Stephan Waetzoldt

 

Paul Verlaine, ein Dichter der Décadence

[Auszug]

 

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Texte zur Theorie und Rezeption des Symbolismus
Texte zur Verlaine-Rezeption

 

Auf schweren Schultern der Kopf eines melancholischen Satyrs mit der Stirn des Sokrates; im Ausdruck des Gesichts eine Mischung von faunischer Sinnlichkeit und asketischer Träumerei; ein zerknirschter Einsiedler in mystischer Verzückung und ein halbverkommener Stammgast der Schänken im lateinischen Viertel; elend, arm, früh alternd, aber ein echter Künstler, einer von den seltenen Lyrikern, die etwas Eigenes in eigener Weise zu sagen haben; keiner von den Grossen, die eine Welt im Gemüte umfassen, aber auf seinem beschränkten Gebiete unvergleichbar: das ist Paul Verlaine. Villon, Gilbert, Lamartine, Musset, Baudelaire sind seine Vorfahren; hie und da klingen in der Frühzeit Théophile Gautier, Ste. Beuve, Banville und das Volkslied an. Verlaine war ein echter Parnassien aus der Schule Leconte de Lisles, ehe er seine Eigenart ausbildete, seinen Ton fand: die Umsetzung eines augenblicklichen Stimmungsgehaltes einer krankhaft sensitiven, sinnlich-mystischen, widerstandslos schwankenden Natur in schmiegsame Verse von einer schmerzlichen Schönheit, wie die französische Sprache sie vorher kaum gefunden, die unmmitelbare Erweckung des inneren Bildes durch leiseste Andeutung und zartesten Umriss, die Auflösung der dichterischen Form in weichste musikalische Klangfarben oder in bittere Dissonanzen, die Verflüchtigung der Sprache und des Gedankens in Töne und Stimmungen; ein Nebeneinander von unbewusstem Lallen und Stammeln wie aus Träumen und von raffiniertem Virtuosentum, das alle Technik spielend bewältigt. Mit Stéphane Mallarmé gilt Verlaine heut dem jüngsten Geschlecht französischer Dichter, den Décadents, [169] Symbolisten und Impressionisten als Führer und Meister. Ungewollt ist ihm diese Rolle zugefallen. Er ist die schöpferische Kraft und trotz allem noch der Massvolle unter diesen gequälten, suchenden, neuerungswütigen Nervösen. Die Reklametrommel hat er nie gerührt, Spott und Lob haben ihn gleich unbekümmert gelassen. Der grossen Menge ist Verlaine, dessen erste Gedichte schon 1867 erschienen, noch heut gleichgiltig und wird es immer bleiben; er will ein Dichter für Wenige sein.

 

[...]

 

Verlaine hat der absichtlich dunklen Gedichte eine ganze Anzahl. Nicht der Gegenstand an sich macht dann das Verständnis schwer, die Darstellung dunkel, sondern die Art der Behandlung. Einem der relativ verständlichsten dieser Gedichte, dem nachstehen[187]den Sonett, hat Lemaître die liebevollste Betrachtung zugewandt, und er glaubt, hinter das Geheimnis gekommen zu sein.

L'espoir luit comme un brin de paille dans l'étable.
Que crains-tu de la guêpe ivre de son vol fou?
Vois, le soleil toujours poudroie à quelque trou.
Que ne t'endormais-tu, le coude sur la table?

Pauvre âme pâle, au moins cette eau du puits glacé,
Bois-la.   Puis dors après.   Allons, tu vois, je reste,
Et je dorloterai les rêves de ta sieste,
Et tu chantonneras comme un enfant bercé.

Midi sonne.   De grâce, éloignez-vous, madame.
Il dort.   C'est étonnant comme les pas de femme
Résonnent au cerveau des pauvres malheureux.

Midi sonne.   J'ai fait arroser dans la chambre.
Va, dors!   L'espoir luit comme un caillou dans un creux.
Ah, quand refleuriront les roses de septembre!

