Thomas Abbt

 

 

Klotzii opuscula poetica und C. C. S** Carminum libri duo werden beurtheilt.
Betrachtungen über die Natur der Elegie.
Sie gründet sich auf vermischte Empfindungen.

 

Bey dem grossen Schwarm halb wahnsinniger einsamer Dichter, ist es würklich ein glücklicher Zufall, auf einen andern einmal zu stossen, der den gesunden Verstand aus seinen Gedichten noch nicht verbannet hat, und uns erlaubt mit ihm in der menschlichen Gesellschaft zu bleiben. Gesetzt, daß er noch dazu in einer Sprache gedichtet hätte, darin es ihm leichter geworden, die besten Muster nachzuahmen, und ihren Saft unverfälscht in seine poetische Ader einzuträufeln: so wäre der Zufall gewiß noch erwünschter.

Leute, die mit den Lateinischen Schriftstellern recht bekannt sind, gelten leider für Erscheinungen unter uns, und wenn uns ein solcher ein Empfehlungsschreiben von einem ehrwürdigen Alten überreicht, so macht er uns beynahe für sich partheyisch, ohne daß wir uns selbst oder andere uns tadeln können. Wir fühlen uns gleichsam genöthiget, die wenigen noch glimmenden Funken mit einigem Lobe aufzublasen, obgleich nicht all[62]zustark, damit sie nicht geschwinde sehr helle werden, und dann – verschwinden. –

Und was wird nun, fragen Sie, auf dieses Vorspiel folgen? Weiter nichts, als ein paar kleine Bändchen lateinischer Gedichte. * Nicht von einem und eben demselben Verfasser; folglich auch nicht einerley Lobes oder Tadels fähig. Aber ich will sie nur beyde zusammen nehmen.

Man darf die Drohungen der Dichter nicht immer buchstäblich nehmen; sonst dürfte ich es wol nicht wagen, ein Urtheil über diese Herren zu fällen, nachdem der eine für dem andern über jeden Tadler ein Venus-anathema gerufen hat.

O illum rosea Cypro
  Aeternumque Paphi deliciis manu
Irata Venus arceat,
  Qui te cunque petat dentibus improbis
Te Musarum amor & meus!

[63] Die Furcht für die Venus unterdessen beyseite, will ich Ihnen aufrichtig sagen, wie sie mir gefallen haben. Ich finde sehr viel Leichtigkeit im Kunstmäßigen, viel Gewalt über die Sprache, zu viel Nachahmung, zu wenig Erfindung, selten oder gar niemals einen kühnen Flug in den Oden. Wo sie sich erheben, geschieht es nur mit dem einem grossen Dichter ausgefallenen und sorgsam aufgelesenen Federn. Nichtsdestoweniger sind die Oden, die der erstere Verfasser verfertiget hat, meistens schön, als Lehroden betrachtet; da sein Talent überhaupt in der dogmatischen leicht satyrischen oder spottenden Poesie zu liegen scheint. Die erste und fünfte Ode, davon jene an Deutschland gerichtet ist, diese Deutschlands Klagen enthält, sind, dünkt mich, Nachahmungen der Oden nämlichen Inhalts bey Uzen, und es würde nicht ganz unangenehm seyn, die dagegen zu halten, wenn ich nur Uzens Gedichte bey der Hand hätte. Aber seitdem Herr Wieland so viele Sünden darin entdeckt hat, traue ich mir nicht, sie immer bey mir zu führen. Die dritte Ode ad Lehmannum: Est ipsa virtus dos sibi maxima [64] findet doch, so oft auch ihr Innhalt fast von allen Dichtern bearbeitet worden, den schönen Ausgang:

Et crede, surget serius, ocyus
Sed crede, surget lux rutilo polo,
  Virtutis assertor, gravisque
  Opprobrii metuendus ultor.
Tunc fulgurantem luce videbimus
Intaminata, quam miserabilem
  Cunctisque spretam, quamque fletu
  Saepius hic madidam videmus.

