Charakteristika des Werks

Die Krautflut

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Die Krautflut   [ ↑ ]
Haurucker und Frauke, Hargenauer und Fräulein, diese zwei Liebespaare sind die Protagonisten dieser Erzählung, die eine Collage aus Fotographien und Texten darstellt. Fräulein betrügt Hargenauer mit Haurucker und während die Frauen einander später näher kommen, erschießt Hargenauer seinen Rivalen. So kurz und einfach lässt sich die Handlung (zumindest vordergründig) zusammenfassen. Umso ungewöhnlicher ist die sprachliche Umsetzung. Franzobels eigenwilliger Umgang mit Wörtern und seine Lautmalereien erfordern eine enorm hohe Aufmerksamkeit. Zunächst willkürlich wirkende Sprachspielereien, entwickeln mit der Zeit ihren eigenen Rhythmus. Auch wenn dieser erst beim mündlichen Vortrag richtig zur Geltung kommt, kann man ihm beim Lesen nachspüren.
Übergangslos wechselt die Erzählperspektive zwischen den Protagonisten. Jedem Charakter ist ein spezifischer Sprachstil zugeordnet, sodass der Text ein heterogener Stimmenmix ist Dieser stetige Wechsel verleiht dem Text seine Struktur. Eine weitere Gliederung entsteht durch die Wiederholung einzelner Elemente:

„Sintemal, Pardauz, Perdü, dem Dingfesten der Dinge schwappt eine Masse über […]“ (13, 75); „Sintemal, Pardauz, Perdü, selbst Dämme rechnen sich aus, kapitulieren.“ (33,59).

Anspielungen und Mehrdeutigkeiten erschweren das Textverständnis, und kaum ist für den Leser Struktur und Sinn erkennbar, entzieht sich der Text ihm wieder. Franzobel sorgt auch dadurch für Verunsicherung, dass er die Konstellation seiner vier Protagonisten in Frage stellt: „Vielleicht sind es auch nur zwei, oder überhaupt nur einer, ne, alles nicht autobiographisch“ (47).
Mit jedem seiner Texte möchte Franzobel nach eigener Aussage die Literatur weiterentwickeln, weshalb er weitgehend auf den Gebrauch üblicher, bekannter Metaphern verzichtet. Er verwendet sie in verfremdeter, überspitzer Form oder nimmt sie wörtlich, um ihre Bedeutung zu untergraben. Dieses Verfahren wendet er auch in der Krautflut an. So wird der gedankliche Faden, der sich durch die Geschichte zieht, zu realem Zwirn, in dem man sich verheddert. Aus der verwendeten Metapher wird eine Stolperfalle, deren Bedeutung weit über den Text hinaus weist (vgl. 15).
Die Krautflut breitet sich auf mehreren Ebenen über die Handlung aus. Neben der Textebene enthält die Erzählung auch eine Bildebene. Auf jeder zweiten Seite sind schwarz-weiß Fotografien zu sehen, auf denen Badegesellschaften immer weiter vom Strand ins Meer gedrängt werden, bis schließlich auf dem letzten Bild kein Land mehr zu sehen ist: Das Wasser greift um sich. Der letzte Abschnitt des Textes ist als Palindrom angelegt. Ab der Hälfte wiederholen sich die Worte fast identisch in umgekehrter Reihenfolge, sodass der Absatz von vorne wie hinten gelesen werden kann. Die Wörter fließen wie eine Welle erst vorwärts und ziehen sich dann wieder zurück:

„So ertränkt sich die Geschichte selbst mit sich. Das ist ein Widerspruch, den spült sie mit sich mit, und aus den letzten Zipfeln Zuordenbarkeit wringt sich was und das ist das, und was sich wringt: Zuordbarkeit, Zipfl, letzter, den aus und mit sich mit, sie spült den Widerspruch, ein ist das Sich, mit selbst Geschichte, die sich ertränkt so“ (76/77).

Mit der Krautflut gelang Franzobel ein beeindruckendes Debüt, mit dem er die Jury des Bachmann-Preises sprachlos machte und sogar gebeten wurde, seinen Vortrag über die übliche Länge (30 Minuten) hinaus fortzusetzen.

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Pressespiegel zu Die Krautflut [ ↑ ]
Durch den Gewinn des Ingeborg-Bachmann-Preises erhielt Die Krautflut ein großes Presseecho, vor allem, wenn man bedenkt, dass Franzobel bis zu diesem Zeitpunkt nur einem sehr kleinen Publikum bekannt war. Besonders hervorgehoben und positiv bewertet wird immer wieder seine Vorliebe für Sprachspiele. Cornelia Geißler etwa betont in der Berliner Zeitung die hohe Qualität des Textes, die jedoch durch den mündlichen Vortrag durch den Künstler selbst noch gesteigert werden könne.
Thomas Eder (Der Standard) sieht vor allem in Franzobels Unangepasstheit und seiner unkonventionellen Textkomposition die Stärke, die ihn aus der Masse heraushebt. Er halte sich beim Schreiben nicht an vorher festgelegte Regeln und Methoden, sondern setze sich über diese Vorgaben hinweg und wende in der Krautflut u.a. eine freie Montagetechnik an, bei der jedoch nicht die Technik selbst im Vordergrund stünde, sondern die eigentlich Textaussage nur unterstütze. Der Roman enthalte außerdem eine Menge hintergründigen Humor, der für die Leser*innen mitunter nur schwer zugänglich sei.
In die überwiegend lobende Berichterstattung mischen sich nur wenige negative Kritikpunkte. So kann sich auch Kati Dietlicher im Tages-Anzeiger der Faszination der franzobelschen Spracheigentümlichkeiten nicht völlig entziehen, sie weist aber auch darauf hin, wie stark die Sprache dabei „traktiert“ werde, sodass der Text für fast niemandem mehr auf Anhieb verständlich sei.

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Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt [ ↑ ]
In Franzobels meist besprochenem Roman Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt geht es um nichts weniger als die Abgründe menschlicher Perversionen, Österreichs Katholizismusprägung, den nahmenden Weltuntergang zum Jahrtausendwechsel und die Frage, ob der Mensch eigentlich noch zu retten sei. Erzählt wird aus der Perspektive der Statuen Pieta, Papst Pius, Ecce homo und Der Gegeißelte, die sich neben der Basilika Laterana in Rom zu den Stufen der Heiligen Treppe befinden. Ein Gespräch der Statuen untereinander bildet den Vorspann, führt in die Erzählung ein und kommentiert das Geschehen. Dabei ist der Roman in vier Hauptkapitel unterteilt, die jeweils den Namen einer dieser Figuren tragen. Am Anfang findet in Wien auf dem fiktiven Kalauerplatz ein Mord statt, der die Schaulustigen Zieglböck, Hugo Wurznbacher und Bruno Scheidewasser zusammenführt und kurz vorstellt. Übergeleitet wird zu Pepi, Hugo Wurznbachers Tochter, die im Sandkasten spielt und Tag für Tag zum pädophilen Lustobjekt wird, ohne dass sich jemand daran stört. Es ist für sie selbst so normal, dass sie es nicht hinterfragt und als selbstverständlich hinnimmt. Im Erwachsenenalter wird sie zur Prostituierten und Pornodarstellerin, die mit 15 Jahren ein Kind bekommt und weggibt. Franzobel hat sich nach eigener Aussage von dem Roman Josefine Mutzenbacher. Die Geschichte einer Wienerischen Dirne. Von ihr selbst erzählt aus dem Jahr 1906 inspirieren lassen. Pepis Mutter, Anna Wurznbacher, wird von ihrem Mann auf grausamste Art und Weise umgebracht weil er glaubt, sie habe ihn betrogen. Hugo seinerseits schläft mit den Zeuginnen Jehovas Aurelia und Zita, vertreibt mit seinem Kollegen Weinzwang illegal Dildos und träumt von Laura Cornetti aus Rom, die er auf einem Bild im Fotostudio Zieglböck gesehen hat. Pepis Brüder Franz und Lorenz ergeben sich während ihrer Kindheit ihrem Schicksal und bleiben stumm, obwohl ihr Vater sie den Nachbarn mehrfach zur Vergewaltigung anbietet. Lorenz wird daraufhin Priester, der den ihm anvertrauten Kindern das gleiche antut. Als die Öffentlichkeit davon erfährt, stürzt er sich vom Stephansdom. Weitere Protagonisten sind die Polizisten Gundula Krumpl, Sixtus Ponstingl-Ribisl und Karol Knechtl. Alle drei haben ein gestörtes Verhältnis zur Sexualität: Gundula hat ihren Exfreund Werner nur ausgenutzt, um von ihrer herrschsüchtigen Mutter loszukommen, Ponstingl-Ribisl liebt Frauen nur so lange, bis sie sich als normale menschliche Wesen herausstellen und Knechtl sieht in allen Frauen nur Sexobjekte und arbeitet nebenbei als Gigolo. Genannt sei noch Gundulas beste Freundin Kathi Gablfrühstück, Ballerina und Sexobjekt. Zudem treten mehrere Geistliche auf, ein sexsüchtiger Leichenwäscher, die stigmatisierte Pfarrersköchin Klementine Zitzelfeigler, diverse Verwandte der Wurznbachers und der Feiste Fridolin, der in seinem Sexshop fast alle Romanfiguren als Stammkunden begrüßt. Die Reise aller endet in Rom, wohin Wurznbacher, Scheidewasser und Roland auf eigene Faust reisen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie auf der Scala Santa um die Vergebung ihrer Sünden bitten.
Franzobel entwirft in seinem Roman eine Welt, in der der Mensch jede Individualität verloren hat und allein durch seine Triebe gesteuert wird. Zentrales Motiv ist wieder die Religion, die dem sexuellen Trieb gegenüber steht, laut Svjetlan Lacko Vidulic als „hohle Attrappe[…] einer sinnentleerten Transzendenz“ (Vidulic 2000, 107). Aurelia und Zita, die Zeuginnen Jehovas, sitzt stets ihr Glaube im Nacken und straft sie für das Ausleben ihrer Sexualität. Pfarrer Hutwelker liefert dem Bischof Finocci regelmäßig Ministranten zum Missbrauch, die Köchin Zitzelfeigler gilt jährlich im April als örtliche Sensation, wenn sich ihre Stigmata zeigen. Der Roman endet auf der Scala Santa in Rom, auf der die Reisenden auf Knien hochrutschen, um von ihren Sünden befreit zu werden. Das Titelmotiv der Heiligen Treppe ist also der Zielpunkt aller Figuren, die – so der weitere Titel für ihre (sexuellen) Sünden um Absolution bitte, jedoch ohne Reue. Die Religion kann dem Sexualtrieb der Menschen keinen Einhalt gebieten und so wird selbst diese Geißelung zu einem Akt sexueller Ergötzung (vgl. Schlicht 2004, 163). Ein weiteres franzobelsches Thema neben der Sexualität ist die Gewalt; beides weist den Mensch als bloßes triebgesteuertes Wesen aus. Denn Aggression und Lust sind dem Menschen immanent, weshalb sexuelle Handlungen in dem Roman fast ausschließlich als Vergewaltigungen dargestellt werden. Ebenso ist die Pädophilie allgegenwärtig: Sämtliche Kinder werden sexuell missbraucht, und es wird als Normalität angesehen, dass sozial, körperlich oder altersmäßig Unterlegene sich von den Überlegenen sexuell unterdrücken lassen müssen. Das zeigt sich auch in Gestalt des Leichenwäschers Luipold Nehoda, der sich an Pepis toter Großmutter vergeht und für den Leichenschändung Alltag ist. Die Diagnose des Menschen auf seine Triebhaftigkeit zeigt sich auch in der abstoßenden Körperlichkeit, in der Franzobels Figuren gezeichnet sind. Bildlich gemacht wird dies neben den klingenden Figurennamen durch eine stete Überzeichnung der Figuren ins Hässliche. Angefangen mit Ludovica Hasentütl, die stark übergewichtige Babysitterin von Pepi, Franz und Lorenz,- Auch an der Figur des Bischofs Finocci wird die Überzeichnung ins Groteske deutlich: „Eine gigantische Knubbelnase, kleine, gierige Äuglein, abstehende Ohren und ein nichtssa-gender lippenloser Mund. […] Und als ob das nicht gereicht hätte, hatte er auch noch zwei sich kreuzende Vorderzähne und, als ob sein Schöpfer in ihm ein Kreuz gemacht hätte wie in einen Lottoschein, ausgeprägte X-Beine.“ (69)
Auch in Scala Santa schimmert Franzobels Österreichkritik durch. Lacko Vidulic sieht in dem Roman „satirisch überzeichnete Klischees einer österreichischen Mentalität“ (Vidulic 2000, 136) und macht dies an typischen Charaktermerkmalen, dem akribisch gepflegten Katholizismus und dem Antisemitismus der Romanfiguren fest. Corinna Schlicht sieht das ähnlich: Für sie ist der Roman „ein amoralisch gezeichnetes Sittengemälde Österreichs“ (Schlicht 2004, 164). Auch Vidulic sieht in dem Roman die Kritik in der sexualisierten Ortsbeschreibung Wiens. (Vgl. Vidulic 2000, 137)
Franzobel erweist sich auch in diesem Text als ein Sprachspieler. Geht es in Scala Santa vornehmlich um Sex, mutet sein Schreibstil allerdings nicht ganz so ordinär an wie in Lusthaus. Salopp und ungehemmt bleibt seine Sprache dennoch. Aber gerade durch ihr Drastik und malerische Fülle gelingt es, das Geschehen detailliert und zum Greifen nah vor Augen zu führen; so Hugo Wurznbachers Beseitigung der Leiche seiner Frau nach deren Ermordung: „die Gebeine zerteilt[…], so gut es ging, mit einem wassergekühlten, elektrischen Fliesenschneider, drückte [er] einige durch den Entsafter, ruinierte eine Kaffeemühle und einen Küchenmixer, zerschlug die in ein feuchtes Tuch gewickelten Knochenstückchen ins WC. Den Schädel aber trocknete er mit einem Föhn und bemalte ihn dann mit Heizkörperfarbe, damit er aussah wie eine Theaterrequisite. Auf diesen letzten Annarest masturbierte er zweimal.“ (194)

