Synchrone Telekommunikation

Beitrag zu Th. Bliesener, B. Busch: Soziale Interaktion über das Internet - anders, aber wie?
In: Projekt BIKE (Hg.): Gewerkschaften, Bildung, Internet - netzbasiertes Lernen und soziale Interaktion, Düsseldorf 2000 (erscheint)


1. Definition und Qualitäten

Technisch vermittelte Kommunikation wird dann als synchron bezeichnet, wenn der Adressat einer Mitteilung mit ihrer Wahrnehmung  begann, noch bevor der Sender seine Bereitschaft zur unmittelbaren Fortführung seiner Mitteilungen beendete. Der Adressat kann also mit seiner Reaktion noch Einfluß nehmen auf die Fortsetzung der Mitteilungen des Senders. Daraus ergibt sich als Kriterium: Bei synchroner Kommunikation kann der Empfänger den Mitteilungsprozeß unterbrechen oder auch unterstützen, und es können beide Kommunikationspartner ihre Äußerungen noch während ihrer Entstehung (in statu nascendi) wechselseitig mitsteuern. Synchrone Kommunikation ist somit nicht ein serieller Austausch abgeschlossener Botschaften, sondern ihre rückgekoppelte Koproduktion bei gleichzeitig andauernder Aufmerksamkeit (shared awareness) der Beteiligten füreinander.

Synchrone Kommunikation wird also durch ihre soziale Qualität definiert. Es braucht nicht auch noch das technische Kriterium der Latenzzeit erfüllt zu sein, nämlich daß die physikalische Übertragungszeit eines Signals vom Sender zum Empfänger, die physiologische Reaktionszeit des Empfängers und die Übertragungszeit eines Signals vom Empfänger zum Sender zusammengenommen kürzer sind als die Formulierungspausen des Senders. Zwar ist es in natürlichen Gesprächen mit nur wenigen Metern Abstand zwischen den Partnern und mit Luft als Übertragungsmedium meistens der Fall, daß ein eingeworfenes "hm-hm" ziemlich genau in eine Redepause des Sprechers hineinpaßt. Aber auch in Chats und Videokonferenzen mit den längeren Übertragungszeiten von Festnetz und Funk, wo ein "hm-hm" erst dann ankommt, wenn der Sprecher schon wieder weitergeredet hat, besitzt es noch eine Steuerungswirkung auf den Sprecher und wird Bestandteil der Koproduktion von Verständigung. Natürlich kann eine solche ungewohnte Verzögerung von Feedbacks sehr verwirrend und lästig sein - aber gerade für derartige Kunsteffekte technisch vermittelter Kommunikation sollten ja auch spezielle Trainings angeboten werden.

Mit synchroner Kommunikation sind drei Eigenschaften verbunden, die uns aus natürlichen Gesprächen so selbstverständlich sind, daß wir sie bisher kaum als gegeben bemerkten. Erst im Vergleich mit asynchroner Kommunikation erkennen wir sie als besondere Qualitäten von wahrscheinlich auch besonderem Wert:

a. Freier Ausdruck: Man kann miteinander sprechen, ohne dafür ein Dokument zu verwenden und ohne davon ein Dokument zu hinterlassen. Gesprochene Sprache ist flüchtig wie Schall und Rauch. Sie kann deswegen auch spontan, vorläufig und frei formuliert werden ohne allzugroße vorauseilende Rücksicht auf eventuelle Verwicklungen aus der Haftbarmachung für eine Formulierung oder ihrer ungewollten Weiterverbreitung an Dritte. Bei asynchroner Kommunikation ist das anders: sie kommt überhaupt nur zustande durch die Benutzung von Dokumenten, die dann auch meistens archiviert zurückbleiben, und unterliegt deswegen schon während ihres Verlaufs vermehrter Selbstzensur. Bei synchroner Kommunikation mit technischer Vermittlung ist nun das Besondere, daß sie die Flüchtigkeit und Freiheit der gesprochenen Sprache zumindest als Möglichkeit in die neuen Medien hinüberrettet.

