Umweltgespräche als Diskussionen und Inszenierungen

Wie die Gesprächsentwicklung von Sachverhaltsgefühlen mitgelenkt wird

Thomas Bliesener, Köln


1. Entstehung dieses Beitrags
2. Eindrücke, Empfindungen und Arbeitshypothesen über das Material
3. Sachverhalte der Umwelt
4. Gefühle zu Umweltsachverhalten
5. Inszenierungen von latenten Gefühlen
6. Forschungsperspektiven für die vorliegenden Umweltgespräche
7. Literatur

 

1. Entstehung dieses Beitrags

Die individuellen Umstände, die Arbeitsbedingungen und der Kooperationsprozeß, in denen die nachfolgend skizzierten Überlegungen ihren Anfang nahmen, waren so ungewöhnlich, daß sie einer kurzen Darstellung im voraus bedürfen.

Nachdem ich über einen Zeitraum von fünfzehn Jahren in verschiedenen Berufsfeldern Forschungen mit dem Ansatz der Gesprächsanalyse durchgeführt und dabei diesen Ansatz zugleich weiter ausgearbeitet hatte, verlegte ich mich in den nächsten fünf Jahren auf einen ziemlich andersartigen Zugang zu Kommunikation: Ich wurde Teilnehmer in gestalttherapeutischen Workshops, Jahresgruppen und Trainingsseminaren und durchlief ein mehrjähriges Curriculum zur Ausbildung zum Gestalttherapeuten. Wenige Wochen vor Abschluß dieser Ausbildung befaßte ich mich vierzehn Tage lang am Stück mit der Analyse und Diskussion von Gesprächen über Umweltthemen. Das war das erste Mal, daß meine gesprächsanalytische und meine gestalttherapeutische Wahrnehmungsweise an einem Korpus von konserviertem Gesprächsmaterial zusammenflossen.

Mein Kontakt mit dem Material war durch ausgesprochen wenig Vorinformationen geprägt, wenn auch nicht völlig naiv:

  • Über die Fachprobleme bei der Entstehung, Vermeidung und Beseitigung von Abfall hatte ich mich nicht besser orientiert, als ich es als sozial interessierter Staatsbürger mit akademischer Bildung ohnehin schon war.
  • Über die politischen Bestrebungen und Bewegungen in der Herkunftsregion des Materials und über die persönlichen Einstellungen und Engagements der darin handelnden Personen wußte ich etwa so viel, als sich in zwanzig Sätzen wiedergeben läßt.
  • Über die Verankerung des Forschungsprojekts und seine Funktion im Feld wußte ich nichts; über die Fragestellungen des Forschungsprojekts an das Material kannte ich nur die Projektanträge und die ersten selektiven Materialanalysen.
  • Über das Material hatte ich mir einen Überblick verschafft durch eine einmalige, unterbrechungsfreie, kursorische Lektüre der Sprachtranskription von mehreren Stunden Videoaufzeichnungen zweier Diskussionsveranstaltungen.

So bekam meine Wahrnehmung des Materials ihre Qualitäten und Tendenzen ganz überwiegend aus dem spontanen Erleben im Augenblick der Sichtung.

Der Arbeitsprozeß mit dem Material bestand aus insgesamt drei verschiedenartigen Abschnitten:

  • An meinem eigenen Arbeitsort hatte ich das Forschungskonzept der thematischen Schlüsselwörter, die zugehörige vorläufige Typologie und ihre Anwendungskriterien durchdacht und dazu aus meiner Sicht Präzisierungen und Modifizierungen vorbereitet.
  • Zu Beginn eines Forschungsaufenthalts am IDS sah ich mir individuell die Videoaufnahmen einiger Diskussionsveranstaltungen am Stück und in Echtzeit an, und ich beschränkte meine gleichzeitigen Notizen auf wenige subjektive Empfindungen und die Registrierung des Zählerstands "interessanter Stellen".
  • Im Fortgang meines Forschungsaufenthalts betrachtete ich zusammen mit Werner Nothdurft und Carmen Spiegel in einer Reihe ganztägiger Arbeitssitzungen ausgesuchte Bandsequenzen und diskutierte sie im Rahmen einer möglichen alternativen Gesamtperspektive auf das Material.
  • Gelegentlich wies ich darauf hin, daß sich im Prozeß unserer Arbeitsbesprechung ähnliche Züge wie in der besprochenen Umweltdiskussion zu reproduzieren schienen, allerdings wurde dieser mutmaßliche Spiegeleffekt nicht weiter ausgewertet.

