Projektbeschreibung

 

 

 

Kurzbeschreibung

Die Geschichte der Lyriktheorie von der Antike bis zum Auftritt der Avantgarden des 20. Jahrhunderts (1910/20) wird in einem Archiv erfasst. Für die Zeit nach 1750 liegt der Schwerpunkt der Auswahl auf deutschsprachigen Zeugnissen.

Die Texte werden nach ihrem Erstdruck ediert (Editionsrichtlinien). Zur Zeit sind 545 Texte aufgenommen; dies entspricht einer Digitalisierung von 5547 Seiten aus Büchern, Zeitschriften und Zeitungen.

 

Korpusbildung (1): Kanon

Jede Korpusbildung steht vor dem hermeneutischen Problem des Anfangs: Ohne einen vorweg gefassten Begriff lassen sich die Ressourcen nicht aufsuchen und Wahlen bilden, und andererseits soll doch der Begriff die abstrahierende Arbeit an diesen Ressourcen bzw. Dokumenten bündeln und repräsentieren. Für dieses Problem - hier die Frage: Was ist ein lyriktheoretischer Text? - gibt es keine logisch befriedigende Lösung, sehr wohl aber eine pragmatische und häufig gewählte, der auch hier gefolgt werden soll:

Ausgangspunkt der Korpusbildung ist die Aufnahme von Texten, die zum Kanon gehören, die also im hier vorliegenden Fall (1.) in Anthologien zur Lyriktheorie aufgenommen wurden und die (2.) in der einschlägigen Forschung als lyriktheoretische Texte angesprochen und als solche zitiert werden.

Der hier für die Korpusbildung gewählte, sich dem Kanon verpflichtende Anfang entbindet allerdings nicht von der Aufgabe, sich über diese Wahl Rechenschaft abzulegen und darüber hinaus die Aufmerksamkeiten anzugeben, die die Recherchen im kanonisch gesicherten Gebiet steuern und die auch Entdeckungen und Revisionen zur Folge haben. Die erste Aufgabe führt in die bisherige Historiographie des Gegenstands, die zweite in die Befragung und Einschätzung der relevanten Diskurse und Publikationstypen.

 

Korpusbildung (2): Historische Grundlagen

Einen Diskurs, der die Lyrik als Gattung und literarische Großform neben Epik und Dramatik aufstellt und theoretisch bearbeitet, gibt es nach übereinstimmender Ansicht der Forschung seit etwa 1750. Nach Vorspielen in der italienischen Poetik der Renaissance (Guerrero 1998, S. 86 ff; Hempfer 2008, S. 44 ff.), die keine kontinuierliche Tradition begründet haben, war Batteux der Erste, der in seiner Schrift "Les beaux arts réduits à un même principe" (1746) eine Theorie der lyrischen Gattung konstruierte. Im Anschluss an seine Definition der "poésie lyrique" beginnt ein Diskurs, der seitdem kontinuierlich die scheinbar einfache Frage stellt, deren Beantwortung die Lyriktheorie konstituiert: Was ist Lyrik?

Für ein Archiv der Geschichte der Lyriktheorie sind daher grundsätzlich alle Texte relevant, die diese Frage stellen und zu beantworten versuchen. Es gibt sie in vielen Varianten, von denen zwei in besonderem Maße die Triftigkeit und Attraktivität des lyriktheoretischen Diskurses begründet haben und in diesem Maße auch die Auswahl anleiten können.

Die erste Variante tritt, und zwar besonders in der Poetik und Ästhetik, als Systemfrage auf: Was ist Lyrik, wenn sie als Teil des Ganzen aller Gattungen begriffen wird? Mit dieser Frage wird die Lyrik Teil der Lehre von den literarischen Gattungen, und in diesem Zusammenhang partizipiert die Lyrik, deren Auftritt und Behauptung als Gattung nicht selbstverständlich war, auch an der Geltung der anderen großen, seit der Antike etablierten Gattungen und ihrer Theorien (Drama und Epos).

