Schulverweigerung

Forschung - Ambulanz für Kinder und Jugendliche mit schulvermeidendem Verhalten


Martin Knollmann

Hintergrundinformation

Die Schulvermeidungsambulanz ist eine Spezialambulanz der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters Essen. Ziel ist es, Kindern und Jugendlichen, die den Schulbesuch vermeiden, nach einer orientierenden psychiatrischen Diagnostik bei entsprechender Indikation kurzfristig eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung zukommen zu lassen, um einer (weiteren) Chronifizierung der Probleme vorzubeugen und eine Wiederaufnahme des Schulbesuchs zu ermöglichen. Durch die wissenschaftliche  Evaluation der Ambulanz sollen zentrale Merkmale von schulvermeidenen Kindern und Jugendlichen und ihren Familien identifiziert werden, um näheren Aufschluss über die Prävalenz und Entstehung von Schulvermeidung und ihren Zusammenhang mit psychischen Störungen des Kindes- und Jugendalters zu erhalten.

Vorgehensweise

Familien, die sich mit dem Problem Schulvermeidung an die allgemeine Ambulanz der Klinik richten, erhalten kurzfristig einen Termin. Hier findet zunächst ein ausführliches Gespräch (Anamnese und Exploration) mit allen Beteiligten statt; im Anschluss wird eine testpsychologische Diagnostik vorgenommen. Abschließend werden die Befunde sowie die (Verdachts-)Diagnose mitgeteilt und Behandlungsmaßnahmen empfohlen. Ist eine psychotherapeutische Behandlung angezeigt, wird die Familie an eine von mehreren kooperierenden kinder- und jugendpsychiatrischen Praxen überwiesen, die zeitnah mit der Therapie beginnen; je nach Art und Ausmaß der Problematik kann es auch zu stationären Behandlungen oder Kooperationen mit der Jugendhilfe kommen. Im Rahmen des skizzierten Ablaufs werden verschiedene Variablen erhoben:

  • Standardisierte Exploration und Anamnese: Familienanamnese, Eigenanamnese (insb. Schullaufbahn), Sozialanamnese, psychopathologischer Befund
  • Testpsychologische Diagnostik: Intelligenz (Intelligenztest CFT 20), Prüfungsangst, Schulunlust (Angstfragebogen für Schüler, AFS), depressive Symptome (Depressionsinventar für Kinder und Jugendliche, DIKJ); Symptom-Screenings, u.a. bzgl. Angst und Depression, Aggression, Aufmerksamkeitsproblemen (Selbsturteil: Youth Self Report, YSR; Fremdurteil der Eltern: Child Behavior Checklist, CBCL; Connners Parent Rating Scale, CPRS)
  • multiaxiale Diagnose nach ICD 10, Behandlungsempfehlung (ambulant vs. stationär)
    Die so erhaltenen Daten werden fortlaufend in eine Datenbank eingegeben, die in regelmäßigen Abständen ausgewertet wird.

Ergebnisse

Bislang sind die Befunde einer retrospektiven Analyse (N=92, 43 w; Alter 6-18 Jahre, M=14 Jahre) verfügbar, bei denen die o.g. Standardisierung noch nicht bzw. erst teilweise realisiert wurde. Erste Ergebnisse weisen darauf hin, dass in der Inanspruchnahmepopulation eine Vielzahl psychiatrischer Diagnosen zu finden ist. Die in der einschlägigen Literatur beschriebenen Fälle von „Schulschwänzen“ als Teil einer Störung des Sozialverhaltens (21%) und angstbedingter Schulvermeidung (Schulphobie/Trennungsangst: 35%; Schulangst/ Anpassungsstörung  aufgrund von Leistungs- und/oder sozialen Problemen: 20%) zeigten sich deutlich, wobei aber auch Mischformen (etwa im Sinne einer kombinierten Störung des Sozialverhaltens und der Emotionen: 13%) sichtbar wurden. Ein zentraler Risikofaktor für Schulvermeidung scheint eine durch Klassenwiederholungen und Schulwechsel gekennzeichnete Schullaufbahn zu sein: 42% der untersuchten Schülerinnen und Schüler haben einmal die Schule gewechselt, 23% zweimal oder mehr; 53% haben mindestens einmal eine Klasse wiederholt.  Weiterhin ergaben sich Hinweise auf eine Überrepräsentation von Hauptschülern (33%; Vergleich NRW 2007: 11%, vgl. Landesamt für Datenverarbeitung und Statistik NRW) sowie auf eine Abweichung von der Normalverteilung bezüglich der Intelligenzwerte (Überrepräsentation unterdurchschnittlich intelligenter Probanden: 27% vs. Erwartungswert: 14%). Erwartungsgemäß weisen damit leistungsschwache Schülerinnen und Schüler ein erhöhtes Risiko für Schulvermeidung auf.

Implikationen und Ausblick

Schulvermeidung tritt häufig im Rahmen einer psychischen Störung des Kindes- und Jugendalters auf und stellt eine erhebliche psychosoziale Belastung für Kinder, Jugendliche und ihre Familien dar; insbesondere leistungsschwache Schülerinnen und Schüler mit einer von Misserfolgen geprägten Schulkarriere sind hiervon betroffen. In weiteren Analysen soll unter anderem geprüft werden, inwiefern sich bei definierten Subgruppen (z.B. angstbedingte vs. dissoziale Schulvermeidung) Unterschiede bezüglich des Erscheinungsbilds und der Genese schulvermeidenen Verhaltens identifizieren lassen, um so Ansatzpunkte zur Gestaltung weiterer, differenzierterer Behandlungsangebote zu erhalten.

Kontakt

Martin Knollmann

LVR Klinkum Essen

Kliniken/Institut der Universität Duisburg-Essen
Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters
Wickenburgstraße 21
45147 Essen

Tel.: +49 (0) 201 / 8707 - 487
martin.knollmann@lvr.de