 

2. Eindrücke, Empfindungen und Arbeitshypothesen über das Material

"Eigentlich geht es hier um etwas ganz andres", war mein vorherrschender Gesamteindruck des Materials. Meine anfänglichen Versuche, in der Abfolge und den Bezügen der Gesprächsbeiträge eine thematische Entwicklung oder gar eine Verdichtung zu Schlüsselwörtern aufzuspüren, traten rasch hinter andere Wahrnehmungen und Empfindungen zurück. Stattdessen erlebte ich gebannt, wie ein Sprecher nach dem anderen mithilfe seines Beitrags den Adressaten Behinderungen, Belastungen, ja Zumutungen unterschiedlichster Art zufügte. Gewiß, die Diskussionsteilnehmer lieferten in ihren Beiträgen meistens auch Tatsachen, Überlegungen und Schlußfolgerungen, die auf den Gegenstand der Veranstaltung, das Umweltthema, bezugnahmen. Aber der Leitaspekt, unter dem sie ihre Äußerungen produzierten und adressierten, schien mir oft genug nicht die Kohärenz der Inhalte zu sein, sondern die Potenz der Zumutungen an die Partner.

Ein kleines Experiment mit meinen eigenen Wahrnehmungsbedingungen konnte den Unterschied zwischen den themenbezogenen und den personbezogenen Qualitäten des Gesprächs noch weiter akzentuieren:

  • Wenn ich während fortlaufender Videoabspielung vorübergehend vom Bildschirm weg in den umgebenden dunklen Raum blickte, verlor ich den roten Faden des Inhalts fast vollkommen, d.h. konnte ich mich schon Minuten später nicht mehr daran erinnern, was gesagt worden war.
  • Wenn ich vorübergehend sogar die Augen schloß, konnte ich die Aufmerksamkeit auf den Inhalt zwar wiederherstellen, indem ich mich zu ihr zwang, aber ich begriff dann den Inhalt der Beiträge kaum noch als sinnvoll, stimmig und nachvollziehbar.
  • Wenn ich danach wieder den Teilnehmern auf dem Bildschirm ins Gesicht sah, kehrten meine Aufmerksamkeit auf den Inhalt und mein Glaube an die Sinnhaftigkeit der Beiträge zurück, verloren sich allerdings nach einer Weile von alleine wieder.

Wenn man diese Wahrnehmungen nun nicht als Verwirrungen oder Fehlleistungen des Betrachters verwirft, sondern als systematische Resonanzen auf Strukturen im Gesprächsmaterial wertet und ihnen die Geltung von deutungspflichtigen Daten beimißt, dann lassen sich jetzt zwei Zwischenbefunde feststellen:

1. Das Material zeigt, ähnlich wie ein Vexierbild, abwechselnd zwei "Gesichter". Man könnte dies zunächst noch als einen empirischen Fall des geläufigen Modells auffassen, daß sich in Interaktionen neben einem Inhaltsaspekt auch ein Beziehungsaspekt verwirklicht. Und man könnte die Ignorierung des Beziehungsaspekts durch Teilnehmer und Forscher mit der Macht tradierter Wahrnehmungsgewohnheiten erklären, wie es etwa der Psychotherapeut Mindell tut:

