Ludwig Rubiner

 

 

Lyrische Erfahrungen

 

Der heutige Maler hat eine andere Perspektive als einer aus den vorigen Generationen. Seine Perspektive ist nicht mehr eine optisch-geometrische, die alles nach einem einzigen "Augenpunkt" im Bild aufbaut, sondern eine nach den innerlich wichtigsten Vorstellungen. Nicht mehr eine Perspektive der Naturwerte, sondern eine der geistigen Werte.

Die Veränderungen im Kunstgefühl der Dichtung sind sehr ähnlich. Ste­fan George, der in den letzten zwanzig Jahren der mächtigste Gesetzgeber des deutschen Gedichtes war, ist für uns heute schon eine heldenhafte Epi­sode der deutschen Sprache. Da sollte die Beschränkung auf das Nur-Gese­hene sein. Und wir empfingen von dieser Handwerksbescheidenheit den neuen, herrlichen, ungeheuren sinnenhaften Lakonismus; eine durch Jahr­hunderte nicht geübte Energieaufspeicherung der Rede. Dagegen, technisch: Beschränkung auf das Nur-Messende, die bloße Taktwiederholung des Ver­ses. Und Georges Imitatoren haben ja, auf die selbe Art wie der Dilettant in der Musik, das Rhythmische ganz verwischt und nur das äußere Taktmaß monoton wie Uhrpendel klappern lassen. (Merkwürdigerweise darf das in Deutschland "Form" genannt werden. Und es käme nur darauf an, daß Leute mit Mut zur Profanation der "Kunst" einmal praktisch zeigten, wie die angebliche Form dieser sogenannten Kultur-Dichtung ganz automatisch, von Beschäftigungslosen in Fabrik-Cantinen erzeugt werden kann.)

Doch der neue Dichter weiß, daß er "gesehen" hat. Das liegt vor allen Ereignissen. Er denkt. Er hat nicht die Angst vor dem Denken (während die Generation der "Form"-Dichter es vorzog, "naiv" zu sein, ahnungslos, "rein", – mit den fürchterlichen Konsequenzen, die eine ins tägliche Verhalten übersetzte Kombination aus Richard Wagner und Goethen ergibt). Das Denken ist doch die Wirklichkeit des Dichters. Er bedichtet seine Wirklich­keit.

Und diese geistige Dichtung des heutigen Deutschland trat nicht willkür­lich auf, hängt an keinem Einzelnen und ist keine "Schule". Die Dichter des Denkens kamen von verschiedenen Ländern auf dieser Himmelskarte des Geistes, mit verschiedenen Fähigkeiten; und ich weiß, einige von ihnen kön­nen sich sogar untereinander nicht leiden. Wir alle kennen heute Max Brod, den folgenreichsten Lyriker des Geistes, den impetuosesten: René Schickele; den berührtesten, Franz Werfel; und Ferdinand Hardekopf, den interessan­testen [72] Experimentator gehirnter Verse in unserer Sprache.

Zu ihnen tritt jetzt ein junger Mensch von großer, neuer Begabung, Walter Hasenclever. Sein Gedichtbuch heißt "Der Jüngling" (Verlag von Kurt Wolff, Leipzig), und aus ihm liest man, hinweg über einiges Dumpfe und über zu viel ängstlicher Reimlust, die große Zukunft eines Dichters, dem sein Denken (oft noch traditionell), zur rhythmi­schen Tatsachenvorstellung geworden ist.

"Wir spannen Drahtseile aus an metallnen Himmeln.
Wir sind ein Schwarm von Vögeln zusammengeballt.
Wir jagen mit Revolvern auf fliegenden Schimmeln.
Wir pendeln am Stricke vor dem Staatsanwalt.
Wir leben, um uns zu betrügen.
Wir tanzen alle Tänze mit dem Knie.
Wir umarmen brüllend den und die.
Wir fahren in allen Expreßzügen."

("Wir tanzen alle Tänze mit dem Knie": stärkste Dichtung!)

Vielleicht sieht man an solchen Versen, wo unsere geistige Leidenschaft heute aufs stärkste erregt wird. Das ist im Bewußtwerden vom Zusammen­leben der Menschen auf dieser Erde; von der Existenz der anderen. Eine Raum-Angelegenheit. Wir wissen heute von Menschen. – Zwanzig Jahre künstlerischer Inselexistenz haben die Augen geschärft und die Worte gestärkt. Aber der geistigen Dichtung unserer Tage geht es nicht mehr um Empfindungsgrade, sondern um Fakten. Nicht ein "Erlebnis" ist mehr mer­kenswert, sondern daß im Augenblick dieses Erlebnisses so unendlich viele, getrennte, unterschiedene Erlebnisse sich ereignen, die alle zusammen mit ihren Willenslinien den Organismus dieses Menschendaseins bauen.

Die heutige Dichtung wird wieder eine Dichtung der Werte. Sie wird auch schon, in einem erneuten Sinn, politisch.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

März. Eine Wochenschrift.
Jg. 7, 1913, 12. Juli, S. 71-72. [PDF]

Gezeichnet: Ludwig Rubiner (Paris).

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Das besprochene Werk

 

 

Literatur

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Rubiner, Ludwig: Der Dichter greift in die Politik. Ausgewählte Werke 1908 – 1919. Hrsg. von Klaus Schuhmann. Leipzig 1976 (= Reclams Universal-Bibliothek, 650).

Rubiner, Ludwig: Künstler bauen Barrikaden. Texte und Manifeste 1908 – 1919. Hrsg. von Wolfgang Haug. Darmstadt 1988 (= Sammlung Luchterhand, 630).

Schuhmann, Klaus: Lyrik des 20. Jahrhunderts. Materialien zu einer Poetik. Reinbek bei Hamburg 1995 (= rowohlts enzyklopädie, 550).

Schutte, Jürgen u.a. (Hrsg.): Die Berliner Moderne 1885 – 1914. Stuttgart 1987 (= Universal-Bibliothek, 8359).

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Vietta, Silvio / Kemper, Hans-Georg: Expressionismus. 6. Aufl. München 1997 (= UTB, 362).

 

 

Edition
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