Martin Opitz

 

 

Buch von der Deutschen Poeterey

 

Text
Editionsbericht
Literatur

 

[Auszug]

 

Die Lyrica oder getichte die man zur Music sonderlich gebrauchen kan / erfodern zueföderst ein freyes lustiges gemüte / vnd wollen mit schönen sprüchen vnnd lehren häuffig geziehret [D IVr] sein: wieder der andern Carminum gebrauch / da man sonderliche masse wegen der sententze halten muß; damit nicht der gantze Cörper vnserer rede nur lauter augen zue haben scheine / weil er auch der andern glieder nicht entberen kan. Ihren inhalt betreffendt / saget Horatius:

Musa dedit fidibus diuos, puerosque deorum,
Et pugilem victorem, & equum certamine primum,
Et iuuenum curas, & libera vina referre
.

Er wil so viel zue verstehen geben / das sie alles was in ein kurtz getichte kan gebracht werden beschreiben können; buhlerey / täntze / banckete / schöne Menscher / Gärte / Weinberge / lob der mässigkeit / nichtigkeit des todes / etc. Sonderlich aber vermahnung zue der fröligkeit: welchen inhalts ich meiner Oden eine / zue beschliessung dieses Capitels / setzen wil:

                      Ode.
Jch empfinde fast ein grawen
    Das ich / Plato / für vnd für
    Bin gesessen vber dir;
    Es ist zeit hienauß zue schawen /
    Vnd sich bey den frischen quellen
    In dem grünen zue ergehn /
    Wo die schönen Blumen stehn /
    Vnd die Fischer netze stellen.
Worzue dienet das studieren /
    Als zue lauter vngemach?
    Vnter dessen laufft die Bach
    Vnsers lebens das wir führen /
    Ehe wir es innen werden /

    [D IVv] Auff jhr letztes ende hin;
    Dann kömpt (ohne geist vnd sinn)
    Dieses alles in die erden.
Hola / Junger/ geh' vnd frage
    Wo der beste trunck mag sein;
    Nim den Krug / vnd fülle Wein.
    Alles trawren leidt vnd klage /
    Wie wir Menschen täglich haben
    Eh' vns Clotho fortgerafft
    Wil ich in den süssen safft
    Den die traube giebt vergraben.
Kauffe gleichfals auch melonen /
    Vnd vergiß des Zuckers nicht;
    Schawe nur das nichts gebricht.
    Jener mag der heller schonen /
    Der bey seinem Gold vnd Schätzen
    Tolle sich zue krencken pflegt
    Vnd nicht <satt> zue bette legt;
    Jch wil weil ich kan mich letzen.
Bitte meine guete Brüder
    Auff die music vnd ein glaß
    Nichts schickt / dünckt mich / nicht sich baß
    Als guet tranck vnd guete Lieder.
    Laß ich gleich nicht viel zue erben /
    Ey so hab' ich edlen Wein;
    Wil mit andern lustig sein /
    Muß ich gleich alleine sterben
.

 

 

 

 

Erstdruck und Druckvorlage

Martini Opitii Buch von der Deutschen Poeterey.
In welchem alle ihre eigenschafft und zuegehör gründtlich erzehlet / und mit exempeln außgeführet wird.
Brieg: Gründern 1624.

Unpaginiert; unser Auszug: D IIIv - D IVv.
= Kap. V:
Von der zuegehör der Deutschen Poesie / vnd erstlich von der invention oder erfindung / vnd Disposition oder abtheilung der dinge von denen wir schreiben wollen.

PURL: http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10857969-4
PURL: http://resolver.sub.uni-goettingen.de/purl?PPN661030040
URL: https://books.google.fr/books?id=p9FcAAAAcAAJ
URL: http://www.deutschestextarchiv.de/opitz_buch_1624

Die Textwiedergabe erfolgt nach dem ersten Druck (Editionsrichtlinien).

 

Kommentierte und kritische Ausgaben

 

 

 

Literatur

Ammon, Frieder von: Lyrikologie. In: Handbuch Literarische Rhetorik. Hrsg. von Rüdiger Zymner. Berlin u.a. 2015 (= Handbücher Rhetorik, 5), S. 221-242.

Barner, Wilfried: Barockrhetorik. Untersuchungen zu ihren geschichtlichen Grundlagen. Tübingen 1970.

Brandmeyer, Rudolf: Poetiken der Lyrik: Von der Normpoetik zur Autorenpoetik. In: Handbuch Lyrik. Theorie, Analyse, Geschichte. Hrsg. von Dieter Lamping. 2. Aufl. Stuttgart 2016, S. 2-15.

Bunia, Remigius: Metrik und Kulturpolitik. Verstheorie bei Opitz, Klopstock und Bürger in der europäischen Tradition. Berlin 2014.

Dyck, Joachim: Ticht-Kunst. Deutsche Barockpoetik und rhetorische Tradition. Mit einer Bibliographie zur Forschung 1966 – 1986. 3. Aufl. Tübingen 1991 (= Rhetorik-Forschungen, 2).

