Mobil und Sicher mit dem öffentlichen Verkehr
Verkehrspädagogische ÖV - Programme für Kinder, Jugendliche und Senioren

Maria Limbourg
Universität GH Essen
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Vortrag bei der internationalen Tagung "Mobilität und Sicherheit" in Wien, 1997 (Kuratorium für Verkehrssicherheit).

Kurzfassung

Der öffentliche Verkehr weist in allen Ländern der Europäischen Gemeinschaft die geringsten Unfallzahlen unter den gängigen Verkehrsmitteln auf. Vom Kind bis zum Senior sind Bus- und Bahnfahrer im Verkehr wesentlich sicherer als Fußgänger, Radfahrer, Motorrad- und Autofahrer. Ist das öffentliche Verkehrsangebot quantitativ und qualitativ gut, dann sind die VerkehrsteilnehmerInnen in Bussen und Bahnen nicht nur sicher, sondern auch mobil - und sie belasten die Umwelt nicht so stark wie der motorisierte Individualverkehr.

Aus diesem Grund haben die öffentlichen Verkehrsunternehmen in den letzten Jahren damit begonnen, die Verkehrserziehung als ein wichtiges Aufgabengebiet zu betrachten - mit dem Ziel, Kinder, Jugendliche und Senioren an den öffentlichen Verkehr heranzuführen.

Zu diesem Zweck wurden verschiedene pädagogische Ansätze zur Förderung des öffentlichen Verkehrs entwickelt. Durch sie soll eine positive Einstellung zum ÖV aufgebaut werden. Es handelt sich dabei vorwiegend um Programme zur Vermittlung von Kompetenz bei der ÖV-Nutzung, aber auch zur Erhöhung der Verkehrssicherheit in Bussen und Bahnen, beim Ein- und Aussteigen, an Haltestellen und beim Überqueren der Fahrbahn oder der Straßenbahnschienen in der Nähe von Haltestellen. Außerdem soll durch diese Programme ein Bewußtsein für die negativen Auswirkungen des motorisierten Individualverkehrs und für die Notwendigkeit einer umweltverträglichen Mobilität und Verkehrsmittelwahl aufgebaut werden.

Die Programme für die Schulen bestehen in der Regel aus einem Schüler- und einem Lehrerheft, aus Folien für den Unterricht, aus Hintergrundinformationen für die LehrerInnen und aus Spielen und Aufgaben für die Kinder (Rallyes, ÖV-Brettspiele). Außerdem stehen Bus-, Straßenbahn- und U-Bahn - Besuche auf dem Programm. Häufig kommt ein Bus zur Schule oder die Schüler besuchen den Verkehrsbetrieb vor Ort. In der Altersgruppe der Senioren findet der Unterricht in Bussen und Bahnen und an Haltestellen und Bahnhöfen statt. Dabei wird den Senioren Kompetenz bei der ÖV-Nutzung vermittelt. Dadurch werden Ängste und Unsicherheiten im Umgang mit öffentlichen Verkehrsmitteln abgebaut.

Die bisherigen Erfahrungen mit den pädagogischen ÖV-Programmen sind weitgehend positiv, es fehlen aber noch gut kontrollierte Evaluationsuntersuchungen über ihren langfristigen Auswirkungen auf das Mobilitätsverhalten und die Verkehrsmittelwahl.

Einleitung

Der öffentliche Verkehr (ÖV) weist eine im Vergleich zu anderen Verkehrsarten ausgesprochen günstige Unfallbilanz auf. Obwohl ca. 1/3 der SchülerInnen mit den ÖV zur Schule fahren, sind nur ca. 4 % der Verkehrsunfälle auf dem Schulweg Bus- und Bahnunfälle. Das Risiko, auf dem Schulweg mit dem öffentlichen Verkehr zu verunglücken, ist 14 x kleiner als mit dem Fahrrad, 4 x kleiner als mit dem Auto und 2,5 x kleiner als zu Fuß (ZIPPEL, 1990, ROOS u. a., 1991, BAGUV, 1997, LIMBOURG, 1996, FLADE und LIMBOURG, 1997).

