieren ("Beratung nach Lehrbuch"). Beides kam nur in etwa zehn Prozent aller Fälle vor.

3. Die Organisationsform "Wochenend-Gruppe", bei der sich die Teilnehmer oft nicht kannten und die in dieser Zusammensetzung nie wieder tagen würde, bot besonders viel Freiheit zu neuen Erfahrungen. Während gewachsene Gruppen vielfach von alten Rollenverteilungen, Stellungskämpfen und Rücksichten auf die gemeinsame Zukunft bestimmt werden, können sich die Beziehungen in ad-hoc-Gruppen freier und mutiger konstellieren. Bei den Wochenendschulungen fanden sich zur Beratungssimulation oft Partner mit explosiven Übertragungsverhältnissen zusammen. Beispielsweise spielte eine "Anruferin" frei erfunden exakt das Problem, unter dem ihre "Beraterin" im wirklichen Leben selber litt und vor dessen Auftauchen als Beratungsproblem sie während ihrer ganzen zweijährigen Beratungspraxis größte Angst hatte. Für den diskursanalytischen Blick blieb da in der Nachbesprechung nicht viel Platz. Allgemein war die Tendenz der Teilnehmer groß, sich in der Telefonsimulation viel zu trauen und dem Partner viel abzuverlangen, so daß die Gespräche ein besonderes Maß an Echtheit und Tiefe erreichten. Das brachte gleichzeitig für die Gruppenleiter die Aufgabe mit sich, die Balance zwischen Ausbildungs- und Therapiefunktion aktiv zu sichern.

7. Die Seite der Ausbilder: Zugang, Anforderungen

Der Zugang zu den Adressaten der Beraterschulungen war bei mir selbst durch Engagement in Aidshilfen seit der Gründungsphase und durch spätere berufliche Stellung gegeben. An Ausbilder, die durch einen Direkteinstieg als Honorarreferenten arbeiten wollen, lassen sich analoge Einstellungen und Erfahrungen nur als Anforderung richten. Mir erscheinen folgende Anforderungen an Wissen und Können besonders wichtig:

1. lnformiertheit über die Institution. Neben den bei jeder Institution nützlichen Kenntnissen über Aufbau, Arbeitsweise und Entscheidungsträger der verschiedenen Gliederungen (Orts-, Landes-, Bundesebene) ist speziell bei Aidshilfe ein Wissen über ihr Selbstverständnis und ihre ungelösten Konflikte um den Standort zwischen "Selbsthilfe" und "Professionalität" nötig - schließlich sind Beraterschulungen selber eine Position in dieser Polarität.

2. Kenntnisse der Beratungspraxis. Wer Aidsberater schult, sollte eine Vorstellung von den Arbeitsbedingungen ehrenamtlicher Telefondienste haben, und er sollte den Arbeitsinhalten (Partnerschaft, (Homo-)Sexualität, Drogen, Diskriminierung und Verfolgung, Krankheit und Tod) gewachsen sein.

3. Offenheit gegenüber Schulungsteilnehmern. Die erforderliche Aufgeschlossenheit gegenüber der Lebenswelt von Schwulen und der Lebenswelt von Drogengebrauchern muß sich im persönlichen Umgang mit den Seminarteilnehmern bewähren, weil viele von ihnen schwul, manche (ehemals oder auf den Ersatzstoff Methadon umgestellt) drogenabhängig, einige überdies positiv sind.

4. Erfahrungen mit Gruppendynamik und Didaktik. Über die akademischen Aufgaben "Findung von Wahrheit" und "Vermittlung von Wissen" hinaus, vielleicht sogar ohne sie, muß die Schulungsaufgabe "persönliche Ermutigung und Befähigung" geleistet werden. Die dazu erforderlichen andragogischen Fertigkeiten können im Studium erworben werden, angelesen und abgeschaut oder autodidaktisch entwickelt sein.