Die zweite Variante ist eine Wesensfrage: Was begründet die Einheit dieses Teilgebiets der Literatur? Die Theorie der Lyrik steht damit unter der sie nicht weniger auszeichnenden Anforderung, die Fülle der seit der Antike existierenden sog. "kleinen Formen", die je für sich auch theoretisch schon gewürdigt worden waren, als Unterarten einer Gattung zu begreifen. Die Aufgabe einer starken Synthese steht also von Beginn an auf der Tagesordnung, und sie bleibt dort auch, wenn die Wesensfrage sich von der Systemfrage unabhängig zu machen beginnt. Dies geschieht besonders häufig in theoretisch weniger stringenten Formen. Das Gebiet der Lyrik soll dann allein aus seinen eigenen Voraussetzungen heraus als intelligible Einheit verstanden werden. Entsprechende Ansätze gibt es neben der hier besonders wichtigen Autorenpoetik (Essays, Vorworte zu Lyrikeditionen, poetologische Gedichte), vor allem in der Literaturkritik mit ihren ad hoc-Definitionen.

Einen theoretischen Diskurs der lyrischen Gattung gibt es erst seit etwa 1750; dieses Faktum bildet das historische Apriori des Archivs. Aber ein strikter terminus post quem folgt daraus für die Korpusbildung nicht. Offenheit gegenüber Zeugnissen aus der Zeit vor 1750 ist aus wenigstem einem Grunde geboten. Es hat zwar vor 1750 keinen Begriff von Lyrik als Gattung gegeben, aber doch das, was wir heute ohne weiteres als Lyrik ansprechen. Der Mangel an einer gleichzeitigen Gattungsreflexion bzw. ihr später Auftritt lässt sich zwar erklären, bleibt aber angesichts der massiven Präsenz der sog. "kleinen Formen" irritierend und bildet ein starkes Motiv für eine entsprechende Recherche nach globalisierenden Kategorien in dem lyriktheoretisch gesehen schwach definierten Zeitraum von der Antike bis 1750 (Calame 1998, Primavesi 2008).

 

Korpusbildung (3): Diskurse und Publikationstypen

Poetik und Ästhetik

Die Geschichte der Poetik und der bekanntlich sehr viel später auftretenden Ästhetik ist gut erforscht. Die Recherche zu den lyriktheoretischen Anteilen dieser beiden Diskurse, die unter ihrem Namen auch distinkte Publikationsformen ausgebildet haben, wird darüber hinaus durch den einfachen Umstand erleichtert, dass sie aufgrund ihrer genuinen Aufgabe, der Lyrik, sofern von dieser überhaupt ein Gattungsbegriff existiert, eine Systemstelle zuweisen müssen. Und aus eben diesem Grunde sind die entsprechenden Texte auch von erstrangiger Bedeutung für eine Dokumentation der Geschichte der Lyriktheorie. Anders als die unsystematischen Formen reagieren Poetik und Ästhetik in der Regel zwar mit einer gewissen Verzögerung auf literarische Innovationen und neue Paradigmen der Kritik, aber die langfristige Bewegung und Entwicklung der (theoretischen) Frage: Was ist Lyrik? lässt sich an ihnen gut ablesen.

Die Bedeutung der Poetiken und Ästhetiken für den Diskurs der Lyriktheorie ist selbstverständlich dann besonders groß, wenn sie Referenztexte des lyriktheoretischen Diskurses geworden sind. Für die Dokumentation dieser Gruppe, zu der z.B. Werke von Batteux (1746), Hegel (1838), Vischer (1857) und Gottschall (1858) gehören, wird daher Vollständigkeit angestrebt. Dabei beschränkt sich die Aufnahme auf die Lyrikkapitel. Auf die Wiedergabe der Abschnitte, die das Gattungssystem vorstellen, wird verzichtet, da ein entsprechender Aufwand nicht zu bewältigen wäre. Eine Ausnahme bilden Texte aus der besonders sorgfältig zu dokumentierenden Formationsphase der Lyriktheorie (1750-1800; Cullhed 2002), da hier, wie z.B. bei Engel (1783) und Eschenburg (1783), die "Dichtarten" noch nach den nicht mehr ohne weiteres verständlichen Vorgaben der aristotelischen Poetik eingeteilt werden.

 

Theorien einzelner lyrischer Formen

Theorien einzelner lyrischer Formen gibt es in der Gestalt von Essays und von Vorworten zu Anthologien bzw. Autorenpublikationen, die jeweils einer Form gewidmet sind. Diese Zeugnisse sind aufzunehmen, wenn die Charakterisierung der Form über eine Ausdifferenzierung im Ensemble aller weiteren bzw. der im Kanon jeweils vorhandenen Formen führt und dabei ein Begriff des Ganzen ins Spiel kommt. Ganz besonders wichtig sind solche Texte dann, wenn eine neue Form den Begriff der Lyrik erweitert und ihre Promotion ggf. sogar ausdrücklich zu einer neuen Aufteilung des Gattungsgebiets führt. In diesem Sinne bedeutsam ist z.B. in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Ausdifferenzierung und die entsprechende theoretische Promotion des "Liedes" gegenüber der "Ode".

