PEER-PROJEKTE MIT JUGENDLICHEN IN EUROPA

Thomas Bliesener, Köln

Erschienen in: Dokumentation der internationalen Fachtagung
"Youth to Youth - Schüler für Schüler in der Suchtprävention",
Institut für Lehrerfortbildung, Hamburg 1997
 

1.     Der größere Rahmen
2.     Definition des Ansatzes
3.     Prinzipien im Hintergrund
4.     Themen
5.     Projektformen
6.     Probleme
7.     Vorteile
8.     Bewertung des Ansatzes
9.     Quellenhinweise
 
 

1. Der größere Rahmen

Der im Titel dieser Tagung verwendete Begriff "Schüler für Schüler" sowie der weiter gefaßte Begriff "Youth to Youth" ordnen sich in eine breitere Strömung von Projektansätzen ein, die in den letzten Jahren große Popularität gewannen: die peer-to-peer-Projekte. Gemeinsame Grundidee dieser Strömung ist, die pädagogische oder soziale Arbeit in bestimmten Zielgruppen durch Mitglieder derselben Zielgruppe tun zu lassen, also von peers für peers, von Gleichen für Gleiche, wobei dies nur im Sonderfall bedeutet, von Gleichaltrigen für Gleichaltrige. Wie in einem lebendigen, in Entwicklung befindlichen Feld nicht anders zu erwarten, sind die für solche Projekte verwendeten Bezeichnungen noch sehr uneinheitlich; in der Literatur findet man zum Beispiel die Varianten peer to peer approach, peer led projects, peer involvement approach oder (am ältesten, häufigsten und vereinfachendsten) peer education.

Peer-Projekte erfreuen sich einer weltweiten Zunahme. Dabei sind allerdings ihr Hintergrund und die Ausformung in den Ländern der Dritten Welt recht verschieden von denen in den hochindustrialisierten Ländern:

· In der Dritten Welt zwingt vor allem der Mangel an Finanzen, Fachkräften und motivierten erwachsenen Freiwilligen dazu, jugendliche Freiwillige zu rekrutieren. Hinzu kommt, daß die Alterstruktur der Bevölkerung generell einen hohen Anteil  junger Menschen aufweist (in manchen Ländern ist sie Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahre alt), so daß sich auch rein statistisch vor allem jugendliche Helfer gewinnen lassen, sogar für eine Projektarbeit mit der Zielgruppe Erwachsene.
 
· In den hochindustrialisierten Ländern dagegen zwingt vor allem die Emanzipation von Besonderheiten, also die fortschreitende Binnendifferenzierung der Gesellschaft in Subsysteme verschiedener Dimensionen (Geschlecht, Bildung, Beruf, Bekenntnis, Alter, Urbanität, Lebensstil usw.) dazu, hochspezifische Projekte und gleichzeitig brückenbauende Partizipationen einzurichten. Dabei haben Länder mit einem protestantisch-individualistischen Hintergrund und/oder mit einer Geschichte der Minderheiten-Kooperation bereits eine Tradition von Peer-Projekten entwickelt, besonders Großbritannien, Skandinavien, Niederlande, Schweiz und Kanada.

Nach dem Prinzip, daß Gleiche für Gleiche tätig werden, wird in vielen Gebieten und Institutionen der Gesellschaft vorgegangen, keineswegs nur in der Gesundheitspolitik. Außerdem geschieht dies auch nicht erst in jüngerer Zeit, sondern hat manchmal bereits eine lange Geschichte, in der freilich die heutige Bezeichnung Peer-Ansatz noch ungebräuchlich war. Einige Beispiele können dies verdeutlichen:

· Schule: Zu Beginn des vorigen Jahrhunderts wurden im angelsächsischen Erziehungssystem aufgrund von Lehrkräftemangel ältere und reifere Schüler von einem Lehrer so unterrichtet, daß sie im Anschluß daran ihrerseits andere Schüler unter-richten konnten; diese Einrichtung wurde als monitorial system bekannt. Andere Beispiele sind die auch heute noch üblichen Einrichtungen von Tutoriaten, Schülernachhilfe, Schülermitverantwortung und (in einigen Internaten, z.B. Salem) Schüler-Sozialdiensten.
 
· Militär: Viele Lehrgänge der Bundeswehr sind so angelegt, daß die Teilnehmer reihum den größten Teil ihres Unterrichts selber vorbereiten und durchführen.  Auch die Institution des Vertrauensmanns (Ombudsmanns) der Mannschafts-dienstgrade setzt auf die Arbeit eines Gleichen für seinesgleichen.
 