5. Wissenschaftliches Studium von Kommunikationsprozessen. Dieser unerläßlichen Anforderung werden Ausbilder gewöhnlich am Rande eines der folgenden Fächer nachgekommen sein: Sprachwissenschaft, Soziologie, Psychologie, Pädagogik, eine der Philologien, u.U. Ethnologie und Anthropologie. Wer mehr als eines dieser Fächer studierte, wird es in der Schulungspraxis wahrscheinlich leichter bewerkstelligen, aus der Fächerpartikularisierung auszubrechen und den Prozeß kommunikativer Bildung auf seinen vielen Ebenen anzuleiten und zu begleiten. Plakativ gesagt: Doppelqualifikation kann helfen, das Spannungsfeld zwischen "Satzbau" und "Selbsterfahrung" produktiv zu gestalten.

8. Die Ausbildungssituation

1. Ziele und Methoden. Nach meiner Erfahrung stehen im Feld von Aidshilfe latenter Bedarf, artikulierter Bedarf und artikulierte Sperren unverbunden nebeneinander oder gegeneinander.

- Der latente Bedarf vieler Mitglieder, der jedoch häufig bagatellisiert oder geleugnet wird, scheint mir auf persönliche Hilfe abzuzielen. Grund dafür ist der allgemeine ,,Aids-Malus", also die Bündelung von schon einzeln brisanten Problemen zum explosiven Gesamtproblem Aids, und der ,,Freiwilligen-Malus", also die Aktivierung gerade überdurchschnittlich betroffener und belasteter Menschen zum Engagement. Folge davon ist die verdeckte Suche nach Selbsterfahrung und Therapie.

- Der artikulierte Bedarf vieler Mitglieder mit Beratungsaufgaben zielt auf die Ausrüstung mit Handwerkszeug, mit Gesprächstechniken und Gebrauchsanweisungen. Folge davon ist der gute Besuch von Veranstaltungen mit der Bezeichnung ,,Training".

- Die artikulierten Sperren mancher Mitglieder richten sich gegen Professionalität, weil sie als Gegensatz zu den Werten Emanzipation, Solidarität und Egalität angesehen wird. Folge davon ist die Ablehnung von Ausbildung überhaupt.

Eine endgültige Klärung und Festlegung auf Verbandsebene und einen allgemeinen Konsens bei den Mitgliedern kann es nicht geben, weil bei immer neuen Mitgliedern und Funktionären der erforderliche persönliche Lernprozeß immer aufs Neue stattfinden muß. Diese Lernprozesse sind selbst eine Funktion von Aidshilfe.

2. Adressatenkreis. Für eine längerfristige Ausbildung-cum-Supervision fehlen vielen lokalen Aidshilfen und dem Bundesverband Geld und Personal. Als Ausweg zeichnet sich zunächst die Ausbildung von verbandseigenen Ausbildern, also die interne Multiplikatorenschulung ab.

3. Organisationsform. Überregionale Wochenend-Seminare erfüllen hervorragend eine Vorbild- und Impuisfunktion. Für die Ausbildung von Multiplikatoren reichen sie jedoch nicht aus. Erforderlich wäre eine Reihe aufeinander aufbauender Seminare mit denselben Teilnehmern über ein Jahr hinweg mit einem Vertiefungs- und Evaluationsseminar ("Follow-up") nach einem weiteren Jahr.

9. Umsetzung in die Praxis der Schulungstelinehmer: Probleme, Kontrollen

Es geht um zwei unterschiedliche Ebenen des Transfers. Waren die Schulungsteilnehmer Berater, so geht es um den Transfer von Fähigkeiten, die zu einer besseren Beratung beitragen. Waren die Schulungsteilnehmer lokale Beratergruppenleiter, so geht es um den Transfer des Konzepts, das zu einer besseren Ausbildung und Supervision der Berater am Ort beiträgt.

Objektive Kontrollen des Transfers liegen für keine der beiden Ebenen vor. Es gibt keine Tonbänder der Beratungsgespräche eines früheren Schulungsteilnehmers, allein schon, weil echte Beratungen niemals mitgeschnitten werden; es gibt auch keine Berichte seiner Hospitanten oder seines Supervisors (wenn er überhaupt einen hat) über die Qualität seiner späteren Beratungen. Genau so wenig liegen irgendwelche Dokumente oder Berichte über die Qualität der Ausbildungen vor, die von früheren Schulungsteilnehmern durchgeführt wurden. Es gibt auch keine Pläne für künftige objektive Evaluationen von Schulungen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand:

- Politisch könnten Evaluationen zu einer Waffe gegen Aidshilfe verkehrt werden.