Darüber hinaus empfiehlt sich aus der Zeit vor 1750 auch die Aufnahme von Texten, die eine solche Verortung der Form nicht vornehmen bzw. nicht vornehmen können, weil eben ein Begriff von Lyrik noch gar nicht existiert. Besondere Aufmerksamkeit gilt hier der (retrospektiv) als "Ersatzform" von Lyriktheorie anzusprechenden Odentheorie (Krummacher 1995). Pindar und Horaz, die "principes lyricorum", konnten in der nacharistotelischen Gattungslehre, und zwar mit ihren "Oden", immer neben Homer und Sophokles stehen; sie waren Teil des gattungstheoretisch relevanten Kanons der Literatur; nicht aber kam es im gleichen Zuge zur Ausbildung eines Begriffs der Gattung, der die anderen "kleinen Formen" miteingeschlossen und der sich neben dem der Epik und Dramatik hätte behaupten können.

 

Literaturkritik

Für eine Dokumentation der Geschichte der Lyriktheorie bildet neben den Zeugnissen der Poetik und Ästhetik die Literaturkritik die reichhaltigste Quelle. Nach Anspruch und Funktion kein theoretischer Diskurs bildet die Literaturkritik doch einen Raum, in dem aus jeweils aktuellem Anlass die Frage nach dem Wesen der Lyrik gestellt werden kann. Und häufig genug ergeben sich dabei Antworten, die für die Bewegung und Entwicklung der Wesensfrage (des Lyrikverständnisses) aufschlussreich sind und die im Einzelfall – der berühmteste ist Schillers Rezension von Bürgers Gedichten (1791) – auch höchst wirksam wurden. Für eine Auswertung kommen die beiden Hauptformen der Literaturkritik, Essay und Rezension, in Frage.

Für die Dokumentation ist der Essay eine relevante Form, wenn er die Diagnose des je aktuellen Orts der Lyrik betreibt. Den Anlass bildet in der Regel ein bestimmtes lyrisches Werk, das zu entsprechenden Fragen provoziert. Sie können aber auch unabhängig davon gestellt werden, wenn es dem Autor nämlich darum geht, eine Summe von Editionen und anderen relevanten Signalen zu interpretieren und in einer Aussage zu synthetisieren, die Brüche und Trends sichtbar macht. Ein gutes Beispiel dafür bilden die achtziger und neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts, in denen sich – im Horizont der Frage: Was ist "moderne" Lyrik? - die Ablösung von der klassisch-romantischen Lyrik (genauer: ihren Epigonen) vollzieht und zwei neue literarische Strömungen – Naturalismus und Symbolismus – nach ihrer Identität suchen. Entsprechende Zeugnisse auf Seiten der Literaten und der Kritiker verbinden sich mit den Namen von Hart (1882), Holz (1883), Bleibtreu (1885), Bierbaum (1891), Bahr (1892), Hofmannsthal (1896),

Die Literaturkritik ist darüber hinaus - und quantitativ gesehen ihrem wichtigsten Anteil nach - ein Rezensionsbetrieb (Urban 2004). Rezensionen bedienen das Bedürfnis nach aktueller Information; der Leser soll über Neuerscheinungen informiert werden. Ein Rezensionswesen, das den Ansprüchen auf Aktualität der Anzeigen und Periodizität der Publikationsorgane genügt und das auch seine (für die Promotionen wichtigen) sog. führenden Organe hat, ist im deutschsprachigen Raum in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts voll ausgebildet gegeben. Es ist seitdem die entscheidende Instanz der Vermittlung zwischen Autoren und Lesern. Während Poetiken und Ästhetiken den universitätsnahen, in der Regel verzögerten Elitediskurs bilden, sind die Rezensionen für das alltägliche Geschäft der Vermittlung des Aktuellen zuständig.

Die Zeugnisse der Literaturkritik ergeben keinen theoretischen Diskurs. Sie sind aber, viel stärker als bisher geschehen, für eine Geschichte der Lyriktheorie heranzuziehen. Für die hier angestrebte Dokumentation wird die übliche Bevorzugung strikt theoretischer Diskurse aufgegeben; bei der Auswahl der Dokumente soll allein die Präsenz der Frage: Was ist Lyrik? als Aufnahmekriterium gelten. Für die Ergiebigkeit einer solchen Orientierung sprechen auf dem Gebiet des Rezensionswesens wenigstens die folgenden Gründe.

