Die politische Welt des beginnenden 21. Jahrhunderts ist in vielerlei Hinsicht gekennzeichnet durch Phänomene der Entgrenzung. Vorbei scheint die Zeit, in der man die Lösung gesellschaftlicher Probleme durch verbindliche Entscheidungen als exklusive Angelegenheit innen- wie außenpolitisch souveräner Regierungen von Nationalstaaten begreifen konnte. Die Globalisierung hat die Grenzen der Nationalstaaten aufgeweicht. Die drängendsten Herausforderungen, mit denen sich Gesellschaften überall auf der Welt konfrontiert sehen – die Sicherung individueller Freiheiten und Rechte, die Bewahrung von äußerem Frieden und innerer Sicherheit, die Entfaltung kultureller und wissenschaftlicher Potenziale, die Sicherung und gerechte Verteilung des Wohlstandes sowie der Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen –, lassen sich immer weniger durch bindende Verfügungen nationaler Regierungen allein bewältigen. Das gilt für die gefestigten Demokratien ebenso wie für autoritäre politische Systeme und politische Systeme im schwierigen Prozess des Übergangs zur Demokratie. Internationale Interdependenzen, Ressourcenknappheit, aber auch die wachsenden Verflechtungen zwischen den Politikfeldern schränken die Gestaltungsspielräume von Regierungen und damit die Aussichten auf eine erfolgreiche Umsetzung getroffener Entscheidungen ein. Einbindungen in supranationale politische Strukturen wie die Europäische Union führen zu weiteren Begrenzungen der autonomen Handlungsmöglichkeiten nationaler Regierungen.

Mit fortschreitender gesellschaftlicher Differenzierung im Zuge von Modernisierungsprozessen wachsen gleichzeitig aber auch die Erwartungen der Bürger an die Leistungsfähigkeit der Politik. Zivilgesellschaftliche Akteure und solche der Wirtschaft, nationale, aber auch transnationale Nicht-Regierungs-Organisationen und andere organisierte Interessen sind heute ebenso wie global operierende Konzerne zu wichtigen Spielern in der politischen Arena geworden. An ihnen vorbei ist politisches Gestalten vielfach nicht mehr möglich, sie müssen daher zunehmend von den Regierungen und Parlamenten in die politische Gestaltung eingebunden werden. Das gilt für alle Ebenen der Politik: die internationale Politik und die Innenpolitik von Nationalstaaten ebenso wie für Städte und Gemeinden.

Die Wirtschaft setzt den Gestaltungsspielräumen staatlicher Akteure immer engere Grenzen. Aber auch selbstbewusster gewordene Bürger mischen sich verstärkt ein; sie fordern überall auf der Welt und auf allen politischen Ebenen ein Mehr an politischer Beteiligung. Gegen die öffentliche Meinung und an Organisationen und Netzwerken der Zivilgesellschaft vorbei kann offenbar nicht mehr regiert werden – zumindest nicht in Regimen, die Gewaltenteilung und Grundrechte respektieren. So werden z.B. neue Partizipationsformen geschaffen, um dem gewachsenen Bedürfnis von Bürgern nach Mitgestaltung auf allen Politikebenen Rechnung zu tragen. Sie reichen von zaghaften Ansätzen, den Bürgern Mitsprache durch die Volkswahl lokaler Verwaltungskräfte einzuräumen, wie in der Volksrepublik China, bis zu anspruchsvollen plebiszitären Verfahren der problembezogenen Konsultation und Mitentscheidung in der OECD-Staaten. Zunehmend entdecken Regierungen, dass sie auf die Einbindung und Beteiligung organisierter Interessen angewiesen sind, um handlungsfähig zu bleiben. Das staatliche Gestaltungsmonopol ist dabei nicht grundsätzlich in Frage gestellt, sondern ändert seine Form (vom Vater Staat zum Partner Staat), weil zivilgesellschaftliche Spielräume und Selbstregulierungen im Schatten der Hierarchie stattfinden. Andernfalls droht bei völligem Verlust staatlicher Souveränität.– in den "failed states" – die Herrschaft ethnischer Clans oder "Warlords", die sich auf keine Verfassung und Legitimität berufen können.