b. Emotionaler Kontakt: Wenn Menschen miteinander kommunizieren, ist dies aufgrund ihrer biologischen Beschaffenheit unvermeidlich begleitet und womöglich sogar angetrieben von aktuellen Körperzuständen (Muskelspannungen, Nervenerregungen, Hormonausschüttungen usw.), die mehr oder weniger deutlich gespürt werden und vom Menschen als seine Gefühle erlebt werden können. Das Abklingen konkreter biologischen Gefühlsvorgänge wird nur zum Teil vom Inhalt der weiteren Mitteilungen beeinflußt, geschieht zum Teil aber auch autonom nach eigenen Gesetzen innerhalb weniger Stunden. Bei asynchroner Kommunikation sind die ursprünglichen Antriebs- und Begleitgefühle des Senders meist schon lange abgeklungen, wenn die Reaktion des Empfängers eintrifft. Wird zum Beispiel ein begeistert geschriebener Beitrag für eine Newsgroup eine Woche später von einem Leser hinterfragt, so ist beim Schreiber die Begeisterung längst verflogen, und er wird jetzt womöglich gekränkt oder gelangweilt reagieren. Nur bei synchroner Kommunikation landen Antworten im noch lebendigen Gefühl des Sprechers, nur hier kann dadurch eine unmittelbare Wechselwirkung akuter Gefühle entstehen und damit zuletzt auch das Erlebnis menschlicher Verbundenheit.

c. Rhythmischer Gleichklang: Menschen kommen gut miteinander aus, wenn die Chemie zwischen ihnen stimmt, so wird gern gesagt. Das trifft wohl für den Nahbereich zu, in dem Wärme, Gerüche und elektromagnetische Felder (Aura) wahrgenommen werden können. Aber es gilt nicht für die Telekommunikation. Was hier vor allem zur Harmonie zwischen Menschen führt, ist ihr Einschwingen auf einen gemeinsamen Rhythmus von Reden und Zuhören, von Anregen und Aufgreifen, von Tun und von Lassen. Es ist aber naturgemäß nur in synchroner Kommunikation möglich, sich derart die Bälle zuzuspielen und wieder aufzufangen. Dies ist ab der vorsprachlichen Kommunikation zwischer Mutter und Kind eine der Hauptquellen für das mögliche Erlebnis von Geborgenheit und Nähe.



2. Gründe für eine gezielte Förderung synchroner Telekommunikation

Der gewerkschaftliche Grundwert der Solidarität steht und fällt mit den herrschenden Verkehrsformen einer Gesellschaft. Solidarität kann nicht entstehen aus der Kombination von Mensch und Maschine, wie sie im Computerzeitalter zunimmt, sondern nur aus der Kommunikation zwischen Mensch und Mensch, bei der höchstens Maschinen als Medium dazwischengeschaltet sind. Und damit Solidarität durch Kommunikation möglich wird, braucht Kommunikation die Qualitäten synchroner Kommunikation, die ja bis vor wenigen Jahren weitgehend selbstverständlich waren: Freiheit des Ausdrucks, menschliche Verbundenheit und das Erlebnis von Nähe. Deshalb ist schwer vorstellbar, daß eine Emailkette in gleichem Maße Solidarität stiften könnte, wie sie aus einer Seminarveranstaltung, einem Zeltlager oder einer Straßendemonstration entstehen kann.

Warum aber könnte man sich nicht damit begnügen, Medien mit asynchroner Kommunikation einfach als Ergänzung zu den bisherigen Organisationsformen einzurichten, sondern sollte außerdem synchrone Kommunikation auch in den Medien fördern? Damit inhaltliche Solidarität nicht bloß im Kopfe stattfindet!

Denn: Wenn der Trend anhält, daß inhaltliche Anliegen in immer größerem Umfang über technische Medien mit asynchroner Kommunikation behandelt werden, dann werden die beteiligten Kollegen als Selbstlerner immer mehr vereinzeln und eine Verbindung untereinander fast nur noch durch Wissen und Denken herstellen. Sie bezögen sich aufeinander in der Art einer "akademischen Gemeinschaft". Auf der anderen Seite würden die synchronen Kommunikationen, die noch ohne Medien im Reallife stattfinden, sich noch mehr als bisher von Inhalten entleeren und überwiegend aufgefüllt mit Sex, Drugs, Fun and Play, würden also zu einer Art "nachkindlichem Abenteuerspielplatz". Solidarität im eigentlichen Wortsinn ist aber eine Verbindung von Wissen, Fühlen und Handeln. Damit dies auch über Medien möglich bleibt, sollten bei der Medienarbeit auch synchrone Kommunikationen genutzt, gefördert und entwickelt werden.

