Charakteristika des Werks

DIE INNERE SICHERHEIT

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu DIE INNERE SICHERHEIT [ ↑ ]
Christian Petzolds Regiedebüt aus dem Jahr 2005 zeigt eine Teenagerin, die sich im Spannungsfeld zwischen der eigenen Identitätsfindung, ihrer ersten Liebe und der elterlichen Welt, die durch Lügen, Verrat, Heimatlosigkeit und Flucht bestimmt ist, befindet. Die junge Heranwachsende sehnt sich nach etwas Normalität, jedoch erweist sich diese Hoffnung als vergebens. Auf Grund der terroristischen Vergangenheit ihrer Eltern, ist sie gezwungen sich mit ihnen vor der Staatsicherheit im Untergrund zu verstecken, dadurch entgehen ihr soziale Kontakte, die Liebe und ein glückliches Familienleben . Von ihrem Wunsch nach Normalität getrieben, probiert Jeanne (Julia Hummer) wiederholt, aus diesem Dasein in ein erfülltes Leben zu fliehen. Doch jeder Versuch ihr Versteck zu verlassen hat schwere Konsequenzen und zieht die Teenagerin immer tiefer in den Untergrund hinab.
Die 15-jährige Jeanne ist seit ihrer Geburt mit ihren Eltern, den ehemaligen RAF-Terroristen Hans (Richy Müller) und Clara (Barbara Auer), auf der Flucht. In Portugal trifft sie dabei auf den jungen Surfer Heinrich (Bilge Bingül). Er gibt vor, aus einer wohlhabenden Familie zu stammen und erzählt Jeanne vom angeblichen Selbstmord seiner Mutter. Seither steht das Haus der Familie in Deutschland leer. Jeanne verliebt sich in den Jungen, da er ihr einen Hauch von Normalität verschafft und sie sich auf Grund seiner vermeintlich schweren Kindheit mit ihm identifizieren kann.
Nach einem Überfall auf das Appartement der kleinen Terroristen-Familie sehen diese sich gezwungen, Portugal umgehend zu verlassen. Ihre Flucht führt sie nach Hamburg, wo sie vergebens auf die Hilfe von Ex-RAF-Mitglied Achim (Bernd Tauber) hoffen, der sich indes mit dem System der DDR arrangiert hat und ein erfülltes Leben führt.
Daher sehen Hans und Clara sich gezwungen Ex-Mitstreiter Klaus (Günther Maria Halmer) um dessen finanzielle Hilfe zu bitten. Der ist inzwischen Alkoholiker geworden und entpuppt sich als ein Seitensprung Claras und möglicher leiblicher Vater von Jeanne, weshalb Hans ihn nicht ausstehen kann. Da Klaus etwas Zeit für die Beschaffung des verlangten Geldes benötigt, schlägt Jeanne Heinrichs leerstehendes Haus als zwischenzeitigen Unterschlupf vor. Nachdem die Familie dort eingekehrt ist, schicken die Eltern sie zwecks Besorgungen in die Stadt. Dort stiehlt Jeanne Kleidung, da sie sich in den eigenen nicht begehrenswert fühlt. Als sie die neue Kleidung auf einer Restauranttoilette anziehen will, wird sie dort von Heinrich angesprochen. Der erklärt, dass er sie bezüglich seiner Herkunft und des Hauses belogen hat, in einem Wohnheim lebt und als Servicekraft in besagtem Restaurant aushilft.
Als Jeanne ins Versteck zurückkehrt, entdeckt Hans ihr Diebesgut und stellt sie zur Rede. Davon ausgehend verbietet er ihr den weiteren Kontakt zu Heinrich, um eine bessere Kontrolle über die missliche Situation der Familie zu erhalten.
Als Klaus wenige Tage später zur geplanten Geldübergabe nicht erscheint, da er verhaftet worden ist, entschließen sich Clara und Hans dazu, eine Bank zu überfallen, um in Brasilien ein vollkommen neues Leben beginnen zu können. Während sie ihren Plan schmieden, schleicht sich Jeanne zu Heinrich und schläft mit ihm. Als sie am nächsten Morgen unbemerkt dessen Zimmer verlassen will, wird sie jedoch von Clara abgefangen und es kommt erneut zu einer Konfrontation. Die Mutter schlägt Jeanne.
Am selben Tag erzwingen die Eltern, dass Jeanne sich zwischen ihnen und Heinrich entscheidet, weil beide Lebensentwürfe nicht miteinander vereinbar sind. Da die Verbundenheit zur Familie stärker wiegt als die noch junge Liebe zu Heinrich, entscheidet Jeanne sich gegen ihn und kundschaftet die Bank für den bevorstehenden Raubzug aus. Dieser verläuft jedoch nicht wie geplant und Hans wird angeschossen, woraufhin die Familie zunächst wieder in ihr Versteck flüchtet. Jeanne, die in dem Trennungsgespräch aus ihrer Verzweiflung heraus, dass sie von den Eltern vor die Wahl gestellt wurde, Heinrich brüsk von sich gestoßen hatte, schleicht sich an diesem Abend jedoch zu ihm und erzählt ihm die Wahrheit über sich und ihre Familie. Während sie sich nach ihrem Geständnis erneut unbemerkt davonstiehlt, verrät Heinrich die Familie an die Staatsicherheit. Am nächsten Tag wird die Familie von mehreren Fahrzeugen der Geheimpolizei brutal von der Straße gedrängt. Was übrig bleibt, ist ein gebrochenes 15-jähriges Mädchen, für das zu keinem Zeitpunkt eine realistische Chance bestand, diesem Dilemma zu entkommen.

