Daniel Kehlmann
Pressespiegel
Beerholms Vorstellung
Kehlmanns Debütroman findet in der Presse durchaus Beachtung, wird von den Rezensenten jedoch eher ambivalent beurteilt. Häufig wird auf Kehlmanns junges Alter hingewiesen (zum Zeitpunkt der Veröffentlichung war er 22) und dies letztlich wohlwollend in die Gesamtbeurteilung mit einbezogen. Hubertus Breuer bemängelt an Beerholms Vorstellung beispielsweise einen fehlenden zeitgenössischen Bezug, prognostiziert dem jungen Autor jedoch Potential für eine zukünftige Relevanz in der Gegenwartsliteratur: „In der Figur des Zauberers wird nichts Existentielles entdeckt, was nicht zuvor schon im Konzept entworfen gewesen wäre. Auch finden sich keine Ansätze, in einer solchen Figur zeitgenössische Problematiken zu spiegeln, wie einst Thomas Mann es tat. […] Der Roman ist noch zu selbstbewußt, zu sehr in einem Netz von Ideen und verführerischen Szenen gefangen, das seinem Helden Luft zum Leben nimmt. Aber der Autor mag auf dem richtigen Weg sein“ (FAZ, 27.10.1997). Claus-Ulrich Bielefeld von der Süddeutschen Zeitung kritisiert (nach einem einleitenden Hinweis auf Kehlmanns junges Alter) fehlenden Mut in der Inszenierung des Romans, der außerdem kaum Empathie beim Leser wecke: „Das Interesse an den kleinen und großen Abenteuern des Ich-Erzählers wird nie geweckt. Hier ist alles vorsichtig auf einen mittleren Ton gestimmt“ (SZ, 24.06.1997). Aufgrund von Kehlmanns Wiener Herkunft wird der Roman auch in der Österreichischen Presse rezensiert. Dabei kommt es ebenfalls vornehmlich zu gemischten bis negativen Kritiken: „'Beerholms Vorstellung' bleibt […] seltsam bieder, glatt und in literarischen Klischees gefangen, ohne dass sich die dem Roman anhaftende lakonische Typisierung als eigentliches Stilprinzip herauskristallisierte.“ (BUND, 19.04.1997, o.A.). In den Oberösterreichischen Nachrichten wird der Roman als „in der Struktur etwas amorph“ und „redselig“ bezeichnet. Kehlmann habe aber „ein originelles Thema […] durchaus unterhaltsam verarbeitet.“ (vgl. OÖN, 14.04.1997, o.A.).
Auffällig ist das positiver gestimmte Presseecho zum Debüt, nachdem Daniel Kehlmann mit seinen späteren Romanen Ich und Kaminski und Die Vermessung der Welt große Erfolge erzielt hat. Fritz Rudolf Fries vom Tagesspiegel etwa greift 10 Jahre nach der Veröffentlichung noch einmal zu Beerholms Vorstellung und kommt dabei zu dem überschwänglich positiven Fazit: „Daniel Kehlmanns Erstling über den Magier Arthur Beerholm: brillante Komposition, großartiges Finale“ (Der Tagesspiegel, 04.07.2007). Im Kontext seiner folgenden Texte fällt Fries auf, dass Beerholms Vorstellung bereits typische Charakteristika von Kehlmanns späterem Schreiben zeigt. Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch Lothar Müller, welcher in seiner Rezension zu Ruhm noch einmal einen Bezug zu Beerholms Vorstellung herstellt: „Schon sein Debüt, der Roman 'Beerholms Vorstellung' (1997) war am Gegenpol zu allen autobiographischen Coming-of-age-Büchern angesiedelt. […] Und es ließ bereits erkennen, was diesem Autor auch in seinen künftigen Büchern leicht von der Hand gehen sollte“ (SZ, 17.05.2010).
Die Vermessung der Welt
Daniel Kehlmanns Roman Die Vermessung der Welt wird in der Presse überwiegend positiv bewertet, wenn auch in manchen Punkten kritisiert. Der Spiegel beurteilt die Geschichte der beiden Forscher Carl Friedrich Gauß und Alexander von Humboldt anerkennend als „völlig prunklos“ und „in legendenhafter Schlichtheit“ erzählt. Daniel Kehlmann nutze dazu Ironie, verzichte „auf große historische Pointen – und setze kleine poetische“ (Spiegel 26.09.05, o.A.).