Aber auch bei einer weniger grundsätzlichen Betrachtung gibt es gute Gründe und lohnende Anwendungsfelder für die Förderung von synchroner Kommunikation in den Medien:

a. Kollaboratives Lernen: Wer Tempo, Umfang und Gründlichkeit des Lernens selber bestimmen kann, lernt besser. Das ist unumstritten, und darauf berufen sich auch alle Angebote des webbasierten Lernens. Aber es ist nur die halbe Wahrheit. Denn weiterhin gilt auch: Wirklich verstanden hat man nur das, was man auch anderen beibringen kann. Zum Lernen gehört dazu, daß man aus dem individuellen Denken heraustritt und sich in pädagogischen Bemühungen und kontroversen Auseinandersetzungen mit anderen Menschen erprobt und - meistens auch - korrigiert und vertieft. Was nach fünf Stunden Ackern aus einem Lehrwerk gelernt wurde, kann nach zehn Minuten Diskussion mit einem Kollegen in einem völlig neuen Licht erscheinen. Und diese Diskussion läßt sich nicht ersetzen (wenngleich vielleicht ergänzen) durch eine schriftliche Korrespondenz per Email. Lernen mit Verstehen braucht synchrone Kommunikation, Telelernen braucht synchrone Telekommunikation.

b. Technischer Support: Wer Probleme mit Hard- oder Software hat, braucht meistens nicht nur allgemeines Wissen, wie es in Hilfedateien, Handbüchern und Newsgroups steht, sondern braucht auch eine paßgenaue Diagnosebildung bei seiner ganz speziellen Rechnerkonfiguration, braucht gefahrenarme und rückgängigmachbare Strategien des Testens möglicher Lösungen sowie jede Menge konkreter Klärungen und Absicherungen bei den üblichen Überraschungen auf seinem Weg. Letztlich fehlt ihm nicht nur Wissen, sondern Können. Und das läßt sich rationell nicht durch einsames Herumprobieren, sondern nur durch Arbeiten unter Aufsicht eines erfahrenen Supporters erwerben. Viele Stunden ergebnisloser Recherchen und Korrespondenzen lassen sich oft durch zwanzig Minuten synchroner Diskussion und Kooperation ersparen. Die technischen Möglichkeiten zu Ferngesprächen mit gleichzeitiger Recherfernsteuerung sind bereits vorhanden und brauchen nur noch geübt und benutzt zu werden.

c. Praktische Anwendungen: Was aus Archiven und Datenbanken individuell beschafft und bearbeitet wurde, soll meist in Praxiszusammenhänge einfließen, in der in der Regel andere Kollegen mitbeteiligt oder mitbetroffen sind. Zum Beispiel ein Download gesammelter Betriebsvereinbarungen ist letztlich nur so gut, wie die Diskussion mit den damals beteiligten Betriebräten über ihre besonderen Verhältnisse und wie die Planungsgespräche mit Kollegen im eigenen Betrieb. Formulierungen miteinander zu entwickeln und abzustimmen kann durchaus über Telemedien an einem gemeinsamen Entwurf erfolgen. Jedoch zur Übermittlung von Sprache und Text bedarf es der Nutzung synchroner Telekommunikation und ihrer Beherrschung.

 

3. Die Hürden synchroner Telekommunikation sind Herausforderungen

Für die einen brauchte man sich bloß noch die geeignete Ausstattung zu kaufen, ein paar Stecker einzustecken und ein paar Knöpfe zu drücken, und schon könnte jeder mit jedem reden, diskutieren, flirten, ihn über Videobilder plastisch betrachten und ihm über Fernsteuerung den Joystick in die Hand drücken. Mit Videokonferenz und 3D-Raum-Konferenz ginge die Kommunikation über Kontinente als säße man am gleichen Tisch.
Für die anderen sind alle bisherigen Systeme synchroner Telekommunikation unausgereifte Spielereien, zerstreute Insellösungen, störanfällige Kartenhäuser, die mehr Zeit zur Selbsterhaltung verbrauchen als sie an Fahrzeit sparen helfen. Sie könne erst mit schnelleren Rechnern, stärkeren Kompressionen, breiteren Netzen, stabileren Systemen usw., irgendwann in der Zukunft, praktiziert werden.

