Friedrich Schlegel

 

 

Ueber La Martine's religiöse Gedichte.

 

Mehr als durch alle politischen Abgränzungen und Gegensätze, werden die Nationen von einander getrennt und sich gegenseitig ent­fremdet durch eine große und wesentliche Verschiedenheit in der Richtung ihrer Geistescultur. Es giebt aber ein anderes, höheres Princip, welches die Nationen, die so lange feindlich oder fremd, eine jede schroff für sich bestanden, einander wieder näher führt, und sie durch ein Geistesband innerlich vereinigt; und so wie es zuerst die Religion gewesen, welche aus den Völkern des neuern Europa eine Familie gebildet hat, so nähern wir uns auch, nachdem jenes alte Familienband schon großentheils erloschen war, jetzt vielleicht der Zeit, wo das Christenthum mit neuer Macht in den bedrängten Herzen erstehend, zusammen[308]führen und wieder Eins machen wird, was bisher durch eine weite Kluft geschieden war. Die Gewalt des lebendigen Worts dringt durch die materiellen Schranken, und selbst die Scheidewand der Sprache verschwindet, sobald der Geist Eins geworden ist, und die Seele von dem gleichen Gefühl durchdrungen.

Der neue Dichter, welcher in Frankreich aufgestanden, und der so ganz eigentlich aus der Religion hervorgegangen ist, La Martine, und seine dichterischen Meditationen, sind ein auffallendes Beyspiel für diese Behauptung.

Es giebt wohl nicht einen schneidendern Gegensatz in dem ganzen Gebiete der Geistescultur, als den zwischen der Poesie und dem poetischen Gefühl der deutschen Nation, und jener angenommenen Darstellungsform, welche bey den Franzosen statt dessen gilt. Dort ist es ein tiefes Ahnden der Fantasie, was den Grundton des Lebens bildet, und die eigenthümliche Weltansicht bestimmt; ein Gefühl und ein Streben, was im Unendlichen verschwebt, oder mehrenteils nur in Fragmenten und halbvollendeten Gebilden sich räthselhaft kund giebt. Bey den Franzosen ist es ein nach allen Rücksichten der gesellschaftlichen Convenienz abgemeßner Ausdruck in der Darstellung der Leidenschaft, was als die vollkommenste Poesie bewundert wird, während es uns meistens nur den Eindruck von guter Prosa macht. Die deutsche Poesie senkt sich mehr und mehr in die Vergangenheit zurück und wurzelt in der Sage, wo die Wellen der Fantasie noch frisch aus der Quelle strömen; die Gegenwart der wirklichen Welt kann sie höchstens nur im humoristischen Witz ergreifen, und dadurch in das Gebiet der Fantasie erheben. Die dichterische Darstellung der Franzosen ist in der Gegenwart daheim, und selbst die Vergangenheit stellt sie gern ohne sehr eigenthümliche Lokalfarben in idealischer Allgemeinheit hin, mit täuschender Lebendigkeit durch hinreißenden Effekt der Leidenschaft und des theatralischen Eindrucks. Es gibt aber etwas mittleres und tieferes als das bloß leidenschaftliche Gefühl, was der prosaischen Wirklichkeit näher steht, ja auch als der Zauberschein der Fan[309]tasie in ihrem räthselvollen Sagenspiel, das freylich den Hauptstoff und den eigentlich geistigen Körper der Poesie bildet. Dieses mittlere, tiefere Element nun, worin jene andern beyden als in ihrem gemeinsamen Urquell zusammenkommen, ist jenes höhere Gefühl, was mehr ist, als Leidenschaft, und was wir Begeisterung nennen, und vielleicht richtiger Beseelung nennen sollten. Denn eben diese tiefe, innige Beseelung ist es, aus der alles Leben, und auch das der Fantasie hervorgeht, so wie jeder Geistesflug in die Höhe seinen Aufschwung nimmt. Denn die wahre Begeisterung ist allein diejenige, welche aus dem tiefen Grunde jener alldurchdringenden Beseelung der innerlichen Liebe hervorgeht, und wo dieser Grund fehlt, ist die Begeisterung hohl, nicht echt, und nur leidenschaftlich; obwohl auch diese Beseelung hinwieder einen Strahl von oben, und den Anhauch eines höheren Geistes bedarf, um sich aufwärts, zur lichten Klarheit, zu erheben.