[65] In der neunten Ode kommt ein artiger Einfall vor, daß nemlich Homer, wenn er sehend gewesen wäre, ganz gewiß die Mädchen und nicht den Zorn des Achilles würde besungen haben. In der zehnten Ode de se ipso entsagt der Dichter auf einmal den zärtlichen Empfindungen; dagegen

Laetus per ignes, laetus ahenea
Per machinarum murmura, per globos,
  Per fulminatrices catervas,
  Ense ruam calido cruore.

Deucht es Ihnen nicht etwas anstößig von einem und eben demselben Manne in einer halben Stunde ganz widersinnige Entschliessungen zu lesen? Vorher nichts als Liebe und Weichlichkeit! [66] jetzt Blut, donnerndes Geschütz und Tod fürs Vaterland! Ich weiß wol, daß jede Ode ein Ganzes für sich ausmacht: aber ich weiß auch, daß der Dichter von seinem einmal angenommenen persönlichen Charakter nicht so schlechterdings abweichen darf; – Horaz, so oft er von sich redet, erscheint immer als ein Mann, der seine Ruhe und nicht die Waffen liebt. Er kan die entgegengesetzte Gesinnungen abgesondert betrachten, aber nicht beyde in Anwendung auf sich; sonst glauben wir, daß er nur leere Worte vortrage, und seine Empfindungen nur im Kopfe und nicht im Herzen anzutreffen wären.

Die funfzehnte Ode ad Horatium ist eine Nachahmung der berühmten Ode quo me rapis Bacche tui plenum: allein der V. solte bedacht haben, daß es natürlicher sey, sich an den GOtt der wütenden Begeisterung zu wenden, und von ihm den Einfluß zu erwarten, als an einen Dichter, der selbst sich selten bis zur Pindarischen Höhe geschwungen hat. Die sechszehnte Ode auf Kleisten, der in der Schlacht bey Kunersdorf und nicht bey Zorndorf, (wie [67] der V. irrig überschreibt,) sein Leben nicht theuer geachtet, sondern dahin gegeben hat, scheint mehr Zwang als Natur an sich zu haben; wenn der Dichter mehr Empfindung hätte hinein bringen können, würde die Ode vielleicht schöner geworden seyn.

Die zwanzigste Ode ad Neumannum:

Quid juvat rerum docili artiumque
Ambitum infinitum animo tenere,
Si tibi ignotus, Neomanne vivas
                Et moriaris?

Diese Ode ist schön, und trägt eine Materie vor, die sonst nur die Satyrenschreiber sich zugeignet haben. Der Odendichter, der einen solchen Satz ernsthaft und unschuldig vorträgt, macht meinem Bedünken nach, einen stärkern Eindruck als der Strafdichter, der uns durch seine bittere Vorwürfe gleichsam gegen sich empört. Was werden Sie zur zwey und zwanzigsten Ode Vindemia sagen? Mir hat sie vorzüglich gefallen; unterdessen kan es wohl seyn, daß der V. unserm seeligen Vater Hagedorn den Schwung dabey zu verdanken hat.

[68] Auf die Oden folgen Sermones: drey an der Zahl. Ich habe es, dünkt mich, schon gesagt, daß des V. Stärke hierin liege. Sie sind mit einer Leichtigkeit geschrieben, die den grossen Endzweck eines Schriftstellers, die angewendete Kunst und Mühe zu verstecken, vollkommen erreicht. Ich überlasse Sie Ihnen zu lesen. In der dritten werden Ihnen unter den kleinern Schönheiten einige mit Fleiß ausgearbeitete Verse gefallen. Der V. giebt nemlich Rechenschaft, warum er gewisse Charaktere, auf welche die von ihm Gegeisselten stolz thun, nicht loben könne.

– Vano studio verba ipsa repugnant!
Aut me Grammaticus virga saevoque flagello
Territat, aut certe versus subito elanguescit.

Den gelehrten Birrus kan er nicht loben.

