mit Prof. Dr. Ursula Renner-Henke, Prof. Dr. Rolf Parr,
PD Dr. Johannes F. Lehmann, Prof. Dr. Clemens Kammler
"Interpretieren sollte man nicht allein"
(Klaus Weimar)
Das Literaturwissenschaftliche Kolloquium ist eine langjährige etablierte Vortragsreihe, in der eine Vielzahl von renommierten Mitgliedern der scientific community und jüngere Nachwuchswissenschaftlerinnen ihre Forschungen zur Diskussion stellen.
Die Termine sind jeweils mittwochs
von 18-20 Uhr in Raum R12 S03 H20.
Programm des Sommersemesters 2012
18.04.2012
Prof. em. Dr. Karlheinz Fingerhut (Ludwigsburg):
Coup de foudre – Ich liebe dich, und weiß nicht wieso, aber ich weiß, dass du es wissen musst. Zum Diskurswandel zwischen Aufklärung und Romantik
Die Zeitschrift GEO fragte 2007 in einer Umfrage „Was ist gerecht!“ und fand, dass die meisten Befragten dem Satz zustimmten: „Es ist zwecklos, sich über Gerechtigkeit zu streiten, weil sich die Verhältnisse doch nie ändern.“ Das gilt auch für die Einschätzung, was Liebe sei. Es gibt keine objektive Messlatte, weil Liebeserfahrungen immer subjektiv sind.
Dennoch folgen auch diese subjektiven Urteile epochenspezifischen Regeln. Auch unsere subjektivsten Empfindungen sind kulturell modelliert. An dieser Modellierung sind literarische Texte, in die wir uns hineindenken können, beteiligt.
Im Vortrag soll ein solcher Wandel am Übergang von Aufklärung zu Sturm und Drang, Klassik und Romantik als Wandel von schicksalhaft erlebter Liesbesleidenschaft zu Empfindungsliebe, von Liebe als destruktiver Erotik zu familienbildender Gatten- und Kindesliebe an ausgewählten Auszügen aus Dramen der Zeit vorgestellt und vor dem Hintergrund der Luhmannschen Theorie zum Systemwandel im Liebesdiskurs erörtert werden.
02.05.2012
Daniel Wiegand M.A. (Zürich):
Angehaltene Schönheit – Tableaux vivants im Varietétheater und Film um 1900
Tableaux vivants avancieren um 1900 zu einer kulturellen Größe der urbanen Moderne. Auf den Varietébühnen dienen sie einer gezielten Ästhetisierung des Varietés und dessen Annäherung an die etablierten Künste – und damit auch einer Verbürgerlichung der populären Unterhaltungskultur. Gleichzeitig drückt sich in ihnen auch ein Vergnügen an spielerischen Formen der Illusionierung aus. Der Film greift in seinen ersten Jahren auf Tableaux vivants zurück wie auf alle anderen Elemente des Varietés auch. Dabei arbeitet die Statik der Tableaux vivants in vielen Fällen einer „Bändigung“ des filmischen Bewegungsbildes zu, wird aber oftmals auch zum Teil eines spielerischen und selbstreflexiven Vergnügens an der Vielgestaltigkeit der visuellen Kultur der Moderne.
30.05.2012
Dr. Claude Conter (Luxemburg):
Guy Helminger – Autorschaft2 im deutsch-luxemburgischen Literaturbetrieb
Der in Luxemburg geborene und in Köln lebende Schriftsteller Guy Helminger ist 2012 zu Gast als poet in residence an der Universität Duisburg-Essen. Kennzeichnend für den 2004 mit dem 3sat-Preis bei den Klagenfurter Tagen der deutschsprachigen Literatur ausgezeichneten Autor ist, dass er im deutschen und Luxemburger Literaturbetrieb zugleich präsent ist, wodurch Fragen nach der Konzeptionalisierung von Autorschaft aufgeworfen werden. Dabei interessieren insbesondere die Bedingungen der Professionalisierung des Schriftstellers, die Rezeptions- und Wirkungsweisen von Literatur in unterschiedlich konfigurierten Literaturfeldern sowie die Habitus-, Selbstinszenierungs- und Reputationsmechanismen.
13.06.2012
Dr. Daniela Gretz (Bochum):
Das "innere Afrika" des Realismus. Literatur und Wissen über Afrika in der (Zeitschriften-)Kultur der zweiten Hälften des 19. Jahrhunderts
Die Epoche des Realismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fällt nicht nur zeitlich mit der forcierten europäischen Exploration Afrikas und dem Beginn des deutschen Kolonialismus in Afrika zusammen, sondern realistische Texte werden auch häufig parallel zu populärwissenschaftlichen Abhandlungen über Afrika in Bildungspresse und Familienzeitschriften publiziert, sodass vielfältige Wechselbeziehungen zwischen realistischer Literatur und populärem Afrikadiskurs zu beobachten sind. Der Vortrag nimmt diese unter postkolonialer, mediengeschichtlicher und wissenspoetologischer Perspektive in den Blick und arbeitet heraus, dass dem ‚Afrikanismus‘ nicht zuletzt eine kontrapunktische Funktion im Rahmen des (national)pädagogischen Projekts des deutschsprachigen Realismus zukommt.
27.06.2012
Prof. Dr. Juliane Vogel (Konstanz):
Windung und Bahn. Landschaftsdramaturgie in Kleists Penthesilea
Kleists Reisebriefe lassen eine spezifische Faszination für den theatralen Charakter deutscher Flußlandschaften erkennen. In seinen Schilderungen formieren sich diese zu einem bewegten räumlichen Muster, in dem Windung und Bahn, gerade und krumme Verlaufslinien in Widerstreit treten. Von traditionellen theatralen Raumvorgaben unterscheiden sich die von Kleist beschriebenen Naturszenarien dadurch, daß sie nicht mehr als unbeteiligte Schauplätze einer Handlung dienen. Unter dem Blick des Betrachters dramatisieren sich vielmehr die geografischen Gegebenheiten selbst. Flüsse und Ströme treten als dramatische Akteure in Erscheinung. In einer Lektüre der Penthesilea-Tragödie sollen die Implikationen einer solchen aus der Dynamisierung von Landschaft gewonnenen Dramaturgie aufgezeigt werden. Durch die Einbeziehung neuen Quellenmaterials kann außerdem die These gestützt werden, daß Penthesilea selbst als dramatische Figuration einer konkreten und identifizierbaren Flußbewegung zu lesen ist.
11.07.2012
Prof. Dr. Erhard Schüttpelz (Siegen):
Guter Rat
„Ach“, sagte die Maus, „die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, daß ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, daß ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, daß ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe.“ – „Du mußt nur die Laufrichtung ändern“, sagte die Katze und fraß sie. - Der Vortrag wird die Laufrichtungen zwischen ratloser Maus und ratgebender Katze befragen, und zieht zu diesem Zweck ein Experiment Harold Garfinkels und dessen Auswertung heran
