Forschungsspiegel

Christian Krachts Romane haben in der Forschung in den letzten Jahren große Beachtung erfahren. Der Aspekt Popliteratur sowie Identitätsproblematik bilden die beiden dominanten Pole des Forschungsinteresses. Neben der Forschungsliteratur deutscher Literatur-, Sozial- und Sprachwissenschaftler*innen finden sich vermehrt Aufsätze und Texte aus der Auslandsgermanistik aus England, Portugal, Italien, Russland und Korea. In der Forschung sind Krachts Romane Teil der Kanondebatte in der deutschsprachigen Literatur (vgl. Reemtsma 2005). Bis heute werden Krachts Texte überwiegend isoliert betrachtet und in Themenkontexten analysiert, obwohl Kracht selbst seine Werke Faserland, 1979 und Ich werde hier sein im Sonnenschein und Schatten als Triptychon ansieht (vgl. Lindemann 2008). Eine Ausnahme ist Gerhard Jens Lüdeker, der mit seinem Aufsatz Die Rückgewinnung der Freiheit aus der Moderne. Zu den Möglichkeiten von Selbstkonstitution und Autonomie in Christian Krachts Triptychon (2012) Krachts drei Romane als Einheit untersucht. Er stellt die These auf, dass Krachts Protagonisten „auf der Suche nach Möglichkeiten freier Selbstentfaltung innerhalb oder außerhalb der dargestellten Kulturen“ (Lüdeker 2012, S. 37) seien und dabei den Leser*innen die jeweilige Gesellschaft und die politischen Systeme aufzeigen.

Popliteratur
Eine mögliche Lesart der frühen Werke Krachts (Faserland und 1979) liegt darin, sie als Popliteratur zu lesen. Sergio Corrado fasst Krachts erstes Werk Faserland als Text der neuen deutschen Popliteratur auf. Gerade weil Krachts Texte deutungsoffen sind, sind sie aus popliterarischer Perspektive interessant (vgl. Corrado 2013, S. 217). Dabei bezieht sich Corrado auf Moritz Baßler, dessen herausgearbeitete Fülle von Markennamen als kulturelle Verknüpfungen er um Autonamen, Kleidung und Lebensmittel ergänzt (vgl. ebd., S. 214). Mit der Nennung dieser Realismusfetzen impliziere der Ich-Erzähler Normen und konstruiere damit eine soziale Identität, die sich stark auf einzelne Generationen beziehe (vgl. Baßler 2002).
Björn Weyand beschäftigt sich ausgehend von der These, dass Kracht ein Popliterat und darüber hinaus auch für ein Ende der Popliteratur verantwortlich sei, mit dem Roman 1979. Bei Weyand implizieren Markennamen mehr als nur einen sozialen Bezug. Die Schuhe der Marke Berluti etwa seien ein Objekt des modernen Dandytums. Der Träger der Schuhe kleide sich mit ihnen nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern grenze sich mit ihnen auch auf sozialer Ebene von der Mittelschicht ab. Durch die Schuhe sei eine Entwicklung vom sinnbildlichen Objekt bis zum Zerfall gezeigt, ähnlich wie es sich inThomas Manns RomanZauberberg mit dem Gebrauch der Zigarren verhalte. Weyand bezeichnet den Markencharakter bei Kracht als „poetologisches Reflexionsobjekt“ (Weyand 2001, S. 295).
Mehrfort erinnert daran, dass die Autoren der neuen deutschen Popliteratur ausnahmslos sehr jung waren, als sie ihre Texte verfassten (vgl. Mehrfort, 2009). Dem folgend befassen sich diese vielfach mit Adoleszenzthematiken, wie es an Faserland anschaulich nachvollziehbar ist. In direktem Zusammenhang mit Faserland und dem ersten Teil von 1979 stehen die Themen Konsumkultur, Markennennung und Dandyismus als Aspekte der Popliteratur. Diese können jedoch losgelöst von der Einordnung in die literarische Strömung der Popliteratur betrachtet werden.

