Interpretation von Johannes Müller-Salos Logik für die Wahlentscheidung aus dem Gedichtzyklus Wir hielten sie für Freudenfeuer 

Ein Beitrag von Mila Mantaj

 

Johannes Müller-Salos erstes Gedicht Logik für die Wahlentscheidung besteht aus drei Strophen und thematisiert dabei den rassistischen Anschlag am 19.02.2020 in Hanau (Attentat von Hanau).   Auffällig ist bei der Gestaltung des Gedichts, dass es entsprechend der in der Philosophie gängigen Darstellungsweise von Argumenten entspricht und einen in sich logischen Schluss darstellt.
In der Philosophie bezeichnet der logische Schluss eine Reihe von meist zwei wahrheitsgemäßen Aussagen, den Prämissen, aus denen sich die Konklusion, also eine Schlussfolgerung, ergibt. Für den lyrischen Schlusses den Müller-Salo vornimmt, ist der Titel aufschlussreich. Wenn es um Logik geht, dann geht es zumindest im rhetorisch-philosophischen Sinne darum, die Struktur von Argumenten auf ihre Gültigkeit hin zu untersuchen. Die Logik für die Wahlentscheidung ist hierbei dann also die Untersuchung dessen, welche Prämissen für eine spezielle Wahlentscheidung gesetzt werden, damit ein spezifischer logischer Schluss seine Gültigkeit erhält. Wovon genau diese Wahlentscheidung beeinflusst wird, verdeutlicht Müller-Salo, indem er die neun Namen der in Hanau getöteten Menschen als Argumente für eine Wahlentscheidung anführt. 
In der zweiten Strophe wird eine weitere Prämisse eingeführt und zwar die der Würde. Diese Prämisse ist immer Teil des logischen/lyrischen Schlusses, was durch den Vorsatz „jede“ (S. 88) gekennzeichnet ist. Zeitgleich wird hiermit auf den ersten Artikel des Grundgesetztes (Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland) verwiesen, in dem es heißt, dass die Würde des Menschen unantastbar ist. Wenn die Würde des Menschen also dem logischen/lyrischen Schluss insofern inhärent ist, als dass sie Teil der Prämissen der Wahlentscheidung ist, dann können auch nur Wahlentscheidungen getroffen werden, die keine Menschenwürde verletzen. Die menschliche Würde stellt hierbei eine unveränderliche Prämisse dar, was sich in der dritten und letzten Strophe zeigt, in der der logische/lyrische Schluss als geltend anerkannt wird.
Die textgestalterische Ebene in Müller-Salos Gedicht Logik für die Wahlentscheidung ist auch ab von der Verbindung des logischen mit dem lyrischen Schluss interessant, denn Müller-Salo räumt jedem der in Hanau Verstorbenen einen eigenen Vers ein, sodass in der rein äußerlichen Betrachtung des Gedichts die Namen der Verstorbenen das erste sind, was von den Leser*innen wahrgenommen wird. Hierbei ist besonders die Wirkung herauszustellen: Während in gängigen Medien sich die Berichterstattung von Anschlägen und Attentaten, gerade bei rechten und rechtsextrem motivierten Taten (NSU im Dossier Rechtsextremismus der Bundeszentrale für politische Bildung), oftmals täterzentriert vollzieht, findet Müller-Salo in seiner Lyrik einen Weg eine Perspektive zu eröffnen, die den Blick rein auf die Betroffenen richtet. Eine ähnliche Vorgehensweise verfolgt die Kampagne #saytheirnames der BMFSFJ geförderten Initiative Demokratie Leben! in Hanau (Kampagne #saytheirnames). Diese veröffentlichten Aktionsschilder, die nicht nur die Namen der Getöteten beinhalten, sondern auch ihre Konterfeis zeigen. Die betroffenenzentrierte Perspektive kann hierbei auch die Auswirkung von Rassismus andersartig verdeutlichen, indem die Opfer und ihr Tod als direkte Konsequenz rassistischer Ideologien gezeigt werden.