· Kirchen: Die Jugend-Gemeindearbeit sowie die Jugend-Gottesdienste setzen gezielt darauf, daß Jugendliche Angebote für Jugendliche machen. Aber auch die viel ältere Institution des Meßdieners, die aus den Kirchen-Knabenchören hervorging, funktioniert nach dem Grundsatz, daß junge Leute Funktionen übernehmen und dadurch eine besondere Verbindung zu jungen Gemeindemitgliedern herstellen.
 
· Justiz und Ordnungkräfte: Hilfssheriffs im amerikanischen Ordnungswesen wurden vorzugsweise aus den Kreisen rekrutiert, die die Ordnung besonders gefährdeten. Als moderne und großstädtische Version dieser Idee lassen sich die Guardian Angels verstehen. In der Justiz sollen Schöffen die sozialen Schichten repräsentieren, die in Prozessen als Objekte der Justiz erscheinen.
 
· Freizeit: In der nur noch wenig bekannten Tradition der Deutschen Jugendbewegung (der Wandervögel), die einen Höhepunkt vor dem Ersten Weltkrieg erlebte, waren selbstverantwortliche und selbstbestimmte Lebensgestaltung von und für die Jugend (darin enthalten sogar spezielle alkoholpräventive Ziele) ein zentrales Anliegen. Noch in der Perversion der Jugendbewegung, nämlich der Hitlerjugend, wurde darauf gesetzt, daß die Führung von Jugendlichen durch Jugendliche selbst geschehe. Übrigens wurzelt auch ein Großteil der heute sehr beliebten Erlebnis-pädagogik mehr, als ihr gewöhnlich bewußt ist, in den Ansätzen der deutschen   Jugendbewegung und deren modernen Abkömmlingen, insbesondere der Autonomiebewegung.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, daß die Grundidee des Peer-Ansatzes schon lange auf solchen Gebieten praktiziert wurde, die vom Streben nach Autonomie oder von der Bereitschaft zur Partizipation bestimmt wurden.
 

2. Definition des Ansatzes

In der außerordentlich vielfältigen Praxis von Peer-Projekten findet sich letztlich nur ein einziges gemeinsames Merkmal, das zu ihrer Definition herangezogen werden kann. In der Sprache der Sozialplanung formuliert, läßt sich folgende Definition geben:

Peer to peer oder peer involvement heißt ein Projekt, wenn in ihm Laien-Multiplikatoren aus einer bestimmten Zielgruppe innerhalb derselben Zielgruppe tätig sind.
 

Erläuterungen zu einzelnen Bestandteilen der Definition:

· Tätig sind läßt offen, ob es sich um Handlungen aus eigener Initiative und in eigener Regie handelt oder um einen Arbeitseinsatz unter fremder Anleitung.
 
· Laienmultiplikatoren läßt offen, ob diese ausschließlich miteinander arbeiten oder aber gemischt mit anderen, z.B. im Duo aus Laie plus Experte.
 
· Dieselbe Zielgruppe läßt offen, wie innig sich die Multiplikatoren und ihre Zielgruppe gleichen, je nach dem, wie genau die Zielgruppe bestimmt wird. Häufig verwendete Bestimmungsmerkmale für eine Zielgruppe sind:

Auch wenn Laienmultiplikatoren in all diesen Merkmale mit ihrer Zielgruppe gleich sind, werden sie sich gewöhnlich doch in anderen Merkmalen systematisch aus ihr herausheben und sozusagen insgeheim doch ein bißchen ungleich sein:
-  Gruppenrang (Randposition, Führer, Sympathieträger)
-  Fähigkeit (Spitzentalent, Primus-inter-pares, Mini-Experte)
-  Erfahrung (z.B. dezidiert drogen-unerfahren oder bewußt drogen-erfahren).
 