- Personell gibt es weder Kapazitäten noch Motivation.

- Konzeptuell ist nicht einmal in der hochentwickelten Therapieprozeßforschung geklärt, welche Outcome-Variablen ausgewählt und wie sie gemessen und bewertet werden sollen.

Subjektive Kontrollen sind als Meßinstrument nicht sehr aussagefähig, aber die Tendenz der uns vorliegenden Hinweise ist signifikant und eindeutig:

- Seminarabschlüsse. Die überwiegende Zahl der Teilnehmer fühlte sich deutlich sicherer, mutiger und offener für künftige Beratungen.

- Anfragen. Von ehemaligen Schulungsteilnehmern oder ihren Bekannten kamen Anfragen zur Durchführung von Fortsetzungen oder Wiederholungen am anderen Ort. Erfolgten die Anfragen längere Zeit nach Seminarabschluß, wurden sie mit der erlebten Nützlichkeit für die Praxis begründet.

- Spätere Rückmeldun gen Einzelner. Bei Zufalisbegegnungen oder in Briefen teilten ehemalige Teilnehmer Monate bis Jahre nach den Seminaren mit, sie hätten sich durch die Schulung sehr gefordert und, wie die Praxis zeige, sehr gefördert gefühlt.

10. Wirkung und Erfolg: Gesamteindruck

Die vorliegenden Eindrücke, Beobachtungen und Rückmeldungen weisen darauf hin, daß der entwickelte Schulungsansatz erfolgreich ist. Insbesondere im Vergleich mit anderen Ausbildungen scheint er konkreter und spezifischer zu wirken; in der Schulungspraxis fiel mir immer wieder auf, wie unsensibel und unbeholfen auch ausgebildete Sozialarbeiter, Diplompsychologen oder Ärzte im Umgang mit Klienten sein können und wie rasch sie im Kurs zugewandter und hilfreicher kommunizieren lernen.

Außerdem ist der Ansatz besonders geeignet für Zusammenhänge, in denen auf Selbständigkeit und Eigenverantwortung besonders geachtet wird, denn zumindest die technischen Bedingungen lassen sich in jeder Beratungsstelle mit zwei Telefonanschlüssen reproduzieren, und Transkripte von eigenen Gesprächen anzufertigen, ist schon für sich eine Erfahrung, die viele Einsichten bereitstellt.

Schließlich fördert der gewählte Ansatz die Kumulation von Erfahrung. An den Bändern früherer Simulationen können spätere Seminare wieder lernen, wenn in der Zwischenzeit Transkripte und Analysen hinzuproduziert wurden. Einige ausgewählte Transkripte gehörten ohnehin schon immer zum Arbeitsansatz. Eine umfangreiche Sammlung prototypischer Beratungen mit Transkript und Analyse bereite ich zur Zeit vor.

Literatur

Bliesener, Thomas (1989): Ausbildung von Aidsberatern mit Telefonsimulation und Gesprächsanalysen. In: Konrad EhlIch et al. (Hrsg.), Medizinische und therapeutische Kommunikation. Opladen: Westdeutscher Verlag, 256-273.

Bliesener, Thomas et al. (1989). Ausbildung von Berater-inne-n in Aidshilfen. Konzepte und Materialien Im Bausteinsystem. Berlin: Deutsche Aidshilfe.

Bliesener. Thomas (1991). Stolperdrähte. Warnzeichen und Auswege. Vorstudie zu einem Leitfaden für Aidsberater. In: Bliesener, T. & Kleiber, D., Beratungsgespräche zum Thema Aids. Berlin: SPI.

Eckerle, Ejo (1989). Aids-Beratung im Test - Der Trend: weIblIch, routiniert und hetero. In: Magnus 2, 14-19

Haeberle. Erwin & Bedürftig, Axel (Hrsg.) (1987): Aids - Beratung, Betreuung, Vorbeugung. Anleitungen für die Praxis. Berlin/New York: de Gruyter.

Sketchley. John (1987). AIDS - counselling skills for health professionals. In: Aspects of sexuality and family planning. Kopenhagen: WHO.

Anhang

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