Verbindliches Entscheidens im formalen Rahmen hierachischer "government"-Strukturen mit Regierungen und Verwaltungen als dominanten Akteuren verliert an Bedeutung und wird – je nach Systemkontext, Handlungsebene und Politikfeld mit unterschiedlicher Geschwindigkeit und in verschiedenartigen Ausprägungen – ersetzt durch "governance": komplexe Abstimmungs-, Koordinations- und Verhandlungsprozesse in plurizentrischen Netzwerkstrukturen, In ihnen sind staatliche und private Akteure miteinander verknüpft. Sie umfassen häufig mehrere politische Handlungsebenen – von lokal bis global – und die staatlichen Akteure sind lediglich primus inter pares.

Diese Transformation des Politischen erzeugt neue Herausforderungen für die Problemlösungsfähigkeit und Effizienz, aber auch Handlungstransparenz, Verantwortlichkeit und letztlich Legitimation politischer Akteure und Institutionen sowie ihres Entscheidungshandelns. Probleme zu lösen wird schwieriger, und die gefundenen Lösungen sind oft nicht optimal. Die Bürger können die Ergebnisse politischer Entscheidungen den dafür verantwortlichen Akteuren und Institutionen kaum mehr adäquat zurechnen. In der Folge erodiert die Legitimitätsbasis moderner Politik. Strategische Politikvermittlung bietet sich an als legitimatorisches Surrogat.

Am Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen werden Hintergründe, Formen, und Konsequenzen moderner "governance"-Strukturen und -Prozesse (einschließlich ihrer nach wie vor vorhandenen "government"-Elemente) auf den verschiedenen Ebenen der Politik und mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen untersucht. Von besonderem Interesse sind dabei, vor dem Hintergrund der in unterschiedlicher Ausprägung überall beobachtbaren "Entstaatlichungstendenzen" der Politik, stets die Beziehungen zwischen Staat und gesellschaftlichen Akteuren, d.h. die Dimension der Legitimation politischer Akteure und politischen Handelns. Institutionelle Arrangements, aber auch politisch-kulturelle Muster werden dabei als wichtige Rahmenbedingungen verstanden, die aber auch ihrerseits wandelbar sind.

Die Globalisierung stellt die Problemlösungskapazität und Legitimationsbasis politischer Systeme überall auf der Welt vor neue Herausforderungen. Es entstehen neue Politik- und Entscheidungsmodelle auf unterschiedlichen Handlungsebenen und in verschiedenartigsten Ausprägungen, deren Studium am Institut für Politikwissenschaft in drei Forschungsschwerpunkte strukturiert ist.

  • Der Schwerpunkt "global governance" widmet sich vor allem der Frage, wie globale Probleme (etwa im ökonomischen, ökologischen oder im Sicherheitsbereich) angesichts des Globalisierungsprozesses und der geschwächten Regelungskompetenz des Nationalstaates durch eine Kooperation staatlicher, internationaler und nicht-staatlicher Akteure erfolgreich bearbeitet werden können.
  • Im Schwerpunkt "governance and government in world regions" geht es um Probleme des politischen Gestaltens in drei ausgewählten Weltregionen, für welche das Institut für Politische Wissenschaft besondere Expertise besitzt: Europa, Ost- und Südostasien sowie das sub-saharische Afrika. Im Mittelpunkt stehen - unter dem Stichwort "regional governance" - einerseits Probleme der regionalen Integration, der Sicherung von Frieden und Sicherheit sowie der Migration. Andererseits werden binnenstaatliche Probleme des Regierens und der Legitimation in ausgewählten Ländern dieser Regionen untersucht.
  • Der Forschungsschwerpunkt "democratic governance" reagiert auf die zunehmende Komplexität der Vorbereitung, Herstellung und Implementation politischer Entscheidungen in der Bundesrepublik Deutschland. Im Fokus stehen hier vorrangig Aspekte aktueller deutscher Innenpolitik, bei gebührender Beachtung von Prozessen der Europäisierung und international vergleichenden Perspektiven. Zu den erforschten Themenkreisen gehören Probleme der Verwaltungsmodernisierung einschließlich des Einsatzes neuer Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT), Managementprobleme des Regierens in Bund und Ländern einschließlich der medialen und nicht-medialen Politikvermittlung und ihres Einflusses auf die öffentliche Meinung sowie Aspekte von "urban governance", d.h. politischer Steuerung und institutionellen Arrangements in zentralen Feldern der Stadtpolitik.