Ecce, aegre versus verbum capit eruditi.

Und den Juristen Servius.

Jam periit Jurisconsulti nomine versus.

Den Philosophen Quintus würde er sein gebührendes Lob nicht versagen.

Attamen & nostrae Quinti praeconia haberent
Chartae, ni versum vox Philosophia retardet.

[69] Ganz anders ist es wenn er züchtigen will.

Ultro tunc coeunt in carmen mollia verba.
Nil sapit & stupidus Birrus se jactat inepte,
Servius haud quidquam præter mala jurgia novit,
Quintus futilibus consumit tempora nugis.
Probrosis Titius rodit bona nomina verbis
Nonne tuus verbis & metro Klotzius ergo
Ducitur, ut nervis alienis mobile lignum.

Das war der erste Dichter; – nun richten Sie auch einen Blick auf den zweyten, der Ihnen Elegien und Sinnschriften anbietet. Es ist eine eigene Sache mit den Elegien. Man kan nicht immer ohne Unverschämtheit fordern, daß das Publikum sich soll Klagen vorwinseln lassen. – Und wenn es vollends Klagen eines Verliebten sind! – Mir hat es immer geschienen, daß die Aufmerksamkeit, die sich die alten Dichter durch ihre verliebten Elegien erworben haben, mehr durch unsre Neugier als durch derselben innere Kraft hervorgebracht worden. Man ist gleichsam nach den Anekdoten eines solchen Mannes begierig und will von seinen besondern Angelegenheiten Nachricht haben. Man betrachtet seine Elegien als einen kleinen Roman, [70] darin die Geliebte erst spöde, dann erweicht, dann eifersüchtig oder ungetreu wird; und der Unterschied zwischen diesem Roman und den andern Romanen ist der, daß in dem letztern die Ursachen dieser Erfolge weitläufig, in der verliebten Elegie aber nur die Würkungen, die sie auf das Gemüth des verliebten Dichters hervorgebracht haben, erzählt werden. Die Kunst des Dichters bestehet nun darin, daß er diese Würkungen rührend und angenehm beschreibe. Und hieraus läst sich zugleich erklären, warum dem geliebten Gegenstande eine Elegie am besten gefalle. Es ist nemlich schmeichelhaft für ihn, Würkungen beschrieben zu sehen, davon er ganz alleine die Ursache ist. Andre Leser, deren Eigenliebe nicht so gut ins Spiel gebracht wird, werden vielleicht gar darüber aufgebracht, wenigstens des Lesens überdrüßig, weil der Verstand bey der Erforschung der Ursach und ihrer Verbindung mit den Würkungen gar nichts zu schaffen hat.

Die meisten Dichter scheinen den Begrif der Elegien alzusehr eingeschränkt zu haben. Man könte sie überhaupt erklären, als die sinnlich [71] vollkommene Beschreibung unserer vermischten Empfindungen. Was sie mit andern Gedichten gemein hat, ist das sinnlich vollkommene: der Gegenstand nur, den sie bearbeitet, unterscheidet sie von den übrigen Arten. Ich habe dazu die vermischten Empfindungen angegeben; und glaube, so viel ich jetzt sehe, Recht zu haben. Die reinen, oder richtiger, die merklich reinen Empfindungen der Lust, gehören, so wie ihr Gegentheil, wenn sie die Seele nicht ganz übermannet, und ihr zum Ausdruck gleichsam den Athem benommen haben, für die Ode. Alle Arten der Empfindungen und Handlungen, die in einem gesellschaftlichen Leben, das weder Zwang noch Verbrechen kennet, entstehen, gehören für das Schäfergedicht. Wenn die Elegischen Dichter sich hieran erinnert hätten: so würden sie einen der gewöhnlichsten Vorwürfe, daß sie nemlich unnatürlich werden, entgangen seyn. Allerdings ist es widersinnisch, bey einem grossen Schmerzen sich geschwätzig zu zeigen. Wenn dieser die Seele auf einmal an allen Orten angreift, wenn ihre [72] Kräfte durch den plötzlichen Anstoß niedergerissen werden, und der Schmerz sie also gleich den Fluthen des Meeres überschwemmet, so sind alle ihre schöne Auswüchse von angenehmen Bildern, alle Früchte nützlicher Ueberlegungen auf einmal verdecket. Man erblicket nichts als eine traurige Fläche, und höret nichts als das wilde Rauschen der Wehmuth. Es giebt Seelen, welche besser verwahrt, und gleichsam mit stoischen Dämmen umgeben sind. An diese prallen die Wellen an, und zerschellen. Die Seelen brechen bey einem grossen Schmerz nicht in Klagen, sondern in Rechtfertigungen, in Vorwürfe, in Drohungen, in unerwartete Entschlüsse aus. Ein solcher Schmerz zeigt sich im Trauerspiele; er kan aber auch in der Ode vorgestellet werden. Von der Empfindung der Lust lassen sich eben die Anmerkungen machen. Dem Elegischen Dichter bleiben also nur Empfindungen übrig, die durch die Gegenseitigen schon gemildert sind: Empfindungen, die in der Seele nach und nach entstehen, nicht im Sturm der heftigen Leidenschaft; son[73]dern, wenn sie dieselben erhält; so ists bey ihr öfters nur

