Dissertationsprojekt Tim Reschke
Kurzfassung Dissertationsvorhaben Entwicklung und Evaluation von chemiebezogenen Lesegeschichten in der Sekundarstufe I im Fach Chemie
Das beschriebene Forschungsvorhaben soll als Beitrag zur Förderung von Schülerinnen und Schülern durch alternative Lernaufgaben dienen und ist in das Projekt Ganz In eingebettet. „Ganz In – mit Ganztag mehr Zukunft. Das neue Ganztagsgymnasium in NRW“ ist ein gemeinsames Projekt der Stiftung Mercator, des Instituts für Schulentwicklungsforschung der TU Dortmund (IFS) – stellvertretend für die drei am Projekt ebenfalls beteiligten Hochschulen der Universitätsallianz Ruhr (UA Ruhr) – und des Ministeriums für Schule und Weiterbildung des Landes Nordrhein-Westfalen (MSW).
Die Ergebnisse des vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) durchgeführten Ländervergleichs von 2012 zeigen, dass 41.9 % aller Schülerinnen und Schüler, die den Mittleren Schulabschluss anstreben, den Regelstandard des Kompetenzbereichs Fachwissen im Fach Chemie nicht erreichen. Des Weiteren zeigt sich, dass das Interesse am Fach Chemie insbesondere im Vergleich zu den Fächern Biologie und Mathematik deutlich geringer ist (Pant et al., 2013). Dies konnte zuvor auch schon unter anderem in der ROSE-Studie (Sjøberg & Schreiner, 2010) gezeigt werden.
Es scheint daher sinnvoll, Lernmaterialien einzusetzen, die neben der Förderung der fachlichen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler auch interessefördernd wirken. Um dieser Herausforderung gerecht zu werden, könnten chemiebezogene Geschichten als Lernmaterial geeignet sein (vgl. Avraamidou & Osborne, 2009). Geschichten werden oft im Rahmen der Methode des Storytellings verwendet (z.B. Egan, 1988). Diese werden den Schülerinnen und Schüler am Anfang der Unterrichtsstunde mündlich durch die Lehrperson erzählt, um sie für die darauffolgenden Fachinhalte zu begeistern. Neben dem Einsatz von Geschichten im Rahmen des Storytellings können Geschichten auch als Lesegeschichten eingesetzt werden (z. B. Martensen et al., 2007). Die Lesegeschichten liegen den Schülerinnen und Schülern in Textform vor, sodass sie diese eigenständig lesen und bearbeiten können.
Herkömmlicherweise werden im Chemieunterricht Sachtexte verwendet, die chemische Sachverhalte auf rein fachsprachlicher Ebene beschreiben. Ein Problem ist dabei häufig, dass die Schülerinnen und Schüler in einem kurzen Absatz viele Sachverhalte lesen und verstehen sollen und die Sachverhalte zu komplex sind (vgl. Schüttler, 1994).
In chemiebezogenen Lesegeschichten werden im Vergleich zu Sachtexten andere narrative Elemente genutzt (vgl. Avraamidou & Osborne, 2009). Sachtexte beinhalten ausschließlich einen neutralen Stil, welcher durch Man- und Passivkonstruktionen gekennzeichnet ist. Die Lesegeschichten beinhalten narrative Merkmale wie einen Handlungsstrang, Erzähler, Protagonisten, Analogien etc. Protagonisten können dabei sowohl Menschen als auch vermenschlichte Gegenstände sein (Avraamidou & Osborne, 2009). Personifikationen können für chemische Konzepte verständnisfördernd sein (Püttschneider & Lück, 2004). Analogien fördern ebenfalls das Verständnis, da diese den Schülerinnen und Schülern eine Brücke von familiär bekannten zu abstrakt unbekannten Inhalten bilden können.
Bisher gibt es jedoch nur wenige empirische Studien, in denen die Lernförderlichkeit solcher Lesegeschichten und die Wirkung auf das situationale Interesse von Schülerinnen und Schülern im Vergleich zu Sachtexten im Fach Chemie untersucht wurden.
Daher ist das Ziel dieser Studie, dass genau solche chemiebezogenen Lesegeschichten mit Sachtexten verglichen werden. Hierbei sollen ihre Wirkung auf das situationale Interesse und auf die Lernförderlichkeit im Vergleich zu den Sachtexten untersucht werden. Die Geschichten sollen anschließend Lehrerinnen und Lehrern auf Basis der evaluierten Forschungsergebnisse als zusätzliches Lernmaterial für Lernzeiten im Ganztag, aber auch für den Regelunterricht, zur Verfügung gestellt werden. Diese sollen es den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, unbekannte Fachinhalte an interessanten Lernmaterialien zu erlernen. Hierfür wurden jeweils eine Lesegeschichte zu den Themen Alkalimetalle und Atombau entwickelt und erstmalig im Rahmen der Methode des Lauten Denkens mit anschließenden Interviews eingesetzt, um zu überprüfen, wie gut die Schülerinnen und Schüler mit den Texten lernen können. Auf Grundlage dieser Ergebnisse wurden die Texte optimiert.
Anschließend wurden diese im Rahmen einer Interventionsstudie mit Prä-Post-Follow-up-Design in der Jahrgangsstufe 8 an Gymnasien eingesetzt und mit Sachtexten zu den gleichen Inhalten in Bezug auf Lernerfolg im Bereich Fachwissen und situationales Interesse der Schülerinnen und Schüler verglichen. Beide Textarten wurden als Lernmaterialien in Kombination mit jeweils drei identischen Aufgaben zur eigenständigen Bearbeitung eingesetzt. Der Lernerfolg wurde mithilfe eines Fachwissenstests im Multiple-Choice-Format und mit offenen Aufgaben erfasst, das situationale Interesse mithilfe eines Fragebogens. Des Weiteren wurde ein Fragebogen konzipiert, der die Einschätzung von Schülerinnen und Schülern gegenüber den narrativen Merkmalen der Lesegeschichten evaluiert, da die einzelnen Merkmale auch einen Einfluss auf das situationale Interesse und die Lernförderlichkeit nehmen könnten. Als Kontrollvariablen wurden u. a. die aktuelle Motivation, die kognitiven Fähigkeiten, die Lesekompetenz, das Fachinteresse, die kognitive Belastung und die Bearbeitungszeit erhoben.
Momentan werden die erhobenen Daten ausgewertet. Auf Grundlage dieser Ergebnisse kann dann eine Aussage darüber gemacht werden, ob die entwickelten Lesegeschichten als alternatives Lernmaterial für zusätzliche Lernzeiten und für den Regelunterricht im Vergleich zu Sachtexten geeignet sind.
Projektstart
September 2013
Finanzierung
Finanziert durch die Stiftung Mercator im Rahmen des Projektes Ganz In
Betreuer
Elke Sumfleth, Jenna Koenen
Dissertation
Tim Reschke