Prof. Dr. Franz Fromholzer
Lehrveranstaltungen
Wintersemester 2026/27
Literaturwissenschaft II: Medien- und Kulturwissenschaft
Das Martyrium. Religiöse und politische Lesarten
Dienstag, 16 bis 18 Uhr
Kaveh Akbars preisgekrönter Roman Märtyrer! (2024) hat auf vielschichtige und komplexe Weise das Thema das Martyriums für die Gegenwartsliteratur neu zur Diskussion gestellt und die Radikalität eines Lebensentwurfs befragt, der die eigene Überzeugung mit einer Todesbereitschaft unmittelbar in Verbindung bringt. Das Seminar möchte die historischen Tiefenschichten literarischer Märtyrerdarstellungen offenlegen und dabei einen besonderen Schwerpunkt auf dramatische Bearbeitungen legen: Zeigen die Trauerspiele eines Andreas Gryphius (Catharina von Georgien, Papinian) vor allem passiv leidende und sterbende Vorbildfiguren, so wendet sich Daniel Casper Lohenstein bereits dem aktiven politischen Widerstand zu, wenn er in Epicharis die märtyrerhafte Protagonistin zugleich als potentielle Tyrannenmörderin zeichnet. Diese historische Linie soll in ihren Variationsmöglichkeiten auf der Bühne an Beispielen von Dramen Goethes (Egmont) und Schillers (Maria Stuart) weiterverfolgt werden.
Neben diesem historischen Schwerpunkt kann im Seminar der geschlechtsspezifische Aspekt des Martyriums an drei Beispielen von Jeanne d'Arc-Bearbeitungen diskutiert werden: Friedrich Schillers Die Jungfrau von Orleans, Bertolt Brechts Die heilige Johanna der Schlachthöfe und Felicitas Hoppes Roman Johanna verdeutlichen ästhetische, politische, aber auch postmoderne Verfahren der literarischen Darstellung weiblichen Martyriums. Abschließend werden in einem dritten Schwerpunkt an Auszügen aus Navid Kermanis monumentalem Werk Dein Name (2011) Aktualisierungsversuche des Märtyrerbegriffs in der Gegenwartsliteratur kritisch erörtert.
Exemplarische Textanalyse II
Heinrich Böll. Kurzgeschichten - Romane - Reden
Donnerstag, 14 bis 16 Uhr
Kaum ein anderer Autor hat die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland vom Kriegsende bis in die 1980er Jahre so kritisch und engagiert begleitet wie der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll. Sein Eintreten gegen eine Verdrängung der nationalsozialistischen Vergangenheit, für die in der Gesellschaft im Abseits Stehenden und für ein ökologisches Bewusstsein lassen sein literarisches Werk auch heute hochaktuell erscheinen. Das Seminar möchte einen Überblick über Bölls Gesamtwerk bieten. Einen Schwerpunkt bilden dabei die zu Klassikern gewordenen Kurzgeschichten (Wanderer, kommst du nach Spa..., Du fährst zu oft nach Heidelberg, Doktor Murkes gesammeltes Schweigen) und Romane (Billard um halb zehn, Ansichten eines Clowns). Ferner soll der historische Kontext von Bölls umstrittenem Werk Im Ruhrgebiet, das insbesondere in Essen auf heftige Ablehnung stieß, kritisch erarbeitet werden. Seiner im Zeitalter des Cybermobbings hochrelevanten Erzählung Die verlorene Ehre der Katharina Blum wird gesonderte Aufmerksamkeit zuteil. Darüber hinaus möchte das Seminar aber auch das dramatische Schaffen (das ökokritische Theaterstück Ein Schluck Erde), seine Reiseliteratur (Irisches Tagebuch) und seine gesellschaftspolitischen Reden in den Blick nehmen.