Wenn die Rezension nicht nur als Anzeige auftritt, sondern auch als Kritik, enthält sie implizit oder explizit notwendigerweise normative Aussageanteile. Insofern sorgt sie für eine quasi-theoretische Bekräftigung ihres aktuellen Geschäfts, und zwar mindestens in dem Maße, in dem sie am jeweils vorliegenden Fall, und das ist fast immer zu beobachten, Bestätigung des Erwarteten wie auch Abweichungen entlang der Frage nach dem Wesen der Lyrik diskutiert. Darüber hinaus bilden Promotion wie auch Verriss von Werken und Autoren zweifellos wesentliche Beiträge zur Bewegung und Entwicklung der Gattungsfrage. Besonders dieser Aspekt dürfte zu Revisionen führen, wenn es nicht allein um eine Aufnahme der bekannten starken Theoretiker geht, sondern um eine breite, die Institutionen des Literaturbetriebs mit einschließende Dokumentation der Geschichte des Lyrikverständnisses. Im Übrigen sind auch Poetiken und Ästhetiken abhängig von den jeweiligen werk- oder autorenbezogenen Stabilisierungen von Lyrik-Paradigmen bzw. den semantischen Brüchen, die sich auf dem Gebiet der Literaturkritik in der Regel zuerst abzeichnen.

Die quasi-theoretischen Anteile von Rezensionen können, und das ist meistens der Fall, aus den Referenzwerken entliehen sein oder sich auf die geläufigen Formeln eines anonymen Primärcodes stützen und auf diese Weise die Standards bekräftigen. So ist z.B. in der Lyrikkritik der Aufklärung, wenn es um Maßstäbe geht, seit etwa 1750 die Berufung auf eine topische Stelle aus Baumgartens "Meditationes" ("Oratio sensitiva perfecta est poema") üblich; sie sichert formelartig den höheren Anspruch der Argumentation.

Rezensionen können aber auch von sich aus theoretisch innovativ sein. So ist Schillers Forderung nach einer auch für die Lyrik erforderlichen "Idealisirkunst" aus seiner Bürger-Rezension von 1791 zweifellos eine zäsurbildende, für die Lyriktheorie der Folgezeit Epoche machende Neuerung. Bürger, an dessen Gedichten Schiller den Sturm und Drang erkannte (und erledigen wollte), hat es gespürt; schreibt der Betroffene doch in seiner Antikritik: der Rezensent wolle zeigen, "daß wir uns seit 20 Jahren sehr übel geirret haben".

 

Vorworte zu Editionen

Vorworte zu Lyrikeditionen bilden für das Archiv eine starke Ressource, denn hier verbindet sich in der Regel das Bedürfnis der Werbung mit der aus dem gleichen Motiv kommenden und überaus aufschlussreichen Zuordnung der Produkte zu anerkannten Paradigmen oder auch mit der Absicht, eine neue Form oder eine neue Schule einzuführen und ihr Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Dieser Anteil von Rechtfertigung, Verortung und Promotion, wenn es sich um Vorworte aus der Zeit vor der Etablierung der Lyrik als Gattung handelt, verdient besondere Beachtung. In diesem schwach definierten Raum darf grundsätzlich jedes Zeugnis der Lyrik-Reflexion als kostbar gelten. Die werkgebundene Plattform der Aussprache bildet eine Tradition, die in der Renaissance beginnt (Weinberg 1970, Galleron 2007, Stockhorst 2008) und sich in den Vorworten der Boileau (1693), Hagedorn (1742), Congreve (1706) und Young (1728) fortsetzt.