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Pressespiegel zu Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt [ ↑ ]
Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt (2000) ist von Franzobels Werken wohl am meisten in der Forschung repräsentiert, gleichzeitig polarisiert er aber auch sehr in der Presse. Die Süddeutsche, Die Zeit, Die Welt, die taz und die Frankfurter Rundschau sind sich einig: sie glauben, dass es sich um einen grandiosen Roman handelt. Alex Rühle (Süddeutsche Zeitung) findet vor allem die „klangmalerischen Namen“ gelungen, die im Kopf des Lesers zum Leben erweckt werden. Franzobel sei es gelungen, hinter all den Zoten und Sprachspielereien ein „düstere[s] Psychogramm einer vergletscherten Gesellschaft“ zu zeichnen, das vom „Ende der Zivilisationsgesellschaft“ handelt. Der Roman hat ihn bis zur letzten Seite gefesselt und er konnte nicht genug bekommen. Für Volker Weidemacher (Die Tageszeitung) geht es in dem Buch vor allem um Österreich selbst. Er ist der Meinung, dass Franzobel mit seiner „Sprachartistik“ beim Leser zwar Ekel und Hassgefühle weckt, er dies aber „präzise und fantasievoll“ gestaltet und so niemals herablassend wird, sondern sogar Verständnis für selbst das abgründigste Verhalten hat. Das mache seinen Hass nur noch realer und nachvollziehbarer. Auch Uwe Pralle (Frankfurter Rundschau) lobt Franzobel: Der Österreicher habe ein Bild der Wiener Arbeiterklasse gezeichnet und er nennt ihn einen „opulenten, amüsanten und zuweilen anarchistischen Erzähler“. Dem gegenüber kann Gert Uedig (Die WeltScala Santa kaum etwas abgewinnen. Er habe sich bei der Lektüre gelangweilt, denn die Sprache und die Wortspielereien könnten die „Überproduktion von Bildern und Fiktionen“ auch nicht mehr retten. In seinen Augen hat Franzobel von allem zu viel verwendet, für ihn herrscht in dem Roman das Prinzip der Beliebigkeit vor, deshalb erkennt er hinter all den „Kalauern und Zoten, Albernheiten und müden Karamellen“ nur noch die „Gleichgültigkeit der Zeichen“ und keinen tieferen Sinn mehr.

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Forschungsspiegel zu Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt [ ↑ ]
Obwohl Franzobel ein breites Œvre vorgelegt hat, beschäftigt sich die Forschung bisher hauptsächlich mit seinem Roman Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt (2000). Im Mittelpunkt der Forschung steht Franzobels Verhältnis zu seinem Medium, der Sprache, aber auch seine Kritik am Land Österreich, die Thematisierung der Sexualität und die in diesem Zusammenhang stehenden intertextuellen Bezüge werden diskutiert.

Sprache
Helmut Gollner zieht den direkten sprachlichen Vergleich zu Hans Carl Artmann, Elfriede Jelinek, Fritz von Herzmanovsky-Orlando, Ernst Jandl, Werner Schwab, Heimito von Doderer und generell zur Wiener Gruppe. Somit sieht er Franzobels Stil als typisch österreichischen an, denn „österreichische Literatur weiß besonders gut, daß alles Sprache und Sprache alles ist“ (Gollner 2000, 93). Franzobel ist für ihn ein „Sprachturner“ (Gollner 2000, 93), für den Sprache kein lexikalischer und syntaktischer Platzanweiser ist, sondern der Gegenstand selbst. So wird Franzobel zu einem „anarchische[n] Puppenspieler, dessen Puppen dem Menschen ähnlich genug sind, um ihn bloßzustellen“ (Gollner 2000. S.93). Den Bezug zu Werner Schwab sieht auch Jürgen Engler. Laut Engler hat Franzobel einst Schwabs Poetik als eine „ironisch distanzierte[] Ästhetik des Entsetzlichen“ (Engler 2000, 170) genannt. Engler ist der Meinung, dass man genau das auch von Franzobels Texten sagen kann. Seine Wortspiele vergleicht er zudem mit denen Abraham a Santa Claras, einem katholischen Prediger und Schriftsteller des 17. Jahrhunderts. Engler führt außerdem die sprechenden Namen an, die Franzobel seinen Romanfiguren gibt und die abstoßende körperliche Überzeichnung der Agierenden. Dieser „kräftige physiognomische Akzent [der] realistische[n] Literatur des 19. Jahrhunderts […] wird von Franzobel für die schöne Literatur zurückerobert“ (Engler 2000, 169). Corinna Schlicht reiht sich in die Begeisterung für Franzobels Lautmalereien und Wortschöpfungen ein. Er ist in ihren Augen mit seinen Sprachreflexionen zwar auch eng mit dem Wiener Kreis und der Wiener Gruppe verwoben, aber seine Reflexionen mündeten nicht in einem grundsätzlichen Sprachskeptizismus, sondern es ginge ihm darum, „die Menschen beim Wort zu nehmen, um so Gewohnheiten, Denkweisen und Gefühlslagen aufzudecken, ja zu dechiffrieren“ (Schlicht 2004, 163, Hervorhebung im Original).