Literaturhistorisches Seminar I
Nymphen, Sylphen und Salamander. Die antike Elementenlehre in der Literatur der Frühen Neuzeit
Mittwoch, 10 bis 12 Uhr
Im Naturverständnis der griechisch-römischen Antike erscheint das Irdische belebt vom Göttlichen, von Personifikationen der Naturkräfte wie Nymphen, Zephyre, Sylphen und Salamander. Diese personifizierten Naturkräfte lassen sich im Meer und an Quellen, in den Lüften und der Erde, aber auch im Feuer als lebendige Wesen finden. Ein solches Naturverständnis beruht auf der Schöpfungslehre von den vier Elementen - Feuer, Wasser, Erde, Luft - und findet sich als Ordnung der Welt auch in der Temperamentenlehre (cholerisch, phlegmatisch, sanguinisch, melancholisch), der Säftelehre (trocken, feucht, warm, kalt) sowie den vier Lebensaltern und Jahreszeiten wieder. Auch der menschliche Körper ist folglich Teil jener elementaren Ordnung. - Das Seminar möchte eingangs an Auszügen aus Ovids epochalem Werk Die Metamorphosen die literarische Relevanz der Elementenlehre diskutieren. Das Weiterleben dieses Naturverständnisses soll insbesondere für das 17. und 18. Jahrhundert erkundet werden.
Das Seminar bietet anhand der antiken Elementenlehre einen Zugang zu zentralen Texten des 17. Jahrhunderts: Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen (Simplicissimus Teutsch), Martin Opitz (Schäfferey von der Nimfen Hercinie), Daniel Casper von Lohenstein (Cleopatra), Aurora von Königsmarck (Fabel vom Nymphenbad) und Paul Fleming (Lyrik). Ein weiterer Schwerpunkt bildet die Lektüre von Texten der Klassik und Romantik, insbesondere Johann Wolfgang von Goethes (Lyrik; Faust II. in Auszügen) und E.T.A. Hoffmanns (Der Elementargeist). Ein Ausblick auf die Gegenwartsliteratur am Beispiel von Texten von Julia Schoch und Christoph Ransmayr beschließt das Seminar.
Literaturwissenschaft I: Epochen, Werke, Diachrone Fragestellungen
Seufzen - Stammeln - Schweigen. Mystische Sprache
Donnerstag, 10 bis 12 Uhr
Mystische Literatur, die eine Vereinigung mit dem Göttlichen bereits im Diesseits (unio mystica) und nicht erst nach dem Tod sprachlich zu fassen und nachzuerleben versucht, nimmt in der Frühen Neuzeit eine wichtige, wenn nicht gar zentrale Stellung in der Literaturproduktion ein. Wie ist das Göttliche nicht allein intellektuell vorstellbar, sondern auch ganz sinnlich erfahrbar - und letztlich sprachlich vermittelbar? Mystische Lyrik im Barockzeitalter von Angelus Silesius, Friedrich von Spee, Daniel Czepko, Catharina Regina von Greiffenberg und Quirinus Kuhlmann soll in einem thematischen Schwerpunkt einem Close Reading unterzogen werden. Hierzu bietet das Seminar auch einen Überblick über Gattungen und Dichtungstheorien der Lyrik des 17. Jahrhunderts. Vertiefend werden vor diesem Hintergrund zentrale Aspekte kanonischer mystischer Autorinnen und Autoren (Teresa von Ávila, Jakob Böhme, Madame de la Motte Guyon) erarbeitet. Abschließend soll exemplarisch ein kritischer Ausblick auf die Wende hin zu einer gesellschaftlich engagierten Mystik des 20. Jahrhunderts (Dorothee Sölle, Mystik und Widerstand) und Dichtung des 21. Jahrhunderts geworfen werden (Christian Lehnert, Cherubinischer Staub). Gefragt werden kann dabei nach den Möglichkeiten mystischen Sprechens im 21. Jahrhundert, wobei mystische Erfahrungen hier vorrangig in einem säkularen Kontext begriffen werden.