Daniel Rosenblatt: Zwischen Männern. Gestalttherapie  und Homosexualität.
Peter Hammer Verlag / Gestaltinstitut Köln, Wuppertal 1998, DM 28,90

 

Vorwort des Übersetzers Thomas Bliesener

Plus ça change, plus c’est la même.

Wie viel hat sich doch verändert in der schwulen Lebenswelt seit den Tagen, in denen sich aus den Nebeln der Nachkriegszeit die Galaxis der Gestalttherapie kondensierte und sich Dan Rosenblatt dazu entschloß, als einer der ersten offen schwulen Therapeuten eine Gestaltgruppe mit schwulen Männern zu starten. Wie viel von dem, was Dan aus jener Zeit erzählt, erscheint uns heute beinahe fremd, zumal dem deutschen Leser: Amerika ist trotz unserer raschen Übernahme modischer Trends ein weitgehend unbekanntes Land, New York gar ist eine Welt für sich, und die fünfziger und sechziger Jahre sind uns sogar im eigenen Land schon wieder so weit entschwunden, daß sich schwule Historikergruppen an die Arbeit einer aktiver Wiederaneignung dieser Epoche machen und dazu Zeitzeugen befragen und Dokumente sammeln und ausstellen, z.B. in Berlin 1997 "Hundert Jahre Schwulenbewegung" (1), über die wir heute staunen.

Staunen kann man auch über Zusammenhänge, die Dan Rosenblatt mit leichter Hand und großer Selbstverständlichkeit nachzeichnet, z.B. wie sich in den persönlichen Haltungen von Fritz und Lore Perls eine Linie vom kosmopolitischen und schwulenfreundlichen Berlin der zwanziger und frühen dreißiger Jahre hinüber in die auch sexuell antikonventionelle Boheme des New York der vierziger Jahre zieht. Staunen kann man auch darüber, wer wen kannte und wer mit wem wie zusammenhing; die zahlreichen Fußnoten geben indirekt Ausdruck davon. Überrascht sein kann man auch bei einigen Themen, mit denen sich Dan Rosenblatt auseinandersetzt, welche Haltungen er dabei einnimmt und welches Vokabular er verwendet. An Liebesbeziehungen zwischen Männern bewußt die Perspektive und die Bezeichnung der "Ehe" heranzutragen, klingt doch ungewöhnlich - jedenfalls so, wie es Dan tut, nämlich jenseits der gegenwärtigen Diskussionen um rechtliche Gleichstellung schwuler Partnerschaften, sondern mit Blick auf die menschlichen Qualitäten einer Beziehung. Existenzielle Bindungen zwischen Männern in unseren neunziger Jahren der Love Parades, one-night-stands und Zwei-Wochen-Beziehungen, Sexparties in jeder Farbe des Regenbogens, Highlife und Fun ohne Ende? Ist das nicht ein Relikt von damals?

Die nächste Überraschung, die zumindest ich bei der Beschäftigung mit Dans Texten erlebte, ist ihre Kraft, mich anzurühren. Nach wenigen Absätzen verfliegt der Eindruck, es handele sich hier um zeitgeschichtliche Darstellungen, und stattdessen werde ich neugierig, gespannt, mitfühlend. Ich erlebe - vor allem in den vier Fallgeschichten - das Schleppende und Feurige, das Traurige und das Freudige in den Prozessen mit, als fänden sie gerade eben statt. Was damals und dort geschah, fühlt sich an und belebt sich beim Lesen zu etwas, das hier und heute weiterlebt, das mich selber betrifft und mit dem ich mich auf einen Prozeß des Nachdenkens und Nachspürens auch bei mir selber einlassen kann. Dans therapeutische Arbeit im schwulen New York der fünfziger bis achtziger Jahre erscheint jetzt wie ein ferner Spiegel (2) unseres Hier und Jetzt.

Aber womöglich ist sie noch viel mehr. Sie ist durch ihre spezifische Qualität, Türen zu öffnen und den einzelnen Menschen beim Ausgang aus seiner selbstgemachten Verschließung und Behinderung zu unterstützen, so daß er mit ganzem Herzen und ganzem Leib mit anderen Menschen in Kontakt kommen kann, geradezu ein Modell der Gemeinschaftsbildung und speziell von schwulem community work. Denn für niemanden mehr als für schwule Männer ist die Neuschaffung von authentischer Gemeinschaft die zentrale Herausforderung ihres Lebens.

Männer, die vor allem andere Männer sexuell anziehend finden und lieben, können in den heterosexuell verfaßten Gesellschaften unseres Planeten nur dadurch ihrer Orientierung genügend Entfaltungsmöglichkeit einräumen, daß sie sich innerlich und oft auch materiell und räumlich aus der Normalität ihrer Herkunft, ihrer Familie und ihres ersten Freundeskreises lösen und auswandern. Nicht umsonst sind New York genau wie Berlin oder Köln Zufluchtsorte für hunderttausende schwuler Exilanten. Aber Coming-out und Emigration sind Leistungen, die nur jedes Individuum für sich alleine erbringt, und sie führen zunächst nur aus Bindungen heraus, noch nicht in neue hinein. Wie aber wird dem Emigranten eine neue Heimat, wie gelingt ihm nach dem Coming-out auch ein Coming-home?

