Oskar Loerke

 

 

Von der modernen Lyrik

 

Die Lyriker des Neuen haben gemeinsam etwas künstlerisch Gewalttätiges, denn das Wachstum aller Felder, welche die Zeit besät und beackert, ist so erdrückend, veränderungs- und überraschungsvoll, daß es Kühnheit kostet, mit der Kunst nachzukommen. Keine Zeit hat das Aussehen der Welt und das Aussehen des Lebens so jäh bereichert wie unsere. Für jeden, der es betrachten will, ist es da, für den Dichter am meisten. Immer war erst dann etwas wirklich, sobald es in den Dichtern war. Immer waren erst wirklich Dichter, wenn sie etwas Neues auszusprechen hatten. Wohl konnten sie es niemals anderswo als in sich finden, doch sie sprachen es im Gleichnis der ganzen erneuten Welt. Heute ist diese Erleichterung zur äußeren Erschwerung geworden.

Darum wollen wir zunächst alle Lyriker preisen, die das Moderne sich überhaupt angehen lassen. Wir wollen die Großstädte, die Weltstädte dichten, die beinahe so jung wie wir sind. Wir wollen die Sinfonien des Stahls, des Eisens und aller schnellen Kräfte hören, die fast noch jünger sind als wir. Wir wollen das moderne Tempo wiederschaffen, weil es uns schafft. Wir wollen unsere feinen, kranken Nerven singen, sie werden davon gesund werden. Hinausgetrieben werde, wer die Mühe um all das bekämpft, totgeschlagen werde er, wenn er ein Künstler ist.

Dennoch! Wenn wir beim Lesen unserer jüngsten Gedichte uns über das durch seine bloße Nennung Erregende hinaus Rechenschaft geben, so stellen wir oft die grundsätzliche Frage: Was ist ein Gedicht? Nicht, weil das zufällig Gelesene schwach wäre; wir wissen, in jeder großen, geistigen Bewegung ist der Wille öfter vorhanden als die Kraft. Im Gegenteil, gerade vor den starken Erzeugnissen regt sich jene Frage. Wir mögen eben nicht vergessen, daß unser Volk eine große lyrische Kunst besitzt. Wir mögen auch nicht unsere Erfahrung vergessen, daß in jeder Zeit zwei Arten von <Dilettantismus> nebeneinander hergehen, ein heruntergekommener, altmodischer und ein angesehener moderner, und wir geben zu, daß der zweite Lob verdient, damit der erste daraus werde. Wir wollen die notwendigen Irrtümer begehen, zugleich aber eingestehen, daß es Irrtümer sind.

Noch konnten wir die Bestandteile unserer neuen Welt nicht zum Weltgebäude fügen. Uns waren nur zwei Arme gewachsen. Es hätten zweihundert sein müssen, und darum haben wir rasch alles zusammengehäuft und den Haufen als die neue Welt bezeichnet. Wirft jemand Backsteine, Kalk, Bretter, Glas, Nägel übereinander und sagt davon: es ist mein Haus? Kann man also dieses Verfahren etwa auf eine große Stadt ausdehnen und das, was daraus wird, anreden: O du mein Berlin? Wir sind zu stolz auf unseren Besitz, doch wenn wir ihn Stück für Stück in Rhythmen und Reime tun, so haben wir ihn schon ausgegeben, bevor wir ihn besaßen. Wir gehen zuviel an die Dinge heran, anstatt sie uns angehen zu lassen. Immerhin, sie werden ihr Schicksal fühlen, daß sie uns verfallen sind und werden uns morgen nicht mehr widerstehen. Wenn auf dem Umweg vorläufig wenigstens nur so viel herauskäme wie jener Ausruf an die Weltstadt! Das wäre schon ein Gedicht, wenn auch ein bescheidenes. – Soweit sind wir leider noch nicht. Wir leben auf Vorschuß. An den Gedichten fehlt noch das Gedicht.