Hubert Winkels bedauert, dass Daniel Kehlmann zwar eine "lehrreiche Doppelbiografie“, doch "für seine Fähigkeiten zu wenig“ geschrieben habe. Der Kritiker lobt allerdings den Sinn des Autors für die richtigen Geschichten. Knappe Sätze, "präzise Szenen“ und dennoch viel Information zeigten, dass ihm die Reduktion des Materials gelungen sei. Etwas befremdlich kommt dem Rezensenten dagegen der Verzicht des Metaphysischen vor, dem sich Kehlmann in früheren Werken gewidmet habe. Ein wenig mehr Einblick in die Zusammenhänge der mathematischen sowie kulturellen "Erkenntnisproduktion“ wäre seiner Auffassung nach schön gewesen (Die Zeit, 13.10.2005).
In der Kritik Doppelleben, einmal anders äußert sich Martin Lüdke positiv. Kehlmann verfüge „so souverän über seinen Stoff“, dass ihm „genialische Züge kaum abzusprechen sind“. Der Roman „ist nicht nur ein schönes, packendes und spannendes“ Werk, es wird sogar von dem Kritiker als „Alterswerk eines jungen Schriftstellers“ bezeichnet. Er lobt außerdem, dass es sich trotz des „eher trockenen Stoffes“ um einen spannenden Abenteuerroman handle. Dabei behält Daniel Kehlmann „stets den Blick für die Komik einer Situation“ (Frankfurter Rundschau, 28.09.05).
Auch die englischsprachige Presse widmet sich Kehlmanns Roman: Tom LeClaire lobt zwar die Grundintention von Kehlmanns Werk, kritisiert aber, dass dessen geschichtliche Ausarbeitung nur unpräzise ausgeführt werde: „The novel is like one of Humboldt’s maps or Gauss’s formulas, the work of a probable prodigy but not prodigious, large-minded but not as large as its materials required” (New York Times, 05.11.06).
Diese sehr ernsten Scherze
Die Poetikvorlesung wird in den – spärlich vorhandenen – Rezensionen durchweg positiv besprochen. Hervorgehoben wird in diesen vor allem Kehlmanns Bezugnahme zu anderen Schriftstellern. Michael Maar greift Kehlmanns Bezug auf eine frühe Erzählung Nabokovs auf, die verdeutlicht, worauf es Kehlmann in seinem Schreiben vor allem ankommt: Details. Maar lobt Kehlmanns Wissen über die Vielzahl von Autoren, von Shakespeare bis Thomas Mann. Er kommt zu dem Schluss: "Kehlmann tritt der disparaten Schar dieser Dichter mit fast demütigem Respekt gegenüber, nebst einem prall gefüllten Rucksack von Kenntnissen – bei jedem der Autoren, über die er schreibt, hat er das Gesamtwerk am Schnürchen“ (Die Zeit, 24.08.2010). Jens Dirkens erachtet darüber hinaus Kehlmanns Regellosigkeit und Kritikfähigkeit bei seinem Schreiben als lobenswert: "Er weiß keine Regeln des Schreibens, nur dass es stimmig sein muss“ (NRZ, 04.05.2007).
Michael Maar betrachtet in seiner Rezension der Poetikvorlesung sein gesamtes Werk sowie die Besonderheiten seines Schreibens und lehnt Kritik an dem Schriftsteller ab: "Denn das ist es, was Kehlmanns Werk seit seinem Erstling Beerholms Vorstellung auszeichnet: eine Klugheit, wie sie die junge deutsche Literatur nicht alle naslang aufbieten kann, eine rege, luzide Intelligenz" (Die Zeit, 24.08.2010). Martin Krumbholz erkennt insbesondere den Realismus Kehlmanns literarischer Welten an: "Der Umkehrschluss zeigt, und das weiß der formidable Daniel Kehlmann natürlich: Unsere mitteleuropäische Welt ist leider bestürzend wirklich, und damit muss man auch als Poet erst einmal zurechtkommen. Ich sage nur: Deutsche Bahn!“ (Frankfurter Rundschau, 21.03.2007).