– ein Frühlingstag
Der durch ein Wölkchen lacht.

Es versteht sich, daß es dabey auch auf die Verschiedenheit der Seelen selbst ankomme.

Lassen Sie mich diese Materie noch ein wenig fortführen, da die meisten Kunstrichter, so viel ich weiß, sie sehr unvollständig vorgetragen haben. Unter die beyden Artikel der Gedanken und des Ausdruckes der Elegie lassen sich wol die meisten Regeln bringen.

Die vermischten Empfindungen können entweder aus der Betrachtung des menschlichen Zustandes überhaupt, oder dieser und jener Gesellschaft oder eines besondern Standes, einer einzelnen Person entstehen, und bey der letztern werden die verschiedenen Zustände in Erwägung gezogen, die dergleichen Empfindungen nothwendig hervorbringen müssen. Der Satyrenschreiber betrachtet auch den Zustand der Menschen überhaupt, bricht zuweilen in eine bittere Klage aus: aber diese Klage entwischt ihm nur aus Ungedult [74] wenn er die Ungereimtheiten so gehäuft sieht, daß fast alle Hülfsmittel dagegen mangeln. Der Elegische Dichter hingegen überläst sich mehr einer mitleidigen und jammernden Empfindung. Das Elend das er vor sich sieht, rührt ihn bis zur Klage, ohne daß er erst untersucht, wo die Ursachen dazu liegen, und da die Gegenstände nicht nahe genug sind, um sein Mitleiden in eine ganz unangenehme Empfindung zu erhöhen: so genießt er des Vergnügens, das ihm die Mäßigung desselben darreicht.

Wenn die Schicksale einer besondern Gesellschaft dergleichen Empfindungen erregen sollen; so müssen wir eine besondere Neigung für dieselbe haben: sie betreffen alsdann entweder unser Vaterland, oder unsre Geburtsstadt, oder das Land unsrer Vorfahren, oder sonst ein Volk, für welches wir besonders eingenommen sind. Wenn also ein Krieg das Vaterland verwüstet, die Wuth der Feinde eine Vaterstadt in die Asche legt; Länder, wo die Musen sonst gewohnt haben, durch Barbarey entheiligt sind; so können dergleichen Empfindungen entstehen: nur muß die Zeit [75] den Bildern ihre alzugrosse Lebhaftigkeit geraubt haben; die schwarzen Formen müssen nicht mehr so gedrängt stehen, daß die Erinnerung nicht zugleich einige angenehme dazwischen stellen könte. Eine Mutter, die ihr einziges Kind verlohren hat, sieht in den ersten Tagen nichts vor sich, als den erblasten Leichnam, nichts, als eine Zukunft ohne Trost, ein Alter ohne Stütze, Hoffnungen, die vergangen sind, Feinde, die sich freuen, und ist betäubt, ohne Sprache, ohne Thränen: – sobald sie sich erst wieder erinnert, wie viel Witz ihr Kind schon gezeigt habe, was für lebhafte Antworten es gegeben, wie artig es sich schon in Gesellschaften bezeiget: so lößt sich der Schmerz in Thränen auf; die Empfindung wird vermischt, und zur Elegie weich genug. Zu dieser Gattung gehört der 137ste Psalm in dem Kirchenliede: "An Wasserflüssen Babylons." Den auch der Aufseher nach Sidneys Uebersetzung gegeben hat. Die Klagelieder Jeremiä werden ohne mein Erinnern hieher gerechnet werden.