Grundsätzlich bietet die Lyrik als Form, insbesondere mit dem Zusatz der politischen Lyrik, mannigfaltige Möglichkeiten der veränderten Perspektivierung. Gerade für die politische Lyrik der Gegenwart gilt, dass sie zum einen mit Vorstellungen der Mehrheitsgesellschaft bricht, indem lyrische Sprecher*innen genutzt werden, die außerhalb der Mehrheitsgesellschaft stehen und auf ebendiese ihren Blick richten. Zum anderen können aber auch alternative Gesellschaftsordnungen etabliert werden auf deren Grundlage die lyrischen Sprecher*innen ihre Perspektiven vorstellen. Für Johannes Müller-Salos Gedichtzyklus trifft vor allem die letztgenannte Kategorie zu. Mit der Verschiebung der Perspektive, betroffenenzentriert statt täterzentriert, entwirft Müller-Salo sogar eine eigene, innere Logik, nach der eine Gesellschaft aufgebaut wird, deren oberste Prämisse die menschliche Würde ist. Hierbei verändert sich dann nicht nur die Perspektive aus der über die Betroffenen von rassistischer Gewalt gesprochen wird, sondern gleichzeitig auch der Zugang dazu, wie das Problem der rassistischen Gewalt seitens der Mehrheitsgesellschaft wahrgenommen wird.
Johannes Müller-Salo stellt mit seinem Gedicht die gegenwärtige Frage danach, wie gewählt werden müsste, um rassistische Gewalttaten wie das Attentat von Hanau verhindern zu können. Oder andersherum: Welche vorangegangenen Wahlentscheidungen rassistische Gewalttaten in Deutschland begünstigen können. Müller-Salo thematisiert in seinen Gedichten, speziell im hier analysierten, wie Politik durch die Bürger*innen mitgestaltet werden kann, wenn eine Gesellschaft (strukturellen) Rassismus internalisiert hat. Aus Müller-Salos logischem/lyrischem Schluss ergibt sich, dass vor allem die Wahrung im Rahmen des Grundgesetz und die menschliche Würde einen Ausgangspunkt für eine mögliche Wahlentscheidung darstellen kann.
Mit dem Erstarken von völkisch-nationalistischen Partien wie der AfD (Bundeszentrale für poltische Bildung) seit den 2010er Jahren ist diese Frage nach der menschlichen Würde und deren Relevanz innerhalb von politischen Kontexten verschärft worden. Dass eine Partei, die offen antisemitische und rassistische Programme vertritt, in der Bevölkerung Anklang findet, kann als deutliches Zeichen dafür gewertet werden, wie tief verwurzelt ebendiese Probleme in der deutschen Gesellschaft sind. Der deutsch-jüdische Lyriker und Essayist Max Czollek (https://www.uni-due.de/literarikon/czollek.php) vertritt die Auffassung, dass die BRD sich nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein antifaschistisches Selbstbild aufgebaut hat, das vor allem davon geprägt ist, dass sich das Menschheitsverbrechen der Shoah nicht wiederholen kann. Zeitgleich zu diesem Selbstverständnis generiert sich der Wunsch nach Normalisierung und Vergebung seitens der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Das Problem, dass sich hierbei ergibt, ist das Spannungsfeld der Kontinuitäten von rassistischen, antisemitischen und völkisch-nationalistischen Denkweisen und dem Wunsch danach, ebendiese in Einklang zu bringen mit dem antifaschistischen Selbstverständnis, das sogar verfassungsrechtlich festgeschrieben ist. Max Czollek argumentiert, dass aus eben diesem Wunsch nach Normalisierung, die Salonfähigkeit offen rassistischer und antisemitischer Parteien wie der AfD, geboren würde. (Czollek, 2018, S. 35ff.)
Vor diesem Hintergrund kann auch Johannes Müller-Salos Gedicht gelesen werden. Dass rassistische Gewaltverbrechen in Deutschland immer noch allgegenwärtig sind, ist auch vor allem Ausdruck der politischer Kontinuitäten und Wahlentscheidungen, sowie der Einstellung der deutschen Mehrheitsgesellschaft. Müller-Salos Gedicht kann dabei als Aufforderung gelesen werden, sich tiefergehend mit der Prämisse der Würde auseinanderzusetzen und die eigenen politischen Haltungen und internalisierten Denkmuster zu reflektieren.


Literaturverzeichnis


Müller-Salo, Johannes: Logik für die Wahlentscheidung, in: 30. Open Mike. Wettbewerb für junge Literatur. Die 17 Finaltexte. Allitera Verlag, München, 2022, S. 88.

Czollek, Max: Desintegriert euch! Carl Hanser Verlag, München, 2018, S. 35ff.