Ruhm
Ruhm, der Roman in neun Geschichten, wird von der Presse größtenteils gelobt und als würdiger Nachfolger von Die Vermessung der Welt gefeiert. Es wird immer wieder betont, wie geschickt und leichtfüßig Kehlmann die Erzählstränge miteinander verwebt und den Leser*innen dadurch die Möglichkeit gibt, immer wieder neue Gemeinsamkeiten in den einzelnen Geschichten zu entdecken. Der Vergleich mit seinem vorherigen Bestseller Die Vermessung der Welt ist allgegenwärtig und in Anbetracht von Kehlmanns Alter wird immer wieder die Anzahl seiner Veröffentlichungen hervorgehoben.
Wiebke Porombka beurteilt Ruhm in Abgrenzung zu Die Vermessung der Welt: „Es spricht für die Professionalität Kehlmanns, dass er wenige Jahre nach seinem, Entschuldigung, Megaseller ein anständig gebautes, unaufgeregtes Buch vorgelegt hat, ein spiegelglattes Designmöbelstück“ (Die Zeit, 16.01.2009). Der aus Die Vermessung der Welt bekannte Humor fehle für Porombka in Ruhm aber gänzlich und werde durch eine Mischung aus Ironie und Tragik ersetzt. Sie weist auch auf die naheliegende Deutung des Titels hin, dieser schreie „natürlich nach einer Verbindung zu Kehlmanns Erfolgen der Vergangenheit“. Einer solchen Inszenierung, wie auch die Ähnlichkeit Kehlmanns zu seiner Figur Leo Richter, steht sie in Zusammengang mit der Bitte Kehlmanns, seinen Roman als eigenständiges Werk ohne Bezugnahme auf seine Person zu werten, allerdings skeptisch gegenüber (Zeit Online, 16.01.2009).
Ina Hartwig lobt vor allem die Verknüpfungen und Gemeinsamkeiten der einzelnen Geschichten: „Die jeweiligen Verbindungen zu entschlüsseln, gehört gewiss zu den vergnüglichsten Seiten von ‚Ruhm’. Hier zeigt der Autor sich als virtuoser, amüsierter, leichthändiger Jongleur“ (Frankfurter Rundschau, 16.01.2009).
In vielen Rezensionen wird ein Vergleich zu etablierten Schriftstellern und Werken gezogen: Lothar Müller erkennt das „Dürrenmatt-Modell“, die Figuren einen realen Albtraum erleben zu lassen, wieder (SZ, 17.05.10); Gunther Nickel sieht in Ruhm eine Kritik an der „Kolonialisierung der Lebenswelt durch mediale Vermittlung“ in Verbindung mit Karl Marx’ Kritik am Kapital (literaturkritik.de, 09.04.09); Jochen Jung hingegen vergleich den Erfolg von Die Vermessung der Welt mit Klassikern wie Die Buddenbrooks, Die Blechtrommel oder Der Prozess, schließt Ruhm allerdings aus dieser Reihe aus: „In jedem Fall aber ist das Ganze eine kleine Scheherazaderie, ein hübsch gemusterter, nicht ungeschickt gewobener Teppich. Fliegen kann er allerdings nicht“ (Die Zeit, 16.01.09).
Leo Richters Porträt
Leo Richters Porträt wird in der Presse wenig, dafür aber ausschließlich positiv besprochen. Anne Meyer-Gatermann greift im Titel ihrer Rezension Immer diese Journalisten den von ihr gelobten „feinen Humor“ Kehlmanns gegenüber dem Autorenporträt auf. Sie vergleicht die Bearbeitung des Bildnis-Motivs, das Beeinflussen einer Persönlichkeit durch die Abbildung, mit Max Frisch und sieht den Höhepunkt der Erzählung und des Gefühls des Ausgeliefertseins „als Richter selbst nicht mehr zu wissen scheint, wer er eigentlich ist“ (news.de, 03.12.2009). Meyer-Gatermann lobt die Verwirrung um Identität und Darstellung durch das Nebeneinanderstellen des Figurenporträts mit dem seines Autors: "Ein großartiger Kniff ist, dass der Kurzgeschichte in dem schlanken Buch ein Porträt hinterhergeschickt ist, das Adam Soboczynski, Redakteur beim Zeit-Magazin, über Daniel Kehlmann geschrieben hat. Dadurch ergeben sich schöne Anknüpfungspunkte" (news.de, 03.12.2009).
