Christian Kracht

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© Frauke Finsterwalder

Ein Beitrag von Romina Ay, Isabel Bach, Jeanette Kaiser, Kathrin Kloda und Jan-Arne Mentken Christian Kracht

Pressespiegel

Faserland
Christian Krachts Debütroman Faserland (1995) wird in der Presse vielfach besprochen. Im Presseurteil befindet sich das gesamte Spektrum von sehr negativen bis überaus positiven Beurteilungen. Die Rezensionen von Faserland lassen vier Schwerpunkte erkennen.
Zum einen beschäftigt die Presse die Frage nach den literarischen Vorbildern Krachts. Thomas Hüetlins (Der Spiegel, 8/1995) These, „Kracht-Vorbilder seien Salinger, Ellis, Kerouac“, wird auch von anderen Rezensenten geteilt. Philipp Wegmüller (Berner Zeitung, 21.03.1995) etwa schreibt: Krachts “narkotischer Schreibstil erinnert denn auch stark an die Grössen der amerikanischen 'Beat'-Literatur. Wie in den 50er Jahren Jack Kerouac ('On the Road') oder J.D. Salinger ('Der Fänger im Roggen'), stellt der Deutsche seinen Erzähler in den Mittelpunkt und provoziert mit eigenwilliger Wortwahl und Ansichten“. Lob erfährt der Roman wegen seines Sounds: „Die ganz Schlauen werden bemerken, daß dieses Buch keine Substanz habe, statt dessen nur Oberfläche, Rhythmus und eine kleine Melodie – wie ein Popsong im Radio. Genau. Ein guter Popsong, das hat noch gefehlt“ (Alexander Ruddert in der Vogue, 3/95). Ilka Piepgras (Berliner Zeitung, 23.03.1995) sieht ebenfalls die Nähe Faserlands zur amerikanischen Erzählliteratur: „Das [...] soll authentisch wirken und vermeintlich naiv, zudem findet es sich auch bei J.D. Salinger – unverkennbar Vorbild des Autors. Oder Vorlage“. Spätere Rezensenten ergänzen die Reihe möglicher Vorbilder um weitere US-amerikanische Autoren oder auch um Autoren wie Thomas Mann (so u. A. Martin Krumbholz in der Freitag, 13/95) Goethe, Laurence Sterne oder Joseph von Eichendorff (Thomas Groß in der tageszeitung, 23.03.1995).
Zum anderen gilt die Aufmerksamkeit der Rezensent*innen den Markennamen, welche den Roman leitmotivisch durchziehen. Dabei lassen sich zwei Richtungen unterscheiden: Für die einen gelten die Markennamen als authentische Elemente, für die anderen symbolisch als Darstellung des Zeitgeistes und „zur Darstellungen von Menschen und gesellschaftlichen Kreisen“, wie etwa Sandro Abbate (novelero, 07.12.2014) resümiert.
Einen dritten Schwerpunkt in den Rezensionen bildet die Frage nach dem gesellschaftskritischen Gehalt in Faserland. Abbate schreibt dem Roman eine ambivalent gelungene Konsumkritik zu: “Es ist nicht der Markenartikel als solcher, der im Mittelpunkt der Handlung steht. Es ist der symbolische Wert des Produktes, sei es nun das Pilsener von Jever, die Barbourjacke oder die Cartier-Uhr. Jede Marke ist emotional aufgeladen. Jedem Markenartikel wird eine über den Gebrauchswert hinausgehende Bedeutung beigemessen”. Thomas Groß (die tageszeitung, 23.03.1995) nimmt den Roman gar gegen eine moralische Verurteilung durch die Rezipient*innen in Schutz, wenn er konstatiert, dass “mit Moral […] diesem Roman umso weniger beizukommen” ist, “als ihm tatsächlich ein reich differenziertes Sensorium für die feinen Unterschiede des Alltags zugrunde liegt”. Hinzu kommen diejenigen, welche den Schwerpunkt des Romans in einer „nicht gerade neu[en]“ (Susanna Flühmann in der Zürichsee-Zeitung, 22.07.1995) Moral sehen, dass Geld alleine nicht glücklich mache und kommen dennoch zu dem Schluss: „Kracht hinterläßt einen fahlen Nachgeschmack mit seinem Einblick in die überspannten Formen des Wohlstandes und wenig Hoffnung, daß eine solche Welt Fiktion bleibt“ (Nicole Bröhan in der Berliner Morgenpost, 08.07.1995). Das vermeintliche Fehlen einer kritischen Distanz zu den geschilderten Gegenwartsphänomenen gibt wiederum anderen Rezensenten Anlass zu Unmut: „so dokumentarisch wie unerträglich“ (Christoph Vormweg in der Süddeutschen Zeitung, 06.04.1995); „reaktionäres Schnöseltum ohne jeden Biß“ (Helmut Ziegler in Die Woche, 13/95 ); „keine Kritik, [...] sondern [...] affirmativ“ (Sebastian Wehlings in Junge Welt, 06.03.1995).
Ein vierter Schwerpunkt, der sich in sämtlichen Rezensionen stark polarisierend ausdrückt, ist die Herkunft und die soziale Stellung des Autors. So beschreibt Christoph Riegling (Offenburger Tageblatt, 29.09.95) Kracht als „reichen Sprößling“. Als „Sohn des ehemaligen zweiten Mannes im Zeitungsimperium von Axel Springer“ wird Kracht von Helmut Ziegler (Die Woche, 13/1995) tituliert. Dass „der Senior [...] ein hohes Tier beim Springer Verlag“, so Hajo Steinert (Die Weltwoche, 13/95), war und Christian Kracht keine Geldsorgen kennt sowie ein Eliteinternat besucht hat, wird von der Mehrheit der Rezensenten erwähnt. Das bestärkt das Vorurteil einzelner Rezensenten, Krachts Faserland sei vorwiegend wegen „Seilschaften“, so nennt es Sönke Lundt im Kieler Stadtmagazin (7/95), publiziert worden.