Die besondern Stände unter den Menschen können auch zu solchen Empfindungen Anlaß geben; be[76]sonders diejenigen, welchen eine Art von Ungerechtigkeit von den Gegenseitigen widerfährt. Die Elegie, auf dem Gottesacker in einem Dorfe, welche Dodsley in London bekandt gemacht hat, ist hierin ein Meisterstück. Dieses Dichters Empfindungen entstehen aus der Betrachtung, daß mancher brauchbare Mann, manches Genie, das auf einem höhern Posten einen leichten Glanz, erquickende Wärme rings um sich her würde verbreitet haben, auf diesem Gottesacker unbekannt unerwehnt liege. Weil ich jetzt dieses Muster in Gedanken habe; so will ich sogleich ein paar Anmerkungen, die ich dabey machen kan, hier mitnehmen.

Zeit, Ort und Umstände sind dem Elegischen Dichter nicht ganz einerley. Die Stunden, darin der einsame Vogel der Nacht aus seinem philosophischen Schlummer sich erhebt, und durch das mitternächtliche Echo seinen Flug ankündigen läst, sind für ihn am bequemsten. Nicht allemal muß es eben ein Gottesacker auf dem Lande seyn, ob ich gleich gestehe, daß zu der von dem Engelländer ausgeführten Materie nicht leicht ein glücklicherer Ort hätte erwählet werden können. Aber Ein[77]samkeit muß immer herrschen; die Lage selbst muß solche vermischte Empfindungen erwecken können. Daher sind einsame Zellen und Creutzgänge wo Eloise ihre Briefe geschrieben: Ufer, wo ein Strom traurig dahinrauscht, (wo der Israelitische Dichter seine Elegie verfertiget,) Wälder, Felsen, wo die Aussicht und Stille in der Seele die Vorstellung der Gefahr, und das Bewustseyn der Sicherheit wechselsweise hervorbringen, meistens dazu erwählt worden. Ein einsames Zimmer kan aber auch dazu dienen; besonders wenn noch äussere Umstände dazu kommen, von denen die Seele etwas leidet. Ein trüber Himmel, ein aufsteigendes Gewitter, rauschende Winde, zitternde Fenster, eine Leiche, die vorübergetragen wird, das Geläute der Sterbeglocken, eine Trauermusik. – Ja, wenn von dergleichen Umständen mehrere auf einmal zusammenkommen: so kann die Seele auch in der grösten Versammlung in diesen Zustand der vermischten Empfindungen gesetzt werden. Man muß sich aber hüten alle diese äussre Dinge so schwarz zu machen, daß dadurch eher Schrecken als süsse Melancholey in der [78] Seele entstehen würde. So würde es widersinnisch seyn, wenn jemand an einem Orte, wo er sich würklich vor Gespenstern fürchtet, eine Elegie machen wolte. Die Schildwache im Hamlet war gewiß nicht dazu aufgelegt. Die Seele wird alsdann von einer ganz unangenehmen Empfindung, dem Schrecken bemeistert.

