Forschungsspiegel

Die Forschungsliteratur zum bisherigen Werk Eva Menasses ist im Gegensatz zum Pressespiegel recht überschaubar. Alle erschienen Beiträge setzen sich mit ihrem Debütroman Vienna und seiner Themenvielfalt hinsichtlich der Möglichkeiten einer jüdischen Identitätsbildung und der Konstruktion eines kollektiven Familiengedächtnisses im Kontext transgenerativer Vergangenheitsbewältigung und Erinnerungskultur auseinander. Darüber hinaus gibt es zwei umfangreiche Interviews, die zusätzlich die Entstehung des Werkes und das literarische Selbstverständnis der Autorin beleuchten.

Vergangenheitsbewältigung
Alle Artikel untersuchen die in Vienna behandelten Umgangsformen der Vergangenheitsbewältigung, die sich über die Generationen hinweg verändert. Dezidiert widmet sich Eva Bauer Lucca einer generationsabhängigen Darstellung der Formen der Vergangenheitsbewältigung. „Die Erste Generation hat […] wenig dazu geschrieben“ (Bauer Lucca 2008, S. 112). Im Zentrum stand einzig der Gedanke des „nie wieder“ (ebd.), das sich in einem stillen Wunsch äußerte und durch ein schweigendes Verdrängen gekennzeichnet ist. Ebenso übergeht die zweite Generation das Thema und durchbricht „innerfamiliäre Schweigebarriere“ (ebd. 113) nicht. Erst mit einem Umbruch der internationalen Politik ab den 1970er Jahren begann eine Kultur des Schuldeingeständnisses auf nationaler und gesellschaftlicher Ebene. Ein damit einhergehender Bruch zwischen der zweiten und dritten Generation führt zu einem Paradigmenwechsel in der Vergangenheitsbewältigung und richtet sich nun mehr an „den persönlichen Umkreis, an die Generation der eigenen Eltern und Großeltern“ (ebd.) und führt damit zu einer individuellen Schuldfrage. Die gegenwärtigen literarischen Arbeiten sind damit Ergebnisse einer individuellen Auseinandersetzung mit der familiären Vergangenheit, die sich auf keine eigenen Erfahrungen stützen, sondern sich über Erzählungen und Dokumente zur eigenen Betroffenheit „durcharbeiten“ (ebd. S. 114) müssen.
Alle Aufsätze arbeiten den Prozess der Vergangenheitsbewältigung heraus. Dabei sind in Vienna nicht nur das Schweigen, sondern ebenfalls das Umdeuten und Beschönigen weitere Handlungen der Vergangenheitskonstruktion, wie z. B. Martina Hamidouche an der Diskussion der Geschwister mit den Eltern über den Verlust der Wohnung der Großeltern festhält. Der bekannte Hermann-Pepi annektierte als Nationalsozialist die Wohnung der Großeltern: „ ‚Ich verstehe das nicht‘, sagte meine Schwester […] ‚es war doch eure Wohnung.‘ […] Mein Vater sagte versonnen: ‚Der Opa hat den Hermann-Pepi so bewundert – und er war ja wirklich ein fabelhafter Spieler.‘ Meine Mutter sagte verständnisvoll: ‚Der Opa hat nicht gewußt, ob er sich die Wohnung noch leisten kann.‘ ‚Genau‘, ereiferte sich mein Vater, ‚was hat es für einen Sinn, eine Wohnung  zurückzufordern, die man sich dann gar nicht leisten kann?“ (Menasse 2005, S. 99f.), woraufhin der Bruder empört und verständnislos den Raum verlässt. Traumatische Erfahrungen werden also so umgedeutet, dass sie nachvollziehbar und damit nicht belastend erscheinen. Zusätzlich werden, wie oben ausführlich beschrieben, Erlebnisse in Legenden und Anekdoten formuliert, was wiederum als Schutzmechanismus gedeutet werden kann. Jedoch bewirkt das Verschweigen eine entgegengesetze Haltung: „The more the members of the first and second generation try to conceal the family’s past from their children and grandchildren, the more eagerly the latter want to find out about it” (Hamidouche 2011, S. 190). Unterstützt wird dieser Gedanke durch Marianne Hirschs Theorie der Postmemory, nach der Traumata der vorhergehenden Genration, die sich noch vor der Geburt der Kinder ereigneten, trotzdem die Entwicklung und Identitätskonstruktion der nachfolgenden Generationen beeinflussen. Diese können jedoch nur durch Erzählungen und Dokumente weitergegeben werden und werden daher zusätzlich durch einen kreativen Akt des Subjekts erschlossen (vgl. ebd. S. 195 und Seemann 2013, S. 37). Vergangenheitsrekonstruktion wird damit zum Teil zu einer kreativen Handlung, die die nicht erzählten oder unsagbaren Lücken zur Bildung der eigenen Identität zu schließen versuchen. Diesen Prozess beschreibt Menasse ebenfalls in einem Interview mit Stephanie Waldow: „Ich habe diese Recherche ursprünglich unternommen im Hinblick auf eine Klarheit über meine Familiengeschichte. Zu dieser Klarheit ist es nicht gekommen und also musste ich fiktionalisieren. Das war meine einzige Möglichkeit – und natürlich kommt man auf diese Weise zu übergeordneten Wahrheiten“ (Waldow 2011, S. 87).
Einen besonderen Aspekt der Erinnerungsform arbeitet Goran Lovric heraus, der die Orte und Räume in Vienna untersucht und diese als Mittel zur Vergangenheitsrekonstruktion analysiert. Zunächst beschreibt er die unterschiedlichen Funktionen des erzählten Raums, der immer im Akt der Bedeutungszuschreibung von Autor und Rezipienten entsteht und die Charaktereigenschaften einer Figur beeinflusst. Darüber hinaus hat die Raumdarstellung als bewusste Gestaltung ein Erinnerungspotential, das gleichzeitig zur Konstruktion des kollektiven Gedächtnisses beiträgt. In seiner Analyse hält er fest: „Wien erscheint dabei als realer geschichtlicher Hintergrund in Form von symbolträchtigen Schauplätzen, die viel über die gesellschaftliche Stellung der Wiener Juden in der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg aussagen“ (Lovric 2012, S. 132f.). Dies verdeutlicht er an den Wiener Institutionen (Kaffeehäusern) und insbesondere am fiktiven Tennisplatz Schneutzel-Platz, „der als Symbol für Wien und ganz Österreich dient“ (ebd. S. 135), weil in diesem die fehlende Vergangenheitsarbeit, deren Folgen der Untergang des Tennisvereins ist, verdeutlicht wird.