Die Wahrheit liegt dazwischen. Und deswegen kann Projektarbeit, die die Entwicklung nicht dem Zufall überlassen und ihm zuletzt nachlaufen will, nur die mühsame, doch gangbare Mitte zwischen Jubel und Skepsis kultivieren. Dazu braucht es allerdings Kompetenz, vor allem genaue Kenntnisse der Hürden und Probleme, Realismus für das Mögliche sowie richtungweisende Ideen für die Entwicklung von Lösungen. Dies soll an drei Problemgruppen konkretisiert werden.

a. Technische Kompliziertheit
Gemessen an einer verbreiteten Fantasie übers Autofahren - "Schlüssel rein, rumdrehen, losfahren" - erscheinen synchrone Medien ziemlich kompliziert. Gemessen an der technischen Wirklichkeit von Automobilen sind sie aber in etwa vergleichbar. Mit einem Autokauf wird niemand so lange warten, bis es ein sich selbst versorgendes Einheitsauto gibt, sondern man wird sich durch Prospekte, Testberichte, Werkstattgespräche und Wartungen so lange durchbeißen, bis man die Motorenwelt differenzieren und nutzen gelernt hat. Und so kann es auch mit den Medien gehen. Bei synchroner Telekommunikation wird man sich an die folgenden, auf lange Sicht fortbestehenden Komplikationen gewöhnen müssen und sie nur besser kennen und verstehen lernen:

  • Getrenntheit und dreier eigener und unvergleichbarer Netzwelten für Videokonferenzen:
    ISDN als stabile Übertragungsmethode mit festen Wegen und gleichbleibenden Bandbreiten,
    IP (internet protocoll) als flexible Übertragungsmethode mit improvisierten Wegen und schwankenden Bandbreiten,
    Mbone (multicast backbone) als halbstabile Übertragungsmethode mit festen Wegen und schwankender Bandbreite
  • unvermeidliche Leistungsschwankungen bei IP-Diensten und Multicasts
  • Unvereinbarkeit vieler Standards, Protokolle, Fabrikate und Tarife
  • Häufiger Wechsel von Bedienungsmerkmalen und Versionen

b. Begrenzte Leistungsfähigkeit
Jede Technik synchroner Telekommunikation hat ihre jeweiligen Stärken, aber auch immer Begrenzungen. Keine Technik ist universell, keine kann eine andere völlig ersetzen. Außerdem hat jede Technik für gleichartige Leistung unterschiedliche Eigenarten, z.B. wird die menschliche Stimme von allen Sprachübertragungen unterschiedlich verändert