Diese Zeugnisse (z.B. die der eben genannten Autoren) gehören zur Autorenpoetik, die keinen kohärenten Diskurs bildet und auch über keinen präferierten Publikationstyp verfügt. Aufmerksamkeit gegenüber den Zeugnissen der Autorenpoetik ist besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geboten, denn in diesem Zeitraum trennt sich die Autorenpoetik von den systematischen Formen insbesondere des universitätsnahen Diskurses. Die Autorenpoetik ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bildet keinen kohärenten und kontinuierlichen Diskurs; ihre Geschichte ist vielmehr gekennzeichnet von den Brüchen der Avantgarde, aber sie wird autonom (Lipking 2000, Höllerer 2003, Parkes 2005, Jarrety 2008). Am Ende des Jahrhunderts stehen sich – in den Gestalten von Mallarmé und Dilthey – Formen der Lyrikreflexion gegenüber, die kaum noch etwas miteinander zu tun haben (für Storm und Vischer gilt das noch nicht). Mit Mallarmé ist die Moderne der Lyriktheorie gegeben, während im Anschluss an Dilthey der universitätsnahe Diskurs das klassisch-romantische Paradigma der Lyrik weiterträgt und erst nach 1945 im Zuge der Barockforschung, der Rezeption des Strukturalismus und schließlich der Aufnahme der modernen Lyrik in den Kanon der Germanistik den Anschluss an die lyrische Moderne findet (Völker 1998, Lamping 2000).

Ein Sonderfall, der hier noch am ehesten einzuordnen ist, stellt Mallarmés Vorwort zu René Ghils "Traité du Verbe" (1886) dar. Hier leitet ein Lyrikautor einen literaturtheoretischen Text ein. Das kommt selten vor, ist aber gerade im angegebenen Fall historisch bedeutsam, gilt doch Mallarmés Vorwort als das bedeutendste Manifest der französischen symbolistischen Lyrik.

 

Poetologische Gedichte

Poetologische Gedichte sind keine Texte theoretisch-expositorischer Art. Gleichwohl können sie die Frage nach dem Wesen der Lyrik oder nach besonderen Aspekten ihrer Thematik wie auch ihres Machens zum Gegenstand haben (Hildebrand 2003) und ggf. sogar unter dem Titel "Art poétique" (Verlaine 1882) auftreten. Und in dieser Vielfalt ihrer möglichen Ausprägungen gibt es sie seit der Antike. Die Pindar-Ode des Horaz (IV, 2) ist ein berühmtes Beispiel; der Text bildete bis etwa 1800 für nicht wenige Autoren eine Instanz, wenn es um die Absicherung und Diskussion eines Ansatzes für die hohe Lyrik ging.

Im Vergleich mit expositorischen Texten besteht der besondere Reiz poetologischer Gedichte darin, dass sie nicht nur auf der Ebene ihrer Aussagen, sondern meist auch auf der ihrer Machart das Thematisierte vorführen. Ganz besonders in der poetologischen Lyrik der Moderne, wenn die Reflexion der Sprache des Gedichts die seiner mimetischen Funktion verdrängt – Mallarmé ist hier das markanteste Beispiel – kann man diese doppelte Form der Reflexion beobachten.

Für die Aufnahme in die Dokumentation ist wegen der Überfülle der in Frage kommenden Beispiele strenge Auswahl geboten (auch gibt es auf diesem Gebiet genügend Anthologien). Poetologische Großgedichte vom Typ der Horazischen "Ars poetica" werden nur in den Teilen berücksichtigt, mit denen sie Referenzstellen des lyriktheoretischen Diskurses geworden sind; so z.B. der zweite Abschnitt aus Boileaus "Art poétique" (1674).

Grundsätzlich sollen die Gedichte solcher Autoren bevorzugt werden, die, wie z.B. Eichendorff und Geibel keine einschlägigen theoretischen Texte geschrieben haben, sondern das poetologische Gedicht als ihre Form der Reflexion der Lyrik gewählt haben. Mutatis mutandis kann eine solche Aufmerksamkeit auch für eine ganze Periode des Lyrikverständnisses gelten, so z.B. für die vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts mit ihren erbitterten Debatten um das Recht auf politische Lyrik, sofern sie in poetologischen Gedichten ausgetragen wurden (Freiligrath 1841, Herwegh 1842, Geibel 1842 , Heine 1844)

In enger Auswahl werden auch Dichtergedichte aufgenommen, d.h. Gedichte "die über den Poeten im allgemeinen, über andere Dichter oder über die eigene Dichterexistenz reflektieren" (Schlaffer 1966, S. 297). – Beispiele: Eichendorff 1815, Geibel 1837, Droste-Hülshoff 1844, Liliencron 1889, Boldt 1914.

 

Briefe

In Briefen von Autoren, Kritikern und Wissenschaftlern finden sich gleichfalls lyriktheoretische Reflexionen. Der Charakter des Mediums kann dazu führen, dass im Schutz der Privatsphäre entsprechende Äußerungen sogar besonders pointiert ausfallen und ggf. aufschlussreicher sind als manche veröffentlichte Meinung.