Uwe Wittstock bewundert das „Verwirrspiel des Romans ‚Ruhm’ [welches] noch um eine weitere Fiktionsebene erweitert“ wurde, neben dem „schönen und ausführlichen Porträt über den Schriftsteller Daniel Kehlmann, geschrieben von Adam Soboczynski“ (Die Welt, 20.03.2010).
F
Der Familienroman F wird weitgehend positiv besprochen, in vielen Fällen sogar überschwänglich gelobt. Keine Rezension kommt jedoch ohne einen Verweis auf Kehlmanns erfolgreichsten Roman Die Vermessung der Welt aus, welcher immer wieder als Messlatte angelegt wird. Im Mittelpunkt stehen Kehlmanns Erzähltechnik, das Spiel mit Metaebenen und Vorausdeutungen und die von einer Vaterfigur ausgehende Handlung.
Besonders der zynische Humor, der eine subtile Gesellschaftskritik möglich mache, verleihe Kehlmanns Roman ein spannendes Grundgerüst. Richard Kämmerlings sieht diese Kombination als besonders herausragend: „Es ist beeindruckend, wie ‚F’ mit jeder Veränderung der Perspektive an Rasanz und Dichte gewinnt. So nah kamen sich philosophischer Roman und Pageturner noch nie“ (Die Welt, 28.08.2013).
Die Parallelen zu anderen Werken der deutschsprachigen Literatur seien signifikant, die Namensverwandtschaft mit Schillers Wallenstein, eigentlich Herzog von Friedland, sei nicht zufällig (Die Welt, 28.08.2013). Judith von Sternburg beschreibt den Anfang der Geschichte als Anfang einer Novelle, die in ihrem „wahrlich zum Klassiker aufstrebenden Eröffnungssatz“ (Frankfurter Rundschau, 30.08.2013) deutlich an Thomas Manns Mario und der Zauberer angelehnt sei.
Adam Soboczynski, der auch das Porträt über Daniel Kehlmann in Leo Richters Porträt geschrieben hat, beginnt seine Rezension erneut mit einem Porträt, um dann Kehlmanns „Familienroman ohne Vater“ (Die Zeit, 23.08.2013), den „negative[n] Bildungsroman“ im Kontext der Motive Schicksal und Wahrnehmungsveränderung zu loben. Entstanden sei ein „großartiges Spiegelkabinett der Ich- und Sinnsuche“, lobt auch Jens Dirksen (Der Westen, 29.08.2013).
F wird außerdem international besprochen, Joseph Salvator lobt die Übersetzung von Carol Brown Janeway in der New York Times als „subtly yet masterly constructed puzzle cube of a new novel“ (New York Times, 31.10.2014), dessen verwobene Handlungsstränge den Charme des Textes ausmachen („three elegantly intertwined chapters“, ebd.).
Kristina Maidt-Zinke lässt auch Kritik an dem „komplexen Familien- Illusions- und Schicksalsroman“ anklingen und resümiert: „Dass die Doppelbödigkeit dennoch konstruiert wirkt und flach bleibt, könnte daran liegen, dass die F-Frage ihn [Kehlmann, Anm. d. Verf.] nicht wirklich beschäftigt, weil für ihn die Welt längst vermessen ist. Die magische Täuschungskraft der Literatur funktioniert anders. Aber auch Taschenspielertricks haben ihren Reiz“ (Süddeutsche Zeitung, 01.09.2013). Einzig und allein die Rezension von Sebastian Hallekehle fällt durchweg negativ aus. Unter dem Titel F wie Firlefanz kritisiert er die Einfallslosigkeit Kehlmanns, Nachrichten als Inspiration für seine Geschichten zu verwenden (beispielsweise die Anspielungen auf den Tod Dominik Brunners und die Finanzkrise 2008), und beschreibt die Handlung als „erzählerische Zirkustricks“ ohne Inhalt (Spiegel, 29.08.2013). Stefan Höppner hingegen erkennt „bewusst gesetzten Leerstellen“ im Text, die diesen „unbedingt lesenswert“ machen (literaturkritk.de, 08.10.2013). Andreas Breitenstein sieht Kehlmann sogar auf Augenhöhe mit alten und neuen Meistern (etwa Flaubert und Nabokov), mit seinem Konzept aus Radikalität als Form und Intelligenz als Programm habe er sich seinen Platz als „Jungstar in den hohen Kreisen der Weltliteratur“ gesichert (Neue Züricher Zeitung, 07.09.2013).
