"Sprache des Herzens".

 

 

Peri- und präverbale Modi von Kommunikation

 

 

Thomas Bliesener, Köln

 

 

 

 

 

1.         Jenseits der Cognitio symbolica: die Sprache des Herzens?

 

2.         Erfahrungen mit wenig-erfaßten Kommunikationsphänomenen

2.1.      Gesundheitserziehung: Intimität und Sexualität

2.2.      Psychosomatik: Gefühlstaubheit

2.3.      Psychotherapie: Gegenübertragung, Systemdynamik, Kontakt

 

3.         Sprache des Herzens: Der periverbale Kommunikationsmodus

3.1.      Merkmale und Qualitäten

3.2.      Bezeichnungen

3.3.      Präverbaler Ursprung

 

4.         Beziehung zwischen verbalem und periverbalem Modus

 

5.         Perspektiven für Forschung

 

6.         Literatur

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Aus: Krallmann, Dieter & Schmitz, H. Walter (Hg.) : Perspektiven einer Kommunikationswissenschaft. Internationales Gerold-Ungeheuer-Symposium 1995. Nodos Verlag, Münster 1998, Band 2, 187-199


1. Jenseits der Cognitio symbolica: Die Sprache des Herzens?

 

Bei der Erkundung eines neuen Wegs ins alte Indien wurde der Antipode Amerika entdeckt. Sicher ein großer Fall in der Weltgeschichte, doch im Prinzip für Entdeckungen typisch: Bei einer Suche mit erklärtem Ziel ergeben sich oft Funde in der umgekehrten Richtung. Daran mußte ich denken, als ich Ungeheuers Nietzsche-Studie las.

 

Sie wurde begonnen als Untersuchung zur Überlieferung der Cognitio symbolica. Jedoch fand sie bei Nietzsche eine fortgeschrittene Arbeit just an deren Komplement. Nietzsche versucht mit dem Begriff des Dionysischen zu erschließen, wie die Erfahrung des einzelnen und die Verständigung zwischen den Menschen auch ohne Begriffe und Wörter als 'Mittheilungszeichen', vielmehr von Herz zu Herz möglich sei. Dies ist geradezu die Alternative zu Ungeheuers Frage nach der Möglichkeit von Verständigung durch Sprechen. Die von Ungeheuer plastisch dargestellten Befunde Nietzsches über dionysisch rauschhafte Erfahrung und deren Vermittlung durch Ton, Blick und Gebärde, Gesang, Musik und Tanz an den synchronen sinnlichen Erlebnisprozeß von anderen Menschen lesen sich wie eine Ergänzung von Ungeheuers eigener Theorie um eine große unterbelichtete Dimension, um nicht zu sagen: um ihren Schatten.

 

Meine Berufstätigkeit nach dem Studium am IKP führte mich in den letzten fünfzehn Jahren in die Psychosomatik, die Gesundheitserziehung und die Gestalttherapie. Indessen orientierten sich meine empirischen Forschungen weiterhin an kommunikationswissenschaftlichen Grundsätzen und dem Ansatz der Gesprächsanalyse. Immer mehr jedoch gewahrte ich in der Praxis und im Leben Kommunikationsphänomene von zentraler Bedeutung, die sich in diesem Rahmen nicht recht erfassen lassen. Bei der Suche nach einer größeren Perspektive kam ich auf Nietzsches Bemühungen um die dionysischen Sprachen zurück. Ich halte seine Erweiterung des Blicks und der Begriffe auf Kommunikation, die nicht auf Begriffen beruht und nicht in Zeichenverwendung aufgeht, für durchaus aktuell und noch gar nicht zu Ende gedacht. Heute, da vielen Menschen die Rede vom gleichen Recht für Kopf und Bauch spielend über die Lippen geht, ließe sich Ernst machen mit dem Unternehmen einer Sprache des Herzens.

 

Im folgenden werde ich einige Probleme aus den erwähnten Arbeitsgebieten sowie ihren Zusammenhang mit Phänomenen von Kommunikation jenseits sprachlicher Verständigung darstellen. Dann versuche ich, den gemeinsamen Nenner dieser Phänomene zu präzisieren, ihre Wurzeln im frühkindlichen Lebensvollzug zu zeigen und ihre Einordnung in das kommunikative Gesamtgeschehen zu klären. Zum Abschluß gebe ich Hinweise auf mögliche Folgerungen für die Forschung.

 

2. Erfahrungen mit wenig-erfaßten Kommunikationsphänomenen

 

                                                           Wes das Herz voll ist, des gehet der Mund über.

                                                                                                          (Matthäus 12, 34)

 

2.1. Gesundheitserziehung: Intimität und Sexualität

 

Eine der größten Herausforderungen für die Gesundheitserziehung dieses Jahrzehnts, ja dieses Jahrhunderts besteht in der Verhütung der tödlichen HIV-Infektionen. Da durch HIV und seine Folge Aids enorme volkswirtschaftliche Schäden in Form von Krankheitskosten, Sozialbeitragsausfällen und Produktivitätsverlusten verursacht werden können, wurden große Beträge für Prävention ausgegeben. Die Programme und Kampagnen haben bewirkt, daß die anfänglichen Extremreaktionen der Bagatellisierung und der Panik verschwanden, der Kenntnisstand der Bevölkerung über Infektionswege und Schutzmöglichkeiten wesentlich anstieg und die persönlichen Vorsätze zur Infektionsverhütung weit verbreitet sind. Dennoch wird in vielen Situationen die eigentlich beabsichtigte Kondombenutzung unterlassen, und es ereignen sich in Deutschland Jahr für Jahr mehrere tausend neue HIV-Infektionen.

