Deutsches Polizeiblatt 1/2002 "Kinderfreizeitunfälle

Kinderpsychologie und Freizeitunfälle

"Mein Fahrrad ist ein wildes Pferd..."

Maria Limbourg, Prof. Dr., Karl Reiter, Dr., Essen


Zur Vermeidung von Unfällen benötigen Kinder eine Reihe von Fähigkeiten und Fertigkeiten, die erst Schritt für Schritt im Laufe der Kindheit und der Jugend ausgebildet werden.
Je nach Alter und Entwicklungsstand der Kinder sind die für die Bewältigung des Straßenverkehrs relevanten Fähigkeiten überhaupt nicht oder nur unvollständig vorhanden. Aus diesen Gründen geraten Kinder im Verkehr häufig in Gefahr - ganz besonders beim Spielen.


Erlebens- und Verhaltensweisen von Kindern im Verkehr
Zur Vermeidung von Unfällen benötigen Kinder u.a. folgende Fähigkeiten: Je nach Alter und Entwicklungsstand des Kindes sind diese Fähigkeiten überhaupt nicht oder nur unvollständig vorhanden. Wenn Kinder im Elternhaus, im Kindergarten und in der Schule auf die selbstständige Teilnahme am Straßenverkehr ausreichend vorbereitet wurden und auch genügend Erfahrungen als Fußgänger bzw. als Radfahrer sammeln konnten, werden sie mit ca. 8 - 10 Jahren zu Fußgängern und mit ca. 13 - 15 Jahren zu Radfahrern, die mit den täglichen Anforderungen des Straßenverkehrs einigermaßen sicher umgehen können. Vor diesem Alter geraten die Kinder durch ihre besonderen Erlebens- und Verhaltensweisen immer wieder in gefährliche Konfliktsituationen mit anderen Verkehrsteilnehmern, die leider allzu oft mit einem Unfall enden. Die Gefährdung ist beim Spielen im Verkehrsraum besonders groß, weil die Kinder dabei besonders stark vom Verkehr abgelenkt sind.
Die entwicklungsbedingten Besonderheiten von Kindern im Straßenverkehr lassen sich durch Verkehrserziehung nur teilweise kompensieren. Ein absolut "verkehrssicheres" Kind ist durch Verkehrserziehung nicht zu erzielen. Aus diesem Grund dürfen die Verkehrssicherheitsmaßnahmen für Kinder nicht nur beim Kind, sondern müssen auch bei seiner Verkehrsumwelt ansetzen.

Typische kindliche Erlebens- und Verhaltensweisen im Verkehr
Die Überforderung der Kinder im Straßenverkehr ist die Folge von altersbedingten Besonderheiten in folgenden Bereichen der kindlichen körperlichen und geistigen Entwicklung:
Gefahrenerkennung und Sicherheitsbewusstsein
Kinder entwickeln erst mit ca. 8 Jahren ein vorausschauendes Bewußtsein für Gefahren im Straßenverkehr. Vorher erkennen sie die Gefahren entweder überhaupt nicht oder zu spät, so daß sie keine Möglichkeit mehr haben, der Gefahr zu entgehen.
Aufmerksamkeit, Konzentration, Ablenkung
Im Kleinkindalter fesseln vor allem lebhafte Eindrücke das Interesse der Kinder. Deshalb laufen sie schnell mal aus dem Garten heraus - und manchmal direkt vor ein Auto. Oder sie reißen sich plötzlich auf dem Gehweg von der elterlichen Hand los und laufen auf die Fahrbahn, wenn dort etwas für sie Interessantes zu sehen ist. Auch das kindliche Trotzverhalten kann zu solchen Verhaltensweisen führen. Diese Verhaltensweisen überraschen die Autofahrer und die Eltern - sie haben damit nicht gerechnet.
Die Aufmerksamkeit von Kindern richtet sich spontan sehr stark auf nicht verkehrsbezogene Objekte (Tiere, spielende Kinder, Kiosk usw.). Ampeln, Fahrzeuge, Fußgängerüberwege usw. werden sehr viel seltener beachtet - sie sind für Kinder nicht interessant. Von den für sie interessanten Reizen lassen sich die Kinder häufig so stark ablenken, daß sie im Verkehr in Gefahr geraten.
Kinder lassen sich auch durch ihre eigenen Gedanken und Gefühle ablenken. So wird ein Kind, das beim Spielen gerade von anderen Kindern geärgert wurde und jetzt traurig oder wütend ist, den Straßenverkehr kaum beachten.
Kinder unter ca. 14 Jahren können sich nicht auf zwei Sachen zugleich konzentrieren, sie können ihre Aufmerksamkeit nicht wie die Erwachsenen "teilen". Ein Kind, das z. B. mit einem Ball spielt oder an die Spielregeln denkt, ist nicht in der Lage, zur gleichen Zeit auf den Verkehr zu achten.
Erst ab ca. 8 Jahren sind die Kinder fähig, sich auch über eine längere Zeit auf den Straßenverkehr zu konzentrieren. Voll ausgebildet ist diese Fähigkeit jedoch erst mit ca. 14 Jahren. Vorher lassen sich Kinder sehr leicht vom Straßenverkehr durch andere interessante Reize ablenken.
Da sich die Konzentrationsfähigkeit der Kinder in der heutigen Zeit zunehmend verschlechtert (zu viel Fernsehen, Reizüberflutung), lassen sich inzwischen auch noch ältere Kinder zu leicht ablenken - und das verringert ihre Verkehrssicherheit.