Wir suchen die Leere zu erfüllen – und irren wieder. Uralte, an sich wahre Gefühle und Erlebnisse mögen sich nicht mehr in den Begriffen aussprechen, die ihnen früher zum künstlerischen Leben verhalfen. Sie suchen sich zu verjüngen, vermögen es aber erst teilweise. Daraus entstehen Widersprüche, und die Wahrheit der Empfindung wird auf halbem Wege zur Unwahrheit. Wenn man in einer Ode auf eine Postkutsche statt Postkutsche immer Aeroplan einsetzt und statt trabte flog sagt, so wird das Endergebnis doch wieder eine Postkutschenode sein. Umgekehrt gelingt bei manchem modernen Hymnus auf das Automobilfahren die Umwandlung nach rückwärts, indem man nur aus Motor Pferd und aus Hupe Posthorn macht. Wir wollen den Mut haben, einzugestehen: auch an diesen Versen fehlt das Gedicht. Auch an diesen hat das Moderne es zerstört.

So sucht man denn die Wandlung zum Guten organisch von innen zu schaffen. Dieser Pfad ist theoretisch derselbe wie die anderen. Nur wird er vom anderen Ende angetreten; das Ziel liegt in der Mitte. Der Rhythmus ist so ewig und so vergänglich wie der Mensch. Er ist da. Er ist nicht zu erfinden, sondern nur zu finden. Darum gibt es keinen modernen Rhythmus, wenn man ihn von 1900 an rechnet, aber es gibt einen modernen Rhythmus, wenn man den Beginn seiner Epoche vom Jahr 1 der Erde datiert. Das Wesen der Menschen hat sich in ein paar Jahrzehnten nicht so sehr verändert, wie wir gern behaupten. Darum wollen wir unserm Wörterbuch die neuen Vokabeln einreihen, anstatt alle alten Blätter auszureißen; es wird manche darin geben, die wir selten aufschlagen, andere sind ersetzt, die meisten bleiben unentbehrlich. Ist das Dichterwörterbuch fertig, so sprechen wir: Es gibt jetzt keinen unpoetischen Gegenstand. Es gibt aber auch keinen poetischen. Und nun mache sich der Dichter an eine Blinddarmoperation. Seine große oder kleine Kunst wird sie poetisch oder unpoetisch zeigen. – Stellen wir zum Wörterbuch das Musterbuch! Gegrüßt sei, wer die alten Formen zerbricht und neue bringt. Nie aber ist auch hier das Neue das Einzige, höchstens, wo es alles Alte groß in sich aufgehen ließe. Ist das vorstellbar? Etwa die doch immer neuen freien Rhythmen sind oft, wenn man sie prosaisch einrückt, weder Rhythmen noch frei. – Fügen wir endlich zum Wörter- und Musterbuch ebenso vollständig und nicht in einem Auszug das Lebensbuch! Vielleicht wird da ein guter Stadtdichter auch mitunter ein guter Landdichter sein? Vielleicht wird jemand, der seinen Gefühlen für einen Mühlenbach lyrisch Luft macht, wenn er sie noch hat, frei und unverwirrt genug sein, um auch ein reines, unstaffiertes Luftschiffgedicht zu schaffen. Eine freche Erotik sei so frech wie irgendmöglich, nur nicht gegen eine andere Erotik, sonst könnte diese einmal in sie schlüpfen und sie zum unvermögenden Zwitter machen. Diejenigen, denen die feinsten, unentschiedensten, hellhörigsten, jüngsten Stimmungen das Hirn bewegen, machen aus sich selbst kranke und unerfreuliche Erscheinungen, sobald sie das Starke und Strömende leugnen. Höchste Klarheit vor der modernen Wirrnis ist wünschenswert: deshalb ist es dumm, eine Lebensmystik zu bekämpfen, die, das Gegenteil von Verworrenheit, die unmittelbarste, ungetrübteste und untrüglichste, freilich seltenste Form ist, das Leben zu fassen. Sie ist auch ewig und auch modern.

Das Radikalste und das Konservativste bilden in der Kunst keinen Gegensatz, ja, wenn man Lust hat, ein Paradox gelten zu lassen, so sind sie dasselbe.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Zeit im Bild. Moderne illustrierte Wochenschrift.
Jg. 10, 1912, Nr. 27, 27. Juni, S. 691. [PDF]

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Literatur

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Sprengel, Peter: Darwin in der Poesie. Spuren der Evolutionslehre in der deutschsprachigen Literatur des 19. und 20. Jahrhunderts. Würzburg 1998.   –   Kap. 4: Urzeit und Apokalypse. Naturgeschichtliche Perspektiven in Loerkes Lyrik.

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URL: http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/cb34444190g/date

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