 

Offenbar haben also die bisherigen Präventionsbemühungen eine Grenze der Wirksamkeit da erreicht, wo sich Individuen in einen konkreten Kommunikationsprozeß mit schließlichem sexuellen Verkehr einlassen. Auf eine entscheidende Verbesserung der Prävention kann man nur hoffen, wenn man über diese Kommunikationsprozesse mehr herausfindet und sie gezielter beeinflussen lernt. Folgerichtig wurden in letzter Zeit neue Studien zur Erforschung der intimen Kommunikation und der sexuellen Interaktion unternommen. Eine der besonders anregenden Untersuchungen wurde vom Bundesminister für Gesundheit in Auftrag gegeben, eine andere wurde in Zusammenarbeit mit der Selbstorganisation von Homosexuellen in Schweden entwickelt.

 

Die vom BMG geförderte Studie Intime Kommunikation (Gerhards und Schmidt 1992) untersucht den Prozeß des Kennenlernens, der Annäherung und des Sexualverkehrs zwischen heterosexuellen Partnern. Aus theoretischen Überlegungen und den in fünfzig Interviews gewonnen Erkenntnissen werden Merkmale dieses Prozesses hergeleitet, die einer Absicht der Beteiligten zur Kondomverwendung entgegenstehen:

·       Verdecktheit des Begehrens und der zwischenmenschlichen Annäherung - 

                   Thematisierung von HIV-Schutz erzeugt jedoch Explizitheit.

·       Spontaneität jedes sich ergebenden Schrittes in dem Prozeß-

                   HIV-Schutz ist jedoch ein bewußter und kontrollierter Akt.

·       Nachgiebigkeit und Bereitschaft, einen Preis zu zahlen -

                   HIV-Schutz ist aber nicht halbierbar.

·       Freiheit der Partner in jedem Schritt, nur so weit zu gehen wie sie möchten -

                   Thema HIV-Schutz vergrößert aber den Vollzugszwang für Sexualität.

·       Ergebnissoffenheit des Prozesses -

                   Thema HIV-Schutz weist jedoch auf die Zielrichtung Sexualverkehr.

·       Partnererleben im gemeinsamen Fokus der Aufmerksamkeit -

                   HIV-Schutz hingegen ist ein fremder dritter Gegenstand.

·       Positive Gefühlskonnotationen aller Äußerungen -

                   HIV-Schutz aber assoziiert Angst und Tod.

·       Erotische körpergebundene Erregung -

                        diskursive Sprache dagegen wirkt ernüchternd.

Der erotische Kontaktprozeß schränkt also die Entfaltung von Sprechen und Handeln ein und ersetzt die Funktionen der inhaltlichen Verständigung und gezielten Steuerung durch sinnliche Stimulation und fortschreitende Kontrollverminderung. Er ist ein Kreis-prozeß emotionaler Energien. HIV-Schutz wird nicht durch Verständigung verabredet, sondern durch individuelle Impulse in diesen Prozeß eingebracht und ähnlich wie in einem Resonanzeffekt verstärkt und zu ausreichender Entfaltung gebracht . Wie dies genau funktioniert, müßte die zentrale Frage für weitere Forschung sein.

 

Die zu einer Dissertation ausgebaute Studie über Risk Factor Love (Henriksson 1995) untersucht den stummen Prozeß der Partnerfindung, der Annäherung und des sexuellen Verkehrs zwischen den homosexuellen Besuchern eines Stockholmer Sex-Video-Clubs. Aus den Erkenntnissen von fünfhundert Stunden teilnehmender Beobachtung werden Merkmale und Muster einer Choreographie des Begehrens gewonnen. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, daß es in den stummen erotischen Kontaktprozessen keinen benutzbaren Mechanismus gibt, mit dem sich auf verläßliche Weise eine Klärung, Einigung, Übernahme von Verantwortung und Feinabstimmung der Durchführung von HIV-Schutz erreichen ließen. Vielmehr wurden auch hier Beispiele gefunden, ähnlich wie in der deutschen Untersuchung, bei denen HIV-Schutz gelingt, wenn er im gegebenen Moment von einem der Partner praktisch ins Spiel gebracht wird und sich dann stillschweigend ko-evolutiv zwischen beiden Beteiligten weiterentwickelt.

 

Beide Studien zeigen also, daß es ziemlich nutzlos wäre, die Bevölkerung zu einem 'offenem und verantwortungsvollen Aidsgespräch' an der Bettkante erziehen zu wollen. Nützlich wäre jedoch Aufklärung darüber, wie sich in erotischer Kommunikation eingebrachte Impulse ausbreiten und welche individuellen Impulse zum HIV-Schutz besonders unauffällig und dennoch aussichtsreich wären.

Die dazu nötige Forschung müßte über das Modell von Kommunikation als Zeichenprozeß hinausgehen und stattdessen eines für die Interaktion emotionaler Energien entwickeln. Der Weg dahin ist jedoch weit, denn die Emotionsforschung ihrerseits denkt lieber in intra-individuellen Regelsystemen. So gibt es in dem Standardwerk Emotionen von Rost (1990) zwar kapitellang Befunde und Tips über Flirt und Sexualität, aber nicht einmal die Erwähnung, daß Flirten ein inter-individuelles Kommunikationsgeschehen ist. 