Spielverhalten
Im Vorschulalter vermischen sich bei den Kindern Realität und Phantasie im Spiel: Das Fahrrad ist ein Pferd oder ein Flugzeug, das Kind ist "Superman". In seiner Phantasiewelt ist das Kind stark, für Gefahren ist darin kein Platz. Verkehrsunfälle können die Folge dieser Vermischung von Realität und Phantasie im Spiel sein.
Im Schulalter rücken sportliche Aktivitäten in den Vordergrund. Radfahren, Skaten und Fußballspielen sind Beispiele solcher Tätigkeiten. Da viele dieser Aktivitäten auf der Straße stattfinden, können sich dabei Unfälle ereignen.

Bewegungsverhalten, Motorik
Kinder sind unruhiger als Erwachsene, sie haben einen starken Bewegungsdrang. Sie laufen, hüpfen und rennen auf Gehwegen und Straßen und werden für die Autofahrer unberechenbar.
Kinder haben große Schwierigkeiten, einmal begonnene Handlungen (z. B. einem Ball nachlaufen) abzubrechen oder zu unterbrechen (z. B. am Bordstein anhalten, um sich umzusehen). Sie werden in der Regel hinter dem Ball herlaufen, ohne am Bordstein anzuhalten.
Ab ca. 8 - 10 Jahren sind Kinder in der Lage, die für das Radfahren erforderlichen psychomotorischen Leistungen (Gleichgewichthalten, Bremsen, Lenken, Spurhalten, Kurvenfahren usw.) zu erbringen. Zu diesen motorischen Fähigkeiten müssen aber auch noch eine Reihe von geistigen Fähigkeiten hinzukommen (Erkennen von Gefahren, Verständnis für den Straßenverkehr, Begreifen von Verkehrsregeln, Geschwindigkeitseinschätzung, usw.), die für eine sichere Teilnahme am Straßenverkehr erforderlich sind. Während die meisten psychomotorischen Fähigkeiten bei ausreichendem Radfahrtraining bis zum Alter von ca. 8 bis 10 Jahren ausgebildet sind, dauert die Entwicklung der zum Verständnis des Straßenverkehrs notwendigen geistigen Fähigkeiten noch bis zum Alter von ca. 12 bis 14 Jahren an.
Auch mit dem Rad können die Kinder ihre Handlungen nur schlecht abbrechen - sie fahren deshalb häufig plötzlich vom Gehweg auf die Fahrbahn.
Neben entwicklungsbedingten motorischen Einschränkungen im Kindesalter sind auch zunehmend häufiger deutliche Motorik-Defizite als Folge von Bewegungsmangel in der Kindheit zu beobachten. Kinder können heute nicht mehr so häufig wie früher im Freien spielen, sie sitzen vor dem Fernseher oder beschäftigen sich mit dem Computer. Und sie werden von ihren Eltern aus Angst vor Unfällen mit dem Auto zum Kindergarten und teilweise auch noch zur Schule gefahren. So können Kinder immer seltener auf ihren Wegen ihren Bewegungsdrang befriedigen - sie sitzen angegurtet im Kindersitz. Deshalb sind viele Kinder nicht mehr fähig, einfache körperliche Leistungen zu erbringen. Sie können nicht geradeaus laufen, sie können die Bewegungen von Armen und Beinen nicht koordinieren, sie können nicht mehr rückwärts gehen, ihre Muskulatur ist wenig ausgebildet und viele Kinder haben Haltungsschäden. Da gut entwickelte psychomotorische Fähigkeiten auch im Straßenverkehr wichtig sind, erhöht sich durch Defizite in diesen Bereichen wiederum die Unfallgefahr.