Alle diese Regeln leiden einige Abänderungen, wenn die vermischten Empfindungen aus der Betrachtung unsers eigenen Zustandes entstehen. Natürliches oder von der Einbildung geschaffenes Unglück kan alsdann in der Elegie angetroffen werden. Mitleiden mit uns selbst oder mit einem andern kan darin herrschen. Es würde überflüßig seyn, alle verschiedene Fälle auseinander zusetzen. Die verliebten Klagen gehören zu dieser Gattung, und fast scheint es, daß ausser diesen und den Todesfällen, die meisten keinen andern Gegenstand der Elegie kennen. Ich will nur noch dieses anmerken. Auch ohne die Zuthun äusserer Zufälle kan jeder zuweilen in die Gemüthsverfassung etwa bey einem einsamen Spatziergange gesetzt werden, daß er sein ganzes Leben zusammenrechnet, das [79] Gute und Böse darin überdenkt, und sich denen daraus entstehenden Empfindungen überläst. Mit einem Worte, die Seele muß sich in der Gelassenheit befinden, wo ihr weder die bittre Thräne des Leides ausgepresset, noch der tiefe Seufzer der Angst entrissen, noch das röchelnde Schluchzen der Wehmuth abgezwungen wird. Wenn ja die Thränen fliessen, so mögen sie milde fliessen und wenn Seufzer gehört werden, so mögen sie uns zum sanften Mitleid stimmen, und nicht zur Bangigkeit quälen.

Die Gedanken nun selbst, müssen der Würde der Empfindungen angemessen seyn. Es wird dabey ein Geist vorausgesetzt, der sich weder durch den Verlust eines schlechten Guten dahin reissen läst, noch auch jedem Verluste stoisch wiedersteht. Folglich werden die erhabenen Gedanken aus der Elegie wegbleiben. Da die Seele ferner in einer Art von Erschlaffung ist; so ist ein geschärfter Wiz, das epigrammatische, das allzuweit hergesuchte in der Elegie unnatürlich. Hingegen finden Vergleichungen, kleine Geschichte, Fabeln, darin ihren Platz. Denn die Einbildungskraft ist bey einem solchen Zustande der Seele fast [80] allein beschäftiget. Sie sucht also alle vergesellschaftete Bilder auf, die mit ihrer herrschenden Empfindung übereinstimmen, um entweder sich dadurch zu trösten, oder noch mehr zu betrüben. Sie bleibt öfters bey einem einzigen Gedanken stehen und wiederhohlt ihn; ja, macht unmittelbar die Anwendung auf sich. Daher kommet die Wiederholung einerley Worte am Ende des vorhergehenden und im Anfange des folgenden Verses, welche die Elegiendichter öfters so glücklich anbringen.

[81] Alle Gedanken, die ins groteske fallen alzuhäufige O, und Ach und Weh! Verwünschungen, die Abscheu erregen, zu heftige Betheurungen seines Schmerzes tödten die Elegie. Die erstern erwecken Gelächter; die andern sind entweder Zeichen einer allzuheftigen Traurigkeit, oder eines gänzlichen Mangels der Empfindung, die dritten bedeuten mehr Wuth und Kummer, und die letztern sind entweder verdächtig oder überflüssig. Die Traurigkeit muß sich durch die Reihe von Gedancken, auf die der Dichter verfällt, an den Tag legen.

Vor allen Dingen muß der Elegische Dichter die kleinsten Umstände, die mit seinem Gegenstande verwandt gewesen, sammeln und anführen. [82] Dieses zeigt, daß seine Einbildungskraft ganz damit angefüllt sey, und nicht das Geringste habe verlohren gehen lassen.

Der Ausdruck wird so wenig möglich als prächtig seyn dürfen. Reinlich und auch zierlich – sine squalore aber auch auro absque & gemmis. Je natürlicher die Empfindung ist: desto weniger sind die Worte gesucht. Ich will ihnen eine kleine Englische Elegie hersetzen, die ich irgendwo in Musik gesetzt gesehen habe, ihren Verf. aber nicht kenne. Es ist die Anrede eines Mädchens an ihren Geliebten:

Gentle Youth, o, tell me why
Tears are starting from my eye;
When each night from You I part.
Why the sigh, that rends my heart?
Gentle Youth, o, tell me true,
Is it then the same with you?