Der gelbe Bleistift
Christian Krachts Reiseberichtsammlung Der gelbe Bleistift wird in der Presse weniger intensiv behandelt als seine Romane. Das mag daran liegen, dass die Reiseberichte zuvor bereits in derWelt am Sonntag veröffentlicht wurden. Henrike Thomsen merkt imSpiegel (17.04.2000) an, dass die gesammelten Kolumnen zwar aus eher beiläufigen Beobachtungen mit einem selbstverliebten Unterton bestünden, aber dabei sehr unterhaltsam seien. Es fällt auf, dass die sparsame Beschreibung der bereisten Städte und Länder Gegenstand der meisten Rezensionen ist. Thomsen beispielsweise stellt Kracht als einen „Meister der Andeutung“ dar, der um keinen Preis seine Coolness ablegen möchte. Auch die Zuordnung zu den Popliteraten wird in dieser Rezension thematisiert; Thomsen greift hier die Vorurteile der „pseudo-aristokratischen Abscheu“ auf, die auch in Krachts Kolumnen hin und wieder zu finden sei. Ein zentraler Punkt, der nicht nur von Thomsen, sondern auch in anderen Rezensionen aufgegriffen wird, ist die Tatsache, dass Kracht stets das ihm Bekannte in den fremden Ländern sucht, denn „im Zweifelsfall erinnert ihn nämlich alles in den fernen, exotischen Ländern an die heimatliche Schweiz“ (ebd.). Mark Terkessidis erwähnt inDie Zeit (05.10.2000), dass Krachts Augenmerk bei seinen Reisen auf den Hotels und Mahlzeiten liege und die bereisten Länder lediglich als Kulisse dienten. Informationen zu Land und Leuten seien spärlich zu finden. In Krachts Reisebeschreibungen kann man laut Terkessidis nachlesen, was passiert, wenn „das klaustrophobische Subjekt auf Spritztour geht“. So werde die eigene, gewohnte Medienwelt in fremde Länder transportiert. Christina Jung (Literaturkritik, 11.11.2000) charakterisiert Kracht in seinen Reiseberichten als einen Individualisten, „der sich behaglich eingerichtet hat und über den Dingen schwebt“. Jung zieht das Fazit, dass auch Kracht zu eben jener jungen Autorengeneration gehört, die zurecht als „schnöselhaft“ und „unverbindlich“ gelten. „Diese Positionslosigkeit […] ist es dann auch schon, was sich hinter dem Etikett der Modernität verbirgt“, führt sie weiter aus. Auch Karsten Herrmann (Culturmag, 21.02.2004) erwähnt in seiner Rezension, dass Kracht den Leser*innen kein „einfühlendes Eintauchen in fremde Kulturen und exotische Reize“ biete, sondern den distanzierten und ich-zentrierten Blick des reisenden Dandys, „der leicht unter den Verdacht des Zynischen und politisch Inkorrekten fällt“.