Auch auf dem Weg zu Arbeit ist das Risiko, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu verunglücken, ausgesprochen niedrig. Die Wahrscheinlichkeit, hier einen Unfall zu erleiden, ist 9 x kleiner als mit dem Fahrrad und 3,5 x kleiner als mit dem Pkw (BURKARDT, 1995 und WINKLMEIER, 1995). Und auch in der Freizeit, z. B. auf dem Weg zur Disco, ist der ÖV wesentlich sichererer als das Auto - ganz besonders für die Gruppe der jungen Fahrer (HOPPE, 1995, 1996 und LIMBOURG, 1997), die überproportional an den sog. „Disco-Unfällen'' beteiligt sind.

Obwohl der ÖV ausgesprochen sicher ist, werden in Deutschland nur ca. 17 % der Wege mit Bussen und Bahnen gemacht. Das Auto wird wesentlich häufiger genutzt: insgesamt 49 % der Wege werden mit dem Pkw zurückgelegt (VDV, 1995).

Aus diesen Gründen erscheint es sinnvoll, die Nutzung von öffentlichen Verkehrsmitteln bereits im Kindes- und Jugendalter durch Verkehrserziehungsprogramme zu fördern. Kinder und Jugendliche - aber auch Erwachsene (und darunter ganz besonders Senioren) - sollten mit dem ÖV vertraut gemacht und dazu motiviert werden, ihn auf ihren täglichen Wegen stärker als bisher zu nutzen - mit günstigen Auswirkungen auf die Verkehrssicherheit, aber auch auf die Umwelt und auf die Gesundheit der Menschen.

Mit diesem Ziel haben viele deutsche Verkehrsunternehmen in den letzten Jahren unterschiedliche Ansätze zur Verkehrserziehung im Kindergarten, in der Grundschule und in den weiterführenden Schulen entwickelt (vgl. FLADE u. a., 1996, LIMBOURG, 1995 und 1996, MÖLLER und HEER, 1996, BLEYER, 1995, VRS, 1995, UNGER, 1995, KALWITZKI und RIEDLE, 1995, KALWITZKI, 1991). Dazu kommen noch einige Ansätze zur Förderung der Disco-Bus-Nutzung bei Jugendlichen und Jungen Erwachsenen (vgl. Übersichten bei HOPPE, 1995, 1996, HOOPMANN, 1996 und LIMBOURG, 1997) und bei Senioren (DVR, 1994).

Ansätze zur Förderung der ÖV-Nutzung im Kindesalter

Leider hat die Verkehrspsychologie bislang kaum Forschungsergebnisse über die entwicklungspsychologischen Voraussetzungen für das Bus- und Bahnfahren im Kindesalter geliefert. Deshalb ist es schwierig, fundierte Empfehlungen für altersspezifische ÖV-Kompetenzen zu geben. Trotzdem haben sich viele Verkehrsbetriebe bemüht, auch ohne diese grundlegenden Erkenntnisse Programme zur Förderung der ÖV-Nutzung im Kindesalter zu entwickeln. Diese Programme richten sich an Kindergärten, Grundschulen und weiterführende Schulen.

a) Programme für den Kindergarten

Bei diesen Programmen kommt ein Bus als „Bus-Schule'' zum Kindergarten. Dort lernen die kleinen Fahrgäste durch unmittelbare Anschauung und eigenes Ausprobieren ihre Busse kennen und sie werden mit ihrer Benutzung praxisbezogen vertraut gemacht (Ein- und Aussteigen, Umgang mit Fahrscheinen, Verhalten an Haltestellen usw.). So erwerben die Kinder Sicherheit im Umgang mit dem Bus und bauen ihre Scheu und ihre Ängste ab. Folgende Verkehrsbetriebe führen diese Programme seit einigen Jahren durch:

Berliner Verkehrsbetriebe (BVG): Praxistag Bus: Verkehrserziehungsprogramm für Kinder im Vor- und Grundschulalter, 1994 (Anschrift: Potsdamer Str. 188, 10773 Berlin).

Stadtwerke Wolfburg (WVG): Wir fahren mit dem Bus, 1985 (Anschrift: Heßlinger Str. 1-5, 38440 Wolfsburg).