 

2.2. Psychosomatik: Gefühlstaubheit

 

Die häufigste Todesursache in den Industrieländern sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Ein großer Teil von ihnen beruht nicht auf unabwendbaren Alterungsprozessen, sondern auf der gewählten Lebensweise und der gewohnten Erlebensweise der Betroffenen, also auf grundsätzlich beeinflußbaren Bedingungen. Besonders deutlich ist dies bei langjährigem Bluthochdruck, einer zunächst unauffälligen und weithin unterschätzten Erkrankung, die oft erst bei der häufigen Folge des Herzinfarkts sichtbar wird, dann aber manchmal  tragischerweise zu spät.

 

Zur Behandlung von Hochdruck kannte man lange nur drei Ansätze:

·       Die medizinische Behandlung arbeitet mit blutdrucksenkenden Medikamenten. Damit dies über Jahre möglich ist, verschreibt man zunächst nur Präparate erster Stufe; wenn diese ihre Wirksamkeit verloren haben, Präparate zweiter, dritter, vierter Stufe. Nach zehn bis fünfzehn Jahren ist meist keines davon mehr wirksam.

·       Der erzieherische Ansatz zielt auf eine Änderung der Lebensweise, insbesondere der Bewegung, Ernährung und des Genußgiftkonsums. Da die Patienten wenig Leidensdruck spüren, ist ihre Mitarbeit oft inkonsequent und nur von kurzer Dauer.

·       Der psychoanalytische Ansatz setzt auf die Lösung krankmachender seelischer Konflikte durch therapeutische Gespräche. Die Erfolge sind jedoch mäßig; bisweilen treten sogar Verschlimmerungen ein.

 

Ein vierter, kommunikationsorientierter Ansatz kam vor etwa fünfzehn Jahren hinzu. Er macht sich die damals gerade möglich gewordene Technik zunutze, den Blutdruck automatisch im Minutenabstand zu messen. Lynch (1977, 1987) untersuchte an tausenden Versuchspersonen, wie sich der Blutdruck und andere Körperreaktionen während eines Gesprächsprozesses verhalten. Ergebnisse:

·       Bei Menschen mit normalem Blutdruck steigen die Werte beim Sprechen an und fallen beim Zuhören unter das Ruheniveau ab. Dabei spielen der Inhalt und das emotionale Engagement der Beteiligten keine Rolle. Man kann diese Effekte auf das biologische Erbe der Kampfreaktion und der Orientierungsreaktion zurückführen.

·       Bei Menschen mit chronischem Hochdruck kommt es beim Zuhören zu regelwidrigen Anstiegen über das Ruheniveau, beim Sprechen zu extremen Spitzenwerten. Man kann dies auf eine generalisierte Kampfreaktion und auf spezifische emotionale Reaktionen zurückführen.

·       Die Partner von Hochdruckpatienten haben im Gespräch oft synchrone Reaktionen.

 

Lynch machte während therapeutischer Gespräche mit Hochdruckpatienten die Blutdruckwerte auf einem Monitor sichtbar. Er beobachtete regelmäßig, daß Patienten über schwierige menschliche Erfahrungen sprachen und dabei lebensgefährlich hohe Kurvenausschläge auf dem Monitor erreichten, jedoch keinerlei besonderes Ausdrucksverhalten zeigten und nicht einmal subjektiv irgendein besonderes Gefühl empfanden. Ihnen fehlten das Gespür, der Ausdruck und die Worte für das, was ihr Blutdruck zeigte. Sie waren gefühlstaub, -stumm und -analphabetisch in einem. Sie waren, wie Lynch mit Nietzsche sagt, Einsamste unter den Einsamen.

 

Durch diese Befunde bekommt der Begriff, den Ungeheuer (1990:321) für denselben Gedanken Nietzsches prägte, einen neuen, tieferen Sinn: Mitteilungsnot besteht nicht nur beim Ringen um die Klärung und Formulierung von Gedanken, sondern auch beim Ringen um die Empfindung und den Ausdruck von Gefühlen. Kommunikationswissenschaftliche Theorie und Empirie muß fähig werden, beides zu erfassen. Die Not beim intellektuellen als auch beim emotionalen Kontakt zwischen Menschen sollte nicht von der Theorie abgeschoben werden in einen Bereich tauber bloßer Praxis.

 

Die Praxis von Lynch übrigens zeitigt gute Erfolge. Durch das Biofeedback beim Gespräch sowie eingeschobene Übungen zur Entspannung und zum Gefühlsausdruck lernen die meisten Patienten binnen weniger Monate, ihre Gefühle zu spüren, während gleichzeitig ihr Blutdruck auf ein gleichförmigeres und niedrigeres Niveau zurückgeht. Wie Nachuntersuchungen zeigen, bleibt dieser Erfolg über Jahre stabil.

 

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß der dritte Befund Lynchs zu den Phänomenen gehört, die im nächsten Abschnitt genauer betrachtet werden und die gut bekannt, doch schlecht erklärt sind: Die Tendenz zur Synchronie der Blutdruckkurven von engen Partnern stellt eine merkwürdige Form unterschwelliger Verbundenheit dar, von der gewöhnlich beide nichts wissen und spüren, über die sie aber oft staunen und durch die ihr Selbstverständnis tiefer Einsamkeit doch relativiert werden kann.