1979
Christian Krachts zweiter Roman 1979 wird in der Presse überwiegend einheitlich bewertet. Der Protagonist wird als markenverliebter Held beschrieben, der „völlig ohne Erinnerung“ und nur mit einer dürftigen moralischen Ausrüstung auf seine Reise geht, wie Elmar Krekeler (Die Welt, 06.10.2001) resümiert. Die fehlende kritische Haltung wird auch in den nachfolgenden Rezensionen negativ angemerkt. So scheinen die Ereignisse und Begebenheiten, die auf dieser Reise geschehen, den „postmodernen Parsifal“ nicht zu berühren; sei es die Viruserkrankung Christophers oder die Zucht von Maden auf Menschenkot. Das hinterlässt einen verstörenden Eindruck dieses konsequenten und brillanten Buches, bemerkt Krekeler. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gewinnt der auch als „unheimlich“ (ebd.) charakterisierte Roman unerwartet an Aktualität. Ein „lakonischer Roman über den Mangel an Sinn, an weltumspannenden Ideen“, wie Elke Heidenreich (Spiegel, 08.10.2001) es formuliert. Die beschriebene Dekadenz der westlichen Konsumwelt ist Gegenstand der meisten Rezensionen und zeichnet ein nahezu einheitliches, eher negatives Meinungsbild bezüglich dieser Thematik.Die Zuordnung des Romans zur Popliteratur hingegen ist nicht immer ganz eindeutig. So hinterfragt Wolfgang Lange (Neue Züricher Zeitung, 23.10.2001), ob eine Geschichte, die von einer Orientreise im Jahr 1979 handelt, also weitab von den neuen Medien spielt, noch Züge der typischen Popliteratur enthält. Er findet sowohl Argumente für als auch gegen diese These. Der Roman, laut Lange eine Mischung aus Reisebericht und Bildungsroman, sei auf „den Geschmack des breiten Publikums“ ausgelegt, „jung und cool“ geschrieben und erfülle damit zumindest einige Vorstellungen, die „mit Pop assoziiert sind“. Gerrit Bartels (die tageszeitung, 10.10.2001) legt den Fokus auf die Elemente, die gegen eine Zuordnung zur Popliteratur sprechen. So beschreibt sie den Roman als „Auslöschungsgeschichte“ und damit eindeutig als „Antipop“. Hubert Spiegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001) merkt an, dass sich in diesem Roman der veränderte Blick auf den Westen und dessen „Selbsthass als Lebensgefühl“ zeige. Spiegel charakterisiert im Hinblick auf das dekadente Verhalten des Dandys nicht nur Kracht, sondern allgemein die Vertreter der jungen Autoren, die der Popliteratur zuzuordnen sind. Ursula März (Die Zeit, 25.10.2001) führt zusätzlich an, dass der Roman auf starken Kontrasten fuße; der junge von Luxus geprägte Mann unternimmt eine Reise in den Iran und China, die ihm eine völlige Gegenwelt zu seinem gewohnten Dasein zeige.
Des Öfteren wird in den verschiedenen Rezensionen die Schwerpunktsetzung des Romans diskutiert. Sebastian Hammelehle schreibt in derWelt am Sonntag (09.03.2003), dass sich statt des radikalen Islams lieber „Hosen, Schuhe, Homosexualität, Popkultur“ bei Kracht thematisiert finden, dessen Sprache als klar, direkt und schmucklos beschrieben wird.

Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten
Krachts Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ wird von der Presse größtenteils gelobt. Wolfgang Büscher (Die Zeit, 06.08.2008) merkt positiv an, dass es sich bei diesem Roman nicht um Popliteratur handele, wie es von einigen „in staunenswerter Sturheit” immer noch genannt werde, sondern dass es ein ,,ernstes Spiel” sei. Darüber hinaus erwähnt Büscher die ,,emotionale Spur”, die Kracht hier verfolge; „Freiheit, Dekadenz, Terror”. Gustav Seibt (Süddeutsche Zeitung, 20.09.2008) hebt den Stil Krachts hervor, der von Beginn des Romans an „eine magische Wirkung ausübt, die man in der vielgefeierten jungen deutschen Literatur sonst nicht erfährt. Hier muss man sich nicht einlesen, durch mühselig-langwierige Beschreibungen quälen oder trivialen Dialogketten irgendwelche Basisinformationen abnotieren“. Dietmar Dath (Frankfurter Allgemeine, 15.10.2008) hebt lobend Krachts „neue Sprache“ hervor, „die Menschen umklammert und halten [...] kann“. Wiebke Porombka (die tageszeitung, 20.09.2008) beschreibt Krachts Sprache hingegen als „referenz- und zusammenhangslos“. Die Dialoge kreisen um kein zentrales Thema und verlaufen sich anschließend im bedeutungslosen Nirgendwo. Elmar Krekeler hingegen lobt Kracht in Die Welt (22.09.2008) und empfindet Christian Krachts Sprache „phasenweise kurz vor ihrem eigenen Kältetod. Dass man keine Frostbeulen bekommt beim Lesen, liegt am merkwürdigen poetischen Glühen zwischen den eisigen Satzkuben, und daran, dass der geläuterte, erlöste Parteikommissär die Eiszeit der Dekadenz über Europa am Ende verlässt und mit einer blonden Frau unter gleißend blauen Himmel davon fährt“. Till Huber (Literaturkritik.de, 13.10.2008) hingegen beschreibt das vielfältige Zitieren und die zahlreichen Anspielungen in Krachts Roman als Beitrag zu „gesteigerten Mystifizierungen” und ist der Meinung, dass diese „die Literaturwissenschaft auf Trab halten, gerade auch bei der Interpretation”. Kracht zitiere außerdem aus seinen vorherigen Romanen Faserland und 1979, schreibt Huber.