 

3. Prinzipien im Hintergrund

Peer-Projekte lassen sich nicht ausschließlich auf ökonomische Zwänge, politische Erwägungen oder persönliche Bedürfnisse nach mehr Spaß in der Prävention zurückführen. Vielmehr sind sie mehr oder weniger bewußt auch von übergeordneten Leit-gedanken und Idealen inspiriert, von allgemeinen Prinzipien, die unsere Epoche prä-gen. Auch in den Diskussionen über und Bewertungen von Peer-Projekten werden oft unbemerkt Anleihen bei solchen Prinzipien gemacht. Es ist deshalb lohnenswert, sich ihrer etwas mehr bewußt zu werden. Die wichtigsten davon sind die folgenden:

· Demokratie. Ein kleines Wortspiel macht dies unmittelbar klar: Die beliebte Formel, Peer-Projekte seien Arbeit von Jugendlichen für Jugendliche durch Jugendliche ist die wörtliche Übertragung der Definition von Demokratie, wie sie die amerikanische Verfassung verwendet, nämlich Regierung vom Volk für das Volk durch das Volk. Peer-Projekte wollen demokratische Projekte sein.
 
· Bildung. Die Aktivität von Peer-Projekten besteht natürlich nicht in der Regierung, sondern in individueller Entwicklung, also Pädagogik. Dabei zielt sie nicht auf Disziplinierung, sondern auf Emanzipation zur Selbstverantwortung. Dies ist aber nichts anderes als in reinster Form das aufklärerische Ideal der Bildung. Peer-Projekte wollen Bildungs-Projekte sein.
 
· Autonomie. In mancher Hinsicht hat dieser Begriff in den letzten 25 Jahren die Nachfolge von Demokratie angetreten. In ihm geht es nicht mehr allgemein um die Selbstherrschaft des Volkes, sondern speziell um die Selbstbestimmung einzelner Gruppen und Individuen. Sicher ist es kein Zufall, daß zeitgleich mit dem Abebben der Autonomiebewegung in der Jugend dieses Ideal in den Arbeitskonzepten von Peer-Projekten wieder auftaucht, gewissermaßen als ein abgeschwächter zeitgeschichtlicher Nachhall. Peer-Projekte wollen Autonomiebestrebungen entgegenkommen.
 
· Partizipation. Eine Antwort auf Autonomiebestrebungen und das Auseinanderdriften gesellschaftlicher Subsysteme ist das Prinzip der Partizipation. Die Ottawa-Charta der WHO und die Selbsthilfebewegung lassen sich als Anwendungen dieses Prin-zips im kurativen Sektor verstehen. Seine Anwendung im präventiven Sektor ist der Peer-involvement-Ansatz. Peer-Projekte wollen auch helfen, Experteneinfluß auf Laien abzusichern.

Zusammenfassend ist festzustellen, daß Peer-Projekte von verschiedenen Hintergrundprinzipien geleitet werden, die jedoch nicht immer völlig verträglich sein müssen. Von daher dürften Unklarheiten und verdeckte Widersprüchlichkeiten in der Projektpraxis der zu erwartende Normalfall sein.
 

4. Themen

Die hiesige Tagung hat sich zwar auf das Thema der Suchtprävention konzentriert, aber Peer-Projekte werden auch zu einem breiten Spektrum anderer psychosozialer Themen durchgeführt, und diese stehen oft in einem engen Wirkungszusammenhang mit der Suchtprävention. Deswegen sollen sie mit in den Blick genommen werden.
Bei der ersten Weltkonferenz von Jugend-für-Jugend-Projekten im Frühjahr 1995 in Vancouver mit über vierhundert jugendlichen und sechshundert erwachsenen Teilnehmern (2) wurden zum Beispiel die folgenden Themen behandelt:

Schul- und Lernstoff jeder Art
Alkohol, Nikotin
andere Droge
Schwangerschaf
Geschlechtskrankheiten incl. HI
Andere Infektionen, z.B. Gripp
Ernährung, Eßstörunge
Müllvermeidun
Wohnungslosigkeit
Verkehrsverhalte
Selbstmordneigun
Gewalttätigkeit
 

Der Zusammenhang zwischen diesen Themen kann nun zweifacher Natur sein:

· Innerer Zusammenhang: In der sozialen Wirklichkeit treten Probleme oft bei mehreren Themen zusammen auf, und zwar entweder gleichzeitig oder nacheinander. Wenn nun Projekte bei einem dieser Probleme intervenieren, so kann dies Auswirkungen auch auf die anderen haben. Dabei wird im ungünstigen Fall ein Symptom nur verschoben, z.B. der Alkoholkonsum reduziert, aber die generelle Selbstmordneigung verstärkt. Im günstigen Fall jedoch werden mehrere Probleme mitgelöst. Einen solchen Transfereffekt darf man vor allem bei Projekten erwarten, die an unspezifischen Bedingungsfaktoren wie Selbstwert arbeiten; zum Beispiel kann durch die Schulung von Selbstbewußtsein und Achtsamkeit im Straßenverkehr zugleich das Risikoverhalten beim Suchtmittelkonsum reduziert werden!
 