Österreich(kritik)
Über den Inhalt und die Intention von Scala Santa gehen die Forschungsmeinungen ein wenig auseinander. Schlicht ist der Auffassung, dass Franzobel mit seinem Roman ein moralisches Untergangsszenario zeichnet, das sich aber nicht nur aus der Unruhe der Figuren bezüglich des bevorstehenden Jahreswechsels von dem erzählten Jahr 1999 auf 2000 ergibt, sondern hauptsächlich daraus, dass die Handelnden Österreicher sind. Franzobel zeige „mit seinem Personal eine scheinheilige österreichische Gesellschaft, der weder Kultur noch Anstand zugesprochen wird, sondern die das Ende der Zivilisationsgeschichte versinnbildlicht“ (Schlicht 2004, 166). Diese Kritik an Österreich vergleicht sie mit Ingeborg Bachmanns Unter Mördern und Irren und Thomas Bernhards Heldenplatz.
Svjetlan Lacko Vidulic sieht in Scala Santa ein „oftmals […] überzeichnete[s] Klischee[…] einer ‚österreichischen‘ Mentalität“ (Vidulic 2000, 136), was er mit den typisch österreichischen Charaktermerkmalen der Figuren, dem „Katholizismus“, der „Anti-Heimat-Attitüde“ und dem „Antisemitismus“ der Figuren belegt (Vidulic 2000, 136). Im Mittelpunkt seiner Forschung steht aber die Sexualität, und so erkennt er in den Obsessionen der Figuren den „Nachhall authentischer Sex-Skandale der letzten Jahre“ (Vidulic 2000, 136). Für ihn zeichnet Franzobel eine „abgründige, sinnentleerte Welt“ (ebd.). Er stelle dem Sex die Religion gegenüber und auf diese Weise hebe der Wiener Autor das amoralische Verhalten der Figuren noch deutlicher von bürgerlichen Wert- und Normvorstellungen ab. Auch Helmut Gollner und Bettina Rabelhofer konstatieren, dass es Franzobel vorrangig um Negation gehe: Gollner sieht Franzobel als „genußfrohe[n] Apokalyptiker“ (Gollner 2000, 94), der gleich die gesamte Menschheit negiert. Für Rabelhofer steht die Negation von Sehnsucht und Liebe im Vordergrund, die aber gerade durch ihre Negation im Roman selbst zum Thema werden. Sie setzt den Fokus auf die intertextuellen Bezüge zu Josefine Mutznbacher, ihrerseits fiktive Prostituierte aus Leidenschaft, die Pate für Pepi Wurznbacher, ebenfalls spätere Prostituierte und von der Gesellschaft von klein auf zum Sexobjekt verdammt, steht (Vgl. Rabelhofer 2001, 54).

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Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit   [ ↑ ]
In Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit (2002) geht es um nationalsozialistische Vergangenheit und das gesamte Spektrum menschlicher Abgründe. Verpackt in einen episodenhaften Roman, erzählt Franzobel durchweg vom Mensch als triebgesteuertem Wesen, das von Ängsten und unterdrückten Obsessionen geplagt wird. Als unsichtbare Erzählerin fungiert Rosalia Lombardo, die Kindermumie aus der Kapuzinergruft in Palermo, die 1920 im Alter von zwei Jahren für die Ewigkeit konserviert wurde, deren Geist aber noch umherirrt. Sie schlüpft in den Körper Elfriede Klappbauchs, als diese gerade vom Blitz getroffen wird. Sie und ihr Mann bilden das neutrale Zentrum um die Figuren Pasqualina, Gloria, Seth, Conchita, Manker, Mariella und Zmirgel, die alle durch Nach-barschaft und zwischenmenschliche Beziehungen miteinander verbunden sind. Rosalia steht für den Tod, der eines von vielen Leitmotiven in diesem Roman ist. Herrscher über denselben ist der Journalist Zmirgel, der sich sein Geld mit dem Verfassen von Nekrologen verdient. Ungewöhnlich ist, dass er mit diesen Nachrufen selbst bestimmen kann, wer nach der Veröffentlichung stirbt. Zmirgel, eine aalglatte und beschränkte Person, ist sich unsicher, ob er seine Fähigkeit nutzen soll und nimmt bei Manker Nachhilfestunden im Gemeinsein. Manker ist ein durchweg böser Mensch, der seinen Hang zur Gemeinheit und Zerstörung unter dem Deckmantel des Faschismus vor allem an seiner Frau Mariella, einer der Völlerei zugeneigten ungepflegten Venezulanerin, befriedigt, die lediglich für seine sexuellen Wünsche zur Verfügung zu stehen hat. Ebenfalls ein Faschist ist Alfred Tonymontana, Pasqualinas verstorbener Vater und Hitlerfan, dessen Asche sie auf dem Wiener Heldenplatz verstreut, wo Hitler 1938 unter großem Jubel empfangen wurde und den Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich verkündete. Auch Tonymontana lebt im Widerspruch zu seiner Gesinnung, denn Pasqualinas Mutter war keine ‚Arierin‘, sondern Argentinierin. Conchita, Mankers erste Freundin, stammt ebenfalls aus Argentinien; diese heiratet den Chilenen Seth, damit sie eine Aufenthaltsgenehmigung erhält. Seth ist ein sensibler, selbstmordgefährdeter Kellner, der Conchita vergöttert. Aber auch in ihm schlummern menschliche Abgründe, denn er ist süchtig nach Gewaltfilmen und schaut sich regelmäßig zur Beruhigung Bilder von Unfallopfern im Internet an.
Franzobels Figuren sind so konstruiert, dass sich in ihnen jeweils mindestens eine der sieben Todsünden manifestiert. Entsprechend ist das Buch in sieben Hauptkapitel unterteilt, deren Titel aber nicht auf Sünden verweisen; z.B. „Gloria ist so geizig, dass sie selbst für Lausshampoo nichts ausgeben will und stattdessen WC-Reiniger nimmt“. In Manker manifestieren sich sowohl Zorn, den er gegen alles und jeden hegt, als auch Wollust, die in diesem Buch sowieso allgegenwärtig ist. Völlerei und Faulheit werden vor allem durch Mankers Frau Mariella repräsentiert. Die Untertitel lesen sich wie die Personenaufstellung eines Dramas, in der jeder Figur ein Attribut zugeordnet wird: „Pasqualina, die Dicke“ (8) „Gloria, die Verrückte“ (12), „Elfriede, die Blitzableiterin“ (125). Man kann Lusthaus auch als belehrende Komödie lesen, die moralische Negativbeispiele vorführt. Beherrscht wird diese Komödie von einer rigorosen Religionskritik. Im Roman wir Religion mit dem Tourismus verglichen, der wiederum als Bordell definiert wird: „Die schönsten Orte dieser Welt sind belagert wie eine billige Hure. Alle Intimität ist hin. Die Freier wollen nur beweisen, dass sie draufgelegen sind.“ (104) Wie ein Mantra stammeln seine Figuren Gebete vor sich hin, und zwar immer dann, wenn sie wieder von besonders schmutzigen Gedanken geplagt werden. Dem gegenüber stehen heidnische Religionen wie der griechische Gründungsmythos von Gaia und Titan oder der ägyptische Totenkult rund um Seth und Horus. Komödienhafte Qualitäten erlangt der Roman nicht zuletzt durch Franzobels konsequent drastische und plastische Sprache, die zwischen Ekel und Lachen hin- und herschwanken lässt::„Erst vor drei Tagen hatte er seinen marmeladigen Lebenssaft in Conchitas Hinterteil gezielt, […] das Becken von hinten ihr bewässert, weil es vorne noch gesperrt war, von der Abtreibung zerrissen, ihr seinen purpurroten Schwanz ins dunkelbraune Einspritzloch gepreßt, gestöhnt.“ (89)

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Pressespiegel zu Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit [ ↑ ]
In seinem Roman Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit (2002) entwirft Franzobel eine verdorbene Welt menschlicher Abgründe. Die Figuren sind völlig verroht, kennen keine Zwischenmenschlichkeit und sind ganz auf ihre sexuellen Triebe und Obsessionen reduziert. Charakteristisch für diesen Roman sind die durchweg burlesken Sprachspielereien. Hauke Hückstädt (Frankfurter Rundschau) lobt Franzobels musikalischen Schreibstil und nennt ihn einen „Vokabel-Percussionisten“. Es gelinge ihm, mit seinen Wortspielen Bilder im Kopf des Lesers entstehen zu lassen. Für den Rhythmus seiner Sprache kann sich auch Gerald Schmickl (Die Zeit) begeistern. Er findet, dass Franzobel den „Bodensatz aus Fäkal-, Porno-, Nazi- und Brutalojargon […] lustvoll umgräbt.“ Als Kritikpunkt merkt er an, dass die Leser*innen aufgrund der Menge der Figuren leicht den Überblick verlieren, ist ansonsten aber von dem Roman begeistert. Kritischer äußern sich dagegen Martin Halter (Frankfurter Allgemeine Zeitung) und Hilmar Klute (Süddeutsche Zeitung). Halter erkennt in Lusthaus durchaus Franzobels „souveräne Sprachbeherrschung“ und ist auch der Meinung, dass dieser mit seinen Metaphern gewohnt geschickt umgeht. Er zeigt sich aber dennoch enttäuscht und ein wenig gelangweilt, denn Franzobel sei seiner eigentlichen Kunst in diesem Roman nicht gerecht geworden: „So munter die Metaphernkaskaden dahinplätschern: Sie treiben oft nur ein mechanisch klapperndes Mühlrad an“. Klute (Süddeutsche Zeitung) ist geteilter Meinung. Für ihn ist Franzobel der „unumschränkte Meister der hochartifiziellen Trivialliteratur“ und er findet den Roman trotz seiner banalen Ausstrahlung anspruchsvoll. Allerdings ist es für ihn vor allem die experimentelle Sprache, die Franzobels Werken ihren Charakter verleihen, und er kann sich nicht damit anfreunden, dass gerade Lusthaus auf der Inhaltsebene substanzlos bleibt. Für ihn ist unter „dem dünnen Boden der Sprache […] alles hohl.“

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Mundial. Gebete an den Fußballgott

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Mundial. Gebete an den Fußballgott  [ ↑ ]
Im Essayband Mundial geht es, wie der Titel unschwer erraten lässt, um Fußball, oder besser gesagt auch um Fußball. Die 19 kurzen Texte decken ein breites Themenspektrum ab: vom Skilaufen über Politik bis hin zu ‚normalen‘ Alltagsnöten. Fußball dient häufig nur der Anstoß zu anderen Betrachtungen. Das Buch ist nicht nur ein bunter Themen-Mix, er ist auch formal als Materialmix konzipiert. Jedem Essay gehen ein Fußballzitat und eine Illustration voraus. Die Zeichnungen und Collagen von Carla Degenhardt wirken verstörend, kombiniert sie doch das Thema Fußball z.B. mit der Darstellung von bis auf die Knochen abgemagerten Frauen oder Teletubbies mit Riesenpenissen.
Liest man den zweiten Essay Buenos días mein Ohr kann man leicht nachvollziehen, wieso James Joyce immer wieder als ein literarisches Vorbild Franzobels genannt wird, denn z.B. die Gedankenreise, die durch den Anblick des Ohres einer Supermarktverkäuferin ausgelöst wird, trägt Züge eines stream of consciousness.
Mundial ist nicht nur etwas für Fußballfans. Die dem Autor eigene Art in Andeutungen zu schreiben, um so möglichst viele Bedeutungsebenen gleichzeitig aufzumachen, findet sich auch in diesen Texten. Er treibt seine Sprachspielereien jedoch nicht bis zum Ende, sodass der Zugang für einen ungeübten Franzobel-Leser einfacher möglich ist.
Franzobel unternimmt paratextuell viel für seinen Ruf als Fußballbesessener und um zu beweisen, dass er quasi von Geburt an dazu berufen ist, dieses Buch zu schreiben. So legt er den Tag seiner Zeugung wie einleitend erwähnt auf das EM-Endspiel 1966, das durch das Wembley-Tor in die Geschichte einging; erklärt sein Pseudonym durch ein Fußballergebnis und betont, er habe seit 1970 alle Spiele der österreichischen Nationalmannschaft gesehen.