Diese hohe Begeisterung und Tiefe des Gefühls, oder innige Beseelung ist nun die Region, in welcher wir mit diesem neuen Dichter zusammen treffen, so daß die große Scheidewand seiner und unsrer Sprache verschwindet. Man hört verwandte Töne im Wiederklang der innersten Herzgefühle, und glaubt die eigne Sprache zu vernehmen, weil es die Eine, Ewige ist, die allen zersplitterten Nationalsprachen zum Grunde liegt, und das innere Leben giebt.

Wir wollen nun die Anfangspunkte näher und im Einzelnen bezeichnen, von denen das poetische Gefühl unsers Dichters ausgeht, so wie es sich in diesen rhapsodischen Ergießungen kund giebt. Der erste Punkt und Grundton, mit welchem der Dichter sich zunächst ganz an das Zeitalter anschließt, ist jenes Gefühl, von welchem edle Gemüther und starke Seelen aus begreiflichen Gründen gerade in unserm Zeitalter so mächtig ergriffen werden; jene erhabne Trostlosigkeit, aus welcher die unbezwingliche Sehnsucht, durch den Unglauben, alle Banden des Wahns zersprengend, zur Wahrheit und Liebe endlich hindurchdringt; oder auch, [310] wo sie diesen Durchgang nicht findet, an dem poetischen Gemählde des Abgrundes selbst ein dunkles Vergnügen findet. Dieses ist das magisch Hinreißende in Lord Byrons Gedichten, der eben darum der Lieblingsdichter so vieler ähnlichgestimmter Gemüther in den höhern europäischen Kreisen geworden ist. Wie sehr er auch auf unsern Dichter früher eingewirkt hat, ehe er den Ausgang aus diesem dunkeln Labyrinth atheistisch ernster und trostloser Begeisterung gefunden hatte, das zeigt sich noch deutlich in seinen vielfältigen Anreden an ihn.

Qui que tu sois, Byron, bon ou fatal genie,
J'aime de tes concerts, la sauvage harmonie,
Comme j'aime le bruit de la foudre et des vents,
Se melant dans l'orage à la voix des torrents!

Er soll nur "aufschreyen" zum Himmel, so ruft er ihn an, und es wird ein Strahl von dem Feuer des Lebens herabfahren in die Nacht seiner Seele, und sein Herz wird durch die Gewalt seiner eignen Accorde sich selber besänftigen.

Fais silence, o ma lyre! Et toi qui dans tes mains,
Tiens le coeur palpitant des sensibles humains,
Byron, viens en tirer des torrents d'harmonie;
C'est pour la verite que Dieu fit le genie.
Jette un cri vers le Ciel, o chantre des Enfers!
Le Ciel meme aux damnes enviera tes concerts!
Peut-être qu'a ta voix, de la vivante flamme
Un rayon descendra dans l'ombre de ton ame?
Peut-être que ton coeur, emu des saints transports
S'appaisera soi même a tes propres accords,
Et qu'un eclair d'en haut percant ta nuit profonde
Tu verseras sur nous la clarté qui t'inonde?

Schönere und gefühlvollere Verse, und auch im Ausdruck so vollkommne, sind wohl seit lange nicht in französischer Sprache gedichtet worden, so wie sie in jeder Sprache höchst selten an's Licht kommen.

Zum Schluß faßt er den Hauptgedanken noch kurz und kraftvoll zusammen:

Roi des Chants immortels reconnois-toi toi-même!
Laisse aux fils de la nuit, le doute et le blaspheme.