"Es scheint, als wären Menschen fähig, gleichzeitig, ohne es zu merken, in zwei sehr verschiedenen Sprachen zu kommunizieren. Ihre erste Sprache, die bewußt gewählte, beabsichtigte, besteht aus den Problemen und Themen, auf denen ihr Fokus liegt [...] . Dieser primäre Kommunikationsprozeß ist so machtvoll, daß er diejenigen, die ihm zuhören, offensichtlich dermaßen hypnotisiert, daß ihre Aufmerksamkeit für den unbeabsichtigten, traumartigen Kommunikationsprozeß ausgelöscht wird. Dieser zweite Prozeß, der unbeabsichtigte oder weniger bewußte, ist ein Rätsel; selten sind Menschen wach dafür oder sprechen darüber." (Mindell 1994, S. 12)

2. Über einen bloßen Parallelismus hinaus scheint jedoch auf weite Strecken derjenige Faktor, der die Beziehungsqualitäten hervorbringt und organisiert, sogar die eigentlich bewegende Größe des Geschehens zu sein. Worum es dabei genau geht, war mir aber bei der ersten Materialsichtung noch nicht richtig klar. Um dem näher zu kommen, seien als nächstes erst einmal zwei bekannte, typische Konstellationen besprochen, in denen eine inhaltliche Interaktion von einer nichtinhaltlichen Organisationsweise gelenkt wird:

2.1. Der Alltagserfahrung sind Interaktionen wohlvertraut, in denen die Teilnehmer vorgeben, über ein Thema zu diskutieren, dabei auch tatsächlich inhaltliche Beiträge mit einem mehr oder weniger ausgeprägten Bezug zueinander äußern, sich aber dennoch unter einem ganz anderen Aspekt systematisch aufeinander beziehen. Man denke an Gremiendiskussionen über Budgets, in denen es allein um Vorsprünge an Macht geht; Seminardiskussionen, in denen es nur um herausragendes Ansehen geht; Gespräche über moderne Kunst, die einzig auf erotische Umwerbung des Partners angelegt sind. Hier steuern zentrale menschliche Motive einen vordergründigen Gesprächsprozeß, degradieren aber dessen inhaltliche Bezüge zu Makulatur und Tarnung.

2.2. Der gestalttherapeutischen (und wohl auch mancher andern psychotherapeutischen) Arbeit sind Interaktionen vertraut, in denen Klienten eine persönliche Problematik in Worten darlegen, dabei aber Wege beschreiten und Kontaktformen mit dem Therapeuten eingehen, in denen sie zugleich die von ihnen dargelegte Problematik selber szenisch herstellen: Sie reden über etwas und tun es in einem. Durch die Beschreibung des Klienten und die passenden Antworten des Therapeuten wird die beschriebene Problematik aktiviert und entfaltet in der Interaktion ihre eigene Gestalt. So kann z.B. beim Reden über Mißtrauen die Therapiesequenz selbst von Mißtrauen durchsetzt sein, also eine frühere Szene des Mißtrauens sich in actu reproduzieren.

Um nun auf die betrachteten Umweltgespräche zurückzukommen: Ich hatte zwar den Eindruck, daß ihr Verlauf nur begrenzt von thematischen Erwägungen geprägt wurde, aber ich konnte in ihnen auch nicht die beiden typischen Konstellationen wiedererkennen:

1. Sachfremde Motive wie Macht, Anerkennung, Erotik usw. dürften sich zwar bei einzelnen Teilnehmern in einzelnen Augenblicken durchgesetzt haben. Als Hinweis darauf werte ich meine eigenen emotionalen Spontanreaktionen auf manche Beiträge, z.B. daß ich mich stellenweise bedroht oder empört, beeindruckt oder für dumm verkauft, angezogen oder abgestoßen gefühlt habe. Aber diese Empfindungen blieben punktuell, sie fügten sich nicht zu einer größeren Gestalt, die der Nenner für eine durchgehende Dynamik der Interaktion sein könnte.