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Pressespiegel zu Mundial. Gebete an den Fußballgott [ ↑ ]
Die Stimmen in der Presse gehen bei diesem Essayband weit auseinander. Gerald Schmickl bewundert in der Zeit-Rezension Franzobels „sprachliche Spielfreude und Kombinatorik“, lobt den Autor für seinen unnachahmlichen Wortwitz und betont die Besonderheit seines Stils, die er in den episodischen Texten erneut unter Beweis stelle. Auch Christian Thomas in der Frankfurter Rundschau ist hellauf begeistert und bezeichnet Mundial als „vielleicht eines der weltbesten Fußballbücher überhaupt“.
Vollkommen anders hingegen steht Andreas Franz in seiner Rezension für Literatur und Kritik dem Buch gegenüber. Er empfindet die Kalauer als plump und uninspiriert und bemängelt das niedrige sprachliche Niveau insgesamt, einschließlich der hohen Anzahl orthographischer Fehler. Er fühlt sich vom Titel des Buches in die Irre geführt, da der Inhalt seines Erachtens nach kaum etwas mit Fußball oder gar Gebeten zu tun habe. Er stößt sich an Formulierungen und kann den eigenwilligen Franzobel-Humor nicht goutieren.

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Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Das Fest der Steine oder Die Wunderkammer der Exzentrik   [ ↑ ]
Das Fest der Steine ist ein Labyrinth: Es gibt zahlreiche als Wege getarnte Sackgassen, versteckte Durchgänge, die man erst bei näherer Betrachtung erkennt und einen riesigen, verzweigten Rahmen, der eine doch recht kleine Mitte umschließt, die kaum zu finden ist. Um zu dieser Mitte vorzudringen, muss man sich durch das Wuchernde kämpfen.
Der Ausgangspunkt: Danny Milchmann, ein jüdischer Zwerg, der Hypnose betreibt und einst ein Spion für den israelischen Geheimdienst war, tritt als erster auf. Er entführt Jahn, einen dicken großen Jungen, der sich im Verlauf der Geschichte als Zwitterwesen entpuppt und den Danny auf der Entführungsfahrt durch Argentinien mit einer Geschichte belehren möchte.
Schon tun sich Irrwege auf,denn die Hauptperson der Binnengeschichte, Oswald Mephistopheles Wuthenau, wird plötzlich zum Protagonisten des gesamten Romans. „Und wenn wir nun anziehen am Strick, an dessen Oberfläche die Oswald-Mephistopheles-Wuthenau-Boje schwimmt, dieser fürchterlichste aller Menschen, dieser letzte eigenwillige Charakter und Schelm, wenn wir diesen Strick an ihm hinunter bis zu seinem Grund verfolgen, dann hängt jede Menge dran, hat sich allerhand darin verfangen.“ (15) Das Zuhören scheint sich für Jahn zu lohnen. Eine Verbindung zu Danny ergibt sich zunächst über eine fehlgeschlagene Hypnose, die dieser an ihm ausführen wollte, als er auf der Suche nach Adolf Eichmann, auf Oswald trifft.
Oswald ist ein riesiger, stark übergewichtiger Österreicher, der dem nationalsozialistischen Regime hinterhertrauert und recht offen seine politische Gesinnung erkennen lässt. Was von solchen Äußerungen qualitativ zu halten ist, markiert der Text darüber, dass Oswald hauptsächlich über seine Verdauungsprobleme definiert wird..
Eine reine Auflistung aller Figuren aus dem Fest der Steine würde nur in eine Verständnissackgasse führen, denn es wird kaum ersichtlich, welche kommen, um zu bleiben, und welche einzig wunderliche Randerscheinungen sind. Es ist nur sicher, dass sie sich alle, wie aus der Franzobel‘schen Feder gewohnt, über Gewalt und Sexualität definieren. Man kommt man allerdings weiter, wenn man aus dem Labyrinth der Wörter heraustritt und sich den Roman in seiner Komposition vor Augen führt. Die Kapitel sind regelmäßig geordnet: es sind jeweils ungefähr ein Dutzend Unterkapitel in die sieben Großkapiteln gefasst. Vor jedem Oberkapitel findet sich ein Buchstabe, diese verweisen auf das Milgram-Experiment, in dem die Bereitschaft durchschnittlicher Personen, ethisch bedenklichen autoritären Anweisungen zu folgen, getestet wurde. Es erfolgte in Reaktion auf die Beteiligung der Deutschen im Zweiten Weltkrieg. Auch hier findet sich also ein deutlicher Hinweis auf eines der Kernthemen, aber kein Weg durch das Labyrinth. Franzobel streut im gesamten Roman Querverweise, Denkanstöße und Sprachspiele, die sich entweder innerhalb der Geschichte auflösen oder auf die extradiegetische Welt verweisen.
Der Roman soll verwirren, er versucht „ein Panorama des abgründigen 20. Jahrhunderts aufzurollen, [das] in immer weitere episodische Verzweigungen führt, sodaß am Ende, der genauen Kapitelgliederung und den Verknüpfungsschleifen zum Trotz, das üppig wuchernde Ganze nicht mehr überschaubar ist“ (Höfler 2007, 98). Da ist jeder Hinweis wichtig, jedem Gedanken muss nachgegangen werden, auch wenn der rote Faden dabei reißt. Dafür bietet sich eine große Menge an Interpretationsmaterial, von den sprechenden Namen wie Oswald Mephistopheles Wuthenau, realen historischen Figuren wie Adolf Eichmann oder Neologismen wie die „Erdapfelmutterurfurt“ (244), dem Wienerischen Entlehntem und Wortspielen – zum Beispiel dem ‚Fest der Steine‘ selbst, das eine Steinigung euphemisiert – bis hin zu Tabubrüchen. In diesen (Aus)Brüchen von herkömmlichen Lesegewohnheiten offenbart sich das Groteske, welches Franzobels Literatur durch die Forschung zugeschrieben wird (zum Beispiel spricht Höfler von einer Sprach- und einer Handlungsgrotesken Franzobels; Höfler 2007, 99f). Dieses greift in die Handlung und in die Sprache ein und dem Autor gelingt es so, „die anarchischen Dimensionen der Sprache zu aktivieren, mittels Sprache Sprach-und Denkordnungen zu unterlaufen“ (Höfler 2007, 101). Spätestens wenn sich eine Autofahrt Oswalds und seiner nationalsozialistisch orientierten Freunde zu einer spontanen Orgie entwickelt und am Ende die Steinigung eines Juden steht, offenbart sich das provokative Poential von Fanzobels Textwelten. Schließt man jedoch von Dannys anfänglicher Aussage: „Bei einem haben alle meine Hypnoseversuche versagt. Vielleicht wegen seinem zweiten Vornamen? Mephistopheles!“ (11) auf die Boshaftigkeit Oswalds und deduziert man daraus - immer unter Berücksichtigung der anderen Hinweise, die zu diesem Schluss führen könnten, dass Franzobel sich im Fest der Steine inhaltlich mit dem wahren Bösen oder dem ursprünglichen Bösen auseinandersetzt, fokussiert man dies also als Mitte - dann kann man sagen, dass er den Inhalt des Romans gerade durch die labyrinthische Form herstellt und indem die Todsünden als Kapitelüberschriften zu Ordungsprinzipien werden.