Die Naivetät, welche hier herrschet, hat einen ganz ungeputzten Ausdruck erwählet; und glücklich! Wenn nur das äusserste auf beyden Seiten vermieden wäre: so wird die Verschiedenheit [83] der Materie den Ausdruck an die Hand geben. Die vielen Gebete und Reden in den letzten Gesängen der Meßiade sind Elegien der Seligen.

Noch ein Wort von den verliebten Elegien, sie sind für die wenigsten Leser. Wenn es ein dritter schon überdrüßig wird, dem Gespräche zweyer Verliebten zuzuhören: was für eine Dreistigkeit gehört nicht dazu, ein ganzes Publicum in die Gesellschaft zu bringen? Ueberhaupt sind die Elegien eben nicht die Gedichte, die man zu allen Zeiten lesen kann. Es wäre zu wünschen, daß die Dichter auch daran dächten.

Dem sey nun wie ihm wolle: Herr Schilling, (dis ist der Name unsers zweyten Verfassers,) giebt uns Elegien, darin von nichts als von seiner Magdala die Rede ist. Die Ausarbeitung selbst ist schön, und der Verf. hat die Sprache der Ovidischen Elegie ganz inne. Die fünfte und vierzehnte Elegie, darin andre Gegenstände herrschen, werden ihnen am besten gefallen. Eine [84] kleine Probe der letztern, welche überschrieben ist: in mortem B**

Solve dolens Elegia comas, & percute pectus
  Jam nimis heu! veri causa doloris adest.
Abstrahit infernas mors importuna sub undas
  Quem decuit nunquam vivere desinere
Cui, modo nascenti, Charites risere puello;
  Et Veneris lauri serta columba tulit.
An semper primo vates sub flore juventae
  Fata in Plutonis lurida regna vocant?
Nil prodest cecissine Deos, cecissine puellas?

Die neunte Elegie scheint dem V. verunglückt zu seyn. Phöbus erscheint ihm darin im Traume; weissagt ihm seine künftige Dichtergrösse, erlaubt ihm als Jüngling noch die Freuden der Liebe zu besingen, schreibt ihm aber für das Alter andere Materien vor; wo es schon wunderbar läßt, daß ihm Phöbus erst lauter Materien aus der Physic vorlegt; noch seltsamer aber was er ihm am Ende sagt.

  Fatone, an nostro vita sit arbitrio?
Nam sunt cuique rei sua tempora. Suggerit uvas
  Autumnus, flores ver tibi, Bruma nives.

[85] Was den Phöbus veranlasset habe, diese bekannte Sache hier auszuführen, und ob er den Dichter damit zur Abhandlung seiner physikalischen Materien habe in den Stand setzen wollen, ist nicht allzuleicht anzugeben.

Auf die Elegien folgen Epigrammata; davon die meisten von alter Erfindung sind, darunter sich aber doch Elogium Kleistii, in malum Poetam, und Votum auszeichnen. Ich will ihnen die beyden ersten gleich hier abschreiben.

Cur viret haec tellus violis? cur innuba laurus
  Spargit inumbrato frigora sacra loco?
Kleistius hic molii compostus pace quiescit,
  Qui vixit Musis, & cecidit Patriae.

          IN MALUM POETAM.

Quidam pessimus omnium poeta,
Quem ridet, sibi maxime placentem,
Quidquid est hominum politiorum.
Ut mos est suus, usque & usque versu
Me paene enecat heu! ineleganti
Insulso illepidoque frigidoque
Et laudes tacitus suas requirit.
[86] Sed grates refero, malamque pesten
Rursus eneco. Quomodo, tacendo.