 

2.3. Psychotherapie: Gegenübertragung, Systemdynamik, Kontakt

 

Für Psychotherapie wird demnächst gesetzlich geregelt, wie Therapieleistungen von den Krankenkassen finanziert werden, wer diesen Beruf ausüben darf und welche Therapieverfahren berücksichtigt werden. Dadurch wird sich der Wettbewerb zwischen verschiedenen Therapien verschärfen. Die Marktchancen der einzelnen Therapierichtungen werden vom Nachweis ihrer Wirksamkeit abhängen. Es wird immer mehr darauf ankommen, wie Forschung die jeweiligen Besonderheiten einer Therapie erfassen kann. Zum Beispiel wurde die jüngste und sehr umfangreiche Vergleichsstudie (Grawe u.a. 1995) für ihre Absicht viel gelobt, aber wegen ihrer Durchführung sehr angegriffen: Ihre Methoden erfassen Therapien so selektiv und tendenziös, daß nur noch Verhaltenstherapie als wirklich haltbar erschien; sie vernachlässigen jedoch die langfristigen, komplexen, dynamischen, systemischen und erlebnismäßigen Qualitäten, die für andere Therapien typisch sind. Will man mehr über diese anderen Qualitäten erfahren, dann liest man besser die Schilderungen von Bergantino (1992) über seine persönlichen Erfahrungen mit großen Therapeuten verschiedener Schulrichtung.

 

Wo sich Forschung nicht nur für Therapieeffekte, sondern auch für Therapieprozesse interessiert, liegt eine Herausforderung für Kommunikationswissenschaft. Wie können die spezifischen nichtrationalen Qualitäten, insbesondere Motivationen und Gefühle, auf die hin einige Therapien angelegt sind und aus denen heraus ihr besonderer Verlauf evolviert, erfaßt werden? Wie können insbesondere Wechselwirkungen zwischen den Motivationen und Emotionen der Partner, die sich nicht über das Verstehen von Sinn und das Deuten von Zeichen vermitteln, erkannt werden? Gesprächsanalysen, einschließlich meiner eigenen, kamen hierin nicht sehr weit. Um den Blick für künftige Arbeiten zu weiten, seien einige zu berücksichtigende Phänomene skizziert.

 

Gegenübertragung. Die Bezeichnung stammt aus der der Psychoanalyse, das Phänomen kann aber unabhängig von psychoanalytischen Theorien und Therapien erlebt werden: Bei einem Interaktionsteilnehmer erscheinen Körperempfindungen, Körperreaktionen, Gefühle, Stimmungen, Einstellungen, Impulse und Aktionen, manchmal ganz plötzlich, manchmal auch sehr heftig, die er als unerklärlich und seiner eigenen Person fremd erlebt. Sie können vom Partner induziert sein als ein Abbild dessen, was ihn im Grunde bewegt, von ihm aber nicht bewußt erlebt wird. Ein alltägliches Beispiel ist die Erscheinung, daß wir plötzlich aufstoßen, tief gähnen oder gereizt husten müssen, wenn der andere mühsam beherrscht etwas erzählt, worüber er eigentlich wütend ist. Sein unbewußtes Gefühl wird von uns erlebt und weiterverarbeitet. Der Partner hat sein Gefühl weder ausgedrückt noch  dargestellt, sondern in uns ausgelöst - eine sehr elementare, nicht auf Zeichengebrauch reduzierbare Form von Kommunikation. Auf welche Weise dies genau geschieht, ist jedoch unbekannt. Freud beließ es bei der Metapher, die Vermittlung geschehe ähnlich unsichtbar wie bei der telefonischen Nachrichtenübertragung; daher auch seine Bezeichnung Übertragung. Das heutige psychoanalytische Schrifttum knüpft daran an, nimmt aber die frühere Metapher jetzt für real und unterstellt eine Vermittlung durch Signale (König 1993), über deren Art und Wirkung freilich wenig gesagt wird. Es bleibt ungelöst, wie sich  Prozesse der Gegenübertragung und der gezielten therapeutischen Arbeit damit empirisch erfassen lassen.

 

Systemische Effekte. In therapeutischen Situationen mit Familien oder anderen gewachsenen Gruppen, etwa Berufsteams, Sportmannschaften und Bürgerinitiativen, werden systematische Beeinflussungen zwischen den Individuen beobachtet, die sich oft sprachlos und unbemerkt vollziehen. Beispiel: Ein Ehepaar kommt mit dem an chronischer Bronchitis leidenden Sohn zur Therapiestunde. "Sie setzen sich so, daß Vater und Sohn in einer Ecke saßen und die Mutter in der anderen. Das Kind hustete immer wieder. Ich bat den Vater, sich näher zur Mutter zu setzen, wodurch sofort eine entsetzliche und schmerzliche Geschichte zu Tage kam. Die Mutter wurde jede Nacht von Paranoiaanfällen heimgesucht und versuchte den Vater zu erwürgen. Als der Vater die Geschichte erzählte, saß der kleine Junge, der von den nächtlichen Szenen offensichtlich nichts wußte, geschockt da und starrte sein Mutter mit weitgeöffneten Augen an, ohne zu husten." (Mindell 1994: 89). Das Kommen und Gehen des Krankheitssymptoms ist hier nicht durch Sprache oder Gesten vermittelt, sondern nur durch Wahrnehmung und davon ausgelöste psycho-somatische Reaktionen. Natürlich kann nach der Erkenntnis dieses Zusammenhangs das Wahrgenommene als Signal beschrieben und seine Wirkung als Botschaft dargestellt werden. Aber dies ist nur die nachträgliche Projektion des Modells sprachlicher Verständigung auf einen Prozeß, der in sich selbst ohne ein solches Verständnis vonstatten geht. Die Redeweise von einer Sprache des Familiensystems, die gelegentlich auch Mindell unkritisch verwendet, ist bloß metaphorisch. Es bleibt das Problem, die emotionale und somatische Dynamik von Familiensystemen und die darauf bezogene Arbeitsweise systemischer Therapien spezifisch zu erfassen.