Identität und Subjekt
Das Untersuchungsfeld Subjekt- und Identitätsbildung wurde wegen der engen Verflechtung mit den Feldern Popliteratur und Konsumwelt in der Forschung lange Zeit vernachlässigt. Doris Pfaffinger zieht hingegen eine enge Verbindung zwischen der Identitätsbildung und dem popliterarischen Element des exzessiven Konsums (vgl. Pfaffinger 2008).
Die Subjekte in Krachts Romanen werden größtenteils als “Ego-Ich” bezeichnet, die sich auf der Suche nach ihrer Identität befinden (vgl. Larch 2013). Dabei werden unterschiedliche Ansätze von Einflüssen und Auswirkungen, die auf das jeweilige Subjekt einwirken, untersucht. Larch sieht in den popliterarischen Elementen eindeutige Parameter für die Identitätsproblematik der Subjekte. Das Ego-Ich befinde sich auf einer Sinn- und Identitätssuche und werde von großer Traurigkeit bestimmt. Diese Zuschreibung widerspricht damit der Einordnung in die von Oberflächlichkeit und Fröhlichkeit geprägte Popliteratur.
Sarah Monreal untersucht den Einfluss der Nicht-Orte (z. B. Flughafen, Bahnhof, Hafen etc.), die in vielen Kracht Romanen eine wichtige Rolle bei der Identitätsproblematik der Protagonisten spielen (vgl. Monreal 2013).
Mascha Vollhardt analysiert den Zusammenhang von hegemonialen Männlichkeitsidealen und der Identitätsbildung der Subjekte. Krachts männliche Protagonisten zeigen vielmehr weiblich konnotierte Attribute. Dieser körperliche Widerspruch verhindere ihre männliche Subjektwerdung.
Während der Großteil der Forschung versucht, die Subjekte in ihre sozialen Gefüge eingebettet zu betrachten, spricht Stefan Bronner von einem Ich, das sich „von der Welt und sich selbst entfremdet hat“ (Bronner 2012, S. 20) und kaum Verbindung zu der erzählten Welt aufnehmen kann. Mit dieser These offeriert er innerhalb der Forschungsliteratur einen der radikalsten Blicke auf die Subjektbildung in Krachts Texten.
Insgesamt liest die Forschung Krachts Romane als Krisentexte des Subjekts, das sich im Sinne einer postmodernen Gegenwartsdiagnose in Auflösung befindet. In diesem Sinne wird Krachts Protagonisten auch eine individuelle, stabile Ich-Identität abgesprochen.

Konsumkultur und Markennennung
Im unmittelbaren Zusammenhang mit der Einordnung von Krachts Texten in die Popliteratur steht u. a. die Konsumkultur, die auf verschiedenen Ebenen zu verstehen ist. In ihr werden sowohl der Konsum von Drogen aller Art als auch der Konsum von Luxusgegenständen sowie überhaupt das ungebremste Geldausgeben im Alltag vereint. Im Fokus der Forschung stehen dabei die Romane Faserland und 1979, aber auch in den anderen Romanen werden diese Aspekte erkannt.
Björn Weyand stellt in seiner Monographie Faserland und 1979  in eine Reihe konsumkultureller Romane des 20. Jahrhunderts (u. a. neben Thomas Manns Der Zauberberg und Wolfgang Koeppens Tauben im Gras). So dienen z. B. die Schuhe der Marke Berluti in 1979 als „poetologische Reflexionsobjekte“ (Weyand 2013, S. 295). Im zweiten Teil des Romans werden sie durch Filzschuhe ersetzt, worin Weyand die symbolische Abkehr von der Konsumkultur sowie der Popliteratur allgemein im Gesamtwerk Kracht erkennt.          
Doris Pfaffinger fokussiert eher die psychologische Ebene des in Krachts Romanen dargestellten Konsumverhaltens und untersucht Gründe aber auch Folgen der Konsumkultur (vgl. Pfaffinger 2008). Die Medien-, Waren- und Konsumwelt degradiere den Protagonisten zu nicht mehr als einer Kopie. Er gebe sich dennoch als Original aus. Der Konsum fülle die fehlende Innerlichkeit der Subjekte aus, wobei nicht nur die Konsumkultur, sondern auch die Bereitschaft zur Abhängigkeit der Subjekte Schuld an diesen Umständen trage (vgl. Pfaffinger 2008, S. 90).
Frank Degler untersucht die Markenkultur aus einer medienkulturellen Perspektive (vgl. Degler 2008). Die tradierte Markenkultur könne als kollektives Wissen und Bezugssystem innerhalb der Literatur verstanden werden. Dieses System dient somit als „Archivierungs- und Rekanonisierungs-Maschine“ (Degler 2008, S. 40). Seit der Popliteratur löst die Medienkompetenz die Lesekompetenz ab, was bedeutet, dass ohne die Kenntnis über die durch Medien verbreiteten Markennamen auch der Text nicht verstanden werden kann (vgl. ebd.).
Eine Brücke zum Dandyismus als zentralem Aspekt der Popliteratur schlägt Isabelle Stauffer. Sie erkennt einen starken Zusammenhang zwischen Mode als konsumkulturellen Aspekt und der Popliteratur, vor allem in Tristesse Royale und Faserland. Sie diskutiert, ob Popliteraten (und zum Teil Protagonisten der popliterarischen Romane, wie z. B. in Faserland) als Dandys bezeichnet werden können und resümiert, dass das Austarieren von Typisierbarkeit und Individualität, die ständige Präsenz eines Publikums und die mangelnde Distanzierung von Konsum jeglicher Art dafür sprechen (vgl. Stauffer 2009, S. 55). Die Kennzeichnung der Protagonisten Krachts als Dandys ist relevant für das Verständnis der Figuren und ihrer Handlungen. 

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