Der Aufnahme solcher Zeugnisse sind freilich Grenzen gesetzt. Die erneute Durchsicht der Briefliteratur bedeutete einen nicht zu bewältigenden Aufwand; hier ist, Entdeckungen nicht ausgeschlossen, die Beschränkung auf die in den Anthologien zur Lyriktheorie und in der einschlägigen Forschung zitierten Briefe geboten (z.B. Mallarmé, Rimbaud). Darüber hinaus gilt, was zur Auswahl poetologischer Gedichte gesagt wurde: Bevorzugt werden solche Autoren, die wie z.B. Rilke das Medium als Ort ihrer Reflexionen zum eigenen Werk und zur lyrischen Gattung bevorzugten.

 

Kontexte

Aufgenommen werden aus benachbarten Diskursen in enger Auswahl Texte, die Referenztexte des lyriktheoretischen Diskurses wie auch seiner Erforschung geworden sind (z.B. Baumgarten 1735, Dilthey 1906). Dabei gilt den Avantgarde-Manifesten, in denen sich ab 1850 ein Moderne-Bewusstsein artikuliert, besondere Aufmerksamkeit (z.B. Champfleury 1855, Wolff 1886, Bahr 1890).

 

Editionsrichtlinien

Die Texte werden nach ihrem jeweiligen Erstdruck ediert. Dabei wird auf modernisierende Eingriffe grundsätzlich verzichtet. Nur offensichtliche Druckfehler werden korrigiert und als Emendationen in Winkelklammern ausgewiesen.

Diese Entscheidung stellt ein alternatives Angebot zu Editionen dar, welche die Texte nach Orthographie und Zeichensetzung oder sogar in ihrem Lautstand modernisieren und auf diese Weise eine Sprachoberfläche bieten, die Vertrautheit und Unmittelbarkeit suggeriert. Gegen diese Absicht bzw. Wirkung wird hier die Fremdheit der Textoberfläche gewahrt. "Die Signalwirkung einer fremden Orthographie kann hilfreich sein bei dem Bemühen um einen Einstieg in den hermeneutischen Zirkel, den sich kein ernsthafter Leser ersparen kann" (Oellers 1982, S. 33).

Auf einige Eingriffe konnte nicht verzichtet werden. Dies betrifft zumeist schrifthistorische Eigenarten der Druckvorlagen

Die Seiten- oder Bogenzahl wird dem Text der betreffenden Seite der Editionsvorlage in eckigen Klammern vorangestellt.

Eingriffe, die über die angegebenen hinausgehen, werden im jeweiligen Editionsbericht benannt. Die den Editionen beigegebenen Scans der Druckvorlagen sorgen zusätzlich für die Transparenz der Textkonstitution.

Für die Wiedergabe der Texte gibt es nur editorische, nicht aber editionskritische Ansprüche. Varianten aus handschriftlichem Material oder späteren Drucken werden nicht verzeichnet.

Norbert Oellers (Bonn) danke ich für Hinweise und Beratung.

 

Literatur

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Brandmeyer, Rudolf: Poetiken der Lyrik: Von der Normpoetik zur Autorenpoetik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 1-14.

Brandmeyer, Rudolf: Poetologische Lyrik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 157-162.

Calame, Claude: La poésie lyrique grecque, un genre inexistant? In: Littérature 111 (1998), S. 87-110.

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Galleron, Ioana (Hrsg.): L'art de la préface au siècle des Lumières. Rennes 2007 (= Collection "Interférences").

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Primavesi, Oliver: Aere perennius? Die antike Transformation der Lyrik und die neuzeitliche Gattungstrinität. In: Sprachen der Lyrik. Von der Antike bis zur digitalen Poesie. Für Gerhard Regn anlässlich seines 60. Geburtstags. Hrsg. von Klaus W. Hempfer. Stuttgart 2008 (= Text und Kontext, 27), S. 15-32.

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Urban, Astrid: Kunst der Kritik. Die Gattungsgeschichte der Rezension von der Spätaufklärung bis zur Romantik. Heidelberg 2004 (= Jenaer germanistische Forschungen; N.F., 18).

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Zeller, Hans: Was nützt Modernisierung der historischen Orthographie in unsern Klassiker-Ausgaben? In: editio 4 (1990), S. 44-56.

Zymner, Rüdiger: Theorien der Lyrik seit dem 18. Jahrhundert. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 22-34.