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Thematische Aspekte zu DIE INNERER SICHERHEIT [ ↑ ]

Sehnsucht
Der Aspekt der Sehnsucht nach einem erfüllten Familienleben zeigt sich ebenfalls ganz deutlich am Beispiel der Eltern-Kind-Beziehung, wie sie in DIE INNERE SICHERHEIT thematisiert wird. Hier ist es Jeanne, welche sich letztendlich zwischen ihren Eltern und ihrer ersten Liebe entscheiden muss. Auch bei ihr entwickelt sich ähnlich wie bei Nina die Liebe aus dem Wunsch nach Zugehörigkeit und dem Leidensdruck der Isolation heraus. Sie hinterfragt Heinrichs Geschichte über seine reiche Herkunft und den tragischen Selbstmord seiner Mutter nicht, weil sie es überhaupt nicht hinterfragen möchte. Er gibt ihr die Chance zu etwas vermeintlich Normalem dazuzugehören und das reicht ihr vollkommen aus, um alles andere auszublenden. Genauso wenig interessiert es sie, als er ihr die Lügen über seine Vergangenheit gesteht, da auch hier der Wunsch nach Normalität überwiegt. Nichtsdestotrotz liebt Jeanne ihre Eltern von ganzem Herzen, auch wenn sie auf Grund von deren ehemaligen RAF-Mitgliedschaft gezwungen ist, ein Leben im Untergrund zu führen. Schlussendlich entscheidet sie sich am Ende zunächst auch für sie und somit gegen Heinrich. Dass der Wunsch nach Familie auch bei ihr überwiegt, wird vor allem in der Szene deutlich, als sie ihn auf der Straße massiv beleidigt, um ihn auf diese Weise loszuwerden, ohne etwas von sich preiszugeben und dadurch ihre Familie zu gefährden. Nachdem der geplante Banküberfall schiefgegangen ist, flüchtet sich Jeanne zwar erneut für einen kurzen Moment in ihre Normalität mit Heinrich, kehrt jedoch letztendlich wieder zu ihren Eltern zurück.

Liebe und Sexualität
Liebe und Sexualität spielen eine maßgebliche Rolle in Petzolds Werken, da sie mit dem thematischen Aspekt der Sehnsucht eng verbunden sind. Die Facetten der Liebe, die dabei zwischen den Akteuren zum Ausdruck kommen, befinden sich jedoch mit den Rahmenbedingungen der spezifischen Filmwelt in einem starken Kontrast. Ein besonders gutes Beispiel hierfür bietet die unerfüllte Liebe von Jeanne zu Heinrich in DIE INNERE SICHERHEIT. Da Jeanne aufgrund der Vergangenheit ihrer Eltern gezwungen ist, im Untergrund zu leben und nichts von sich preiszugeben, verbieten ihr diese Umstände buchstäblich eine ehrliche und vertrauensvolle Beziehung zu Heinrich aufzubauen. Es besteht also zu keinem Zeitpunkt überhaupt eine realistische Chance für die vermeintliche Liebe der beiden, solange Jeanne nicht dazu bereit ist, sich von ihren Eltern zu lösen.

Identität und Selbstwertgefühl
Bei DIE INNERE SICHERHEIT scheint die Ausbildung einer stabilen Ich-Identität für Jeanne nahezu unmöglich zu sein, denn ihre Eltern unterbinden einen solchen Entwicklungsprozess. Dies ergibt sich aus dem Umstand, dass ihre Eltern Terroristen sind, welche ihre, und damit auch Jeannes, Identität vor jedem verbergen müssen. Da ihr Leben somit dadurch bestimmt ist, von Geburt an sich selbst zu verleugnen und ständig andere Identitäten anzunehmen, erhält sie niemals wirklich die Möglichkeit ihre eigene zu entwickeln.