  • Herkömmliches Telefon
    ist bei ISDN-Anschluß mit zwei B-Kanälen geeignet für Zweierkonferenzen mit Sprache sowie einem digitalen Onlineobjekt auf je einem Kanal, oder aber als Dreierkonferenz ohne Onlineobjekt, höchstens mit Offlineobjekt. Bei Dreierkonferenzen ist der Wechsel in der Sprecherrolle erschwert, weil die beiden Zuhörer keinerlei Signale voneinander haben, aus denen sie eine Redeabsicht erschließen und im Vorfeld koordinieren könnten.
  • Internetbasiertes Telefon
    ist geeignet für einseitige Vorträge ohne echte Hörerbeteiligung, aber mit Objekt,
    oder für disziplinierte Zweiergespräche besser ohne Objekt, aber ungeeignet bei nicht sehr stabilen Rechern, Telefonanbietern oder Serviceprovidern.
  • Voicechat (mehrere Personen können gleichzeitig sprechen und einander hören)
    ist nur für Zweiergespräche, z.B. bzgl. einer Webseite, geeignet;
    aber nicht mit Objekten und nicht in Gruppen (wegen zu großen Verzögerungszeiten).
  • Textchat (mehrere Personen können gleichzeitig einander schreiben und lesen)
    verlangt das Aufschreiben von Gedanken,was etwa zehnmal länger dauert als sie auszusprechen, und er verhindert die Beobachtung der inneren Reaktionen und Absichten der anderen Teilnehmer. Deshalb ist Textchat weder für die Diskussion komplexer Themen noch für die gemeinsame Arbeit an einem Objekt, z.B. einem Textentwurf oder Webdesign, noch für kohärente Gruppenbesprechungen benutzbar. Die Technik, Gruppenchats zu moderieren, kann zwar zu größerer Ordnung führen, nicht jedoch zur Sicherung der wichtigsten Gedanken der Teilnehmer und zur Differenzierung unter den erforderlichen Gesichtspunkten. Als ernsthafte Verwendungszwecke für Textchat bleiben nur der Kurzaustausch von Scherzen, Meinungen, Hinweisen und Tips (Minisupport) und die psychologische Beratung bei persönlichen Problemen (Krisenintervention), und beides auch nur dann, wenn höchstens zwei bis vier Personen teilnehmen.
  • Video- plus Datenkonferenz (Übertragung von Personenbildern und benutzen Rechnerprogrammen an Partner)
    ist mit einem halbwegs natürlichen Rhythmus von Rede und Antwort und von Kooperation an einem digitalen oder materiellen Objekt nur im Dialog zweier Teilnehmer machbar. Schon bei drei Teilnehmern funktioniert der spontane Wechsel zwischen den Sprechern nicht mehr ohne ungewollte Überschneidungen; da diese aber durch die Akustik von Lautsprechern unverständlich werden, müssen sie gehäuft wiederholt werden. In größeren Gruppen mißlingt die Selbststeuerung einer Diskussion völlig; allein schon um der akustischen Verständlichkeit willen muß ein Moderator das Rederecht zuteilen. Dabei kann er jedoch die redebereiten Teilnehmer nur dann im passenden Moment ansprechen, wenn er durch die technische Schaltung alle Teilnehmer zugleich im Blick hat.
  • 3D-Konferenzen (bewegliche dreidimensional sichtbare Kunstobjekte, z.B. Maschinenmodelle, werden übertragen)
    kommen oft ohne Videobild der Teilnehmer aus und bedürfen nur besonderer Paßgenauigkeit zwischen den Zeigebewegungen und den begleitenden Hinweiswörtern "hier" und "jetzt". Verständigungsfehler sind aber an Modellen korrigierbar, anders als z.B. den ersten Experimenten der Tele-Reparatur oder gar -chirurgie.

c. Täuschende Ähnlichkeit
"Als ob Sie selber dort wären", kann keine Kommunikationstechnik ein Gespräch oder eine Handlung simulieren. Zwar werden Synchronmedien immer leistungsstärker, aber gerade dies verführt zu der Täuschung, sie seien mit einem unmittelbaren Kontakt quasi identisch. Bestimmte Merkmale sind aber immer durch die Technik verändert, so daß viele unbewußte Mikroroutinen der alltäglichen Kommunikation einfach nicht mehr greifen. Beispiele:

  • Größere Verzögerungszeiten bei Videokonferenzen als im Medium Luft, und zwar mindestens fünf verschiedene (!): Ton, Bild, zum Partner übertragene Programmbenutzung, gemeinsame Schreibtafel, Übertragung des Mauszeigers
  • Kleinerer Ausschnitt, starrere Fokussierung und verkleinerte Umgebung Abbildungen von Personen und Objekten. Dadurch geraten alle Einschätzungen und Gestaltbildungen aus Wahrnehmungsdetails und Kontexten aus dem Tritt.
  • Weniger Hinweise, um geplante Handlungen des Partners an Objekten abzusehen und sich auf sich einzustellen (Antizipationen)
  • Verringerte Wahrnehmung über die Wahrnehmungen des andern; dadurch verringert sich die Anpassung an den Verstehensprozeß des Partners.
  • Minimierte Einschätzung über die eigene Wirkung auf den andern; zum Ausgleich entstehen manchmal Übertreibungen, die sich im Endeffekt jedoch wieder störend und trennend auswirken können.

 

4. Lösungswege zur Überwindung der Hürden bei synchroner Telekommunikation

In diesem Abschnitt wird nicht behandelt, was Anwender,Trainer und Planer lernen müßten, um mit synchronen Medien kompetent umzugehen. Denn das wäre letztlich ein Mega-Curriculum der Medienplanung und der Kommunikationstrainings. Dabei ließen sich doch schon allein damit ganze Bücher füllen, was ein kompetenter Chatberater alles können muß, ähnlich wie es allein schon für professionelles Telefonieren zahlreiche Trainingshandbücher gibt. Stattdessen werden hier nur Leitlinien dargestellt, die ein Programm zur Förderung des Netzlernens beachten könnte, um schneller als andere wirksam zu werden. Sie haben als Hintergrund die Erfahrungen des Koautors Thomas Bliesener im Consulting für innovative Gesundheits- und Bildungsprojekte, und sie sind einer seiner Beiträge zur Diskussion im Projekt BIKE.