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Pressespiegel zu Das Fest der Steine [ ↑ ]
Das Fest der Steine gehört sicherlich zu den vielbesprochenen Büchern Franzobels. Es wird über die verzwickte, oft ziellos wirkende Handlung sinniert, „in der Franzobel mit seiner unbändigen Erzählfreude den roten Faden […] allzu oft verliert oder verwirrt“. Zudem werden die Länge (644 Seiten) und die Tabubrüche, die der Autor in seinem Text begeht und die eines seiner Markenzeichen sind, diskutiert. Franzobel gilt der Presse als Schelm, die unfassbare Menge an Inhalt, die sein Roman enthält, beschäftigen die RezensentInnen. Da ist im Deutschlandfunk die Rede von einer „monströsen Flut von Eskapaden, Exkursen, Anekdoten, Sprachorgien und Spielparodien. Ein Riesen-Spaß von komischen, grotesken und absurden Einfällen, die jeder Nacherzählung spotten“. Dennoch versucht sich die Presse immer wieder an einer solchen inhaltlichen Wiedergabe, um beispielsweise festzustellen: „immer mehr Figuren tauchen auf“ und „letztlich lebt jede dieser zahllosen Figuren in ihrer eigenen Verrücktheit“. Die RezipientInnen, so führt der Deutschlandfunk weiter aus, „bleibt verwirrt“. Adjektive wie ‚monströs‘, ‚brutal‘ oder ‚derb‘ fallen in vielen der Kommentare, doch sind sie keinesfalls immer negativ konnotiert.
Die Frankfurter Rundschau erkennt im Fest der Steine eine „sprachliche Anarchie und Ideenfülle“. Auch die Wiener Zeitung spricht von einem „Monster von einem Roman“, jedoch werden hier vor allem die Figuren aus der Geschichte besprochen. Was manchen völlig unrealistisch und unnachvollziehbar erscheint, macht für Jaschke den Charme der Geschichte aus. Er findet, dass die „Protagonisten [nicht wie] aus dem Leben gegriffen [sind]. Dass sie es eben nicht sind, macht […] den W(ahn)witz […] aus“. Jaschke stellt weiter fest: „Franzobels Trumpf ist und bleibt die Sprache“, die „auf reizvolle Weise ein wenig verwildert und unreif [an]mutet“.
Wo es dem Roman an Inhalt fehlt, da ist es die Sprache, die die LeserInnen mitzieht, urteilen unter anderem die Vorarlberger Nachrichten und die FAZ, in der Jungen von einer „Eruptivität der Sprache voll des abgründigen Humors“ spricht. Und das, obwohl sich im Fest der Steine „einfachste Sätze im niederen Stil aneinanderreihen“. „Der beträchtliche Reiz von Franzobels Prosa [besteht dennoch] in seiner Sprache […], aus nichts sonst“, befindet Weinzierl in der Welt.
Doch nicht alle Stimmen haben Positives anzumerken. In der Tageszeitung beurteilt Magenau das Buch trotz „potenter Sprache“ als schlaffes Resultat, unter anderem auch wegen mangelnder Struktur und einer „abstrusen Handlungsverschlingung“. Das geht so weit, dass eine Suche nach Bedeutung sinnlos erscheint und Logik und Wahrscheinlichkeit dem Text völlig abgesprochen werden. Immerhin erkennt auch Magenau die wichtigsten Schwerpunkte des Romans, etwa die Bedeutung von Verdauung und Körperlichkeit für die Ausbildung faschistischer Charakterzüge. Dennoch spricht er der Geschichte ihre Genialität ab. Gutes findet sich für ihn nur in der Verkleinerung des Nazitums, das durch Franzobel „verzotet“ wird.

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Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind   [ ↑ ]
Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind (2012) ist ein skurriler Roman, der zwischen bedrückender Ernsthaftigkeit und absurder Komödie schwankt. Im Mittelpunkt steht Hildebrand Kilgus, der von seiner Kindheit am Rande der Gesellschaft gezeichnet ist: Seine frühen Jahre hat er in einer Wirtschaft namens „Saurüssel“ verbracht, einer Spelunke, in der er und seine Mutter gleichermaßen sexuell missbraucht worden sind. Dieses Ausgeliefertsein hat ihn nachhaltig geprägt und so ist aus ihm ein gefühlskalter Mensch geworden, der außer zu gelegentlichen zwanghaften Lachanfällen aus Selbstschutz zu keiner emotionalen Regung fähig ist. Um diesen Zustand zu ändern, hat er sich selbst zum ‚Stöhnforscher‘ ernannt. Das Stöhnen, sei es im Augenblick höchster Lust oder im Angesicht des Todes, ist für ihn der wahrhaftigste und unverfälschte Ausdruck menschlichen Gefühls. Er vermutet darin das Geheimnis des Lebens und aus diesem Grund begibt er sich auf eine wahnwitzige Odyssee. Seine Suche nach dem Stöhnen beginnt als männliche Hebamme in einer gynäkologischen Klinik, führt ihn in ein Bordell, eine Sterbeklinik und auf den Wiener Zentralfriedhof, wo er als Sargträger arbeitet. Sie endet in Rom, wo er aufgrund seiner Arbeit beim amerikanischen Wetterdienst landet. Dort folgt die Eskalation: Er trifft alle Figuren aus seiner Vergangenheit in seltsamen Wandlungen wieder, versteht plötzlich die Sprache der Vögel und ist kurz davor, selbst einer zu werden, bis er letztendlich zu einer Art Vogelgott mutiert. Er bringt Michelangelos Fresko des Jüngsten Gerichts zum Einsturz und wird exorziert.
Die Geschichte beginnt mit einer Herausgeberfiktion, in der sich Franzobel selbst nur als Chronist der Geschichte ausgibt. In einem Vorwort gibt er darüber Auskunft, dass er bei einer Lesereise in einem Hotelzimmer Kassetten gefunden habe, die die Hauptfigur Hildy besprochen hat, und diese lediglich transkribiert habe. So distanziert sich Franzobel formell vom Inhalt der Geschichte, in der er doch selbst agiert.Im letzten Kapitel findet sich jedoch ein metaleptischer Bruch, wenn ein Autor mit Namen Franzobel von einem Auto überfahren wird und ihm die leeren Kassettenrohlinge aus der Tasche fallen.
Franzobel widmet sich in diesem Roman wieder stark seiner Religionskritik, die unter anderem auch in Scala Santa oder Josefine Wurznbachers Höhepunkt (2000) und Lusthaus oder Die Schule der Gemeinheit (2002) zu finden ist. Bernhard Oberreither sieht darin die Kritik an einer „monotheistisch-kartesischen Weltanschauung“ (Oberreither 2012, 2). Wie in Scala Santa endet auch hier die Reise des Protagonisten in Rom. War Hildys Mutter eine sehr religiöse Frau, die aber wegen ihrer Scheidung stets nur von der Kirche geächtet wurde, wird er im Laufe des Romans selbst zu Gott und zum Antichristen gleichermaßen: Er nimmt eine Stelle beim amerikanischen Wetterdienst an, der das Wetter selbst beherrschen und lenken kann. Zudem ist er in der Lage, während seiner Arbeit im Hospiz Todgeweihte zu heilen und das nur durch das Lehren positiver Gedanken. Am Ende wird er zum Gott der Vögel, denen er eine Kirche bauen soll. Gleichzeitig hält ihn die katholische Kirche für besessen und will ihn exorzieren. In Was die Männer so treiben vermischen sich Franzobels gewohnt kalauernden, drastischen und absurden Sprachspielereien mit ernstem Realismus: Während Hildys wilde Odyssee durch sein Leben oft zum Brüllen komisch ist, wird der Ton sofort ernsthafter und verliert an Heiterkeit wenn von seiner Kindheit die Rede ist. Passagen wie „Die Alkoholiker. Saufen war nur eine Flucht, um aus der eigenen Ödnis herauszukommen. Alkohol nur ein Gleitmittel, damit das, was ohnehin in einem drinnen war, besser herausrutschte. Die Schimpfwörter und die Witze waren auch nur eine Flucht aus der Sprachlosigkeit, dem großen Schweigen“ (459)weckt höchste Empathie mit der Hauptfigur. Für Oberreither sind genau jene Stellen, die von Hildys Vergangenheit handeln, die besten im Roman, denn hintergründig geht es um existentielle Fragen: Hat der Mensch sein Schicksal selbst in der Hand oder ist er nur ein Produkt seiner Umwelt? Wie geht er mit seinem Schicksal um? Für Oberreither steht vor allem die Frage nach dem freien Willen im Mittelpunkt und er erkennt in Hildys Stöhnforschung den „Versuch des Ausbruchs aus der biograpichen [sic!] Prägung“ (Oberreither 2012, 2).

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Pressespiegel zu Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind [ ↑ ]
Über Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind haben sich nur wenige überregionale Zeitungen geäußert, dabei zeigen sich die Süddeutsche Zeitung und die Frankfurter Allgemeine begeistert. Hilmar Klute (Süddeutsche Zeitung) nimmt in seiner Rezension Franzobels Österreichkritik auf und vergleicht ihn mit Thomas Bernhard. Wie dieser hält Franzobel seiner Heimat, mit der er durch eine Art Hassliebe verbunden ist, frech den Spiegel vorhält. Positiv fällt Klute auf, dass der Roman nicht nur ein karnevaleskes „Triebtheater“ ist, sondern mit Hildys Kindheitserzählungen auch an Tiefgang gewinnt. Besonders lobt er Franzobels Sprache und nennt ihn einen rücksichtslosen „Sprachausbeuter, der sich an Metaphern, Anspielungen satt frisst“ und „das Spiel mit Ressentiments als literarischen Sport betreibt“. Für Klute geht es in Was die Männer so treiben um die Suche nach dem „Kerngeschäft“ des Lebens. Er hatte große Freude daran, sich gemeinsam mit der Hauptfigur Hildy auf diese Suche zu begeben. Auch Sabine Doering (Frankfurter Allgemeine Zeitung) lobt den Tiefgang des Romans. Franzobel zeichne ein anschauliches Soziogramm eines Dorfes in der österreichischen Provinz und zieht ebenfalls Parallelen zu Thomas Bernhard. Sie lobt Franzobel als „tief moralische[n] und humane[n] Erzähler“.

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Steak für alle. Der neue Fleischtourismus

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Steak für alle. Der neue Fleischtourismus  [ ↑ ]
Steak für alle, das klingt nach einer der typischen franzobelschen Forderungen. Jedoch handelt es sich um einen ganz ungewöhnlichen Franzobel-Text, denn hier sucht man vergeblich nach dem gewohnten Sprachwitz, den pfiffigen Verweisen auf dieses und jenes oder der oft zur Strenge neigenden Form, die Franzobel seinen Texten meist auferlegt.
Der Essay, 2013 erschienen und einzig im EPub-Format vorliegend, beschäftigt sich mit der Vision von einer Zukunft, in der „der Fleischverzehr […] nicht nur politisch und moralisch völlig unkorrekt [ist, sondern] […] auch zusehends einem russischen Roulette [gleicht].“ Franzobel sieht die Anfänge dieser Entwicklung bereits in der heutigen Gesellschaft verankert, in der schon die Fleischer vom Fleischessen abraten und die Veganer auf dem klaren Vormarsch sind. Er phantasiert: „für die letzten Unbelehrbaren wird es […] geheime Schlachtungen und Fleischdealer geben […].“, und dass es in Zukunft einen regelrechten Fleischtourismus, ähnlich dem Sextourismus heute, geben wird. Man müsse seine Fleischeslust künftig im Ausland stillen, genauer in Argentinien. Der Autor ergeht sich weiter in einer detaillierten Beschreibung dieser Zukunft, philosophiert über die Fleischgelage, die in Buenos Aires stattfinden werden und über die argentinische Mentalität, lässt sich davon ablenken, verliert kurz das Ziel aus dem Blick, nur um dann wieder auf die Gesellschaft in Europa zu kommen, die so etwas mit sich machen lässt. Und genau da sieht er das Problem. Wir lassen es zu, „[w]eil wir nichts sagen!“
Der Essay bietet keine Lösung, sondern er bleibt eine Vision, ein Aufruf sich gegen die unbestimmten „sie“ zu erheben, die uns zum Fleischtourismus zwingen, obwohl wir doch schon fast am Hungertuch nagen.