[311] Ueber die vielleicht zu weit getriebene Bewunderung von Lord Byrons Poesie, können wir mit unserm Dichter unmöglich kritisch rechten, nachdem er eine solche Anwendung davon macht.

Mehrere Gedichte dieser Sammlung, besonders unter den längern didaktischen, bezeichnen und schildern den Kampf des Uebergangs von dem trostlosen Byronschen Standpunkte und aus den Tiefen des Unglaubens durch alle Stufen der Sehnsucht zur neuen liebevollen Hoffnung; und manches darin gehört noch der früheren, düstern Gefühls-Epoche an. Ungleich ist überhaupt die Poesie unsers Dichters, und das hängt wesentlich mit ihrem Charakter zusammen; doch ist keines auch unter diesen Gedichten, wo seine Muse erst noch im Werden ist, ohne mannigfaltige große und schöne Züge. Statt aber jetzt schon bey dieser Unvollkommenheit zu verweilen, auf die wir am Schluß zurückkommen werden, oder diesen Kampf des Uebergangs aus dem Abgrunde des Zweifels zum liebevollen Glauben und der begeisterten Hoffnung eines höhern Lebens im Einzelnen zu schildern, und Stufe für Stufe zu begleiten, fahren wir fort, die Anfangspunkte zu bezeichnen, von welchen die poetische Gefühlsweise des Verfassers ausgeht.

Der zweyte dieser Anfangspunkte, oder das wesentliche Element seiner poetischen Begeisterung und Weltansicht, ist die Liebe; aber nicht bloß leidenschaftlich genommen, wie mehrentheils bey den französischen Dichtern, sondern zart und innig tief, bleibend und alldurchdringend, erhöht und verwebt mit der Erinnerung und Sehnsucht des Todes, jenem Gefühl, welches der wahren Liebe am nächsten steht und am meisten verwandt ist. Die geliebte Elvire, Tochter eines verbannten portugiesischen Dichters, war ihm, nach kurzem Glück, früh durch den Tod entrissen; und war sie ihm schon hier, noch lebend, als eine "Schwester der Engel" erschienen, so fühlt er sich auch jetzt nicht von ihr getrennt, und sieht im Geiste, während er sich dem Schmerz über seinen Verlust ganz überläßt, auch sie, an einem andern Gestade der höhern Weltregionen, einsam ihre Klagen aushauchen. Und so wie die körperliche [312] Hülle dieser Sinnenwelt ihn nicht von der geliebten Seele trennt, so sinkt auch die Scheidewand zwischen einer solchen durch Treue geadelten, durch das Unglück geheiligten Liebe, und dem Gefühle der Andacht. Beym einsamen Abendstern flüchtet sich sein Schmerz in eine ländliche Kirche, und sein liebebeladenes Herz an den heiligen Stufen ausschüttend, wagt er es auch hier noch, der edlen Abgeschiedenen mit Namen zu gedenken:

– J'oserois, Dieu puissant, la nommer devant toi,
Oui, malgré la terreur, que ton temple m'inspire,
Ma bouche à murmurè tout bas le nom d'Elvire.