 

Veränderte Bewußseinszustände. Weithin bekannt sind Rauschzustände, wie sie durch Drogen, zum Beispiel Alkohol oder Cannabisprodukte, hervorgerufen werden. Die Schwierigkeiten zur Erforschung von Kommunikation-im-Rausch liegen auf der Hand. Aber unterhalb des Rauschs gibt es noch eine ganze Stufenleiter weniger bekannter veränderter Bewußtseinszustände, so daß das Forschungsproblem eigentlich generell besteht. In Therapien wird zwar kaum noch mit psychotropen Substanzen gearbeitet, wie einst bei Grof (1993) oder Widmer (1989), aber bewußtseinsverändernde Techniken wie holotropes Atmen, katathymes Bild-Erleben, Hypnose, Entspannungstechniken, Meditationen usw. sind weit verbreitet. Manche Therapieverfahren zielen insgesamt darauf ab, daß der Klient aus einem kontrollierten Verhalten in einen spontanen Kommunikationsprozeß übergeht (z.B. Schellenbaum 1994) und dabei nichtalltägliche Momente der Begegnung (Buber) bzw. des Kontakts (Gestalttherapie) erleben kann. Um solche spezifischen Qualitäten therapeutischer Kommunikationsprozesse erforschen zu können, müssen aber überhaupt Begriffe für Bewußtseinsphänomene bereitstehen, empirische Zugänge zum Erleben der Beteiligten erweitert werden und die individuelle Empfindungsfähigkeit der Forscher geschult werden - gegebenenfalls in einer eigenen Therapieerfahrung.

 

3. Sprache des Herzens: Der periverbale Kommunikationsmodus

 

3.1. Merkmale und Qualitäten

 

Die so weit besprochenen Beispiele für Phänomene und Probleme der Kommunikation haben einige charakteristische Gemeinsamkeiten:

 

·       Die beteiligten Kommunikationspartner leisten hierin keine Referenz auf Zustände oder Prozesse der objektiven Welt außerhalb von ihnen beiden, sondern beziehen sich allein auf das subjektive Befinden und Erleben ihrer je inneren Welt.

 

·       Die Kommunikation geschieht nicht durch Zeichen mit Bezug zu einem begrifflich strukturierten Inhalt, sondern durch diverse materiale und temporale Qualitäten

-  von einzelnen Reizen und Signalen,

-  von Konstellationen von Reizen und Signalen,

-  von Zeichen und Zeichenfolgen eines begrifflich strukturierten Parallelprozesses.

 

·       Die Wirkung im Adressaten der Kommunikation vollzieht sich nicht durch kognitives Verstehen (auch wenn dieses in einem Parallelprozeß gleichzeitig stattfinden kann), sondern in einem energetischen Resonanzprozeß der Erlebnisverarbeitung.

 

3.2. Bezeichnungen

 

Gerade weil der in Rede stehende Sachverhalt noch unzureichend geklärt ist, halte ich die  Bezeichnung Sprache des Herzens für einen Glücksfall. Sie kann durch ihre Konnotationen und ihre Suggestivkraft helfen, die weitere Arbeit in die gesuchte Richtung zu lenken. Man muß sich aber bewußt bleiben, daß sie nur Metapher ist für einen Kommunikationsmodus, an dem gerade die Verschiedenheit von Sprache am schwersten zu begreifen ist.

 

Die von Ungeheuer bei der Nietzsche-Exegese verwendete Bezeichnung Symbolsprache als Kontrast zu Wortsprache trifft viel von dem hier Gemeinten. Ich würde sie aber nur da verwenden, wo Nietzsches spezieller Symbolbegriff genügend bekannt ist, also selten. Überdies ließ Nietzsche aus der Symbolsprache gelegentlich eine solistische Unternehmung werden, z.B. aus dem Tanz der Menschen einen Tanz der Feder auf dem Papier; auch dies spricht gegen die Verwendung der Bezeichnung Symbolsprache im vorliegenden Fall.

 

Wenn man nur zeichenvermittelte Prozesse als Kommunikation bezeichnet, alle anderen dagegen als Interaktion, sind die umrissenenen Phänomene wohl eher Fälle von Interaktion. Freilich bleiben sie trotzdem Gegenstand einer allgemeinen Kommunikationswissenschaft, weil aufgrund der Natur des Menschen das eine nur mit dem anderen zusammen auftreten kann: Menschen, die ausschließlich gemeinten Sinn verstehen könnten, ohne dabei zugleich sinnlich und emotional affiziert zu werden, wurden noch nicht geboren.

 

Die betrachteten Phänomene gehen weder in verbaler noch in nonverbaler Kommunikation auf. Sie liegen quer zu dieser Differenz. Einerseits ist auch menschliche Nonverbalität zum Teil sprachähnlich zeichenhaft verfestigt und mündet in die Erkennung und Deutung von Zeichen (weshalb ein Wörterbuch emblematischer Gesten möglich ist). Andererseits treten Eigenschaften wie Rhythmus, Tempo, Intensität, Prosodie ständig auch als Begleiter von Verbalität auf und entfalten auch ohne Eigenbedeutungen eine eigenständige sinnliche Wirkung (so kann das rasche Alternieren zwischen inhaltlichen Gegensätzen beim Zuhörer einen Stroboskop-Effekt bewirken und ihn in einen hypnotischen Zustand versetzen). Ich wähle deswegen für den Kommunikationsmodus, der sich auf materiale und temporale Qualitäten stützt, die nicht oder nicht nur zeichenhaft, sondern sinnlich und energetisch wirken, die Bezeichnung periverbal.