· Äußerer Zusammenhang: Studien aus Frankreich, Großbritannien und den USA zeigen, daß die Häufung von psychosozialen Problemen oft mit fehlendem Zugang zu regelmäßiger Arbeit einhergeht. Wenn dieser Faktor verbessert werden kann, verbessern sich häufig auch alle anderen. Eine Konsequenz daraus wäre, Projekte einzurichten, durch die die Beteiligten mehr Einfluß auf ihre soziale Lage gewinnen, also Empowerment gemäß der Charta der WHO. In diesem Sinn können auch Jugend-Projekte zur Arbeitsbeschaffung einen suchtpräventiven Effekt zeitigen!

Die Quintessenz aus diesen Erkenntnissen lautet: Bei Peer-Projekten muß es nicht unbedingt darauf ankommen, daß sie Sucht und Drogen zum offiziellen Thema machen, um dennoch einen suchtpräventiven Effekt erzielen zu können. Entscheidender ist womöglich die gezielte Bearbeitung von Soziallage und Selbstwert der Beteiligten.
 

5. Projektformen

Peer-Projekte sind allein durch ihr Definitionsmerkmal charakterisiert und auf keinerlei sonstige Besonderheiten festgelegt. Auf die Frage Was kann ein Peer-Projekt? läßt sich nur genauso antworten wie auf die Frage Was darf das Kabarett?, nämlich: Alles. Peer-Projekte wählen in den Dimensionen, aus denen sich generell Projekte zusammensetzen, alle nur denkbaren Spielarten. Sie variieren hinsichtlich Zielgruppe, Zielsetzung, Arbeitsort, Arbeitsmethode und Arbeitsmedium bis zum äußersten.

· Zielgruppe. Es gibt Peer-Projekte mit Jugendlichen wie mit Erwachsenen, Kindern wie Eltern, Schülern wie Lehrern, Arbeitslosen wie Berufstätigen, Großstädtern wie Landbewohnern, Deutschen wie jeder anderen Ethnie dieser Welt.
 
· Arbeitsorte: Schule, Jugendclub, Gemeindezentrum, Theater, Internat, Kaserne, Ferienlager, Diskothek, U-Bahn, öffentliche Plätze, Raststätten, Strände, usw. ...
 
· Zielsetzungen: Aufmerksamkeit, Wissen, Einstellungen, Gefühle, Verhalten. Speziell beim Thema Drogen: Primärprävention von Drogenkonsum, von Rausch, von Sucht, von Begleiterkrankungen, von Konsumfolgeverhalten, usw. ; Sekundärprävention von jedwedem Risiko- oder Schädigungsverhalten, usw.
 
· Arbeitsmethoden: Es gibt zu jeder in Expertenprojekten benutzten Arbeitsmethode eine
  Entsprechung bei Peer-Projekten:

 
· Arbeitsmedien: Es existieren Peer-Projekte zur Herstellung und Verbreitung aller nur denkbaren Medien: Flugblatt, Fake, Faltblatt, Zeitschrift, Cartoon, Poster, Foto, CD, Audioband, Film, Video, Sticker, Button, T-Shirt. Außerdem werden von Peer-Projekten sämtliche Kommunikationsnetze genutzt: Radio, Fernsehen, Telefon, Telefax, Minitel, Bildtelefon, Internet.

Angesichts dieser überwältigenden Vielfalt konkreter Projektmöglichkeiten wird klar, daß es bei Peer-Projekten im Hinblick auf Projektformen keine verallgemeinerbaren Erfahrungen geben kann.
 

6. Probleme

Natürlich sehen sich Peer-Projekte mit denselben Hindernissen und Knappheiten konfrontiert wie andere soziale Projekte auch: Mangel an Geld, Räumen, Material, Protektion, Organisation, Motivation, Durchhaltevermögen, usw.  Darüber hinaus aber haben sie auch mit Problemen zu tun, die mehr mit ihrem spezifischen Ansatz zusammenhängen. Von diesen scheinen mir die folgenden die wichtigsten zu sein:

· Flüchtigkeit von Projekterfahrungen. Je mehr die Projekte tatsächlich von Laien getragen werden, um so weniger systematisch bereiten sie sich mithilfe der Erfah-rung früherer Projekte vor. Gleichzeitig minimieren sie die Fixierung, Auswertung und Vermittlung ihrer eigenen Projekterfahrungen. So kommt es, daß in Laienprojekten das Rad noch öfter neu erfunden wird, als dies in Expertenprojekten ohnehin schon geschieht.
 