2. Seelische Problematiken an sich waren nicht Gegenstand der Gespräche. Der Fokus lag erklärtermaßen auf der Umwelt und nicht der Inwelt der Teilnehmer, auf Welterfahrung und nicht auf Selbsterfahrung. Von daher war die übliche Voraussetzung für den Gestalteffekt, also daß sich ein fokussiertes Thema zugleich szenisch reproduziert, gar nicht gegeben. Die nun denkbare Ausdehnung der Gestaltauffassung auch auf einen solchen Fall, also daß eine objektive Dynamik wie die des Mülls sich in der interaktiven Dynamik szenisch reproduzieren könnte, halte ich für zu weit hergeholt (auch wenn sie uns gelegentlich mit dem Schlagwort "Der Müll in uns" nahegelegt wird). Ich meine allerdings, daß sich die Gestaltauffassung in ihrer bisherigen Form dann auch auf Umweltgespräche anwenden läßt, wenn eine noch zu treffende Differenzierung eingeführt wird. Ich will sie als Annahmen formulieren.

Annahmen: Sachverhalte der Umwelt sind im Individuum nicht nur kognitiv, nämlich in mutter- oder kunstsprachlicher Form repräsentiert, sondern gleichzeitig parallel in der nichtbegrifflichen Form gewisser Emotionen, Motivationen und Impulsdispositionen.

Umgangssprachlich gesagt: Wir haben Wissen von und Gefühle gegenüber der Umwelt. Wenn wir über Umwelt reden, aktivieren wir unser Wissen und zugleich unser Fühlen. Im Prozeß der Interaktion entfalten sich unsere Wissenselemente mit Bezügen auf Wissenselemente anderer und zugleich unsere Gefühle mit Bezügen auf Gefühle anderer. Gespräche bekommen daher außer einer thematisch bestimmten Gesamtorganisation auch eine emotional bestimmte Gesamtorganisation. So, wie sich bei der Formulierung der Wissensbestände ein Thema entwickelt, so entfaltet sich durch die Aktivierung der Emotionsbestände ein szenische Gestalt. Insofern sind Interaktionen immer doppeltstrukturiert: in gedanklicher Hinsicht sind sie Diskussionen, in emotionaler Hinsicht Inszenierungen.

Arbeitshypothese:

Die betrachteten Umweltgespräche sind Diskussionen über Sachverhaltswissen und gleichzeitig Inszenierungen durch die zugehörigen Sachverhaltsgefühle.

Um den Inszenierungs-Charakter auch am empirischen Gesprächsmaterial aufweisen zu können, bedürfen die bisher nur plakativ eingeführten Kategorien "Sachverhalt", "Emotion" und "Inszenierung" genauerer Bestimmungen. Dem sollen die nächsten drei Abschnitte dienen.

 

3. Sachverhalte der Umwelt

Mit dem Ausdruck "Sachverhalte der Umwelt" meine ich hier solche Sachverhalte, die im Bewußtsein von Bürgern und Politikern als Probleme der Umwelt aufgefaßt werden (wobei mir durchaus klar ist, daß das öffentliche Bewußtsein nur willkürlich auswählt und sich früher oder später doch mit der Gesamtheit der erfahrbaren Welt befassen müßte). Die Frage dieses Abschnitts lautet nun: Was für besondere Eigenschaften, die sich auf die emotionalen Reaktionsmöglichkeiten des Menschen entscheidend auswirken, sind solchen Umwelt-Sachverhalten zu eigen? In anthropologischen und politischen Reflexionen werden seit der öffentlichen Diskussion um "Atomtod" anläßlich der nuklearen Aufrüstung in den fünfziger Jahren zwei grundlegende Dimensionen herausgestellt:

1. Sinnlichkeit

Manche Sachverhalte liegen im Nahbereich des Individuums und sind aktuell sinnlich erlebbar. Dazu gehört alles, was sich in jedem gegebenen Augenblick hören, sehen, schmecken, riechen, tasten, fühlen läßt, also im engeren Sinn die "Erlebniswelt" des Menschen.