Entfernungs- und Geschwindigkeitsschätzung
Jüngere Kinder (bis ca. 6 Jahren) können noch kaum Entfernungen schätzen, d.h. sie können nicht richtig beurteilen, ob ein herankommendes Fahrzeug noch sehr weit entfernt oder schon sehr nahe ist. Die Schätzung von Geschwindigkeiten ist auch noch für ältere Kinder (bis ca. 10 Jahren) sehr schwierig. Sehr junge Kinder (3-4 Jahre) können ein stehendes von einem fahrenden Auto nicht unterscheiden.

Sozialverhalten, Kommunikationsfähigkeit, Einfühlungsvermögen
Jüngere Kinder (bis ca. 7 Jahren) können sich noch nicht in andere Personen hineinversetzen und ihre Absichten einschätzen; sie schließen von sich auf andere. Da sie selbst in der Lage sind, auf der Stelle stehen zu bleiben, gehen sie davon aus, daß auch Autos sofort anhalten können. Deshalb verstehen sie nicht, daß ein Auto einen Bremsweg benötigt. Sie erkennen auch nicht, daß ein Auto abbiegen will, daß es bremst, usw. Wenn sie das Auto sehen, nehmen sie an, daß der Fahrer auch sie sieht. Die Verständigung mit den Autofahrern ist schwierig, sie können seine Zeichen nicht richtig deuten - und das kann zu verhängnisvollen Mißverständnissen führen. Autos werden "personifiziert", sie haben Augen (Scheinwerfer) und können die Kinder deshalb sehen - eine verhängnisvolle Fehleinschätzung (besonders bei Dunkelheit)!
Jüngere Kinder sind noch nicht in der Lage, mit anderen Verkehrsteilnehmern - insbesondere mit den Autofahrern - zu kommunizieren. Sie können Gesten und Zeichen noch nicht richtig deuten und deshalb kann es zu gefährlichen Mißverständnissen kommen.

Ansätze zur Verbesserung der Sicherheit von Kindern im Verkehr
Zur Verbesserung der Sicherheit von Kindern im Straßenverkehr können vielfältige Maßnahmen aus drei verschiedenen Bereichen der Verkehrssicherheitsarbeit umgesetzt werden: Planerische und technische Maßnahmen haben in der Regel eine hohe und dauerhafte Wirksamkeit auf die Erhöhung der Verkehrssicherheit. So ist eine Aufpflasterung auf der Fahrbahn eine wirksame "Dauerbremse" für den Autoverkehr. Fahrradhelme können vor schweren Kopfverletzungen schützen.
Auch die Gesetzgebung kann einen wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Kindersicherheit leisten. So wurde z.B. die Einführung von Tempo 30 und Verkehrsberuhigung durch legislative Maßnahmen ermöglicht.
Verkehrsgesetze können aber nur dann wirksam werden, wenn sie auch eingehalten werden. Aus diesem Grund ist die Überwachung im Rahmen der Verkehrssicherheitsarbeit von großer Bedeutung. Die Einhaltung von Tempo 30 und die Benutzung von verkehrssicheren Fahrrädern sind Beispiele solcher wichtigen Überwachungsfelder.
Durch Planung, Technik, Gesetzgebung und Überwachung lassen sich viele, aber längst nicht alle Unfallgefahren für Kinder ausschalten. Aus diesem Grund müssen Kinder in den unterschiedlichen Erziehungsinstitutionen (Familie, Kindergarten, Schule)im Rahmen der Verkehrs- und Mobilitätserziehung lernen, Risiken richtig einzuschätzen und Gefahrensituationen im Verkehrsraum zu vermeiden oder zu bewältigen. Dieser Lernprozess muss im Kleinkindalter beginnen, damit die Kinder von Anfang an das "richtige" Verhalten erlernen und nicht später erst einmal das "falsche" Verhalten verlernt werden muss.
Neben der Kindern selbst müssen aber auch Erwachsene, die einen Einfluss auf die Sicherheit von Kindern haben, mit geeigneten kommunikativen Maßnahmen über die Probleme von Kindern im Straßenverkehr aufgeklärt werden. Autofahrer, Busfahrer, Stadt- und Verkehrsplaner, Erzieher und Lehrer, Polizisten, Eltern usw. müssen erfahren, wie sich Kinder im Straßenverkehr verhalten und wie sie den Verkehr erleben. Außerdem müssen sie erfahren, welchen Beitrag sie zur Erhöhung der Kindersicherheit im Verkehr leisten können.