· Verstärkung von Ausgrenzungen. Die von Peer-Projekten favorisierte Gleichheit zwischen Multiplikatoren und Zielgruppe wird um so stärker, je spezifischer die Gruppe bestimmt ist. Dies erhöht die Wirkungskraft dieses Ansatzes. Gleichzeitig kann dies aber den Bumerangeffekt nach sich ziehen, daß die spezifische Gruppe noch stärker vom Rest der Gesellschaft abgegrenzt wird. Vor allem Jugendprojekte können ungewollt dazu beitragen, daß sich die Kluft zu Erwachsenen vergrößert, daß sich die Unterschiede innerhalb der Jugend vertiefen und daß marginalisierte Jugendliche noch weiter ausgegrenzt werden.
 
· Ablenkung von globalen Faktoren. Für die Arbeit in und die Finanzierung von Peer-Projekten ist es meist erleichternd, wenn das Thema eng und konkret gefaßt wird. Aber gerade eine solche Konzentration auf Konkretes wie etwa Drogen und Sucht kann ungewollt den Blick von entscheidenden unspezifischen Bedingungsfaktoren wie Selbstwert und Soziallage ablenken. So geht manchmal eine Perspektive, weil sie den Horizont von Peers übersteigt, für wirkungsvolle Interventionen verloren.
 
· Reproduktion von Expertenkonflikten. Der größte Teil der Peer-Projekte wird von erwachsenen Experten eingerichtet und geprägt, besonders seine Zielsetzungen. Da aber die Ansichten und Ziele der Experten oft recht gegensätzlich sind, zumal in Drogenfragen, kommt es zu einer Reproduktion ihrer Konflikte zwischen den Peer-Projekten. So treten die einen Jugendlichen für eine völlig abstinente Lebensführung ein, die anderen dagegen für eine weise Kultivierung des Drogenkonsums. Möglicherweise aber würden die Einstellungen der Peers viel flexibler, wenn sie ohne die Zielvorgaben von Erwachsenen eine eigene Haltung entwickeln könnten.

Aus dem Wissen um diese Probleme lassen sich zwei Konsequenzen ziehen:

· Expertenprojekte und -strukturen behalten durchaus einen eigenen Wert.
· Peers sollten in der Bestimmung der Themen und Ziele mehr Autonomie haben.
 

7. Vorteile

Peer-Projekte bergen die Möglichkeit zu spezifischen Effekten, die sich mit Expertenprojekten kaum erzielen ließen. Natürlich kommt es letztlich auf das konkrete Projekt an, ob diese Effekte auch tatsächlich realisiert werden. Im einzelnen kann man fünf Gruppen von Vorteilen anführen:

· Kostenersparnis. Die Honorarkosten für Peer-Mitarbeiter liegen entweder gänzlich bei null oder sind, entsprechend dem Laienstatus der Peers, sehr niedrig. Außerdem sind die Fixkosten für Peer-Projekte niedrig, wenn öffentliche Infrastrukturen (wie Schulräume) oder private Infrastrukturen (wie Telefon und PC) umsonst mitgenutzt werden können. - Allerdings sollten in der Kalkulation die Kosten für die begleitenden Experten und für Arbeitsaufwendungen nicht übersehen werden!
 
· Personalressourcen. Bei chronischer Unterbeschäftigung, zumal unter Jugendlichen, lassen sich relativ leicht viele Mitarbeiter gewinnen, die zu der Projektarbeit selbst motiviert sind oder durch den Anreiz von Multiplikatoren-Zertifikaten, die die Chancen auf dem Arbeitsmarkt vergrößern. Dabei darf man auch auf eine breite soziale Streuung der Freiwilligen hoffen, wodurch die Einbindung in die Zielgruppe noch intensiviert wird.
 