Ich blättere zurück, und sehe, daß ich Ihnen einen langen Brief, anstatt ein paar Seiten, wie ich Willens war geschrieben habe. Ich schliesse. Wünschen Sie nicht mit mir, daß Phöbus dem Herrn S. noch einmal im Traume erscheinen, und ihn aufmuntern möchte, auch in Prosa zu schreiben, da er einmal die Sprache in seiner Gewalt hat. Wir brauchen nicht lauter Dichter, unterdessen daß unser historisches Feld noch so leer ist.

– Zwar wann man alles reiflich überlegt, so solte man fast überhaupt wünschen, daß alle deutsche Schriftsteller zwar mit der römischen Sprache zuvor so vertraulich bekannt wären als Herr K. und Herr S. aber wenn sie schreiben wolten, lieber deutsch schrieben.

 

 

[Fußnote, S. 62]

* Klotzii opuscula poetica, Altenburg bey Richter, 1761. und C. C. S ** Carminum Libri duo, Leipzig bey Heinsius Erben, 1761, beyde in 8.   zurück

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Briefe, die Neueste Litteratur betreffend.
13. Teil, 1762, 212. Brief:
28. Januar, S. 61-64
4. Februar, S. 65-80
11. Februar, S. 81-86. [PDF]

Gezeichnet: B.

Titel nach "Inhalt der Briefe des dreyzehnten Theils" (S. *1).

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien). S. 63, Z. 1 v. u. korrigiert nach: Christiani Adolphi Klotzii Opuscula poetica. Altenburg 1761, S. 7.

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

Die besprochenen Werke

 

 

Literatur

Abbt, Thomas: Alexander Gottlieb Baumgartens Leben und Character. Halle im Magdeburgischen: Hemmerde 1765.
URL: http://digital.slub-dresden.de/id321958632

Abbt, Thomas: Vermischte Werke. 3 Bde. Hildesheim u.a.: Olms 1978. Nachdruck der Ausgabe Berlin u. Stettin 1772/82.   –   Enthält nicht die Beiträge aus den "Briefen, die Neueste Litteratur betreffend".

Engel, Eva J.: Moses Mendelssohns Briefwechsel mit Lessing, Abbt und Iselin. Leipzig: Rosa-Luxemburg-Verein 1994 (= Texte zur Philosophie, 1).

Thiele, Richard: Thomas Abbts Anteil an den Briefen, die neueste Literatur betreffend. In: Beiträge zur deutschen Philologie. Festschrift für Julius Zacher. Halle a.S.: Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses 1880, S. 147-190.
URL: https://archive.org/details/beitrgezurdeuts00philgoog

Košenina, Alexander: Art. Abbt, Thomas. In: Die Deutsche Literatur. Biographisches und bibliographisches Lexikon. Reihe 4, Die deutsche Literatur zwischen 1720 und 1830. Abt. A, Autorenlexikon. Bd. 1, Lfg. 1/3. Stuttgart-Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog 1998, S. 20-37.



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Beissner, Friedrich: Geschichte der deutschen Elegie. 3. Aufl. Berlin 1965 (= Grundriss der germanischen Philologie, 14).   –   S. 103-106: Abbt.

Federlin, Wilhelm-Ludwig: Art. Abbt. In: Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraumes. Hrsg. von Wilhelm Kühlmann. Bd. 1. Berlin u.a. 2008, S. 2-5.

Görner, Rüdiger: Art. Elegie. In: Handbuch der literarischen Gattungen. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart 2009, S. 170-175.

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Todorow, Almut: Gedankenlyrik. Die Entstehung eines Gattungsbegriffs im 19. Jahrhundert. Stuttgart 1980 (=S. Germanistische Abhandlungen, 50).   –   Vgl. S. 55-65.

Urban, Astrid: Kunst der Kritik. Die Gattungsgeschichte der Rezension von der Spätaufklärung bis zur Romantik. Heidelberg 2004 (=S. Jenaer germanistische Forschungen; N.F., 18).

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Ziolkowski, Theodore: The Classical German Elegy. Princeton, N.J. 1980.   –   S. 78-80: Abbt.

 

 

Edition
Lyriktheorie » R. Brandmeyer