Das Sonett ist typisch für eine ganze Reihe Verlainischer Erzeugnisse. Der Dichter giebt die Dinge nicht selbst, indem er schildert oder beschreibt, er entwickelt auch nicht einen Gedanken oder einen Vorgang. Er sucht durch Andeutungen zu wirken, er 'suggeriert' die Bilder und Empfindungen. Das Wesen dieser Kunst hat m. W. am deutlichsten Stéphane Mallarmé ausgesprochen (bei Huret, S. 60 f.), indem er die neue Kunst im Gegensatz zur parnassischen Poetik charakterisiert: Je crois que, quant au fond, les jeunes sont plus près de l'idéal poétique que les Parnassiens, qui traitent encore leurs sujets à la façon des vieux philosophes et des vieux rhéteurs, en présentant les objets directement. Je pense qu'il faut, au contraire, qu'il n'y ait qu'allusion.... Les Parnassiens, eux, prennent la chose entièrement et la montrent; par là ils manquent de mystère; ils retirent aux esprits cette joie délicieuse de croire qu'ils créent. Nommer un objet, c'est supprimer les trois quarts de la jouissance du poème qui est faite du bonheur de deviner peu à peu; le suggérer, voilà le rêve. C'est le parfait usage de ce mystère qui constitue le symbole: évoquer petit à petit un objet pour montrer un état d'âme, ou, inversement, choisir un objet et en dégager un état d'âme, par une série de déchiffrements .... Il [188] doit y avoir toujours énigme en poésie, et c'est le but de la littérature, – il n'y en a pas d'autres, – d'évoquer les objets. Dass diese Rätselhaftigkeit auf Grund eines ästhetischen Princips erst in den Gegenstand hineingeheimnisst wird, ist eine Verirrung Überempfindsamer. Aber die Décadence glaubt ernsthaft mit der Andeutungspoesie eine neue Epoche der französischen Lyrik heraufführen zu können. Es ist erklärlich, dass es die Jungen lockt, der Sprache Voltaires und Pascals solche neue Wirkungen abzugewinnen, und es ist wohl möglich, dass der Vers und die Sprache um neue Ausdrucksmittel durch ihre Bemühungen bereichert werden, wenn erst das Gewollt-Gegensätzliche der heutigen Bestrebungen geschwunden sein wird.

 

[...]

 

Paul Verlaine gilt mit Recht als einer der grössten Sprach- und Verskünstler nach der Seite des Musikalischen. Die weichen Klangfarben, das Halbdunkel des Wortes, gebrochene Akkorde, wehmütige Dissonanzen, den Mollton der Sprache hat Niemand vor ihm in dieser Vollendung dem Französischen abgewonnen. Darin liegt seine unbestrittene Genialität. Auf ihn weist der Chorus der Jüngsten auch, als auf den Führer und Meister, wenn sie von der Erneuerung und Belebung sprechen, die durch sie der alternde und einförmig gewordene französische Vers erfahren soll. Über diese Seite der Technik Verlaines noch einige Worte.

Der Dichter hat selbst eine Art poétique geschrieben. Sie erschien im November 1882 in einer kleinen Zeitschrift, Paris moderne, und ist in die Sammlung Jadis et Naguère aufgenommen. Dies neunstrophige Gedicht kennzeichnet Verlaines Anschauungen besser als alle seine Vorworte.

                Art poétique.

De la musique avant toute chose,
Et pour cela préfère l'Impair
Plus vague et plus soluble dans l'air,
Sans rien en lui qui pèse et qui pose.

Il faut aussi que tu n'ailles point
Choisir tes mots sans quelque méprise:
Rien de plus cher que la chanson grise
Où l'Indécis au Précis se joint
.

[194] C'est des beaux yeux derrière des voiles,
C'est le grand jour tremblant de midi,
C'est par un ciel d'automne attiédi,
Le bleu fouillis des claires étoiles!

Car nous voulons la Nuance encor,
Pas la Couleur, rien que la Nuance!
Oh! la Nuance seule fiance
Le rêve au rêve et la flûte au cor!

Fuis du plus loin la Pointe assassine,
L'Esprit cruel et le Rire impur,
Qui font pleurer les yeux de l'Azur,
Et tout cet ail de basse cuisine!

Prends l'Eloquence et tords-lui le cou!
Tu feras bien, en train d'énergie,
De rendre un peu la Rime assagie,
Si l'on n'y veille, elle ira jusqu'où?

Oh! qui dira les torts de la Rime?
Quel enfant sourd ou quel nègre fou
Nous a forgé ce bijou d'un sou
Qui sonne creux et faux sous la lime?

De la musique encore et toujours!
Que ton vers soit la chose envolée
Qu'on sent qui fuit d'une âme en allée
Vers d'autres cieux à d'autres amours.

Que ton vers soit la bonne aventure
Eparse au vent crispé du matin
Qui va fleurant la menthe et le thym ....
Et tout le reste est littérature
.