Garber, Klaus: Der Reformator und Aufklärer Martin Opitz (1597–1639). Ein Humanist im Zeitalter der Krisis. Berlin 2018.

Jung, Werner: Poetik. Eine Einführung. 2. Aufl. Duisburg 2014.

Kallendorf, Craig / Robling, Franz-Hubert: Art. Ars poetica. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 1. Tübingen 1992, Sp. 1048-1068.

Kaminski, Nicola: EX BELLO ARS oder Ursprung der "Deutschen Poeterey". Heidelberg 2004 (= Beiträge zur neueren Literaturgeschichte, 205).

Knape, Joachim: Poetik und Rhetorik in Deutschland 1300 – 1700. Wiesbaden 2006 (= Gratia, 44).

Kohl, Katrin: Art. Ode. In: Handbuch der literarischen Gattungen. Hrsg. von Dieter Lamping. Stuttgart 2009, S. 549-558.

Krummacher, Hans-Henrik: Poetik und Enzyklopädie. Die Oden- und Lyriktheorie als Beispiel. In: Enzyklopädien der Frühen Neuzeit. Beiträge zu ihrer Erforschung. Hrsg. von Franz M. Eybl u.a. Tübingen 1995, S. 255-285.

Krummacher, Hans-Henrik: Principes Lyricorum. Pindar- und Horazkommentare seit dem Humanismus als Quellen der neuzeitlichen Lyriktheorie. In: Ders., Lyra. Studien zur Theorie und Geschichte der Lyrik vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Berlin u.a. 2013, S. 3-76.

Meid, Volker: Barocklyrik. 2. Aufl. Stuttgart u.a. 2008 (= Sammlung Metzler, 227).

Monferran, Jean-Charles: A propos de la constitution du genre de l'Ode. Les définitions de l'ode française avant Ronsard. In: Renaissance de l'Ode. L'Ode française au tournant des années 1550. Hrsg. von Nathalie Dauvois. Paris 2007 (= Colloques, Congrès et Conférences sur la Renaissance Européenne, 57), S.  19-52.

Monferran, Jean-Charles: L'école des Muses. Les arts poétiques français à la Renaissance (1548-1610). Sébillet, Du Bellay, Peletier et les autres. Genève 2011 (= Les seuils de la modernité, 12).

Naïs, Hélène: La notion de genre en poésie au XVIe siècle: étude lexicologique et sémantique. In: La Notion de genre à la Renaissance. Hrsg. von G. Demerson. Genève 1984, S. 103-127.

Robert, Jörg: Vetus Poesis – nova ratio carminum. Martin Opitz und der Beginn der Deutschen Poeterey. In: Maske und Mosaik. Poetik, Sprache, Wissen im 16. Jahrhundert. Hrsg. von Jan-Dirk Müller u.a. Münster u.a. 2007 (= Pluralisierung & Autorität 11), S. 397-440.

Robert, Jörg: Poetologie. In: Handbuch Literarische Rhetorik. Hrsg. von Rüdiger Zymner. Berlin u.a. 2015 (= Handbücher Rhetorik, 5), S. 303-332.

Stockhorst, Stefanie: Die "dispositio" in der Barockpoetik als Fall der "licentia"?. Zur Frage der dispositionellen Defizite in der "praecepta" und ihrer Kompensation. In: Euphorion 98 (2004), S. 323-346.

Stockhorst, Stefanie: Reformpoetik. Kodifizierte Genustheorie des Barock und alternative Normenbildung in poetologischen Paratexten. Tübingen 2008 (= Frühe Neuzeit, 128).

Stöckmann, Ingo: Vor der Literatur. Eine Evolutionstheorie der Poetik Alteuropas. Tübingen 2001 (= Communicatio, 28).

Szyrocki, Marian (Hrsg.): Poetik des Barock. Stuttgart 1982 (= Universal-Bibliothek, 9854).

Till, Dietmar u.a.: Art. Poetik. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Bd. 6. Tübingen 2003, Sp.  1304-1393.

Trappen, Stefan: Dialektischer und klassischer Gattungsbegriff bei Opitz. Ein übersehener Zusammenhang zwischen Aristoteles, Scaliger und der deutschen Barockpoetik. In: Martin Opitz (1597 – 1639). Nachahmungspoetik und Lebenswelt. Hrsg. von Thomas Borgstedt u.a. Tübingen 2002 (= Frühe Neuzeit, 63), S. 88-98.

Wesche, Jörg: Literarische Diversität. Abweichungen, Lizenzen und Spielräume in der deutschen Poesie und Poetik der Barockzeit. Tübingen 2004 (= Studien zur deutschen Literatur, 173).

Zymner, Rüdiger (Hrsg.): Handbuch Gattungstheorie. Stuttgart u.a. 2010.

 

 

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Lyriktheorie » R. Brandmeyer