Mahlers Zeit
Ambivalent sehen die Rezensenten Kehlmanns zweiten Roman. Andreas Nentwich etwa lobt Kehlmann für seine Reife trotz seiner 25 Jahre. Seine Beobachtungen seien erwachsen, vor allem jedoch das gewählte Thema und die Implementierung in der Erzählung seien bemerkenswert: „Was diesem Autor immer wieder glückt: die Verschränkung von Zeit und Ewigkeit, Zauber und Schrecken, Hellsicht und Wahn in der Sprache der Poesie“ (NZZ, 12.10.1999). Und auch Veit Justus Rollmann sieht mehr als zehn Jahre nach ihrem Erscheinen in der Erzählung Kehlmanns Talent schon vor seinem Durchbruch Die Vermessung der Welt unter Beweis gestellt: „Was ohne Weiteres Stoff für triviale Spannungsprosa liefern könnte, wird unter den Händen Kehlmanns zu einem poetisch-suggestivem Spiel zwischen Traum und Wachbewusstsein und einem durchaus fesselnden und spannenden Taumel in die Katastrophe“ (literaturkritik.de, 26.11.2012). Nicht zuletzt nennt Fritz Rudolf Fries den Roman: „Ein modernes Märchen, ein gut erzähltes, ein sehr gegenwärtiges“ (FR, 31.12.1999). Für Daniel-Dylan Böhmer verhält sich das Vorhaben Kehlmanns parallel zu dem Mahlers: Während Mahler die Zeit zu überwinden versuche, müsse auch Kehlmann sich vor dem Einsturz seiner Geschichte retten: „Trocken könnte das Buch werden, verwirrend andererseits, gewollt in jedem Fall. Tatsächlich ist es nichts von alledem“ (Spiegel Online, 26.09.2000).
Als kritische Stimme ist vor allem Martin Halter zu nennen; er sieht den Mythos des „lebensuntauglichen Rechenknechts literarisch weitgehend erschöpft“ (FAZ, 19.11.1999). An der Herausforderung, eine für die Leser*innen verständliche und dennoch fundierte (meta-)physische Theorie zu zeichnen, sieht er Kehlmann gescheitert, er verliere sich in Beobachtungen und Beschreibungen. Zwischen der absichtlich achronischen Erzählstruktur und den Bewusstseinslücken sieht er die Makel des Textes: „Aber nicht jede dramaturgische Ungeschicklichkeit lässt sich mit dem Beziehungs- und Verfolgungswahn rechtfertigen, nicht jedes schiefe Bild mit überreizter Wahrnehmungsfähigkeit“ (ebd.). So wie Halter stellt auch Nikolaus von Festenberg das Thema Kehlmanns in Zusammenhang mit einer großen Erzähltradition: Romane wie Das Parfum von Patrick Süskind oder Michael Endes Unendlicher Geschichte haben sich mit dem Überwinden der „kulturgängigen Weisheit“ beschäftigt, er sieht in David Mahler „unter den vielen merkwürdigen Helden der neueren deutschen Literaturgeschichte [...] einen der sonderbarsten“ (Der Spiegel, 41/1999).
Der fernste Ort
Kehlmanns vierte Veröffentlichung wird in den Feuilletons ausschließlich gelobt. Vor allem der Bezug und die Ähnlichkeit zu seinen vorherigen Erzählungen Beerholms Vorstellung und Mahlers Zeit werden von den Rezensent*innen angesprochen; Hellmut Gollner schreibt, Der fernste Ort sei Kehlmanns „bisher konsequentester und bester Roman“ (Der Falter, 21.09.2001), da er auf die Mittel Magie und Wahn verzichte, um die unendlichen Räume hinter der Wirklichkeit zu öffnen. Die durchdachte Gestaltung dieser Geschichte hebe den Leser so aus seiner Souveränität des Verstehens bis auf die letzte Seite.
