Forschungsabteilung Prekarisierung, Regulierung, Arbeitsqualität

Kurzporträt

Die Forschungsabteilung beschäftigt sich mit den Hintergründen, Mechanismen und Auswirkungen der Prekarisierung von Erwerbsarbeit, und mit gegenläufigen Prozessen der Ent-Prekarisierung. Trotz einer partiellen Re-Regulierung des Arbeitsmarktes und einer langen Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs in den 2010er Jahren gilt für zahlreiche Erwerbstätige in Deutschland wie auch in anderen Ländern weiterhin, dass ihre Tätigkeit als strukturell prekär zu klassifizieren ist. Als strukturell prekär gelten Erwerbsverhältnisse, wenn sie in Hinblick auf materielle wie immaterielle Aspekte von Arbeitsqualität erhebliche Defizite aufweisen und Unsicherheiten generieren. Subjektive Bewertung und Umgang mit diesen strukturellen Prekaritätsrisiken können dabei je nach Haushaltskontext, Lebensphase und Erwerbsbiographie variieren. Die Regulierung von Arbeitsbedingungen, wohlfahrtsstaatlicher Absicherung und weiteren Rahmenbedingungen (u.a. Geschlechterregime) nimmt sowohl auf strukturelle Prekaritätsrisiken als auch auf den Umgang mit ihnen Einfluss und ist insofern für die Analyse von (Ent-)Prekarisierungsprozessen von zentraler Bedeutung.

Die Forschungsabteilung befasst sich mit folgenden vier Schwerpunkten

  1. Niedrig- und Mindestlöhne sowie materielle Absicherung von Erwerbstätigen

  2. Einfacharbeit im Kontext von Fachkräftebedarf und Digitalisierung

  3. Atypische Erwerbsformen und Flexibilisierung von Arbeit

  4. Die Arbeit vulnerabler Gruppen – vom Rand ins Zentrum

Der empirische Schwerpunkt der Abteilung liegt auf Branchen, die durch einen vergleichsweise hohen Anteil gering qualifizierter Tätigkeiten und prekärer Arbeitsverhältnisse geprägt sind. Dieser Schwerpunkt bedeutet zugleich keinen exklusiven Fokus auf die ‚Ränder‘ des Arbeitsmarktes: Gerade in solchen Branchen (wie Bau, Gebäudereinigung, Einzelhandel oder Hotel- und Gaststättengewerbe) sind auch Erwerbstätige im mittleren Qualifikationsbereich und in Normalarbeitsverhältnissen von Prekarisierung betroffen.

Unser Forschungsansatz zeichnet sich durch ihre transdisziplinäre und internationale Ausrichtung aus. Entsprechend der Vielzahl an Faktoren, die Verbreitung und Erscheinungsformen prekärer Arbeit beeinflussen, befassen wir uns unter Rückgriff auf soziologische, politikwissenschaftliche und ökonomische Forschungsansätze mit der staatlichen Regulierung von Arbeit und sozialer Absicherung, mit Unternehmensstrategien und Aushandlungsprozessen zwischen kollektiven Interessenvertretungen, und mit individuellen Erwerbsverläufen, Praktiken und Strategien prekär Erwerbstätiger – sowie mit den Wechselwirkungen dieser verschiedenen Handlungsebenen. Die Kooperation in internationalen Forschungsverbünden und die Verbindung von quantitativen und qualitativen Methoden sind häufiges Merkmal unserer Forschung. Darüber hinaus beteiligt sich die Abteilung an verschiedenen Systemen zur Arbeitsweltberichterstattung und verantwortet unter anderem das Internet-Informationsportal „Sozialpolitik aktuell“. Dieses stellt ein umfassendes und tagesaktuelles Angebot an Daten und Fakten zur Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik bereit, die auch zahlreiche Berührungspunkte zu Themen aufweisen, die in den anderen Forschungsabteilungen des IAQ im Fokus stehen.

An diese Kompetenzen und inhaltliche Ausrichtung knüpft das Forschungsprogramm der Abteilung für die Jahre 2023 bis 2027 an, setzt aber auch neue Akzente. Dies schlägt sich im veränderten Abteilungsnamen nieder, betrifft den Forschungsansatz und auch unsere thematischen Schwerpunkte. Neben der Weiterentwicklung unserer Arbeiten in den bisherigen drei Forschungsfeldern – Niedrig- und Mindestlöhne sowie materielle Absicherung (5.4.1); Einfacharbeit (5.4.2) sowie Atypische Erwerbsformen und Flexibilisierung (5.4.3) kommt mit der ‚Arbeit vulnerabler Gruppen‘ (5.4.4) ein viertes Forschungsfeld hinzu. Zudem widmen wir als Querschnittsthemen der Erwerbsarbeit von Migrant*innen mehr Aufmerksamkeit als bislang, ebenso wie den individuellen und kollektiven Praktiken der Interessenartikulation jenseits der etablierten Formen des Interessenausgleichs. Unsere Arbeiten am Querschnittsthema der Normdurchsetzung wollen wir fortsetzen. Schließlich möchten wir uns in dieser Phase neue methodische Zugänge erschließen, auf die die Erforschung dieser Querschnittsthemen in besonderem Maße angewiesen sind.

Großtrends wie die Transnationalisierung der Arbeitswelt, Digitalisierung und ökologische Transformation stellen in unserer Perspektive mehr oder weniger neue Rahmenbedingungen dar, deren Auswirkungen auf (Ent-)Prekarisierungsprozesse in Wechselwirkungen mit bestehenden Strukturen und institutionellen Rahmenbedingungen zu untersuchen sind.