· Treffsicherheit. Je mehr ein Projekt von der Initiative der Peers getragen wird, um so mehr wird es auch tatsächlich relevante Themen und Probleme anpacken. Peers wissen selbst am besten, wo es bei ihnen brennt, und können deswegen am gezieltesten löschen. - Allerdings wenn es in einer Gruppe kollektive Tabus gibt, werden diese wohl auch von Peer-Projekten kollektiv gemieden werden!
 
· Wirksamkeit. Die Gleichheit zwischen Akteuren und Zielgruppe bewirkt größere

 Dadurch lassen sich die Zielsetzungen des Projekts besonders effektiv umsetzen.
 
· Begleiteffekte. Jenseits der speziellen Wirkungen, für die ein Peer-Projekt gemäß seiner Zielsetzung arbeitet, kommt es durch seine Ansiedelung innerhalb der Zielgruppe außerdem zu unspezifischen Effekten. Die Zielgruppe kann ja sozusagen dauernd mitansehen, wie die Multiplikatoren aus ihrer Mitte motiviert, aktiviert und qualifiziert werden. Dies wirkt sich auf sie ermutigend und selbstwertstärkend aus und fördert damit einen der wichtigsten unspezifischen Faktoren jeder Prävention.

Insgesamt kann man feststellen, daß die möglichen Vorteile, die dem Ansatz von Peer-Projekten innewohnen, seine Probleme überwiegen und ihn außerdem zu einer interessanten Alternative zu Expertenprojekten machen.
 
 

8. Bewertung des Ansatzes

Ob die zahlreichen Vorteile, die mit Peer-Projekten möglich scheinen, auch tatsächlich immer in der Praxis erreicht werden, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Was speziell die Effektivität von Peer-Projekten zur Erreichung definierter Projektziele angeht, so könnte sie nur durch umsichtige Evaluationsstudien nachgewiesen werden. Dies ist aber ein schwieriges Unterfangen. Denn eine methodisch gesicherte Evaluation ist unglücklicherweise am besten in solchen Situationen durchführbar, in denen der Peer-Ansatz am wenigsten von seinen besonderen Stärken demonstrieren kann, nämlich in enggefaßten Unterrichtssituationen. Man darf deshalb nicht unbesehen der skeptischen Bilanz zustimmen, zu der eine schwedische Metanalyse über schulische Peer-Programme zur Suchtprävention gelangt (1). Ihre schönsten Blüten zeigen Peer-Projekte wohl eher außerhalb des Schulunterrichts im freien Feld; gerade dorthin können ihnen Evaluationsstudien aber nur noch methodisch hinkend folgen.

Daneben muß man bedenken, daß auch den Peer-Projekten in der Praxis alle Irrtümer, Fehler, Schwächen, Übertreibungen und Beschönigungen unterlaufen können, die normalerweise auch bei Expertenprojekten vorkommen. Optimale Projektdurch-führungen werden wohl generell zu den Ringeltauben unter den Vogelscharen zählen.

Die unspezifischen Nebeneffekte und die langfristigen Folgewirkungen von Peer-Projekten werden fast immer unterschätzt, ja oft nicht einmal erwähnt. Gerade sie aber, die Ermutigung zum Engagement, die Stärkung von Selbstwert, die Förderung von Kommunikation und die Aktivierung zum Handeln, decken sich mit Grundanliegen allgemeiner Persönlichkeitsbildung und unspezifischer Gesundheitsförderung. In ih-nen darf man einen der wichtigsten Pluspunkte des gesamten Ansatzes erblicken.

Fazit: Die durch Peer-Projekte leistbare Aktivierung einer Zielgruppe ist ein
unersetzbarer Beitrag zur Förderung von Selbstwert und Selbstverantwortung
und somit ein Instrument erster Qualität zu themenunabhängiger Prävention.
 
 

9. Quellenhinweise

(1)  Marklund, Ulla: Peer teachers in drug education - a worthwhile approach? 1988
      sowie weitere unveröff. Forschungsberichte und Artikel, anzufordern bei:
      Ulla Marklund, National Institute for Public Health, Box 27848, S-11593 Stockholm
 
(2)  6. International Congress for Adolescent Health & World Youth Health Assembly,
       20.-25.3.95, Vancouver BC: Abstracts and Proceedings.

(3)  Peer Resources Bookshop: Annual List of Available Materials.
      1052 Davie Street, Victoria BC V8S 4E3, Canada
       http://www.islandnet.com/~rcarr/peer.html
 
(4)  http://www.lycos.com/cgi-bin/pursuit?cat=lycos&query=peer%20education

 

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