Stadtwerke Aschaffenburg: Der Bus im Kindergarten, 1997 (Anschrift: Postfach 9, 63701 Aschaffenburg).

b) Programme für die Grundschule

Die Programme für die Grundschule enthalten in der Regel ein Schülerheft, eine Anleitung für die LehrerInnen und Kopiervorlagen. Dazu gibt es manchmal auch noch ÖV-Spiele. Durch die Programme sollen die Kinder den lokalen ÖV kennen und benutzen lernen (Streckennetz, Verkehrsmittel, Fahrpläne, Bahnhöfe, Haltestellen usw.). Außerdem sollen sie verkehrssichere Verhaltensweisen in Zusammenhang mit der ÖV-Nutzung erlernen. Am Ende der Unterrichtseinheiten steht dann häufig eine ÖV-Rallye, bei der die Schüler - ausgerüstet mit einem Fragebogen - eine Fahrtroute quer durch die Stadt bewerkstelligen und an verschiedenen Stationen lustige und knifflige Aufgaben lösen müssen (HVV, VRR). Bei anderen Programmen gibt es dann ÖV-Brettspiele (VRS, RMV) oder Anleitungen für Spaziergänge und Besichtigungstouren durch die Stadt (MVV). Folgende Verkehrsbetriebe bieten Programme für die Grundschule an:

Hamburger Verkehrsverbund (HVV): Wir fahren mit dem HVV, 1994 (Anschrift: Altstädter Str. 6, 20095 Hamburg). Das Unterrichtsprogramm des HVV erschien in Kooperation mit dem Schulamt der Stadt Hamburg. Es richtet sich an die 4. Klasse.

Verkehrsgesellschaft Nürnberg (VAG): Wir kennen uns aus mit Bus und Bahn, 1994 (Anschrift: Am Pfärrer 43, 90338 Nürnberg). Das Unterrichtsprogramm der VAG bietet komplette Unterrichtsstunden für die Klassen 1 - 4 und enthält Arbeitsmaterialien für alle Schulfächer. Den Abschluß bildet die beliebte VAG „Fuchsjagd'' (Ein Team von „Füchsen'' wird von den Jägern in Nürnberg gesucht. Die Suche erfolgt mit Bus, Straßenbahn und U-Bahn. Für die 1. Klasse werden auch noch die Praxistage U-Bahn, Straßenbahn und Omnibus angeboten.

Stuttgarter Straßenbahnen (SSB): Vorsicht Straßenbahn - Ein Unterrichtsprogramm für die 1. und 2. Klasse, 1992 (Anschrift: Postfach 80 10 06, 70510 Stuttgart). Durch dieses Programm sollen die Kinder verkehrssichere Verhaltensweisen in Zusammenhang mit Straßenbahnen erlernen.

Autokraft: Bus-Schule Schleswig-Holstein, 1993 (Anschrift: Postfach 1326, 24012 Kiel). Die Bus-Schule richtet sich an Kinder der Klassen 1 bis 4. Ihr Ziel ist es, den Kindern die Gefahrenpunkte auf dem Schulweg mit dem Bus aufzuzeigen (Warten an der Haltestelle, Ein- und Aussteigen, Fahrt im Bus, Überqueren der Fahrbahn zum oder vom Bus). Die Bus-Schule kommt mit einem Bus zur Schule und wird dort tätig.

Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV): Anne und Jan fahren zum Zirkus - Unterwegs mit Bus und Bahn, 1994 (Anschrift: Kamekestr. 37-39, 50672 Köln).

Das Programm wurde in Zusammenarbeit mit den Kölner Verkehrsbetrieben entwickelt. Es besteht aus einem Leitfaden zur Unterrichtsplanung und viele Farbfolien.

Stadtwerke Aschaffenburg: Der Schüler als Fahrgast - Schulpädagogisches Konzept, 1995 (Anschrift: Postfach 9, 63701 Aschaffenburg). Für die Grundschule gibt Materialien für Schüler und Lehrer, mit Kopiervorlagen und Folien.