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Der fliegende Zobel

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zuDer fliegende Zobel  [ ↑ ]
In Anbetracht seiner üblichen Themen mag man es kaum glauben, doch Franzobel kann sich einer gewissen Anzahl veröffentlichter Kinderbücher rühmen. Diese sind meist in Kooperation mit Illustratoren gefertigt und überraschen durch ungewohnt harmlose Titel wie zum Beispiel Der fliegende Zobel. Dieses Kinderbuch erschien 2013 in Zusammenarbeit mit Sibylle Vogel und handelt von Hemma Pfefferkorn, die Angst vor dem Einschlafen hat und im Traum in der Nein-Welt landet, aus der sie nur wieder heraus kommt, wenn sie zum Tor des Lachens wandert. Der Weg dorthin birgt viele Abenteuer und Hemma bekommt Hilfe in Form des fliegenden Zobels – eines aufgeblasenen Wesens und des Babyräubers Oswald Bimmelmeier. Gemeinsam meistert die Gruppe den weiten Weg mit all seinen Hindernissen, Hemma tritt durch das Tor und findet sich in ihrem Bett wieder.Die Moral von der Geschicht:Ihre Mutter sollte lieber öfter Ja statt Nein sagen , damit Hemma nie wieder in der Nein-Welt landet.
Liest sich leicht und lässt sich auch gut zusammenfassen. Also kein typischer Franzobel? Falsch. Denn obwohl die Thematik und die Aufmachung des Buches kindgerecht sind, finden sich auch in diesem Text immer wieder Merkmale, die an andere Stücke der franzobelschen Literatur erinnern. Das beginnt schon bei der mitunter umgangssprachlich wirkenden Sprache, wenn zum Beispiel gereimt wird: „Der Tag geht zu End. Die Sonne, sie pennt […].“ (8) Auch der Fäkalhumor, beziehungsweise die Fokussierung von Verdauungsvorgängen, bleibt nicht aus und im Verlaufe des Buches wird immer öfter von Fürzen und vollen oder nicht vollen Windeln gesprochen.
Jedoch, wie von Franzobel gewohnt, bleibt der Text nicht flach. Denn obwohl es sich bei den Adressaten um Kinder handelt lässt es sich der Autor nicht nehmen, mit Sprache und ihren Inhalten zu spielen. Die von ihm so häufig eingestrickten Bezüge zur extradiegetischen Welt bleiben nicht aus, so verweist er unter anderem auf das fliegende Spaghettimonster, eine real existierende (Spaß)Religion, und als Hemma und der Zobel im Netz der Spinne der Nacht landen, bemerkt Hemma: „,Schönes Netz haben Sie'[...] ,Das will ich meinen', grinste die Spinne. ,[...] Ich war damit sogar schon in einer Architekturzeitung namens Schöner Wohnen.'“ (18) Gleichzeitig spinnt Franzobel mit dem Buch sein riesiges Werk-Universum weiter, in dem immer wieder Figuren aufeinander rekurrieren und bestimmte Namen weitergetragen werden. So könnte es sein, dass der Räuber in Babygestalt, der mit seinem Komplex in einer Kiste hockt, nicht zufällig Oswald heißt, sondern auf die Hauptfigur des Romans Das Fest der Steine verweist, den übergewichtigen österreichischen Nazi Oswald Wuthenau, welcher seine Komplexe, ausgelöst durch eine dysfunktionale Verdauung, im Gegensatz zum Räuber über Gewalt und Sexualität kompensiert. Im Gegenzug ist dem Räuber der Kindergeschichte durch eine Windel geholfen und er lernt, seine Komplexe zu schätzen. Auch läuft sicher nicht zufällig in einem Fernseher, an dessen Antenne der Zobel zu Beginn der Geschichte festhängt, Fußball, also der Sport, über den sich Franzobel schon in Büchern wie Mundial erging. Und auch die Sprachspiele die ihn so bekannt gemacht haben kann sich der Autor nicht verkneifen. Natürlich leichter zugänglich denn für Kinder verfasst, heißt es da zum Beispiel: „Der Weg ist gerade wie ein Lineal […] Da kann nichts schief gehen.“ (32) Franzobel nimmt, wie er auch gerne selbst betont (vgl. Herzog 1997, 18), die Sprache beim Wort und durchleuchtet sie, seine Ablehnung gängiger Redensarten bleibt auch jungen Lesern nicht erspart. Letztlich wird auch in Der fliegende Zobel einerseits das wahnwitzige Universum des Autors weitererzählt, andererseits ein neuer Teil an die Figur Franzobel selbst angeklebt. Nicht nur ist die aufblasbare Phantasiefigur Zobel eindeutig dem Künstlernamen entlehnt, auch scheinen die Werte des Zobels auffällig mit denen Franzobels übereinzustimmen. So antwortet der Zobel vor dem Tor des Lachens auf die Frage, an was er glaubt, mit: „Ich glaube an nichts. An das Aufblasen. Daran, dass alles hohl ist, ohne Inhalt.“ (56), während Franzobel anmerkt: „Das ist vielleicht auch meine Grundaussage: Es gibt keine Wahrheit mehr, keine Werte.“ (Herzog 1997, 12).

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Die Nase

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Die Nase  [ ↑ ]
Die Nase erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der trotz seines jungen Alters bereits unter den Schönheitsidealen der heutigen Gesellschaft leidet. Gottfried hat schöne Zähne, ist groß und schlank. Den Verwandten nach ist er der perfekte Junge. Er selbst sieht jedoch nur seine scheinbar zu große Nase und hasst diese, weil sie ihn zum Gespött seiner Mitschüler macht (vgl. S. 6). Gottfrieds Nase kann nicht mehr mit dieser Ablehnung leben und macht sich in einer Nacht- und Nebelaktion auf und davon, um einen Ort zu finden, an dem sie willkommen ist (vgl. S. 11). Die abenteuerliche Reise der Nase startet, doch niemand weiß wirklich etwas mit ihr anzufangen. Eine Maus hält sie für französischen Käse, eine Kuh für eine Schnecke, ein Ohrenkehrer für ein Ohr, die Biene für eine Blume. Langsam verzweifelt die Nase: “Keiner will mich. Niemand glaubt mir. Und die Nase ließ ihren Kopf hängen” (S. 35). Da begegnet sie einer Schnecke ohne eigenes Haus. Die Nase kriecht auf ihren Rücken und beide sind glücklich, denn sie ergänzen einander. Die Nase hat endlich einen Platz und die Schnecke überwindet ihr Defizit, denn die Nase erfüllt die Funktion des fehlenden Hauses.
In der Zwischenzeit bemerkt Gottfried, dass seine Nase verschwunden ist, verzweifelt durchsucht er sein ganzes Zimmer, doch sie bleibt unauffindbar. Wieder denkt er nur daran, was die anderen Kinder dazu sagen werden (vgl. S. 40). Um zu vermeiden, dass er ausgelacht wird, täuscht er vor krank zu sein. Währenddessen trennt sich seine Nase wieder von der Schnecke, denn auf Dauer ist die Nase viel zu schwer für die kleine Schnecke und die gemeinsame Zeit der beiden ist vorbei. Obwohl beide glücklich waren, gehören sie nicht zusammen. Mit neuer Hoffnung macht sich die Nase auf den Weg zu den Menschen, denn “schließlich bin ich eine Menschennase. Dort wird man mich bestimmt brauchen” (S. 43). Vom Bäcker mit einer Semmel verwechselt und im Hundehaufen gelandet, beschließt sie, dass die Menschenstadt zu gefährlich ist und bereut ihre Flucht von Gottfried (vgl. S. 47). Wie durch ein Wunder findet sie den Weg zurück in sein Haus und in Gottfrieds Gesicht. Dieser ist sehr glücklich über die Rückkehr und akzeptiert die Nase nun ganz, wie sie ist. Die Nase gehört zu Gottfried und er gehört zu seiner Nase und das wissen nun beide (vgl. S. 52). Neben der unterschwelligen Kritik an unseren Schönheitsidealen, die bereits Kinder belasten, zeigt der Autor seinen jungen LeserInnen den manchmal etwas schwierigen und längeren Weg zur Selbstakzeptanz und die Bedeutung einer eigenen Identität.

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Schmetterling Fetterling

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Schmetterling Fetterling  [ ↑ ]
Schmetterling Fetterling handelt von einem Schmetterling, der nicht den gängigen Idealen entspricht und deshalb keine Akzeptanz in der Insektenwelt findet. Die Insektenwelt ist in heller Aufregung, denn es ist der Tag des Schmetterlingauswickelns. Die Bewohner machen sich auf den Weg zur Brotschneidemaschine auf einer großen Wiese, wo sie den verpuppten Rauben beim Schlüpfen aus ihrem Kokon zusehen. Eine fachkundige Jury kürt im Anschluss daran den schönsten Schmetterling (vgl. S. 8). Die Preisverleihung findet ein chaotisches Ende, als ein Kind mit Eis über die Wiese rennt. Nachdem die Insekten sich und die Veranstaltung wieder sortiert haben, wird die Preisverleihung fortgesetzt. Die Kokons öffnen sich und die Schmetterlinge, einer schöner als der andere, steigen in die Lüfte. Eine verpuppte Raupe wurde jedoch unter einem Häufchen Pistazieneis verschüttet und muss sich den Weg durch das Eis fressen. Dieser Schmetterling sieht jedoch ganz anders aus als die anderen. “Der Kerl war unwahrscheinlich, über alle Maßen, also ganz außerordentlich, extrem, unsäglich, sehr, sehr, sehr dick” (S. 21). Die Insekten machen sich über den kleinen, fetten Schmetterling lustig. Um dem Spott zu entgehen, flüchtet der ungewöhnliche Schmetterling und möchte abnehmen, um letztlich dazuzugehören (vgl. S. 22). Mit Hilfe der Fitness-Fliege nimmt er ab und wird endlich von den anderen akzeptiert, sogar umworben, was ihn jedoch nicht glücklicher macht. Er realisiert, dass Schönheit nicht alles besser macht und nimmt wieder deutlich an Gewicht zu. Ein plötzlich aufziehender Sturm droht die Bewohner der Wiese in die Luft zu wirbeln und zu töten. Dank des zusätzlichen Gewichtes des Schmetterlings bleibt dieser am Boden und bildet den Anker für die anderen Insekten, die sich an ihm festhalten können und rettet ihnen das Leben. Diese erkennen ihr Fehlverhalten, entschuldigen sich für ihre Gemeinheiten und sehen den Schmetterling als Teil der Gemeinschaft (vgl. S. 43). Erst, als er sich selbst so akzeptiert, wie er ist, findet der Schmetterling seinen Platz in der Gesellschaft und kann so etwas wie ein individuelles Glück finden. Franzobel zeigt in Schmetterling Fetterling die in der Gegenwartsgesellschaft vorfindliche Oberflächlichkeit mit einer Reduktion auf Äußerlichkeiten auf und reflektiert sie kritisch.