Martin Luedke sieht Kehlmann dadurch als zeitgemäßen Romantiker; „mit vielen versteckten Bezügen, häufig verdeckten Verweisen und sanft gleitenden Übergängen, lässt den unmerklichen Schwund an Realität kaum erkennen“ (Die Zeit, 03.01.2002). Für Luedke kulminiert diese ganze „Kunstfertigkeit des Erzählers Daniel Kehlmann“ (ebd.) in der Verwunderung des Protagonisten auf der letzten Seite darüber, dass er mitten in einem Schneesturm nicht fror.
Nicola Katja Streitler vermutet, dass Kehlmann die Idee für die Geschichte bei der Arbeit am Computer gekommen sei, bei der der Anwender sich mit verschiedenen Identitäten einloggen und diese verwalten könne. Ebenso erfinde der Protagonist in Der fernste Ort eine neue Identität. Die Frage nach der Wirklichkeit sieht Streitler im Roman nicht aufgelöst, die Leser*innen seien „dem Autor genau so auf seinen fiktiven Leim gegangen, wie er es vermutlich wollte“ (Der Standard, 14.09.2001). Darin erkennt Streitler die metafiktive Ebene des Buches, Leser*innen brauchten ein paar Minuten „um wieder ganz sicher zu sein, dass man selbst doch ganz real ist“(ebd.); vor allem dadurch sei der Roman ein „gutes Buch, ein sehr gutes sogar!“ (ebd.). Peter Henning nennt die neue Veröffentlichung in der Reihe der bisherigen Kehlmann-Publikationen eine „kleine, feine Novelle“ (Stern, 29.11.2001).
In seiner Poetikvorlesung Diese sehr ernsten Scherze geht Kehlmann auf die Wirkung seines Romans ein, er kritisiert viele Journalisten, die sein Buch nicht richtig verstanden hätten. So sei die Tatsache, dass der Protagonist am Anfang der Geschichte stirbt im weiteren Verlauf mit „fast aufdringlicher Eindeutigkeit“ (S. 19) beschrieben. Seine russische Übersetzerin habe ihn sogar dafür gerügt, dass „die Hinweise etwas holzhammerhaft daherkämen“ (S. 19). Dies führt er vor allem auf den Text in der Verlagsvorschau zurück, in dem stehe, dass Julian den Badeunfall überlebe, um nicht zu viel von der Geschichte zu verraten.
Ich und Kaminski
Auch Ich und Kaminski wird von den Rezensent*innen ausschließlich gelobt, es wird sogar mit Superlativen überhäuft: Gustav Seibt findet, der Roman sei „perfekt gebaut“ (SZ, 17.03.2003), Peter Mohr erklärt ihn zu Kehlmanns „bisher eindrucksvollsten Roman“ (literaturkritik.de, 20.11.2003), und auch Ulrich Weinzerl hält diesen Prosaband für seinen „gelungensten“ (Die Welt, 12.04.2003). Das Spiegel-Motiv in Kaminskis letzter erfolgreichen Gemälde-Reihe „Reflexionen“ entdeckt Peter Mohr aus Kehlmanns anderen Werken wieder (vgl. literaturkritik.de, 20.11.2003). Auch Andreas Nentwich erkennt ein gewisses Muster in den Erzählungen Kehlmanns: „Immer ist es eine Obsession, die am Anfang steht, gerade ausreichend, um einen Verstand neben die Spur der alltagsempirisch gebahnten Wege zu setzen, wo schon das Grenzenlose beginnt“ (Die Zeit, 13/2003).