 

3.3. Präverbaler Ursprung

 

                                   Warum kann der lebendige Geist dem Geist nicht erscheinen?

                                   Spricht die Seele, so spricht, ach! schon die Seele nicht mehr.                                                                                                               (Friedrich Schiller)

 

Die neuere Forschung an Kleinkindern vor dem Spracherwerb brachte die Erkenntnis, daß Kinder schon von den ersten Lebenswochen an sehr differenzierte Kontakte mit ihrer Mutter und der Umwelt unterhalten und zugleich schon ein sehr komplexes Gefühlsleben haben (Dornes 1993). Beide, die Kontakt- und die Erlebnisprozesse, sind offenbar in ähnlicher Weise entlang sehr abstrakter und den Einzelsinnen übergeordneter (supramodaler) Grundqualitäten organisiert, z.B. Intensität, Dauer, Tempo, Rhythmus und Frequenz. So können sich Verlaufseigenschaften von Mutter-Kind-Kontakten relativ ungebrochen in entsprechende neuronale Erregungsmuster umsetzen und vom limbischen System als sensorische Gefühle verarbeitet werden. Erst in der späteren Entwicklung kommt es als Abzweigung aus solchen Prozessen zur Bildung von Phantasien, Symbolen und Kognitionen, die regelmäßig parallel im Neokortex verarbeitet werden, und deren Krönung in der Beherrschung der begrifflichen Sprache, der Sprache, besteht.

 

Offenbar gehen jedoch die ursprünglichen Mechanismen nicht, wie man es von vielen  biologischen Wachstumsprozessen kennt, durch Rückbildung oder Umformung verloren. Vielmehr bleiben sie im wesentlichen funktionstüchtig und werden, nur lose an die neuen kognitiven Prozesse gekoppelt, zu einer Komponente in einem komplizierten Mehrkomponentenprozeß der Erlebnisverarbeitung Erwachsener. Im Bilde gesprochen: Wohl wächst der Baum der Erkenntnis in die Höhe, aber der Boden der sensorischen Erlebnisverarbeitung bleibt weiterhin fruchtbar (wenn er auch manchmal von immer mehr Wurzelwerk durchwuchert wird, wie die Baobabs in St. Exupérys Kleinem Prinzen deutlich machen).

 

Der Kommunikationsmodus, den ich in Ansätzen umriß und als periverbal bezeichne, kann mit dem Erbe der präverbalen Kontakt- und Erlebnisprozesse gleichgesetzt werden. Gewiß ist dies eine Gleichung zwischen zwei nur teils Bekannten, sie könnte aber deren wechselseitige Aufhellung und einheitliche Erforschung unterstützen. Im übrigen ist es gang und gäbe, auf Kommunikationsphänomene des Erwachsenen zurückzugreifen, um damit Kommunikationphänomene des Kleinkinds zu bezeichnen. Im schlimmsten Fall mündet dies in adultomorphe Täuschungen, im besseren Fall jedoch in kritisches Sprachbewußtsein wie bei René Spitz: "Uns fehlen die Begriffe, sogar die Worte, in welchen das Niemandsland menschlichen Beginnens beschrieben werden könnte. [...]  Der Leser möge mir verzeihen, wenn ich beim Versuch, mich zu orientieren, über meine eigenen unbeholfenen Metaphern stolpere." (Spitz 1972: 1017, nach Dornes 1993: 88). So beschreibt Daniel Stern die Reziprozität und Rhythmik der frühen Mutter-Kind-Kommunikation mit der Metapher des Tanzes, und er stellt die Erlebniswelt des Kleinkinds in einem fiktiven Kindertagebuch mit den Mitteln der Poesie dar (Stern 1991). Ich verstehe dies als indirekten Hinweis darauf, daß peri- und präverbale Kommunikation tatsächlich miteinander verwandt sind.

 

4. Beziehung zwischen verbalem und periverbalem Modus

 

Die Alltagsvorstellungen über Kommunikation sowie das Alltagsbewußtsein von einem laufenden Kommunikationsprozeß pflegen den inhaltlichen Aspekt, den verbalen Prozeß, die kognitive Komponente überzuakzentuieren. Gelegentlich ist dieser Blickwinkel so stark, daß die nicht-kognitiven Vorgänge einfach der Aufmerksamkeit entschwinden; Mindell (1994:12) sagt in einem netten Wortspiel, der verbale Kommunikationsprozeß binde die Aufmerksamkeit geradezu mit hypnotischer Kraft. Wie auch immer, es läßt sich ein allgemeiner Hang zu kognitivistischen Selbsttäuschungen konstatieren.

 

Diese Tendenz wirkt bis in die wissenschaftlich motivierte Theoriebildung und ihren Zuschnitt von Empirie hinein. Zum Beispiel gliedert selbst ein vielgelesenes Einführungsbuch über nonverbale Kommunikation (Argyle 1979) den gesamten Stoff nach dem impliziten Modell eines kognitiven Zeichenprozesses in Encodieren und Decodieren. Erst kurz vor Ende des Buchs erscheint mitten im laufenden Text der Hinweis, daß die nonverbale Kommunikation von Emotionen eigentlich gar nicht in ein richtiges Decodieren beim Adressaten einmünde, sondern in ihm einen unbewußten, unbegriffenen, unscharf definierten und unmittelbaren Reaktionsprozeß auslöst, also in Wahrheit nach dem, wie ich ihn nenne, periverbalen Kommunikationsmodus funktioniert.