Also Musik ist das erste Erfordernis des Verses; musikalisch sind vorzüglich Verse mit ungrader Silbenzahl; nicht mit ihrer bestimmten Lokalfarbe, nicht in festem, klarem Umriss sind die Dinge darzustellen, nicht das bezeichnende Wort, das mot propre, ist zu wählen, sondern die Umrisse sind ins Schillernde, Ungewisse, zu vertreiben, das geheimnisvolle, andeutende Wort ist zu bevorzugen. Spitze nie ein Gedicht, eine Strophe, eine Zeile auf einen geistreichen Schluss zu; hasse alles Schönrednerische. Der Reim, so etwa wie die Parnassiens ihn suchen, reich, rein und stark, ist eitler Tand, tönendes Erz und klingende Schelle. Immer wieder höre auf deinen Vers, lass ihn singen; launisch, leicht, schmiegsam [195] sei er. Wenn deine Verse nur Stimmung bringen, dann kümmere dich um nichts mehr, alles andre ist 'Litteratur', d. h. konventionelle, hohle Mache.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Festschrift zur Begrüssung des fünften allgemeinen deutschen Neuphilologentages zu Berlin, Pfingsten 1892, verfasst von Mitgliedern der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen, der Gesellschaft für deutsche Philologie und der Gesellschaft für deutsche Litteratur. Hrsg. von Julius Zupitza. Berlin: Weidmann 1892, S. 168-202.
URL: http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/85164/1/

Unser Auszug: S. 168-169, 186-188, 193-195.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

 

Literatur

Brandmeyer, Rudolf: Poetiken der Lyrik: Von der Normpoetik zur Autorenpoetik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart u.a. 2011, S. 1-14.

Engel, Manfred: Rainer Maria Rilkes 'Duineser Elegien' und die moderne deutsche Lyrik. Zwischen Jahrhundertwende und Avantgarde. Stuttgart 1986 (= Germanistische Abhandlungen, 58).
S. 86-102: Zur Rezeption symbolistischer Poetik in der deutschen Lyrik der Jahrhundertwende.

Gsteiger, Manfred: Französische Symbolisten in der deutschen Literatur der Jahrhundertwende (1869 – 1914). Bern u.a. 1971.

Höllerer, Walter (Hrsg.): Theorie der modernen Lyrik. Neu herausgegeben von Norbert Miller und Harald Hartung. 2 Bde. Darmstadt 2003.

Kafitz, Dieter: Décadence in Deutschland. Studien zu einem versunkenen Diskurs der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts. Heidelberg 2004 (= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, 209).

Kalkhoff, Alexander M.: Romanische Philologie im 19. und frühen 20. Jahrhundert. Tübingen 2010.
Vgl. S. 150.

Lamping, Dieter: Moderne Lyrik. Göttingen 2008.

Lehmann, Rudolf: Stephan Waetzoldt [Nekrolog]. In: Goethe-Jahrbuch. Bd. 26 (1905), S. 305-308.
URL: https://archive.org/details/goethejahrbuch26goetuoft

Löschhorn, Hans: Stephan Waetzoldt [Nekrolog]. In: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. Bd. 113, 1904, S. 1-12.
URL: https://archive.org/details/archivfrdasstu113brauuoft

Sokal, Clemens: Paul Verlaine, der Dichter der Décadence. In: Beilage zur Allgemeinen Zeitung [München]. 1892: Nr. 98, 7. April; Beilage-Nummer 83, S. 1-3 u. Nr. 99, 8. April; Beilage-Nummer 84, S. 3-7. [PDF]

Trabant, Jürgen (Hrsg.): Beiträge zur Geschichte der romanischen Philologie in Berlin. Mit einem Anhang: Die romanische Philologie an der Berliner Universität 1810 - 1910. Reprint der Erlanger Ausgabe von 1910. Berlin 1988.



Waetzoldt, Stephan: Emanuel Geibel. Hamburg: Meißner1885.
URL: https://archive.org/details/emanuelgeibel00waet

Waetzoldt, Stephan: Zwei Goethevorträge. "Die Jugendsprache Goethes – Goethe un die Romantik. Berlin: Wilhelmi 1888.
URL: https://archive.org/details/zweigoethevortrg00waet

Waetzoldt, Stephan: Paul Verlaine, ein Dichter der Décadence. In: Festschrift zur Begrüssung des fünften allgemeinen deutschen Neuphilologentages zu Berlin, Pfingsten 1892, verfasst von Mitgliedern der Berliner Gesellschaft für das Studium der neueren Sprachen, der Gesellschaft für deutsche Philologie und der Gesellschaft für deutsche Litteratur. Hrsg. von Julius Zupitza. Berlin: Weidmann 1892, S. 168-202.
URL: http://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/85164/1/

Bigler-Marschall, Ingrid: Art. Waetzoldt, Stephan. In: Wilhelm Kosch: Deutsches Literatur-Lexikon. 3. Aufl. Bd. 26. Bern u.a.: Francke 2006, Sp. 613-614.



Zanucchi, Mario: Transfer und Modifikation. Die französischen Symbolisten in der deutschsprachigen Lyrik der Moderne (1890-1923). Berlin/Boston 2016 (= spectrum Literaturwissenschaft/spectrum Literature, 52).

 

 

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