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Thematische Aspekte zu Schmetterling Fetterling [ ↑ ]

Kindliche Zweifel, Ängste und Probleme
Trotz der zumeist bunten Welt in Franzobels Büchern werden auch durchaus ernste Themen angesprochen. Zweifel, Ängste oder Konflikte, die Kinder auf ihrem Weg begleiten, werden auf spielerisch unbefangene Weise mit dem typischen Franzobel-Humor aufgezeigt. So werden alltägliche Probleme wie Aussehen, Konflikte mit den Eltern oder Ausgrenzungserfahrungen geradeaus angegangen. Sowohl Gottfried in Die Nase als auch der dicke Schmetterling in Schmetterling Fetterling werden mit den Schönheitsidealen der Gegenwart konfrontiert und haben dadurch mit starken Selbstzweifeln zu kämpfen. Die Bücher zeigen, wer dem Normalbild nicht entspricht, wird ausgegrenzt. Durchaus kritisch wird so der gesellschaftliche Druck, einem bestimmten Ideal zu entsprechen, der schon auf den Kindern lastet, aufgezeigt. Den kleinen Gottfried stört seine Nase so stark, dass er sie am liebsten loswerden würde (vgl. S. 6). Der Schmetterling hingegen leidet am meisten unter dem Spott der anderen Insekten (vgl. S. 22).

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Das große Einschlafbuch für alle Kleinen

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Das große Einschlafbuch für alle Kleinen  [ ↑ ]
Das große Einschlafbuch begleitet Kleinkinder im Kindergartenalter auf ihrer Reise vom hektischen Alltag in den Schlaf hinein. Die verschiedenen Erlebnisse und Ereignisse des Tages, wie ein Besuch im Kindergarten, die unterschiedlichen Mahlzeiten, die den Tag strukturieren, oder die Interaktionen mit verschiedenen Mitmenschen werden den jungen LeserInnen vor Augen geführt und besprochen. Von den Füßen bis zum Kopf reicht  eine Doppelseite mit Illustrationen wichtiger Körperteilen : Indem der Körper Stück für Stück fokussiert wird, stimmt das Buch die Kinder auch physisch auf das Zubettgehen ein und erzeugt eine schläfrige Stimmung.

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Moni und der Monsteraffe

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Moni und der Monsteraffe  [ ↑ ]
Moni und der Monsteraffe handelt von einer Mutter und ihrer Tochter, die erst durch einen bösartigen Monsteraffen ihre angespannte Beziehung zueinander verbessern.
Die kleine Moni möchte ein Eis. Da dies aber ungesund ist, wird sie von ihrer Mutter zur Ablenkung in ein Zoogeschäft gebracht. Dort entdeckt das Mädchen “ein schnuckeliges, wuckeliges, guckeliges Äffchen” (S. 7). Sie möchten den Affen direkt mit nach Hause nehmen. Der Verkäufer preist die Vorteile des Tieres ausgiebig an und letztendlich bekommt Moni ihren Willen (vgl. S. 9). Mutter, Tochter und der Affe verlassen gemeinsam die Tierhandlung. Schon nach den ersten Schritten zeigt der Affe, allerdings unentdeckt von Mutter und Tochter, sein wahres Gesicht und bewirft einen Polizisten mit Steinen (vgl. S. 13). Zuhause angekommen treibt der Affe sein Unwesen weiter. Er verwüstet Monis Kinderzimmer, spielt mit dem Make-Up der Mutter und treibt allerhand Unsinn. Unter Verdacht gerät aber immer Moni selbst, die als Strafe nicht mehr in ihrem Bett schlafen darf. Der Affe dagegen steigt in der Gunst der Mutter auf, sie kommen sich näher und er nimmt den Platz neben ihr ein (vgl. S. 18). Die Streiche des nicht ganz so süßen Affen eskalieren und als recht drastische Konsequenz soll die Tochter in ein Heim für schwererziehbare Kinder. Am darauf folgenden Morgen sitzen Mutter und Affe wie ein frisch verliebtes Paar am Tisch, Moni muss weiterhin im Käfig bleiben. Der Heimerzieher aber erkennt, dass es sich bei dem Tier um einen sogenannten Monsteraffen handelt und dieser für die Streiche verantwortlich sein muss. Der Affe, der ursprünglich von der Insel Sumatra-Sk-onko Buntkomoto stammt, wird erst damit aufhören, wenn er wieder in seiner Heimat leben kann (vgl. S. 28). Und so machen sich Mutter, Tochter und Affe auf einem Schiff auf den Weg in die Südsee. Doch auch auf dem Schiff sorgt der Monsteraffe für Chaos. Letztlich rettet er jedoch das Schiff und die Besatzung vor einer Kollision mit einem Riff. In der Affenheimat angekommen geraten Mutter und Tochter in die Fänge von Kannibalen. Doch der Monsteraffe rettet die beiden aus dieser Gefahr und bringt sie zu seiner Familie (vgl. S. 42). Zu Ehren der beiden Menschen wird ein rauschendes Fest veranstaltet, alle feiern zusammen und amüsieren sich prächtig. Am Ende ist offen, es wird angedeutet, dass der Affe und Moni auch schon den nächsten gemeinsamen Unfug planen. Das Kinderbuch zeigt eine zunächst entfremdete Mutter-Tochter-Beziehung ohne gegenseitiges Vertrauen. Erst mit einem gemeinsamen Ziel kommen sich die beiden näher und lernen sich auf den anderen zu verlassen.

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Thematische Aspekte zu Moni und der Monsteraffe [ ↑ ]

Kindliche Zweifel, Ängste und Probleme
In Moni und der Monsteraffe und Der kleine Pirat liegt der Schwerpunkt auf dem ewig dauernden Konflikt zwischen Kind und Eltern. Es geht um konsequente Erziehung, Einhalten von Regeln, etwaigen Folgen, sollten diese nicht eingehalten werden und letztlich um Vertrauen. Dabei begehen aber beide Seiten Fehler, die Bücher weisen keiner Seite die Schuld zu oder argumentieren moralisch, sondern sie zeigen vielmehr, dass es sich um eine wechselseitige Problematik handelt. Während Monis Mutter eher dem Monsteraffen als der Tochter glaubt (vgl. S. 18), hört der kleine Pirat nicht auf seine Mutter und bringt damit alle in Schwierigkeiten (vgl. S. 13).

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Formale Aspekte zu Moni und der Monsteraffe [ ↑ ]

Sprachespiele
Besonders prägnant in Franzobels Kinderbüchern ist das Spiel mit der Sprache: Kalauer, Reime, Wortspielerein, semantische Verschiebungen und Metaphern durchziehen die Textwelten, in denen oft mittels programmatischer Namen und poetischer Beschreibungen verschiedene Deutungsebenen eröffnet werden.
Insbesondere Moni und der Monsteraffe ist durchzogen von Liedern (vgl. S. 10; 19; 23; 26; 36; 39), die die jeweiligen Situationen für die LeserInnen pointiert zusammenfassen, sie aber auch zum Mitmachen animieren.

Humor
Wie auch in seiner Erwachsenenliteratur ist der Humor ein zentrales Element in Franzobels Kinderbüchern. Im Zusammenspiel mit der Sprache, dem Sprachwitz und der ironischen Entlarvung von menschlichen Verhaltensmustern entsteht ein kindgerechter Humor. Der Autor orientiert sich an Elementen und Ereignissen, die Kinder lustig finden und die man als Erwachsene vielleicht nicht immer unmittelbar nachvollziehen kann, weil sie von Anarchie und Albernheit erfüllt sind. So zum Beispiel der mit Pistazieneis überschüttete Schmetterling (vgl. Schmetterling Fetterling, S. 20), ein Affe, der Steine nach einem Polizisten wirft (vgl. Moni und der Monsteraffe, S. 20) oder ein kleiner Pirat, der den ganzen Tag Unfug und Schabernack betreibt (vgl. Der kleine Pirat, S. 26).  

Illustrationen
Mindestens ebenso wichtig wie der Inhalt sind in Bilderbüchern die entsprechenden Illustrationen , die von Sibylle Vogel stammen (Die Nase, Schmetterling Fetterling, Das große Einschlafbuch für alle Kleinen, Moni und der Monsteraffe); sie weisen sehr intensive und knallige Farben auf und haben großen Einfluss auf die Gesamtwirkung des Bilderbuches. Der bunte Inhalt korrespondiert mit den farbenfrohen Zeichnungen.