Andere Sachverhalte sind nicht aktuell, sondern nur potentiell sinnlich erlebbar. Dazu gehört alles, was zukünftig (wie der morgige Sonnenaufgang) oder vermittelt (wie die Zugspitze durchs Fernglas und die Leitplanke im Scheinwerferstrahl), erlebbar sein kann und von daher vorstellbar ist, also die "Merkwelt" des Menschen.

Wieder andere Sachverhalte sind weder erlebbar noch vorstellbar, sondern alleine wißbar. Sie sind komplex, funktional, global, gegenüber dem Sinnesapparat distant und überhaupt nur durch Abstraktion und Analyse zugänglich. Dazu gehören die wichtigsten Hervorbringungen der materiellen Zivilisation und darin eingeschlossen die problematische "Umwelt" des Menschen.

Während bei erlebbaren Sachverhalten eine Gefühlsreaktion leicht entstehen kann (sogar durch direkte Aktivierung des limbischen Systems unter Umgehung des Neokortex), geschieht dies bei vorstellbaren Sachverhalten weniger leicht und bei wißbaren Sachverhalten auf Arten und in Formen, die wir eigentlich nur anekdotisch kennen und die wir genau genommen als unerforscht bezeichnen müssen.

2. Zeitlichkeit

Manche Sachverhalte der Umwelt sind akute Ereignisse (wie ein Erdbeben) oder haben zumindest akute Grenzen (wie das Einsetzen des wochenlangen Monsunregens). Sie sind dadurch besonders geeignet, im Individuum ebenfalls akute Aktivierungen in seinem Gefühlsrepertoire auszulösen.

Andere Sachverhalte sind hingegen chronische Prozesse mit geringfügigen Verlaufsschwankungen oder sogar, gemessen an der Lebenszeit des einzelnen Menschen, konstante Zustände. Sie sind nur wenig geeignet, beim Individuum akute Gefühlsreaktionen zu aktivieren, vielmehr gelangen sie durch Habituation oder Chronifizierung des physiologischen Alarmprogramms (sogenannten Streß) in den Reaktionshintergrund. Zu dieser Kategorie von Sachverhalten gehören die meisten großen Umweltprobleme.

3. Zusammenfassung

Es kann festgehalten werden, daß Umwelt-Probleme meist nicht sinnlich und nicht akut, sondern abstrakt und chronisch sind. Wegen dieser beiden Eigenschaften

können sie nur in relativ schwachem Maße akute Gefühlsreaktionen aktivieren.

Erst recht gilt dies für Umwelt-Gefahren: Diese sind ja ihrem Wesen nach nicht einmal gegebene Sachverhalte, sondern nur mögliche Zukünfte von Sachverhalten, d.h. sie sind selber wieder abstrakt und chronisch und überdies noch virtuell. Dadurch sind Umweltgefahren wenig geeignet, akute Gefühlsreaktionen auszulösen. Auf ein Wissen über theoretisch mögliche Vergiftungen, Infektionen, Bestrahlungen, Erbschäden, Artenverluste usw. erfolgt deshalb gewöhnlich kein Ausbruch in Tränen oder Wutgebrüll, sondern zunächst ein Denken und Reden.

Es folgt gewiß auch ein Fühlen, wie jeder aus eigener Erfahrung bestätigen kann und wie die einfühlsame Beobachtung anderer Menschen zeigt. Doch ist dies offensichtlich nicht ein Fühlen von der Art der akuten Gefühlsreaktionen, wie sie die bisherige Emotionsforschung untersuchte und wie sie sich der gebildete Laie gewöhnlich vorstellt. Es handelt sich vielmehr um eine Erscheinung, die, um nicht verloren zu gehen, einer sorgsamen Plazierung im bestehenden Feld der Gefühlsbegriffe und -theorien bedarf.