Vor allem wird die Gestaltung der Figur Sebastian Zöllner anerkennend hervorgehoben. So beschreibt Peter Mohr Zöllner als „Opportunist reinster Güte, ein Dummschwätzer mit schlechten Manieren, einer, der verbal auf die Pauke haut, obwohl er nicht einmal die leisen Töne der Blockflöte beherrscht“ (literaturkritik.de, 20.11.2003); diese Eigenschaften machen ihn für Mohr zum Antihelden. Klaus Zeylinger versteht ihn als „negatives Prachtexemplar“ einer Figur aus einem vor elitärer Abgehobenheit strotzenden Kunstbetrieb (Der Standard, 01.03.2003) und auch Julia Kospach gefällt der „atemberaubend unsensible und unsympathische Icherzähler“ (Berliner Zeitung, 31.03.2003). Gustav Seibt ist vor allem beeindruckt von der Beschreibung der Peinlichkeit Zöllners: Während die Leser*innen unangenehm berührt seien, bemerke der Protagonist seine Wirkung nicht. Genau vor diesem Thema aber schrecken junge Autoren meist zurück, Kehlmann wisse dies in der subjektiven Erzählperspektive als komisches Element einzusetzen (vgl. SZ, 17.03.2003).
Die Beziehung zwischen Zöllner und Kaminski wird ambivalent verstanden. Seibert erkennt ein „wechselseitig parasitäre[s] Verhältnis zwischen Meister und Kritiker“ (SZ, 17.03.2003), ebenso wie Irene Binal, die das Verhältnis als kodependente Beziehung beschreibt, eine etwas unfreiwillige Symbiose (Spiegel Online, 07.03.2003). Gleichsam erkennt sie den parallelen Aufbau der Erzählung, auf deren Höhepunkt zulaufend sich die Figuren immer ähnlicher werden; die Kunst der Erzählung liege im Blickwinkel, da die Leser*innen in der Perspektive des ahnungslosen Icherzählers feststeckten und sich so das Mysterium um Kaminski nicht auflösen könne. Die Selbsterkenntnis Zöllners am Ende der Geschichte allerdings sei nur eine angedeutete Entwicklung der Figur, glaubwürdig sei sie nicht (vgl. Berliner Zeitung, 31.03.2003). Für Volker Hage findet Zöllner letztendlich seinen Meister (vgl. Der Spiegel, 11/2003). Im Moment des Mitleids der Leser*innen mit diesem „betrogenen Betrüger“ zeigt sich für Ulrich Weinzerl die Qualität dieser Erzählung (Die Welt, 12.04.2003).
Irene Binal zitiert Kehlmann darin, dass die Figuren parallel angelegt seien; der größte Unterschied zwischen Zöllner und Kaminski bestehe in dem Umgang mit dem eigenen Ehrgeiz und der Skrupellosigkeit: Zöllner sei „charakterlich problematisch“ (Zitat Kehlmann; Spiegel Online, 07.03.2003), bei Kaminski entstehe Kunst. Andreas Nentwich jedoch versteht das Ende, die Erkenntnis Zöllners, dass er von Kaminski ausgenutzt wurde, als moralische Belehrung des bösen Charakters, und dem Rüpel Zöllner werde vom Helden Kaminski die Katharsis verpasst (vgl. Die Zeit, 13/2003).
Bei der Genrezuordnung sind sich die Journalist*innen uneinig, viele sehen die Geschichte als Kritikersatire, etwa Irene Binal: sie spricht von einer „bitterböse[n] Satire über die Sucht nach Ruhm und die Rohheit der Medien“ (Spiegel Online, 07.03.2003). Dabei fänden sich die Kunstwerke Kaminskis „nicht nur in ihrer Bedeutung behauptet, sondern tatsächlich anschaulich geschildert“, so Klaus Zeylinger (Der Standard, 01.03.2003). Gustav Seibt sieht in dem Roman ein „Kammerspiel“ (SZ, 17.03.2003), Andreas Nentwich einen „Schundroman“ im positiven Sinne, der mit erweiterter Realität spiele (Die Zeit, 13/2003). Julia Kospach hingegen lobt Kehlmanns „Realismus“ (Berliner Zeitung, 31.03.2003).
Schließlich ziehen sowohl Peter Mohr als auch Klaus Zeylinger den Vergleich zu Max Frischs Gantenbein: „der malende Gantenbein und der Felix Krull der Kunstszene wirken wie Fremdkörper an der norddeutschen Küste. Geeint sind die beiden Protagonisten in der Verliererpose, die Realität hat die Mythen eingeholt“ (literaturkritik.de, 20.11.2003; vgl. außerdem Der Standard, 01.03.2003).