Zwischen diesen drei Forschungsschwerpunkten bestehen vielfältige Überschneidungen und Wechselbeziehungen. "Governance"-Probleme betreffen nicht nur Deutschland und Europa, sondern werden beispielsweise auch im Zusammenhang mit der Politik Ostasiens studiert. Umgekehrt können die Phänomene der Globalisierung und Regionalisierung bei der Analyse von Problemlösungsfähigkeit, Verantwortlichkeit und Legitimation politischer Akteure und Institutionen im nationalstaatlichen Rahmen keinesfalls ausgeblendet werden, denn diese sind auf vielfältige Weise in komplexe Mehrebenen-Systeme eingebettet. Ein vorrangiges Beispiel ist die Europäisierung des politischen Prozesses in den Mitgliedsländern der EU. Nationalstaatliche Politik muss zunehmend auf supranationale Konstellationen und Bedingungszusammenhänge Rücksicht nehmen und die globalen Folgen ihres Handeln berücksichtigen. Die Konsequenzen der Globalisierung enden auch nicht vor den Rathaustoren der Städte und Gemeinden. Gleichzeitig ist aber auch nicht zu übersehen, dass der Nationalstaat mit seinen Subeinheiten, wie z.B. Bundesländern oder teilautonomen Regionen, in vielen Bereichen keineswegs obsolet geworden ist, sondern nach wie vor den Hauptadressaten für die Bewältigung öffentlicher Aufgaben darstellt. Insgesamt beobachten wir eine zunehmende Verflechtung zwischen Innen- und Außenpolitik. Dementsprechend sind die drei Forschungsschwerpunkte am Institut für Politikwissenschaft miteinander verzahnt und befruchten sich gegenseitig.

Das Institut für Politikwissenschaft der Universität Duisburg-Essen ist das größte politikwissenschaftliche Institut innerhalb des Landes Nordrhein-Westfalen und konnte – nicht zuletzt durch die Verbindung mit dem Institut für Entwicklung und Frieden (INEF), dem Institut für Ostasienwissenschaften (InfO), dem Rhein-Ruhr-Institut für Sozialforschung und Politikberatung e.V. (RISP) und der NRW-School of Governance – in Forschung und Lehre ein spezifisches und sehr eigenständiges Profil entwickeln:

  • Die Duisburg-Essener Politikwissenschaft besitzt eine bundesweit herausragende Position im Bereich Entwicklungspolitik und Sicherheits-/Friedenspolitik.
  • Der Regionalvergleich ist mit Europa, Ost- bzw. Südostasien und Afrika stark vertreten.
  • Die Integration der Verwaltungswissenschaft in die Politikwissenschaft stellt ein weiteres Duisburg-Essener Spezifikum dar. Dies erfolgt mit Blick auf Bürger-Verwaltungsbeziehungen und ihren Beitrag zur Outputlegitimation. Ein damit verknüpftes, hoch aktuelles und anderenorts selten verfolgtes Thema ist der Bereich e-Governance und e-Democracy.
  • Ein besonderes Gepräge verleiht der Duisburg-Essener Politikwissenschaft überdies die strategische Schwerpunktsetzung in den Bereichen Politikmanagement sowie Politikvermittlung/politische Kommunikation und öffentliche Meinung.
  • Prägnant sind auch die umfangreichen, praxisnahen Forschungen im Bereich der Stadt- und Regionalpolitik.

Die Forschung am Institut für Politikwissenschaft orientiert sich vorrangig am Ziel der theoriegeleiteten empirischen Analyse. Hinsichtlich der grundlegenden forschungsleitenden Ansätze und Paradigmen, aber auch der Theorien und Hypothesen wird der Maxime des Pluralismus gefolgt. Die Anwendung unterschiedlicher theoretischer Perspektiven eröffnet die Möglichkeit der Evaluation und des Theorievergleichs am Maßstab empirischer Bewährung. Der Vielfältigkeit forschungsleitender Ideen entspricht methodisch eine breite Palette sowohl qualitativer als auch quantitativer Analyseverfahren. Charakteristisch ist überdies die Kombination von Grundlagen- und anwendungsorientierter Forschung am Institut für Politikwissenschaft. Besonderer Wert wird auf die gesellschaftliche Vermittlung von Forschungsergebnissen gelegt. Mitglieder des Instituts sind aktiv im Bereich der Politikberatung, der öffentlichen Kommunikation der Massenmedien sowie der Aus- und Weiterbildung.