 

4. Gefühle zu Umweltsachverhalten

Eine der Arbeiten, die menschliches Fühlen am differenziertesten und erfahrendsten beschreibt und dabei zugleich eine soziologische Perspektive im Blick behält, ist H.P. Dreitzels Arbeit "Reflexive Sinnlichkeit". Deswegen werde ich zunächst seine Begriffs-klärungen darstellen, dann jedoch, wo sie unzureichend sind, über sie hinausgehen.

"Vollständige Gefühle sind körperlich erlebte und spontan mimetisch und motorisch zum Ausdruck gebrachte Lagebeurteilungen des Organismus zur jeweiligen Situation im Organismus/Umwelt-Feld." (Dreitzel 1992, 111). Dazu wird noch präzisiert:

  • Die Gesamtheit der körperlichen Vorgänge, einschließlich der unsichtbaren innerkörperlichen Veränderungen wie zum Beispiel Hormonausschüttungen, wird vom Subjekt als Körperempfindungen erlebt.
  • Speziell die von außen wahrnehmbaren körperlichen Vorgänge folgen bestimmten Verlaufsmustern, sogenannten essentischen Formen, und können vom Subjekt selbst und von anderen Subjekten als Gefühlsausdruck erkannt werden.
  • Die einem Gefühl inhärente Lagebeurteilung erfolgt spontan und absichtslos.
  • Die Lagebeurteilung wird von Bedürfnissen des Subjekts angetrieben;
  • sie setzt die Bedürfnisse mit Möglichkeiten in der Situation in Beziehung, bezieht sich allerdings im Extremfall auf kein spezifisches Objekt.

So merkmalsreich, wie Dreitzel hier vollständiges Gefühl als akuten Prozeß definiert, ist diese Kategorie zwar auf typische Erscheinungen in Gestalttherapie anwendbar, aber doch nur wenig auf die nichtakuten Erscheinungsformen des Fühlens, wie sie angesichts von abstrakten und chronischen Umweltsachverhalten normal auftreten.

Dem gesuchten Begriff kommen zwei andere von Dreitzel erörterte Kategorien des Fühlens schon etwas näher, die sich nicht auf akute Prozesse, sondern auf seelische Verfassungen von größerer Dauer beziehen: Leidenschaften und Stimmungen. Bei ihnen ist jedoch der Objektbezug entweder zu spezifisch oder zu unspezifisch: Leiden-schaften nehmen Bezug auf konkrete Menschen, Dinge oder Erlebnisse (z.B. Liebes-partner, Sammlerobjekte oder Abenteuerformen); Stimmungen dagegen heften sich ohne Unterschied an alles, was das Individuum erlebt. Uns fehlt also weiterhin eine Kategorie für ein Fühlen, das sich dauerhaft auf spezifische abstrakte Sachverhalte bezieht.

Es bleibt wohl nichts andres übrig, als hinter die Definition der vollständigen Gefühle zurückzugehen und so etwas wie nichtvollständige Gefühle zu postulieren, nämlich dauerhafte Latenzformen zu spontanen manifesten Gefühlsprozessen. Zwar ähnelt dies ein wenig der Antwort auf die Frage: Was tut der Wind, wenn er nicht weht? Aber die psychodynamischen Ansätze arbeiten ja, wenn sie über kontrollierte, unterdrückte, gehemmte, gestaute, verdrängte, versteckte und verdeckte Gefühle reden, durchweg mit solchen "windigen" Konstrukten. In diesem Sinne unterstelle ich die Existenz von latenten Gefühlen und unterscheide dabei folgende Formen:

  • sublimierte Gefühle: Werte usw.
  • transformierte Gefühle: Charaktere, Persönlichkeitsstile
  • chronisch inaktive Gefühle: Einstellungen, Daseinsgefühle
  • akut inaktive Gefühle: schlummernde Gefühle, Dispositionen.

