Yvan Goll

 

 

Die drei guten Geister Frankreichs
III. Der Geist Mallarmés

[Auszug]

 

Bisher war der Vers Verschönerung, illusionistische Umschreibung, Nachahmung der Welt: aber der neue Dichter sieht ein, daß die Kunst eine andere Aufgabe hat, als "schön" zu sein, nämlich: zur außerordentlichen Wahrheit zu führen. Apollinaire nicht allein, eine große Schar mit ihm versucht einen neuen Standpunkt zu gewinnen, und in verschiedenen Zeitschriften (Les Soirées de Paris, Nord-Sud, Sic) wird eifrig nach der Zauber[74]formel gefahndet. Max Jakob, <Blaise Cendrars>, Vincent Huidobro und einige mehr gehen hinter das Leben, um es zu finden. Sie überschreiten die Wirklichkeit, um sie besser zu übersehen, so kommt es, daß ihr Führer Apollinaire sich den Namen "Überrealismus" erfand. Das Kunstwerk soll die Realität überrealisieren, das ist erst Poesie, was er auch von der Unwirklichkeit zu sagen weiß, die über allem Ding schwebt.

"L'art doit être une création et non une représentation."

"L'art commence <où> finit l'imitation."

"Jusqu'à nous l'art était un parasite de la réalité: le poème doit être lui-même son sujet."

So lautet die Poetik dieser jungen Franzosen, die mit unermüdlicher und selbstbewußter Energie die Brücken hinter sich verbrennen und aus dem großen, gesetzlosen Chaos des Lebens ihre eigenen Kunstregeln holen. Es handelt sich für sie nicht mehr darum: "gebundene Rede", "Verse" zu schreiben nach grammatikalischer und boileauscher Handwerkerkunst; [75] ihre Technik besteht darin, das Leben an sich, in substanzia, zu versinnbildlichen, so ehrlich und einfach wie möglich. Äußerlich erscheinen daher oft die Gedichte wie ein Chaos von Trivialitäten, seltsamen Vergleichen und Gefühlsüberschwängen; keine ganzen, fortlaufenden Sätze, manchmal nur Silben, abgerissene Bilder: aber wenn es möglich wäre, täten sie wie ihre Brüder, die Kubisten, und würden am liebsten Zeitungsausschnitte oder Postkartenlandschaften in ihr Buch kleben. Apollinaire hat diesem Trieb sogar so weit nachgegeben, daß er in seinem letzten Versband "Calligrammes" durch Über-, Unter- oder Nebeneinanderreihung von Wort und Silbe einen Springbrunnen, einen Eisenbahnzug oder sogar Regentropfen auch bildlich-typographisch zu vergegenwärtigen sucht.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Iwan Goll: Die drei guten Geister Frankreichs. Berlin: Reiß 1919 (Tribüne der Kunst und Zeit. Eine Schriftensammlung. Herausgegeben von Kasimir Edschmid, V).

Unser Auszug: S. 73-75.

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien). Zwei Druckfehler wurden korrigiert (S. 74).

 

 

Repertorium

 

 

Literatur

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Goll, Yvan: Die drei guten Geister Frankreichs. Berlin: Reiß 1919 (Tribüne der Kunst und Zeit. Eine Schriftensammlung. Herausgegeben von Kasimir Edschmid, V).

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Vgl. S. 666-669.

 

 

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