Hinreißend ist die Erinnerung an die mit der Geliebten genossene Fahrt auf dem Meerbusen von Baja, an jenen paradiesischen Gestaden voll Ruinen, und rührend großer Andenken. Ueberhaupt zeigt sich ihm die Natur verklärt in dem Wiederschein seiner Liebe, und dieses tiefe Naturgefühl ist denn das dritte Element seiner poetischen Begeisterung. Jene bald prachtvoll erhabene, bald zierlich genaue Naturschilderung, welche in der neuern englischen Dichtkunst einen so großen Raum einnimmt, ist schon früher von Andern auch auf den Boden der französischen Poesie verpflanzt, und nur derselben Regel einer sorgfältigen Abmessung des künstlichen Ausdrucks unterworfen worden, der dort nun einmal als allgemeines Gesetz gilt. Bey unserm Dichter aber ist es durchaus nicht jene eben erwähnte Manier von kunstreicher Naturbeschreibung, was er sucht und uns aus der Fülle seines Herzens giebt, sondern ein mächtigeres, ganz innerliches, ahndungsvolles, tiefes Naturgefühl. Meisterhaft weiß er zwar das Herrlichste der Naturerscheinungen in der Abendsonne, auf dem wogenden Meere, oder unter dem Nachtgestirne in wenigen großen Zügen mahlerisch hinzuwerfen; aber ganz überwiegend dabey und das, worauf es ihm eigentlich ankommt, ist immer das innere süß träumende Seelengefühl. Darum genügt ihm auch das Wenige in der Natur, was so oft das Gefühl am tiefsten anregt; der Anblick des gestirnten Himmels, oder die Quelle im einsamen Thal, wo seine Seele beym Rauschen der Wasser in gelindem Schlummer dahinsinkt.

Ah! C'est là qu'entouré d'un rempart de verdure
D'un horizon borné, qui suffit a mes yeux,
J'aime a fixer mes pas, et seul dans la nature,
A n'entendre que l'onde, a ne voir que les cieux.

Die eigenthümliche Art, wie der Dichter die Natur erblickt, oder wie sie sich ihm verklärt darstellt, hat er selbst in einem Verse sehr treffend ausgedrückt. Die Seele, so redet er zu dem [313] Schöpfer, sey ein Strahl des Lichts und der Liebe, und werde verzehrt von dem Verlangen, wieder empor zu steigen zu ihrer flammenden Quelle.

Je respire, je sens, je pense, j'aime en toi.
Ce monde, qui te cache, est transparent pour moi.

Das, was der Dichter hier in so schöner Kürze sagt, ist eben das Wesentliche; dem wahren poetischen Gefühl wird die Natur durchsichtig, und kann oder darf der Seher auch den Schleyer nicht ganz heben, so hemmt ihn doch nicht mehr die dunkle Schranke der sinnlichen Erscheinung, mitfühlend ahndet er das innere Leben, was mehr für ihn ist, als aller Glanz des äußern Eindrucks. Diesem tiefern Naturgefühle gemäß, schließt sich auch bey unserm Dichter eine Fülle von geistigen Ahndungen an den mahlerischen Anblick der schönen Außenwelt; und eine zauberische Weichheit der Empfindung und des Ausdrucks umgiebt die großen Züge der einfachen Darstellung. Versunken in den stillen Schein des liebevollen Abendsternes, trifft plötzlich seine Stirn ein Strahl des Mondes –

Un rayon de l'astre nocturne
Glissant sur mon front taciturne
Vient mollement toucher mes yeux.

Welche verborgne Geheimnisse der unsichtbaren Welt, fragt er, verbirgt wohl der zauberische Wiederschein? Ist es der erste Morgenstrahl des nie erlöschenden Tages? Oder ist es die geliebte Seele, sind es die Schatten der Abgeschiedenen, die in dieser nächtlichen Klarheit weben, und uns an das Herz greifen?

Mon coeur a ta clarté s'enflamme
Je sens des transports inconnus,
Je songe a ceux qui ne sont plus;
Douce lumiere es-tu leur ame?

Es ist dieses nicht eine angenommene Manier flüchtiger Einfälle, wie wohl bey andern Dichtern, sondern es ist tiefgefühlte Wahrheit, die ganz das Rechte trifft und berührt, wie es dem wahren Dichter gegeben ist, ahndend das zu ergreifen, wohin noch keine Wissenschaft reicht.

In großen, mahlerischen Zügen schildert er oft auch die Abendsonne; aber nicht diese Sonne kann sein Herz befriedigen, das einer höhern Ahndung und einer andern Sonne kühn entgegenstrebt. Was unsre wandelbare Sonne beleuchtet, von dem erscheint ihm nichts als wünschenswerth:

[314] Mais peut-être an delà des bornes de sa sphêre
Lieux, ou le vrai soleil eclaire d'autres cieux,
Si je pouvois laisser ma depouille a la terre,
Ce que j'ai tant revé, paroitroit à mes yeux?