 

Für den Ansatz der Gesprächsanalyse wurde bisher in einer einzigen Arbeit eine umfassende theoretische Klärung versucht, wie Emotionen als Untersuchungsgegenstand einbezogen werden können (Fiehler 1990). Diese Öffnung ist ein großer Fortschritt, geht aber trotzdem noch nicht weit genug. Fiehler wählt ausgerechnet die kognitiven Emotionstheorien als Bezugspunkt, und er bleibt in seinem darauf aufbauenden Modell bei der Vorstellung stehen, Emotionen wirkten dadurch, daß ihr Ausdruck konventionalisiert sei und vom Adressaten gedeutet, verstanden und ggf. benannt werde. Im Hauptteil handelt die Untersuchung dann nicht einmal mehr davon, sondern davon, wie über Gefühle geredet wird. Fiehler erwähnt nur wie einen seltsamen Sonderfall, daß Gefühle auch ansteckend wirken können.

 

Eine ungewöhnlich weitsichtige und erfahrene Arbeit über Kommunikation und Gefühle stammt  von einem Autor, der zugleich einen Lehrstuhl für Soziologie innehat und eine Praxis für Gestalttherapie unterhält. Ihr Titel ist programmatisch für die gleichwertige Berücksichtigung von kognitiven und emotionalen, von semiotischen und sinnlichen Aspekten im menschlichen Kontakt: Reflexive Sinnlichkeit (Dreitzel 1992). Hierin findet sich auch eine klare Äußerung zu der in Rede stehenden Frage: "Es ist nicht nötig, die Formen des emotionalen Ausdrucks intellektuell erfassen und lesen zu lernen, weil wir die Emotionalität des anderen unmittelbar mitfühlend und einfühlend erleben. [...] Diese Tatsache ist von so immenser psychologischer und soziologischer Bedeutung, daß es erstaunen muß, wie wenig Beachtung sie bisher gefunden hat." (1992: 182f.). Der Hinweis auf die Studie Max Schelers (1948) über Formen der Sympathie rundet diese Bemerkung ab.

 

Jüngere Befunde aus der Gehirnphysiologie geben zusätzliche Gründe dafür, den Mechanismus der Gefühlsreaktionen als eigenständig und unabhängig von den zeichenverarbeitenden Kognitionen anzusehen. Offenbar können sensorische Reize durch eine getrennte Reizleitung direkt ins limbische System, den Sitz der Emotionen, gelangen und dabei den Neokortex, der für kognitive Prozesse unentbehrlich ist, umgehen (Rost 1990: 35). Es können sich sogar aktuelle Widersprüche zwischen dem Verständnis von etwas und dem Gefühl zu ihm ergeben, es können aber auch wechselseitige Verstärkungen auftreten.

 

Resümierend schlage ich vor: Eine Modellvorstellung für die Kommunikation zwischen einem Initianten und einem Reaktanten sollte auch im Minimalfall eine durchgängige Gliederung in zwei Komponenten bereitstellen, wobei die Bezeichnung Komponente nicht zu der Vorstellung verleiten sollte, man könne sie in Reinform isolieren. In der Empirie wird man Kompositionen aus beiden vorfinden:

 

·       Kognitive Prozesse in Begriffen, darunter auch Kognitionen über Emotionen.

Die zugehörige Äußerungsform des Initianten ist die verbale Thematisierung,

darunter auch die Thematisierung von Emotionen.

Die zugehörige Rezeptionsform des Reaktanten besteht primär aus Prozessen des Dekodierens, Interpretierens und Verstehens, sekundär aus einer Bewertung des Verstandenen und einer darauf aufbauenden Gefühlsreaktion.

Diese Komponente ist die vertraute verbale Kommunikation.

 

·       Emotionale Prozesse, einschließlich des Spürens eigener Emotionen.

Die zugehörige Äußerungsform des Initianten ist der Gefühlsausdruck, der sowohl von organischen Dispositionen als auch Ausdruckskonventionen geprägt sein kann; sein materielles Substrat können nonverbale oder vokale Signale sein oder parasprachliche Begleitmerkmale des verbalen Prozesses.

Die zugehörige Rezeptionsform des Reaktanten besteht in direkt ausgelösten sinnlichen Reaktionen, ggf. jedoch auch einer parallelen kognitiven Ausdrucksdeutung.

Diese Komponente läßt sich sinnvoll als periverbale Kommunikation bezeichnen.

 

                                               Initiant                              Reaktant                        

 

                                                                                              Dekodieren

                                                                                              Identifizieren

Kognitionen                  verbale                                 Diagnostizieren

                                               Thematisierung                 Interpretieren

                                                                                              Deuten

                                                                                              Verstehen

 

                                                                                              Gefühlsansteckung

Emotionen                      periverbaler                         Komplement. Reaktion

                                               Ausdruck                             Antagonist. Reaktion

                                                                                              Kontingente Reaktion

 

 

5. Perspektiven für Forschung

 

Eine der stärksten Verfestigungen für die ohnehin schon überwiegend kognitivistisch-verbale Betrachtung von Kommunikation entsteht durch die Datenform des Transkripts:

·       Entscheidende Träger des Ausdrucks von Emotionen und Befindlichkeit, nämlich Stimme, Gestik und Gesicht, verschwinden unersetzbar.