Hoberg, G.: Wenn Busse denken könnten, 1984 (Anschrift: Konzepte GmbH, Am Königsplatz 9, 53173 Bonn). Die Unterrichtseinheit richtet sich an die SchülerInnen der 3. und 4. Klassen. Sie besteht aus einem Schülerheft, einem Lehrerheft und einem Foliensatz.

Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG): Praxistag Bus, Praxistag Bahn und Praxistag Tram, 1994 (Anschrift: Potsdamer Str. 188, 10773 Berlin). Das Programm richtet sich an Schüler der 1. bis 3. Klasse. Der Bus kommt zum Training in die Schule, bei den Programmen U-Bahn und Tram werden die Kinder zu den U-Bahnhöfen bzw. Tram-Haltestellen gebracht. Untersuchungen der BVG zeigen, daß Kinder, die an den Programmen teilgenommen haben, sich in den öffentlichen Verkehrsmitteln bedeutend sicherer verhalten.

Verkehrsverbund Stuttgart (VVS): Wohin geht die Fahrt?, 1993 (Anschrift: Rotebühlstr. 133, 70197 Stuttgart). Die vom VVS konzipierte Informationsschrift enthält Interessantes über den Nahverkehr für die Klassen 3 und 4.

Stadtwerke Wolfsburg (WVG): Wir fahren mit dem Bus, 1985 (Heßlinger Str. 1-5, 38440 Wolfsburg). Der WVG-Bus kommt zu den Grundschulen und führt das zweistündige Bus-Training durch.

Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR): Unterwegs mit Bus und Bahn, 1997 (Anschrift: Bochumer Str. 4, 45879 Gelsenkirchen). Das Programm richtet sich an die 4. Klasse der Grundschulen im den Städten des Raumes Düsseldorf, Duisburg, Essen, Bochum, Dortmund und Wuppertal. Der VRR gibt auch noch eine Übersicht mit ÖV-Klassenfahrten für die Schulen heraus.

Münchner Verkehrsverbund (MVV): Wer kennt den MVV genau? 1992 (Anschrift: Thierschstr. 2, 80538 München). Die Unterrichtsmaterialien richten sich an die vierten Klassen der Grundschulen.

Verkehrsgesellschaft Lippe (VGL): Unterrichtsmaterialien für die Primarstufe, 1995 (Anschrift: Felix-Fechenbach-Str. 3, 32756 Detmold). Die Materialien bestehen aus einem Handbuch für die LehrerInnen und 24 Kopiervorlagen.

Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV): Wir gehören zusammen! Unterwegs mit Bus, Bahn und Co., 1997 (Anschrift: Am Kreishaus 1-5, 65719 Hofheim am Taunus).

Die Schulunterlagen des RMV richten sich an die Klassen 1 bis 4 der Grundschule. Sie bestehen aus einem Heft für Einsteiger (Klasse 1 und 2), einem Heft für Kenner (Klasse 3 und 4).

Mannheimer Verkehrsverbund (MVV): Öffentlicher Personennahverkehr in Mannheim, 1996 (Luisenring 49, 68159 Mannheim). Die Materialien richten sich an die Klassen 1 - 4 der Primarstufe.

Neben den Nahverkehrsunternehmen in den Städten und Gemeinden hat auch die Deutsche Bahn damit begonnen, Materialien für die Schulen zu entwickeln:

Deutsche Bahn AG: Signale - Materialien für den Unterricht „Wir fahren mit der Bahn'', 1997 (Zeitbild-Verlag, Mainzer Str. 255, 53179 Bonn).

Die neue Unterrichtseinheit der Deutschen Bahn für die 2 - 4 Klasse besteht aus einer Lehrermappe, zwei Kopiervorlagen und einem Schülerheft. Folgende Themen sind darin enthalten: a) Vom Bahnhof in die weite Welt, b) Alles über Züge, c) Arbeiten bei der Deutschen Bahn.

c) Programme für die Sekundarstufen

In den weiterführenden Schulen stehen die Umweltaspekte der ÖV-Nutzung stärker im Vordergrund. Die Programme versuchen, den SchülerInnen eine umweltgerechte Verkehrsmittelwahl näherzubringen. Sie sollten auch dann, wenn sie mit 18 Jahren den Führerschein erwerben, den ÖV weiter nutzen und nicht nur mit dem Auto fahren.