Dahin sehnt sich das trunkne Herz, dort die Hoffnung und die Liebe wieder zu finden, und alles, was keinen Namen hat hier in dem irdischen Gefängniß, und möchte dahin schweben auf den Flügeln der Morgenröthe.

Sehen wir nun auf das vierte Element in dem Stufengange des Dichters, und auf den höchsten Punkt, nach welchem auch alle andern Elemente seiner poetischen Ergreifung hinstreben; das Gefühl der Andacht nämlich, wie er es ausdrückt, und die diesem eigne religiöse Begeisterung; so wird es auch hier am besten seyn, statt aller andern Einzelnheiten und Stufen des Uebergangs, gleich das Höchste anzuführen und vor Augen zu stellen, was er in voller Klarheit ergriffen hat. Es liegt in folgender Stelle von den zwey Sprachen, der gemeinen zum äußern Gebrauch, und der innern Sprache des Herzens und des wahren Lebens:

Dieu fit pour les esprits deux langages divers:
En sons articules l'un vole dans les airs;
Ce langage borné s'apprend parmi les hommes,
Il suffit aux besoins de l'exil ou nous sommes,
Et suivant des mortels les destins inconstants,
Change avec les climats, ou passe avec les tems.
L'autre, eternel, sublime, universel, immense,
Est le l'angage inné de toute intelligence;
Ce n'est point un son mort dans les airs repandu,
C'est un verbe vivant dans le coeur entendu;
On l'entend, on l'explique, on le parle avec l'ame;
Ce langage senti touche, illumine, enflamme;
De ce que l'ame éprouve, interprétes brûlants,
Il n'a que des soupirs, des ardeurs, des élans;
C'est la langue du ciel que parle la prière,
Et que le tendre amour comprend seul sur la terre.

Das ist es, was ihm geschehen ist: im Gefühl der Sehnsucht, der wahren Liebe, und der verklärten Natur hat er mit dem Glauben und der Hoffnung zugleich das innere, ewige Wort des Lebens von neuem gefunden und wieder entdeckt, wie jedem gebornen Dichter und wahren Seher das gleiche begegnet, da die Poesie selbst nichts anders ist, als der reine Ausdruck dieses innern ewigen Wortes, so wie es dem eigenthüm[315]lichen Gefühl angemessen ist, im Bilde, Spiel und Liede; wo es denn im Herzen des Volkes Wurzel faßt, und Jahrhunderte hindurch als lebendiger Baum, zur reichen Sage erwächst. Diese Stelle von dem "lebendigen Worte, das innen im Herzen verstanden wird," führt uns wieder zurück auf die gleich Anfangs gemachte Bemerkung, wie unser Dichter die Schranken der französischen Sprache und Gefühlsweise durch die Gewalt seiner Poesie völlig durchbrochen hat, und weit über sie hinausgeschritten ist.

Rhapsodisch und ungleich sind diese dichterischen Ergießungen religiöser Begeisterung; und wo er in dem längeren Schlußgedichte seine Poesie an die Hauptmomente der heiligen Schrift anschließt, sind es mehr nur eine Reihe von einzeln abgerissenen schönen Anklängen. Ob der Verfasser in der Folge auch das Talent einer Composition im Großen (was ihm bis jetzt fehlt) und einer weitern künstlerischen Anordnung und Umfassung erreichen mag, das wird sich zeigen, wenn er fernerhin auf dieser neuen Bahn der heiligen Dichtkunst, nicht bloß aus dem eignen innern Gefühl, sondern nach den gegebenen Vorbildern und Quellen der Schrift und der christlichen Ueberlieferung fortschreiten, und noch andere als rhapsodische Werke unternehmen wird.