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Phantasia oder Die lustige Geschichte über die Traurigkeit

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Phantasia oder Die lustige Geschichte über die Traurigkeit  [ ↑ ]
Phantasia erzählt die Geschichte des etwa 12-jährigen Hannibals, der nach dem Unfalltod der Eltern seine Lebensfreude verloren hat und ohne sie die Hürden des Erwachsenwerdens meistern muss.
Herr Sauerbraten pflegt mit seinen drei sprechenden Dackeln ein mehr oder weniger ruhiges Dasein. Eines Tages bittet ihn die Nachbarin Frau Bindfaden, die im Kinderheim arbeitet, für kurze Zeit auf ihren Schützling Hannibal aufzupassen. Entgegen seiner Namensprogrammatik – Hannibal als furchtloser Heerführer – wirkt der Junge schüchtern und verschreckt. Ebenso steht sein Erscheinungsbild, er ist klein und zierlich, in auffälligem  Gegensatz zu den Erwartungen. Die Dackel wundern sich über die Traurigkeit des Jungen und versuchen ihn mit allerlei Schabernack zum Lachen zu bringen. Doch auch Purzelbäume und Saltos können Hannibal nicht über den Verlust seiner Eltern hinwegtrösten. Wackel, Schnackerl und Marie Therese möchten zur Zauberin von Phantasia, die als Einzige die Macht besitzt, ihrem neuen Freund seine Lebensfreunde wiederzugeben. Doch keiner der Vier kennt den Weg und so machen sie sich voller Ungewissheit auf die Suche nach Hinweisen, wo das Schloss verborgen sein könnte. Sie begegnen vielen ungewöhnlichen Gestalten, wie zum Beispiel dem fetten Kater (vgl. S. 22), mit deren Hilfe die Freunde letztlich das Zauberschloss finden können. Doch nur dem, der auch den Namen der großen Zauberin kennt, wird Einlass ins Schloss gewährt. Um diesen zu erfahren, muss Hannibal insgesamt zehn Aufgaben meistern, die entweder einen gesellschaftskritischen Ansatz oder eine persönliche Entwicklung des Jungen enthalten: Ohne Geld eine Krazwurst vom Metzger Sulz besorgen, was dieser letztlich nicht aus Nettigkeit, sondern aus berechnenden Marketingzwecken macht. Im Fernsehparadies zeigt sich die hypnotisierende und lähmende Wirkung des Fernsehers auf den Menschen. Im Aufnahmestudio wird Hannibal für eine kurze Zeit zur von außen gelenkten Marionette eines Produzenten, der ihm Reichtum und Ruhm verspricht. Im Narrenturm erfährt man, wie mit Menschen umgegangen wird, die vermeintlich verrückt sind, vielleicht aber nur anders denken oder gar wegen einer unpopuläre Meinung aus dem Weg geräumt werden sollen. Ein Mädchen mit Sommersprossen anzusprechen hingegen bedeutet eine persönliche Entwicklung für Hannibal selbst, der damit mehr Mut aufweist als noch zu Beginn der Geschichte. Zuletzt zeigt der Spiegel der Gesellschaft, dass man auf dem Weg zum Erwachsenwerden lernen muss, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten, um eine Lösung zu finden.
Auf seiner Reise überwindet Hannibal Ängste, stellt sich unangenehmen Situationen und meistert neue Herausforderungen, die sich in der Pubertät und beim Heranwachsen ergeben. Mit Hilfe seiner drei Dackel-Freunde meistert der Junge alle Aufgaben und kehrt nach Phantasia zurück, um endlich die große Zauberin zu treffen (vgl. S. 117). Im Schloss wird er vor seine letzte große Herausforderung – eine Rede vor vielen Menschen zu halten und somit einen Teil der Schüchternheit zu überwinden – gestellt: “Und wie er sich so schämte und meinte, dass sich sein ganzes Gesicht in eine riesige Kraterlandschaft verwandelte, er sich vorkam wie der hässlichste Mensch auf Erden, mit einer großen Knollennase, schmutzigen Fingernägeln und stinkenden Füßen, wurden ihm die tuschelnden und kichernden Leute zunehmend egal” (S. 120f.).
Die große Zauberin entpuppt sich als Emiliy, das Mädchen das Hannibal geküsst hat. Sie ist Pubertätia, die Zauberin des Übergangs- und Erwachsenwerdens – auch hier arbeitet Franzobel mit einem klingenden Namen. Mit ihr findet Hannibal nicht nur sein Lachen und seine Lebensfreude wieder, sondern er lernt, dass Verluste zum Prozess des Heranwachsens gehören. Herausforderungen sind ein unweigerlicher Teil des Lebens und auch die scheinbar unmöglichste Aufgabe kann bewältigt werden.

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Thematische Aspekte zu Phantasia [ ↑ ]

Abenteuerliche Reise
Franzobels kindliche Protagonisten besitzen eine große Gemeinsamkeit: Sie erleben abenteuerliche Reisen, die sie gleichermaßen fordern, aber letztlich in ihrer persönlichen Entwicklung ebenso fördern. Die Protagonisten werden auf ihrem Weg vor neue, persönliche Herausforderungen gestellt, die sie überwinden müssen, um am Ende glücklich zu sein. Die Reise steht letztlich für die Suche nach der eigenen Identität, wie man sich selbst und von anderen wahrgenommen wird.
Phantasia hebt sich dabei von den anderen Büchern ab, denn es wird die Reise und Übergangszeit des Erwachsenwerdens angesprochen. Es geht also um Veränderungen, die Kinder auf der Schwelle zum Erwachsenwerden erleben. Durch seine Reise lernt der Protagonist Hannibal mit dem Verlust der Eltern umzugehen. Es geht darum, sich unangenehmen Situationen zu stellen und diese zu lösen. Das Buch macht Mut zur Eigenständigkeit.  

Kindliche Zweifel, Ängste und Probleme
Wie der Protagonist selbst sind in Phantasia auch die Probleme erwachsener. Er lernt Verluste und Selbstzweifel als Teil des Lebens zu akzeptieren und macht gleichzeitig erste Erfahrungen in der Liebe – Themen, die Kinder kurz vor oder in der Pubertät beschäftigen und verunsichern. Die Probleme sind realistischer, die Ängste konkreter formuliert als in Franzobels anderen Kinderbüchern.

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Formale Aspekte zu Phantasia [ ↑ ]

Sprachespiele
In Phantasia steht die Paronomasie  im Vordergrund und richtet sich damit ersichtlich an eine ältere Zielgruppe, die den Kern dahinter verstehen kann. Einer der drei Dackel verwechselt oftmals ähnlich klingende Wörter, wie z.B. Irritation anstelle von Inspiration, die in ihrer Bedeutung aber keinerlei Zusammenhang aufweisen (vgl. S. 21). Die Sätze verlieren somit zwar an Sinn, gewinnen damit aber gleichzeitig an Witz. 

Illustrationen
In Phantasia wird komplett auf Farbe verzichtet, die Illustrationen sind schwarz-weiß und leicht abstrahiert. Den kognitiven Fähigkeiten der Zielgruppe entsprechend ist der Inhalt nicht auf die unterstützende Wirkung der Bilder angewiesen. Sie sind mehr eine Ergänzung, aber kein entscheidender Teil des Buches.

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Der kleine Pirat

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Der kleine Pirat  [ ↑ ]
Der kleine Pirat erzählt vom aufregenden und gefährlichen Alltag des kleinen Piraten, der sich weigert in den Kindergarten zu gehen und daraufhin erfahren muss, was es bedeutet, wenn man nicht auf seine Eltern hört.
Zu Beginn werden die jungen LeserInnen zunächst in den Kodex der Piraten eingeführt. Es wird aufgezählt, wie sich ein richtiger Pirat verhält, wie er aussieht und woraus die alltäglichen Herausforderungen bestehen: “Einem Pirat ist niemals fad.[...] Ein Pirat kämmt sich nie” (S. 8). Franzobel widmet dem jungen Piraten einen eigenen Leitspruch, der sich leitmotivisch durch den Text zieht:

“Hossa Hossa Barbarossa!
Kümmelbraten, Rum und Enterhaken.
Diesmal dürft ihr raten,
vor wem hier alles zittert,
jeder Knochen bibbert
beim Schrei eines Piraten.
Attacke! Attacke! Au Backe.” (S. 8)

Der kleine Pirat hat das Wohnzimmer eingenommen und zu einem Piratenschiff umfunktioniert. Er weigert sich in den Kindergarten zu gehen und nach einer kurzen, aber erfolglosen Diskussion lassen ihn die Eltern anscheinend alleine zuhause zurück. “So segelte er auf der Couch durch die Karibik [...] zu den Azoren. Eroberte Madagaskar und Tahiti” (S. 17). Nach dem ersten Spaß setzt aber auch die Furcht vor der Phantasiewelt ein. Um sich vor einem etwaigen Eindringling zu schützen, baut er eine Falle, in die anstelle eines Fremden allerdings sowohl die wöchentliche Aufräumfrau als auch seine Oma treten. Als ein richtiger Einbrecher in der Wohnung erscheint, wird dieser vom kleinen Piraten überwältigt. Unglücklicherweise verursacht der frischgebackene Held dabei ein Feuer, das die Wohnung gefährdet. Nachdem das Feuer gelöscht ist und die ganze Aufregung sich gelegt hat, belehren Eltern und Oma den kleinen Piraten, dass dies passiert, wenn man nicht auf seine Eltern hört. Mit dem letzten Satz der Geschichte wird die vermittelte Moral des Buches jedoch gleich wieder verworfen: “Ja, ja, dachte der kleine Pirat, ja, ja. Ihr Erwachsenen redet nur!” (S. 43).

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Formale Aspekte Der kleine Pirat [ ↑ ]

Sprachespiele
Auch beim Kleinen Piraten werden die Kinder mittels eines zu Anfang eingeführten Piratenliedes zum Mitsingen angeregt. Der kleine Pirat ist zudem vollständig in einer balladenartigen Form verfasst. Die einzelnen Verse/Sätze enden mit Paarreimen, wodurch beim Vorlesen ein sing-sang-artiger Rhythmus entsteht.

Illustrationen
Der kleine Pirat ist in Zusammenarbeit mit der Illustratorin Judith Loske entstanden. Diesen Wechsel erkennt man sofort. Im Vergleich zu den anderen Bilderbüchern sind die Illustrationen weniger bunt und die Farben gedeckter, wodurch ein deutlich ruhigerer Gesamteindruck entsteht. Sie wirken insgesamt dezenter und realistischer.

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