a. Parallele Förderung von asynchronen und synchronen Medien

Man kann alle momentan verfügbaren Techniken gleichzeitig einführen und zur Übung anbieten, egal in welcher Reihenfolge sie historisch entstanden. Es ist keine Frage der technischen Entwicklung, ob man dokumentenbezogenes Individuallernen oder kommunikatives Gruppenlernen fördert, sondern eine Frage des Ziels und Konzepts. Schon vor zwanzig Jahren wollte die Open University kommunikatives Lernen fördern, und sie verwirklichte dies mit Tutoren und Telefon, (während die deutsche Fernuniversität lieber Lehrmaterialien verschickte). Auch beim Netzlernen muß man nicht erst mit html-Archiven beginnen, um später zu synchroner Kommunikation überzugehen, sondern man kann von Anfang an Telefon, Videokonferenz usw. ins Netzlernen einbeziehen.
Vorschläge:

  • Jedes Dokumententool zugleich ergänzen um ein Kommunikationstool
  • Jeden Webserver zugleich ergänzen um Audio-, Video- und Konferenzserver
  • Jedes Medienarchiv ergänzen um eine Kooperantenagentur für die gemeinsame Bearbeitung des entnommenen Mediums (collaborative media on demand).

b. Gleichrangigkeit von Medienarbeit und Personalarbeit

Die Erfahrungen vieler Vernetzungprojekte zeigen, daß die Schaffung von technischen Infrastrukturen nicht die erstrebten sozialen Nutzungen nach sich zieht. Vielmehr bedarf es besonderer Personalarbeit auf allen Ebenen:

  • Planern muß man detailreichere und realistischere Einschätzungen vermitteln.
  • Laienmultiplikatoren muß man durch technische Vergünstigungen gewinnen.
  • Installationen auf sich weiter wandelnden Rechnern (changing systems) muß man durch fortgesetzten Support funktionsfähig halten.
  • Benutzern kann man nur dann stabile Routinen in der Benutzung neuer Medien vermitteln, wenn sie während einer Einführungszeit aus dem Hintergrund professionelle Begleitung erhalten.
  • Organisationen lernen technischen Wandel nicht so gut durch hauseigene Entwicklungsabteilungen, sondern besser durch vorübergehend beschäftigte Modernisierungsfachleute (change agents) von außen.

c. Modellhafte Übungsstationen im Homebereich dezentral streuen
Die Ausbreitung von Techniknutzungen hängt weniger von der Einrichtung großer Bildungszentren ab als von der Streuung nutzbarer Geräte direkt an den Ort ihrer Anwendung. Was Lehrerbildungen lange nicht erreichten, gelang (in den USA) durch das Verschenken von Multimedia-Notebooks an Schüler. Ähnliches könnte mit fertigen Kommunikationsrechnern für Betriebsräte gelingen.

d. Beispielhafte Anwendungen in echten Praxissituationen
Flächendeckende Maßnahmen sind nur bei Gefahrenabwehr erforderlich, z.B. bei Luftverschmutzung oder Grippebekämpfung. Zur Innovation dagegen tragen vor allem konkrete Einzelanwendungen in echten Praxisfeldern bei. Es müssen nicht "alle Schulen ans Netz" oder "jeder Betriebsrat ans Netz", sondern es müssen bestehende praktische Probleme in einzelnen Anwendungsfällen durch neue Medien sichtbar besser gelöst werden. Geeignete Anschauungsfälle wären

  • innovativen Fachtagungen
  • ausgewählte politische Veranstaltungen
  • neuen überregionale Firmenzusammenschlüsse in einer bestimmten Branche und Region, z.B. einer Euregio.

"Anders, aber wie?" ist nicht nur eine Frage nach den Inhalten, die in Trainings für kompetente Interaktion im Internet gelernt werden müssen, sondern auch nach den Strukturen, die dieses Lernziel erreichen helfen. Fortgeschrittenste Hightech plus viel Personalarbeit in konkreten Praxisfällen, das wäre "anders" als üblich. Und es könnte einem alten gewerkschaftlichen Wert wie der Solidarität am treuesten sein.

 

back.gif (148 Byte)