Möge seine Muse wenigstens immer die gleiche Kraft bewahren. Denn wie seine Liebe, so ist auch seine Muse nicht ein vorübergehendes Feuer oberflächlicher Begeisterung, sondern eine verzehrende Flamme, die das Mark durchdringt, wie die Gewalt jenes Wortes, "welches Geist und Seele scheidet," und vor der seine Sinne wie ein ergriffenes Opfer erbeben. Wie in der heidnischen Fabel der Adler des Gottes den Ganymedes, noch zitternd, zu den Füßen der Unsterblichen niederwirft:

Ainsi, quand tu fonds sur mon ame,
Enthousiasme, aigle vainqueur,
Au bruit de tes ailes de flamme,
Je frémis d'une sainte horreur;
Je me débats sous ta puissance,
Je fuis, je crains que ta présence
N'anéantisse un coeur mortel,
Comme un feu que la foudre allume,
Qui ne s'éteint plus, et consume
Le bucher, le temple, et l'autel.

So fühlt er auch da, wo sein Herz noch ganz der jugendlichen Erinnerung der irdischen Geliebten hingegeben ist. Viel erhabener noch ist der Aufschwung dieser hohen Flamme in den [316] höheren Regionen der religiösen Begeisterung, hingerissen von der Betrachtung über den Verfall der Welt, und über den allgemeinen Unglauben, den nicht die wundervolle Herrlichkeit der Natur, noch auch die erhabenen Katastrophen der Menschengeschichte, aus seinem Schlummer und Stumpfsinn zu wecken vermögen, bricht seine Sehnsucht in die Worte aus:

Réveille nous grand Dieu! parle et change le monde;
Fais entendre au néant la parole féconde.
Il est temps! leve-toi! sors de ce long repos;
Tire un autre univers de cet autre chaos.
A nos yeux assoupis il faut d'autres spectacles!
A nos esprits flottants il faut d'autres miracles!
Change l'ordre des cieux qui ne nous parle plus!
Lance un nouveau soleil a nos yeux éperdus!
Detruis ce vieux palais, indigne de ta gloire;
Viens! montre-toi toi-même et force nous de croire!

Erhabene Höhe der Poesie, wo sie mit der heiligen Wahrheit Eins wird! – Also spricht sich auch wohl in den heiligen Gesängen und in den großen Propheten des alten Bundes die heiße Sehnsucht nach der verherrlichenden Ankunft des Weltgerichtes aus, den heilgebährenden Schrecknissen der göttlichen Zerstörung in heiliger Ungeduld entgegenseufzend. – Aber nicht immer auf dieser furchtbaren Höhe verweilend, weiß der Dichter, auch zu milderm Tone sich niedersenkend, in dem gleichen Gefühle und über den gleichen Gegenstand, an die Saiten der menschlichen Seele zu rühren; wie in jener Strophe, welche die ganze Rhapsodie so schön und sanft beschließt, und mit dem auch wir diese Anzeige beschließen wollen:

Silence, ô lyre! et vous silence,
Prophêtes, voix de l'avenir!
Tout l'univers se tait d'avance
Devant celui qui doit venir!
Fermez-vous, levres inspirées;
Reposez-vous, harpes sacrées,
Jusqu'au jour où sur les hauts lieux
Une voix, au monde inconnue,
Fera retentir dans la nue:
Paix a la terre, et gloire aux cieux!

Solche Accorde der mildesten Liebe sind es, welche der Ankunft und Wiedergeburt des innern, ewigen Wortes auch in der Poesie vorangehen müssen.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Concordia. Eine Zeitschrift.
1820, Heft 4/5, S. 307-316. [PDF]

Gezeichnet: F. S.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien). Die zahlreichen Fehler und wechselnden Schreibungen in den französischen Zitaten wurden nicht korrigiert.

 

 

Zeitschriften-Repertorien

 

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Kritische Ausgabe

 

Das besprochene Werk

 

 

Literatur

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Behler, Ernst: Die Zeitschriften der Brüder Schlegel. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Romantik. Darmstadt 1983.

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