Die Unterrichtsmaterialien geben Auskünfte über die Ökobilanz einzelner Verkehrsmittel, sie analysieren die Verkehrssituation vor Ort (Verkehrsbelastung, Schadstoffe, Sozialverhalten im Verkehr usw.), sie beschäftigen sich mit Fragen der Verkehrsplanung und der Verkehrspolitik, sie behandeln die Themen „Verkehr und Umweltschutz'', „Mobilität und Gesellschaft'' usw.

Folgende Programme richten sich an die weiterführenden Schulen:

Hamburger Verkehrsverbund (HVV): Wir fahren mit dem HVV, 1994 (Altstädter Str. 6, 20095 Hamburg). Das HVV-Programm richtet sich an die Klassen 5 und 6 der weiterführenden Schulen (Sekundarstufe I).

Verkehrsverbund Rhein-Sieg (VRS): Fahren mit Bus und Bahn - Ein Programm für die Sekundarstufe I, 1994 (Anschrift: Barbarossaplatz 1, 50674). Die Unterrichtsmaterialien wurden in Zusammenarbeit mit der Verkehrswacht Köln herausgegeben.

Verkehrsclub Deutschland (VCD): Öffentlicher Verkehr - Unterrichtseinheiten für die Sekundarstufe I, 1992 (Anschrift: Postfach 17 01 60, 53027 Bonn). Die Unterrichtseinheiten richten sich an die Klassen 5 bis 9. Das Programm ist inzwischen vergriffen.

Autokraft: Bus-Schule Schleswig-Holstein, 1993 (Postfach 1326, 24012 Kiel). Das Projekt „Bus-Schule'' wird für die Klassen 5 und 6 angeboten.

Hoberg, G.: Rund um Bahn und Bus (5. und 6. Schuljahr) und Verhaltestellen (7. bis 9. Schuljahr), 1994 und 1996 (Konzepte GmbH, Am Königsplatz 9, 53173 Bonn).

Stadtwerke Aschaffenburg: Der Schüler als Fahrgast, 1995 (Postfach 9, 63701 Aschaffenburg). Die Unterrichtseinheiten richten sich an die Hauptschulen in Aschaffenburg.

Großraum-Verkehr-Hannover (GVH): Voll abgefahr'n - Mit Bus und Bahn unterwegs durch den Großraum Hannover, 1996 (Arnswaldtstr. 19, 30159 Hannover). Die Schulmaterialien aus Hannover richten sich an die 5. und 6. Klasse.

Deutsche Bahn AG: Signale - Bahn und Umwelt, 1997 (Zeitbild-Verlag, Mainzer Str. 255, 53179 Bonn). Die Schulunterlagen der Deutschen Bahn richten sich an die Sekundarstufe I, an die Sekundarstufe II und an die Berufsschulen. Folgende Themen werden dabei behandelt: Sekundarstufe I: Bahn und Umwelt (Mobilität und Gesellschaft, Innovation und Umweltschutz, Kooperation hat Zukunft). Sekundarstufe II: Deutsch Bahn AG - Start ins 21. Jahrhundert. Berufsschulen: DB Cargo - Transport + Logistik, Reisen mit der Deutschen Bahn.

Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR): Unterwegs mit Bus und Bahn, 1997 (Anschrift: Bochumer Str. 4, 45879 Gelsenkirchen). Die Materialien richten sich an die 5. Klasse. Aus den einzelnen Verkehrsbetrieben innerhalb des VRR-Raums kommen vielfältige Beiträge, wie z.B. die „Fuchs-Jagd'' aus Mülheim an der Ruhr oder das Straßenbahn-Musical der Essener VerkehrsAG „Linie 108''.

Während es inzwischen schon viele Ansätze für Schulen und einige für die Kindergärten gibt, fehlt noch ein Programm für die ÖV-Verkehrserziehung im Elternhaus. Hier könnte noch eine Anleitung für Eltern entwickelt und in die gängigen Elterntrainingsprogramme zur Verkehrserziehung (z.B. „Kind und Verkehr'') integriert werden.