Erhöhung der Sicherheit von Kindern durch Verkehrsplanungsmaßnahmen
Will man Kinderunfälle vermeiden, muss der von Kindern mitbenutzte Straßenraum durch bauliche und technische Maßnahmen "kindersicher" gemacht werden, d. h. Kinder sollten sich ohne große Risiken in diesem Verkehrsraum bewegen können.
Damit Kinder ohne größere Gefährdungen auf der Strasse spielen können, sollten in Wohngebieten verstärkt verkehrsberuhigte Bereiche eingerichtet werden.

Erhöhung der Verkehrssicherheit von Kindern durch Kontrolle und Überwachung
Verkehrsregeln und Vorschriften, die eine Auswirkung auf die Sicherheit von Kindern haben, müssen durch eine gezielte Verkehrsüberwachung durchgesetzt werden. Zur Erhöhung der Kindersicherheit ist die polizeiliche Überwachung in folgenden Bereichen von großer Bedeutung:

Erhöhung der Verkehrssicherheit von Kindern durch Verkehrserziehung und -aufklärung
Die Verkehrserziehung und -aufklärung im Dienste der Kindersicherheit sollte sich auf folgende Schwerpunkte konzentrieren:

Kindergarten: Schulung der Eltern im Rahmen von Elternabenden, Verkehrstraining von Kindern.

Grundschule:Fußgängertraining, Radfahrtraining, Bus- und Bahntraining

Weiterführende Schulen: Fortsetzung des Radfahrtrainings, Bus- und Bahntraining, Inline-Skater-Training, Alkohol und Drogen im Verkehr, Risikoverhalten, Mutproben.

Fahrschulen: In den Fahrschulen sollte das Thema "Kinder im Straßenverkehr" sowohl im theoretischen als auch im praktischen Unterricht intensiver als bisher behandelt werden.

Polizei: Die Polizei sollte die Schulen und Kindergärten bei der Verkehrserziehung unterstützen, ganz besonders im Rahmen von Aktivitäten, die sich auf der Strasse abspielen (Schulwegtraining, Radfahrtraining). Zusätzlich können Aktivitäten durchgeführt werden, die eher die Autofahrer erziehen sollen, z. B. Tempo 30 - Kontrollen zusammen mit Kindern. Auch die erzieherische Aufklärung von Falschparkern kann zusammen mit Schulkindern durchgeführt werden.

Medien (Radio, Fernsehen, Zeitungen): In der Presse sollten regelmäßig Informationen über Unfallschwerpunkte publiziert werden, damit Eltern, Lehrer und Verkehrsplaner die Gefahrenpunkte für Kinder kennen lernen.

Die Verkehrserziehung und Aufklärung sollte sich nicht nur auf die Kinder und ihre Eltern beschränken. Autofahrer, Bus- und Bahnfahrer, Erzieher, Lehrer, Stadt- und Verkehrsplaner, Verkehrsrichter, Polizisten und Politiker sollten mehr über Kinder und ihre Probleme mit dem Straßenverkehr erfahren.

Literatur
Limbourg, M.: Kinder im Straßenverkehr, GUVV-Westfalen-Lippe, Münster, 1995. Limbourg, M., Flade, A. und Schönharting, J.: Mobilität im Kindes- und Jugendalter. Leske und Budrich, Opladen, 2000.