Identität
Ausgehend von der gerade dargestellten Vergangenheitsbewältigung in den verschiedenen Erinnerungsformen eröffnen die Aufsätze die Schwierigkeiten einer Identitätsbildung. Alle Aufsätze zu Vienna beschreiben die oben bereits ausführlich behandelte Problematik der religiösen Identitätsbildung der jüngsten Generation, die durch das Leugnen oder Verdrängen der jüdischen Identität der Elterngeneration schließlich in einem familienzerstörenden Streit auseinandergeht.
Darüber hinaus beschreibt Marja-Leena Hakkarainen in ihrem Aufsatz die Entstehung neuer Transnationalitäten, die durch die Zerstreuung der ersten und zweiten Generation und ihrer erneuten Zusammenkunft in Wien bedingt ist. Nicht nur, dass Vater und Onkel nach ihrem langen Aufenthalt in England ihre Wurzeln zum Judentum und zu ihrer Heimat verlieren, sondern nach dem Krieg auch mehrmals Frauen anderer Nationalitäten und Religionen heiraten: „In Menasse’s family saga several new patterns of ethnic mixing emerge after the war. The uncle and the father of the narrator marry and remarry English, Polish and Austrian women, so that there is soon a mixture of Jews, Catholics and Protestants in the family” (Hakkarainen 2011, S. 474). Darüber hinaus widmen sie sich Beschäftigungen mit transnationalem Charakter und begeben sich häufig, gezwungen oder ungezwungen, auf internationale Reisen. Dies kennzeichnet ihre multikulturelle Identität bei gleichzeitiger Isolation von der österreichischen Identität (vgl. ebd. S. 475f.).
Martina Hamidouche versucht die individuelle Identitätsproblematik auf ein allgemeingültigeres Niveau zu heben und sie repräsentativ für die Illusion einer österreichischen Identität zu betrachten: „Menasse shows in Vienna that Austrian identity – and this includes Austrian-Jewish-identity – is an imaginary, unstable construction“ (Hamidouche 2011, S. 196f.). Österreich ist ein zu komplexes Bild aus unterschiedlich konstituierten Gruppen verschiedener Nationalitäten und Religionen, die jeweils eine andere Perspektive, als Opfer, Täter oder Zuschauer auf die Vergangenheit haben. Damit ist eine eindeutige Zuschreibung einer nationalen Identität unmöglich: „Das Buch versucht auch zu erklären, dass das, was im 20. Jahrhundert passiert ist, dass der Holocaust nicht nur zwei Sorten von Menschen hervorgebracht hat, nämlich Opfer und Täter, sondern im Gegenteil zu einer fürchterlichen Verwirrung […] geführt hat“, beschreibt Eva Menasse ihre Intention (Prangel 2007, S. 192).