Was wir gegenüber abstrakten und chronischen Umweltsachverhalten "fühlen", hat nun im Normalfall den Zustand der Latenz als inaktives Gefühl. Es manifestiert sich als vollständiges Gefühl im Sinne Dreitzels nur unter besonderen Bedingungen, z.B. in tiefenökologischen Gruppenveranstaltungen, wie sie Joanna Macy durchführt, erscheint sonst jedoch viel weniger dramatisch, nämlich als interaktive Inszenierung.

 

5. Inszenierungen von latenten Gefühlen

"Inszenierung" wird hier im intransitiven Wortsinn verwendet. "Inszenierung" meint also nicht, daß einzelne Akteure bewußt eine Rolle spielen oder eine Szene machen, sondern daß das Zusammenspiel latenter Gefühle die Regie übernimmt, so daß eine interaktive Szene sich bildet.

Das hat natürlich Folgen für Wahl des Forschungsansatzes. Während eine Diskussion, die von den Teilnehmern geführt wird, kognitivistisch und handlungstheoretisch rekon-struiert werden kann, ist dies für eine Inszenierung, die sich ereignet, unangemessen. Stattdessen müßte ein umfassender emotionstheoretischer Ansatz gewählt werden.

Leider können die in jüngerer Zeit unternommenen Beschreibungen von Emotionen in Gesprächen dafür nicht als Vorbild dienen, denn sie arbeiten stillschweigend mit dem aus der alten Ausdruckspsychologie überlieferten, jedoch viel zu engen Paradigma: sie analysieren den individuellen Ausdruck für manifeste Gefühle (und dann dessen Erkennung und Verarbeitung bei den Gesprächspartnern), nicht aber das interaktive Zusammenspiel selbst zwischen den Partnern als eine Realisierung latenter Gefühle.

Wenn man ausschließlich anhand von Gesprächsmaterialien klären wollte, wie sich latente Gefühle gegenüber Umweltsachverhalten in den Gesprächen zu diesem Sachverhalt inszenieren, käme man letztlich zu einer Gleichung mit zwei Unbekannten:

  • Die Natur und Qualität der latenten Gefühle ist noch nicht genau bekannt.
  • Die Inszenierung in der Interaktion findet in verstreuten Phänomenen statt, die sich nicht so selbstverständlich wie individueller Emotionsausdruck als Emotionseffekte erkennen lassen.

Wenn ich jedoch mein Hintergrundwissen über umweltbezogene Emotionen und mein geschultes Fühlen beim Sichten der vorliegenden Gesprächsaufnahmen einbeziehe, wird die Hypothese konkreter: Die latente Angst gegenüber abstrakten, chronischen und virtuellen Sachverhalten wie Müllschäden und Dioxinbelastungen ist vermutlich von solcher Art, daß sie sich schwerer individuell erklären oder ausdrücken läßt als ersatzweise in der Interaktion zwischen Gesprächspartern inszenieren läßt.

Die Forschungsaufgabe lautet deshalb: Im Material sollen solche Interaktions-phänomene gesucht und integrierend beschrieben werden, die als Inszenierung und Abarbeitung latenter umweltbezogener Angst begriffen werden können.

 

6. Forschungsperspektiven für die vorliegenden Umweltgespräche

So leicht es sich heutzutage sagt, daß die Menschen bei Umweltproblemen Angst hätten (oder sogar gleich mehrere "Ängste", s. Aurand 1993), so unscharf ist doch, was man sich konkret darunter vorstellen soll. Vielleicht kann man aber Konkreteres über diese Angst gerade aus dem lernen, wie sie sich in Interaktionen zeigt.

Unter dieser Perspektive sollten alle irrationalen Erscheinungen der Diskussion als potentielle Inszenierungen sachverhaltsbezogener Angst betrachtet werden.