Imperium
Christian Krachts Roman Imperium ist vielfach in der Presse diskutiert und löste letztendlich eine Debatte unter den Literaturkritikern*innen aus.
Den Anlass zur Debatte gibt Georg Dietz (Der Spiegel, 7/2012). Er wirft dem Roman vor, „durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht“ zu sein. An Krachts Beispiel „könne man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg [...] in den Mainstream“ findet. Der Faschismus-Vorwurf wird damit zum zentralen Punkt in den Rezensionen, wobei die meisten Interpret*innen Dietz‘ Lesart ablehnen. Felicitas von Lovenberg (Frankfurter Allgemeine, 23.06.2012) widerspricht Dietz, indem sie ausführt: „Der jüngste Versuch, eine literarische Neuerscheinung durch eine ganz und gar unliterarische Lesart zu vernichten, wird im aktuellen ‚Spiegel‘ unternommen“. Neben dem Vorwurf gegen Dietz, dass er außerliterarische Referenzen bemühe, um Imperium als faschistischen Tendenzroman zu denunzieren, werden ihm weitere handwerkliche Fehler in seiner Fehllektüre vorgeworfen. So sieht Jan Küveler (Die Welt, 13.02.2012) in Dietzes Ansatz eher die „Humorlosigkeit des Kritikers“ bestätigt: „Nun muss man in Diez indes einen Wegbereiter der Ironiefreiheit erkennen. Denn die meisten Zitate, die Diez für sein denunziatorisches Pamphlet böswillig aus dem Zusammenhang reißt, sind allenfalls Beweis für Krachts Humor“. Deutlicher formuliert es Lothar Schröder für die Rheinische Post (16.02.2012): „Dieser Vorwurf ist intellektuell beschämend. Er ist irrwitzig und obendrein ungerecht einem Buch gegenüber, das seit Kehlmanns Vermessung der Welt zu den besten, geistreichsten und eloquentesten deutschen Romanen zählt“. Auch Christopher Schmidt (Süddeutsche Zeitung, 16.02.2012) widerspricht Dietz: „Dabei dreht er das Argument um: dass aus den inkriminierten Passagen nichts Eindeutiges hervorgehe, wird dem Autor als bewusste Verdunkelung ausgelegt. So etwas aber ist nicht Journalismus, sondern Rufmord“. Indes bewertet Schmidt Imperium als „vierten und besten“ Roman Krachts. Derselben Meinung ist auch Adam Soboczynski (Die Zeit, 14.02.2012) und lobt vor allem Krachts Stil und dass er „mit heiterer Souveränität Rückblenden einbaut oder einem zukünftigen Ereignis vorgreift, das Geschehen ab und an kommentiert und den Leser*innen mit größter Selbstgefälligkeit am Interieur der Räume wie am Naturschauspiel der Ferne in verschachtelten Endlossätzen teilhaben lässt. Es sticht selbst eine Stechmücke hier […] kunstvoll in die Kolonialherren“.
Claudia Schülke (Frankfurter Allgemeine, 28.03.2012) vergleicht Krachts Stil der „elaborierten Hypotaxe und seinen manierierten Bildern“ lobend mit dem Thomas Manns. Auch Erhard Schütz lobt (der Freitag, 16.02.2012), dass Kracht seinen Roman „im Thomas-Mann-Ton“ angeht.

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