Gattungsdiskurs
Vienna reiht sich in das boomende Genre der deutschen Gegenwartsliteratur, der Familienromane, ein, so Daphne Seemann, was sie mit dem Generationsbruch der dritten von der zweiten begründet, die Erfahrungen und Erinnerungen der Vergangenheit in das kulturelle Gedächtnis übersetzen wollen (vgl. Seemann 2013, S. 36). Eva Menasse wird in diesem Zusammenhang häufig mit anderen Autoren/innen wie Arno Geiger (Es geht uns gut, vgl. ebd. S. 38 oder Freytag 2007) oder Viola Roggenkamp (Familienleben, vgl. Bauer-Lucca 2008) gelesen, die den gleichen Zugang über den Familienroman wählen, um thematisch verwandte Aspekte zu untersuchen. Die AutorInnen gehen in ihren Romanen der Herkunft und den Erinnerungen ihrer Vorfahren nach, wobei die signifikantesten Kriterien dieser Gattung die Vermischung der Grenzen von Fakten und Fiktion und dokumentarischem und erzählendem Stil sind (vgl. Seemann 2013, S. 36). Mittels des Begriffes der Postmemory (n. Marianne Hirsch) und der psychoanalytischen Bedeutung des Terminus Familienroman wäre es zu diskutieren, ob der Familienroman als ein Versuch der imaginierten Rückgewinnung verlorener Familientradition bezeichnet werden kann: „Arguably, the re-imagination of a lost family tradition in contemporary narratives can be characterised as an emphatic attempt of imaginative recuperation“ (ebd. S. 39). Die Ich-Erzählerin erfüllt alle notwendigen Voraussetzungen einer emotionalen Verwicklung und der zeitlichen Distanz zur traumatischen Vergangenheit.   Sie bleibt zudem nicht nur bei einer reinen Rekonstruktion stehen, sondern erkennt darüber hinaus die Notwendigkeit der Distanzierung zu den eigenen Familiengeschichten, um die traumatische Vergangenheit bewältigen zu können (vgl. ebd. S. 45).

Genderdiskurs
Einen kurzen Ausblick hinsichtlich des Genderdiskurses gibt Daphne Seemann in ihrem gerade erwähnten Aufsatz, in dem sie der Ich-Erzählerin eine zweifache Überwindung der belastenden Vergangenheit zuschreibt: Zum einen die bereits häufig angesprochenen traumatischen Erfahrungen der beiden vorhergehenden Generationen im Zweiten Weltkrieg zum anderen aber auch das sehr einseitig männerdominierte Rollenverständnis ihrer Familie. Vienna ist eine Geschichte, in der die Erfahrungen der Männerfiguren (Großvater, Vater und Onkel, Bruder und die beiden Vettern) mythisiert im Mittelpunkt der Handlung stehen. „Women’s experiences are mere sideanecdotes to these grand generational narratives” (Seemann 2013, S. 47). Dies beschreibt auch Marja-Leena Hakkarainen in ihrem Aufsatz, wenn sie den männlichen Figuren eine geschichtskonstruierende Funktion zuschreibt, wohingegen die Frauenfiguren die passive Rolle der Zuhörerinnen übernehmen: „The memorializing in Vienna is to a great extent gendered in so far it is the task of male members to tell stories and crack jokes, whereas the women are regarded as an audience“ (Hakkarainen 2011, S. 481). Darüber hinaus schreibt Daphne Seemann der Familie bis in die zweite Generation die typisch bürgerliche Rollenverteilung zu, die beinhaltet, dass die Männerfiguren dominant den öffentlichen Raum für sich beanspruchen, mehr oder weniger um die finanzielle Sicherheit bemüht sind und die Familie insgesamt nach außen repräsentieren, wohingegen die Frauenfiguren die häusliche Sphäre umsorgen, sich um die Erziehung der Kinder und um die finanzielle Situation des Haushalts kümmern. Die Konsequenzen dieses Rollenbildes beschreibt sie folgendermaßen: „Menasse’s male characters generally display their light-hearted and carefree spirits while female characters turn into deeply frustrated, disappointed and betrayed wives“ (ebd. S. 48). Erst im letzten Kapitel, der Beerdigung des Großvaters, tritt die Ich-Erzählerin aus ihrer Rolle der objektiven Beobachterin heraus und involviert sich in die Handlung. Der Tod des Großvaters und die sich damit abschließende „übermächtige, weil unvollständige Lebensgeschichte“ (Menasse 2005, S. 388f.) befähigt sie, die traumatische Familiengeschichte und das damit einhergehende Rollenverständnis zu überwinden, ohne ihre Herkunft in einem schlechten Licht dastehen zulassen: „Her ultimate emancipation from a traumatically charged family narrative is not performed with bitter antagonism but with loving empathy“ (Seemann 2013, S. 49) schließt Seemann ihre Überlegungen ab.

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