Editorial
Liebe Leser,
der Mensch suchte schon immer nach regelhaften Strukturen, durch die
er sich die Welt erklären, seine eigene Position bestimmen und letztlich
Identität entwickeln kann. Er hat über die Jahrtausende viele dieser
Ziele erreicht und so sind wir heute in der Lage, zu theoretisieren, die
Welt der Materie zu entstofflichen. Zwei koordinative Komponenten,
zwei Orientierung stiftende Größen in einer vormals orientierungslosen
Welt waren für diesen Prozess entscheidend: Die Erfindung des
Raumes und die Erschaffung der Zeit. Denn fast alles und jedes lässt
sich im Rahmen dieser beiden Koordinaten beschreiben und verorten.
Wir schaffen uns Ordnungssysteme, bemühen uns um Kontinuität und
standardisierte Abläufe, entwickeln Skripte und Strategien, verändern,
gestalten und verfügen über diesen Planeten allein durch ihre Hilfe.
Es hat uns interessiert, wie und in welchen Wirkungsgefügen solche
Zeit-Räume und Raum-Zeiten existieren und in der Germanistik
untersuchbar sind. Und so war das Thema dieser vorliegenden fünften
Ausgabe der mauerschau geboren: Raum und Zeit.
Die auf unseren Call For Papers folgenden Arbeiten waren so
interessant wie abwechslungsreich. So beschäftigen wir uns in dieser
Ausgabe unter anderem mit den Fragen, ob man Zeit wie Blätterteig
falten kann, wieso Guido Knopp mit Hitler in einer WG wohnt und
woher überhaupt Konserven-Nazis kommen. Wie erforscht man bei
David Lynch das Unbewusste und was zerstörte das Paradies? Wie
entflieht man in einer Art Seelenballon der tristen Realität und wann
eigentlich ereignet sich das Unmögliche?
Möglich gemacht wurde diese Ausgabe, und dafür möchten wir uns
an dieser Stelle ganz herzlich bedanken, durch die selbstlose und
freiwillige Arbeit der Redaktion, die Unterstützung derselben durch
unseren wissenschaftlichen Beirat und letztlich durch die schönen
Ideen und die hervorragende Zusammenarbeit mit den Autoren. Ein
besonderer Dank gilt Herrn Dr. Krauss für seine Hilfe und Herrn Dr.
Cölfen vom Universitätsverlag Rhein- Ruhr für sein Engagement.
Bei der Lektüre dieser fünften mauerschau wünschen wir Ihnen viel
Spaß und Freude.
Sunke Janssen und Sylvia Nürnberg, Herausgeber der mauerschau,
Essen im Juni 2010