·       Die Hauptdimension der Gefühlsdarstellung und -auswirkung, die Zeit, wird aufgelöst. In der Gleichzeitigkeit des Texts kann der Gesprächsforscher nach Belieben hin- und herspringen. Dadurch vermeidet er, dem Fluß und Rhythmus des Originals ausgesetzt zu sein und die nur auf diese Weise sich aufbauenden Emotionen zu erleben. Wer mit einem Pornovideo so umspränge, würde nie etwas von dessen Stimulationswirkung erfahren können: was alles entgeht dem Transkriptanalytiker?

 

Ich ziehe daraus die Konsequenz: Wenn es eine Chance zur Erforschung der nicht-kognitiven Komponente von Kommunikation geben soll, dann müssen Analysen

·       sich auf Bandaufnahmen stützen, und zwar Ton- und Videoaufnahmen

·       sich dem Original in voller Länge und Echtzeit aussetzen, durchaus auch mehrfach

·       die im Analytiker ausgelösten subjektiven Empfindungen, Gefühle, Einfälle, Impulse etc. als hochwertige Daten ernstnehmen und detailliert und umfassend registrieren (so, wie für die verbale Komponente das Sinnverständnis als Datum benutzt wird)

·       die temporalen Parameter des Materials objektiv messen, z.B. Frequenzen von Wörtern, Stilmerkmalen, Sprecherwechseln; Tempi und Prosodien

·       die subjektiven Erlebnisse der Teilnehmer aus Gedächtnisprotokollen, Nachinterviews und bandgestütztem Nachträglichen Lauten Denken ermitteln

·       physiologische Parameter der Teilnehmer simultan mit der Kommunikation messen,  z.B. Blutdruck (Lynch 1987) oder die mikro-momentanen Bewegungsimpulse des Mittelfingers, die die Musikrezeptionsforschung als hochdifferentiellen Indikator für Gefühle entdeckte (Clyne 1976).

 

Wahrscheinlich aber liegt die wichtigste Voraussetzung in einem viel grundlegenderen Faktor: in der Empfindsamkeit, Lebendigkeit und Herzlichkeit der Menschen, die sich mitten in ihrer Forschung für die Gefühle ihrer Mitmenschen interessieren. Auch für Kommunikationswissenschaft kann als oberster Grundsatz gelten, was der Kleine Prinz naiv so sagte: Man sieht nur mit dem Herzen gut.

 

 

6. Literatur

 

Argyle, Michael: Körpersprache und Kommunikation.

            Junfermann, Paderborn 1979

Bergantino, Len: Warum heilt Psychotherapie? Der existentielle Augenblick.

            Edition Humanistische Psychologie, Köln 1992

Clyne, Manfred: Sentics - the Touch of Emotions.

            New York 1976

Dornes, Martin: Der kompetente Säugling. Die präverbale Entwicklung des Menschen.

            Fischer, Frankfurt/Main 1992

Dreitzel, Hans-Peter: Reflexive Sinnlichkeit. Mensch, Umwelt, Gestalttherapie.

            Edition Humanistische Psychologie, Köln 1992

Fiehler, Reinhard: Kommunikation und Emotion.

            de Gruyter, Berlin 1990

Gerhards, Jürgen und Schmidt, Bernd: Intime Kommunikation.

            Nomos, Baden-Baden 1992

Grawe, Klaus et al.: Psychotherapie im Wandel. Von der Konfession zur Profession.

            Hogrefe, Göttingen 1995

Grof, Stanislav: Topographie des Unbewußten.

            Klett-Cotta, Stuttgart, 6. Auflage 1993

Henriksson, Benny: Risk Factor Love.

            University of Göteborg 1995

König, Karl: Gegenübertragungsanalyse.

            Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1993

Lynch, James: The broken heart. The medical consequences of loneliness.

            Basic Books, New York 1977

Lynch, James: Die Sprache des Herzens. Wie unser Körper im Gespräch reagiert.

            Junfermann, Paderborn 1987

Mindell, Arnold: Traumkörper in Beziehungen. Prozeßorientierte Psychologie in Praxis   und Theorie. Sphinx, Basel 1994

Nietzsche, Friedrich: Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik.

            Kritische Studienausgabe, dtv / de Gruyter  2222, Berlin 1988

Rost, Wolfgang: Emotionen - Elixiere des Lebens.

            Springer, Heidelberg 1990

Scheler, Max: Wesen und Formen der Sympathie.

            Frankfurt/Main, 3. Auflage 1948

Schellenbaum, Peter: Aggression zwischen Liebenden. Ergriffenheit und Abwehr in der             erotischen Erfahrung. Hoffmann und Campe, Hamburg 1994

Stern, Daniel N.: Tagebuch eines Babys. Was ein Kind sieht, spürt, fühlt und denkt.

            Piper, München 1991

Tomatis, Alfred: Der Klang des Lebens - vorgeburtliche Kommunikation.

            Rowohlt, Reinbek 1987

Ungeheuer, Gerold: Nietzsche über Sprache und Sprechen, über Wahrheit und Traum.

            In: Kommunikationstheoretische Schriften II. Alano, Aachen 1990, 288-386

Widmer, Samuel: Ins Herz der Dinge lauschen - Vom Erwachen der Liebe.

            Über MDMA und LSD: Die unerwünschte Psychotherapie.

            Nachtschatten, Solothurn 1989

 

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