Will man Kinder an den öffentlichen Verkehr heranführen, müssen die Verkehrsbetriebe „kinderfreundlicher'' werden, d.h. sie müssen sich stärker auf die Bedürfnisse der jungen Fahrgäste einstellen. Bus- und BahnfahrerInnen, FahrkartenverkäuferInnen usw. müssen den Kindern helfen können, wenn sie Schwierigkeiten haben. Sie müssen mit den kindlichen Besonderheiten in Bus und Bahn vertraut sein, damit sie von den Kindern und ihren Eltern als Ansprechpartner akzeptiert werden. Nur durch eine „kundenfreundliche'' Haltung den Kindern gegenüber wird man die „Kunden von morgen'' an den ÖV binden können. Zur Zeit machen Kinder und Jugendliche in den Schulbussen eher negative Erfahrungen. Die Busse sind häufig überfüllt und die jüngeren Kinder sind oft den Aggressionen und Belästigungen der älteren Schüler ausgesetzt. Und auch die Fahrer sind leider nicht immer freundlich zu den Kindern. Deshalb entsteht bei ihnen häufig eine eher negative Haltung zum öffentlichen Verkehr (FLADE und MICHELER, 1991, FLADE und LIMBOURG, 1997).

Neben den schulischen Programmen gibt es auch noch weitere Ansätze zur Erhöhung der Verkehrssicherheit von Jugendlichen und jungen Erwachsenen durch Beeinflussung der Verkehrsmittelwahl in Richtung einer stärkeren ÖV-Nutzung: Jugendverbände, Gastwirte, Verkehrswachten, Polizei usw. versuchen, durch Aufklärungskampagnen die Nutzung des öffentlichen Verkehrs auf dem Weg zu den Discotheken zu fördern, um die große Unfallbelastung der jungen Autofahrer in diesem Bereich zu reduzieren (vgl. HOPPE, 1996, HOPPE und TEKAAT, 1995, LIMBOURG, 1997). So ist es z. B. im Landkreis Cloppenburg gelungen, die Fahrgastzahlen der Disco-Busse am Wochenende von 1.600 im Jahr 1991 auf 13.200 im Jahr 1995 zu steigern. Und im Landkreis Ammerland konnte gezeigt werden, daß die stärkere Disco-Bus-Nutzung auch zu einer Reduktion der Unfallzahlen bei den jungen Autofahrern am Wochenende geführt hat.

Eine weitere Zielgruppe der pädagogischen ÖV-Programme sind die Senioren, die früher oder später aus Sicherheitsgründen vom Auto auf Busse und Bahnen umsteigen sollten (SCHLAG, 1997). Zu diesem Zweck hat der Deutsche Verkehrssicherheitsrat im Jahr 1986 sein Programm „Fahren in Bus und Bahn'' im Rahmen des Programms „Ältere Menschen als Fußgänger im Straßenverkehr'' entwickelt (Anschrift: Beueler Bahnhofsplatz 16, 53222 Bonn). Ziel des Programms ist die Förderung der ÖV-Kompetenz von Senioren. Auch eine ganze Reihe von Verkehrsbetrieben haben die Senioren als Zielgruppe für Informationsveranstaltungen entdeckt. Sie veranstalten Senioren-Führungen, Senioren-Fahrten, Betriebsbesichtigungen, usw., teilweise auch in Zusammenarbeit mit der örtlichen Polizei. Außerdem besuchen „Verkehrsmoderatoren'' die Seniorenheime und führen dort Gruppenveranstaltungen durch (Wuppertaler Stadtwerke, Kölner Verkehrsbetriebe, Wolfsburger Verkehrs-GmbH, Stadtwerke Flensburg, usw.). Die Senioren lernen so, wie sie den ÖV nutzen können. Sie lernen Fahrpläne zu lesen und Fahrten zu planen, aber auch das sichere Verhalten an den Haltestellen, in Bussen und Bahnen und beim Ein- und Aussteigen. Mit dieser neu erworbenen ÖV-Kompetenz können sie auch noch bis in hohe Alter mobil bleiben - allerdings nur unter der Voraussetzung daß der ÖV seniorengerecht ist (KÖHLER und FLEISCHER, 1994) und daß die Sicherheit vor kriminellen Handlungen im ÖV und an den Haltestellen gewährleistet wird.