  • Der Gesamtrhythmus der Themenentwicklung, die Unschärfe von Darstellungen und Entgegnungen, die Inkonsequenz von Auffassungen und die mangelnde "Verrechnung" von Gegenargumenten, die kollektive Vermeidung von Genauigkeit, Vertiefung und Schlußfolgerungen etc. sollten in Bezug zu Angst gesehen werden.
  • Alle Störungen im Kontakt der Gesprächsteilnehmer, alle wechselseitigen Ignorierungen, Verwirrungen, Verzerrungen, Verletzungen, Unterstellungen, Behinderungen, Angriffe sollten registriert und als zusammenhängende Szene interpretiert werden.
  • Alle Phänomene des Mißtrauens, der Verdächtigung, Überempfindlichkeit, Überakzentuierung, Schwarz-Weiß-Malerei, Frontbildung, Feindseligkeit und Gemeinheit sollten hypothetisch als Auswirkung latenter Umweltangst begriffen werden.
  • Die oberflächlich gesehen "paranoiden" Einschätzungen über Hinterabsichten, Unehrlichkeiten, Ablenkungsmanöver usw. bei den Gesprächspartnern sollten als Bestandteil einer Szene gesehen werden, in der sich die latente Angst gegenüber dem diskutierten Umweltthema Bahn bricht.

Natürlich kommt es auch bei anderen Gesprächen und unter anderen emotionalen Bedingungen vor, daß die Menschen einander nicht verstehen, und ein Teil der oben genannten Phänomene könnte angst-unspezifisch sein. Deswegen sollte sich eine Gesprächsanalyse davor hüten, ihrerseits "paranoid" zu werden und hinter jedem Phänomenen die latente Umweltangst aufblitzen zu sehen. Aber mit dem rechten Maß für die Unterscheidung von allgemein-menschlichem und spezifisch-ängstlichem Interaktionsgebaren könnte eine sensible Analyse doch viel über die Selbstorganisation des Gesprächs durch latente Gefühle zutage fördern.

Diese Befunde wären für eine spätere Anwendung zur Verbesserung von Umwelt-diskussionen von großer Bedeutung: Sie könnten den Teilnehmern ein kritisches Bewußtsein ihrer selbst und damit zugleich mehr Nachsicht mit den andern vermitteln und sie dadurch vor voreiliger Entmutigung bewahren. Denn wenn man in einer Diskussion außer dem Thema auch noch seine Gefühle versteht, fängt das Gespräch erst richtig an.

 

 7. Literatur

Aurand, Karl et al. (Hsg.): Umweltbelastungen und Ängste. Westdeutscher Verlag, Wiesbaden 1993

Bliesener, Thomas: "Sprache des Herzens" - Peri- und präverbale Modi der Kommunikation. In: Krallmann, Dieter & Schmitz, H. Walter (Hg.) : Akten des Internationalen Gerold-Ungeheuer-Symposiums 1995. Nodos Verlag, Münster 1996

Christmann, Gabriela B. und Günthner, Susanne: Sprache und Affekt. Die Inszenierung von Entrüstungen im Gespräch. Konstanz 1995, unveröff. Ms.

Couper-Kuhlen, Elisabeth, Selting, Margret (eds.): Prosody in conversation. Interactional studies. Cambridge (erscheint)

Dreitzel, Hans Peter: Reflexive Sinnlichkeit. Mensch, Umwelt, Gestalttherapie. Köln 1992

Macy, Joanna: Die Wiederentdeckung der sinnlichen Erde. Wege zu einem ökologischen Selbst. Zürich-München 1994

Mindell, Arnold: Traumkörper in Beziehungen. Prozeßorientierte Psychologie in Theorie und Praxis. Basel 1994

Renggli, Franz: Selbstzerstörung aus Verlassenheit. Die Pest als Ausbruch einer Massenpsychose im Mittelalter. Hamburg 1992

Rost, Wolfgang: Emotionen. Elixiere des Lebens. Heidelberg 1990

Ulich, Wolfgang: Das Gefühl. Über die Psychologie der Emotionen. München 1982

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Geplant als: Arbeiten aus dem SFB 245, Institut für deutsche Sprache, Heidelberg/Mannheim

 

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