Die kommerzielle Massenkultur für Schwule bietet an, diesen Mangel durch den Konsum von Attributen zu beheben. Unmittelbar nach erfolgreichem Coming-out kann mann sich auf der anderen Seite der mittlerweile verdoppelten Welt einrichten und auszurüsten: im schwulen Restaurant speisen, beim schwulen Reisebüro buchen, den schwulen Klassik-Sampler kaufen, an Karneval zur Rosa-Sitzung gehen, den Regenschirm in den Regenbogenfarben aufspannen, die Socken mit den schwulen Ralph-König-Motiven anziehen und dabei einen Spendenanteil an den schwulen Sozialfonds abführen. Trotzdem bleibt aber die Aufgabe, sich als schwuler Mann individuell und persönlich weiterzuentwickeln und mit anderen wahre Freundschaften und innige Partnerschaften einzugehen, ja, eine ganze Wahlfamilie oder, wie man im Französischen noch schöner sagt, eine Familie des Herzens zu schaffen, ungelöst. Erst ein Ansatz wie Gestalt, der immer schon mehr meinte als partielle Therapie, sondern das ganze Leben lebendig gestalt-en will, nimmt sich der Aufgabe der Gemeinschaftsbildung konstruktiv an.

Die schwule Gestaltgruppe, die Dan Rosenblatt mehr als fünfundzwanzig Jahre lang anbot, war sicher vor allem ein Raum zum Üben für persönliches Wachstum und für Kontakte außerhalb der Therapie, aber auch ein Ferment für die umgebende schwule Szene von New York, ja sogar in sich selber bereits eine Form von sozialer Gemeinschaft, von einer Herzensfamilie, wie sie ihresgleichen sucht. So gesehen ist sie auch - oder gerade - für die heutige Zeit modellhaft. Sicher wird man sie nicht einfach imitieren können oder gar ein schwules "Modellprojekt" der Gründung zwanzig ähnlicher Gestaltgruppen durchführen können. Aber vorbildhaft sein können Dans Ansatz, Haltung und Geist, seine spezielle Verbindung der eigenen Emanzipation als schwuler Therapeut (3) mit den Anliegen vieler Schicksalsgenossen, seine radikale Authentizität und sein ganzherziger Einsatz für sich entfaltende Menschlichkeit. Davon etwas mitzuerleben und weiterzuführen, möge auch dieses Buch in Gang bringen.

Manchmal habe ich mich gefragt, aus welcher Quelle Dan wohl seine Kräfte schöpft. Vielleicht gibt die folgende Begebenheit keine Antwort darauf, aber sie benennt das Phänomen, ja das Wesen von Gestalttherapie, auf überraschende Weise. Beim letzten Gestaltworkshop, den Dan in Köln anbot, stellte er die Eingangsfrage: "Wenn ich ein Magier wäre, welche Wünsche hättet ihr gerne von mir erfüllt?" Auf diesen Satz nahm ich in zum Schluß Bezug und sagte: "Dan, ich hab dich diese Woche hindurch so offen, nah, einfach und klar erlebt, du bist wirklich kein Magier, sondern einfach zutiefst menschlich." Daraufhin erwiderte Dan lächelnd: "Vergiß nicht, es gibt auch eine weiße Magie."


(1)  Good bye to Berlin. Hundert Jahre Schwulenbewegung. Katalog: Verlag Rosa Winkel, Berlin 1997
(2)  Barbara Tuchman: Der ferne Spiegel. Das dramatische 14. Jahrhundert. dtv, München 1982
(3)  Verband lesbischer und schwuler Psycholog(inn)en (VLSP), Postfach 221330, 80503 München

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Über Dr. Daniel Rosenblatt

Er wurde 1925 in Detroit/Michigan geboren. Er studierte in Harvard und Cambridge und erlernte Gestalttherapie bei Laura Perls. Nach einer langjährigen akademisch-wissenschaftlichen Tätigkeit arbeitet er seit über 30 Jahren in seiner privaten psychotherapeutischen Praxis in New York. Er ist "Fellow" und ehemaliger Vizepräsident des New Yorker Instituts für Gestalttherapie und leitet Ausbildungsgruppen in Gestalttherapie in den USA, Europa, Australien und Japan. Er ist Direktor des "Social Science Programs" im New Yorker Department of Health und Direktor für Soziale Studien an der Einstein-Universität, Abteilung Gesundheitsvorsorge.
Deutsche Veröffentlichungen von Daniel Rosenblatt zur Gestalttherapie:
"Gestalttherapie für Einsteiger" (Buch)
"Der Weg zur Gestalttherapie. Gespräch mit Lore Perls" (Buch)
"Bin ich meines Bruders Hüter? Gestalttherapie mit Aids-Patienten" (Audiokassette) 

 

 

 

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