Literatur

Baguv (1997): Statistik-Info zum Schülerunfallgeschehen 1995. München, 1996.

Bleyer, G. (1995): „Wir fahren mit dem HVV''. Zeitschrift für Verkehrserziehung, 45, 2, 7 - 10.

Burkardt, F. (1995): Wegeunfälle - ein vernachlässigtes Unfallgeschehen. In: Ludborzs, B., Nold, H. und Rüttinger, B. (Hrsg.): Psychologie der Arbeitssicherheit, 8. Workshop 1995, Asanger-Verlag, Heidelberg, 1996, 463 - 479.

Flade, A., Kalwitzki, K. P. und Limbourg, M. (1996): „Öffentlicher Verkehr'' im Schulunterricht. Verkehrszeichen, 2, 20 24.

Flade, A. und Limbourg, M. (1997): Das Hineinwachsen in die motorisierte Gesellschaft. Bericht der Universität Essen und des Instituts für Wohnen und Umwelt, Essen und Darmstadt.

Hoopmann, R. (1996): Nachtbusse für den Einzugsbereich von Mittel- und Großstädten. Verkehrszeichen, 2, 15 - 19.

Hoppe, R. (1996): Möglichkeiten und Grenzen der Reduzierung nächtlicher Verkehrsunfälle und sexueller Belästigungen durch öffentliche Freizeitverkehrsangebote. In Bericht der Bundesanstalt für Straßenwesen: Junge Fahrer und Fahrerinnen, Bergisch Gladbach, 155 - 162.

Hoppe, R. und Tekaat, A. (1995): Disco-Busse - Sicherheitsbeitrag nächtlicher Beförderungsangebote. Bericht der Bundesanstalt für Straßenwesen, Reihe „Mensch und Sicherheit'', Heft M 42, Bergisch Gladbach.

Kalwitzki, K.P. (1991): Öffentlicher Verkehr im Unterricht. Verkehrszeichen, 1, 19 - 23.

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Köhler, U. und Fleischer, A. (1994): Seniorengerechte Gestaltung des ÖPNV. Der Nahverkehr, 12, 5, 12 - 15.

Limbourg, M. (1995): Mobil und Sicher mit dem öffentlichen Personenverkehr. Mobil und Sicher, 6, 6 - 8.

Limbourg, M. (1996): Verkehrspädagogische ÖPNV - Programme. Mobil und Sicher, 3, 12 - 13.

Limbourg, M.: Schulwegunfälle - Häufigkeit, Ursachen und Prävention. In: Ludborzs, B., Nold, H. und Rüttinger, B. (Hrsg.): Psychologie der Arbeitssicherheit, 8. Workshop 1995, Asanger-Verlag, Heidelberg, 1996, 510 - 525.

Limbourg, M. (1997): Mit dem öffentlichen Verkehr zur Disco - eine Möglichkeit zur Prävention von Disco-Unfällen. Mobil und Sicher, Heft 5.

Möller, K. und Heer, E. (1996): „Vorsicht Straßenbahn!'' Verkehrssicherheit in der Stadt. In: Sicher Leben: Bericht über die 2. internationale Tagung „Kindersicherheit: Was wirkt?'' in Essen, Wien, 1997.

Roos, S., Dinter, M., Lau, R. und Kohler, H. (1991): Verkehrssicherheitsanalysen des öffentlichen Nahverkehrs. Bericht der Bundesanstalt für Straßenwesen, Bergisch Gladbach.

Schlag, B. (1997): Ältere Menschen als Verkehrsteilnehmer. Mobil und Sicher, 2, 8 - 9.

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Verkehrsverbund Rhein-Sieg (1995): Schulberatung beim VRS. Zeitschrift für Verkehrserziehung, 45, 4, 3.

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Zippel, K. (1990): Verkehrs- und Unfallbeteiligung von Schülern der Sekundarstufe I. Bericht der Bundesanstalt für Straßenwesen, Bergisch Gladbach.