Angst
Auch bei YELLA und DIE INNERE SICHERHEIT fungiert Angst als zentrales Motiv.
Jeanne fürchtet das Alleinsein, während ihre Eltern in ständiger Angst davor leben, entdeckt zu werden. Da Jeanne jedoch mit dieser Form der Angst aufwächst, wird es für sie ein Stück weit zur Normalität. Die Angst vor dem Alleinsein ist bei ihr jedoch allgegenwärtig und zeigt sich vor allem dadurch, dass sie entgegen des ausdrücklichen Verbots ihrer Eltern immer wieder versucht, Kontakte zur Außenwelt zu knüpfen. Gleichzeitig lässt sie jedoch davon ab, als ihre Eltern sie vor die Wahl zwischen sich und Heinrich stellen. Die Furcht vor dem Alleinsein, wird hierbei dadurch deutlich, dass sie das gemeinsame Leben im Untergrund mit ihren Eltern, welches sie so sehr hasst, einer ungewissen Zukunft mit Heinrich vorzieht.

Unheimliches
DIE INNERE SICHERHEIT ist von Beginn an durch eine sehr schaurige Grundstimmung geprägt. Die wird besonders durch die Inszenierung einzelner verlassener Schauplätze deutlich: Ein großes leerstehendes Haus umgeben von einem dichten Wald, ein Pool der solange nicht benutzt wurde, dass das Wasser bereits grünlich verfärbt ist, eine einsame Ecke hinter einem Rastplatz oder die vielen verlassenen Straßen, auf denen die junge Familie unterwegs ist. Obwohl diese Schauplätze für sich genommen eigentlich schon unheimlich genug wären, wirken sie durch die eigentliche Handlung erst richtig furchteinflößend. Dies wird vor allem deutlich, als Heinrich vom leerstehenden Haus und dem Selbstmord seiner Mutter erzählt. Während seine Stimme aus dem Off ertönt, geht man gemeinsam mit Heinrich und Jeanne an den Ort des Geschehens. Somit ergibt sich so etwas wie eine interaktive Schauergeschichte, welcher die ZuschauerInnen in diesem Augenblick näherkommen, als ihnen lieb ist.
Des Weiteren kommen genau wie bei GESPENSTER auch hier die Überwachungskameras zum Einsatz. Durch die triste Farbhaltung (schwarz-weiß) und die geringe Schärfe der Einstellung, werden in den jeweiligen Szenen auf dieselbe Weise unheimliche Momente geschaffen. Besonders hervorzuheben ist hierbei die Szene, in der gezeigt wird, wie Hans in der Bank angeschossen wird. Dort bedient sich Petzold zusätzlich zu der an sich unheimlichen Perspektive noch eines besonders schaurigen Überraschungsmoments. Dieses wird dadurch hervorgerufen, dass der Angreifer plötzlich und vollkommen unerwartet aus einer Seitentür ins Bild kommt.

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Formale Aspekte zu DIE INNERE SICHERHEIT [ ↑ ]


Musik
Bei DIE INNERE SICHERHEIT wird eine Besonderheit dadurch erzeugt, dass Jeanne zu Beginn des Films das Titellied für ihre Geschichte quasi selbst auswählt. Sie steht vor einer Jukebox und entscheidet sich für Hang on to a dream von Tim Hardin. Auffällig ist, dass dieses Lied lediglich in dieser Szene und ganz am Ende des Films nochmal zu hören ist. Somit umrahmt es nicht nur die komplette Handlung, sondern steht auch auf der inhaltlichen Ebene für Jeannes Gefühlswelt und ihre Träume, die bis zum Schluss nicht real werden.

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Pressespiegel zu DIE INNERE SICHERHEIT [ ↑ ]
Das Presseecho für DIE INNERE SICHERHEIT fällt insgesamt sehr positiv aus. Jedoch sind die Meinungen, in Bezug auf die Frage nach der Bedeutung des Films für die Aufarbeitung deutscher Vergangenheitsgeschichte, geteilt. Verena Lueken beschreibt diesbezüglich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (19.04.2010) Christian Petzolds Kinodebüt als „eine[n] der wenigen Filme über die Geschichte der extremen Linken in Deutschland, die als durchdringende Beschäftigung eines Autorenfilmers mit den Verhältnissen im eigenen Land überdauern werden“. Weiterhin bezeichnet David Steinitz (Süddeutsche Zeitung, 23.06.2016) den Regisseur in diesem Zusammenhang als „begnadete[n] Geisterjäger“, der „wie kaum ein anderer Filmemacher in den letzten Jahrzehnten die Phantome der deutschen Vergangenheit seziert“. Im Gegensatz dazu meint Merten Worthmann (Die Zeit, 01.02.2001), dass Petzold der „Vergangenheitsbewältigung“ ausweiche, „weil es ihm um die Gegenwartsbewältigung“ gehe. Aus diesem Grund sei DIE INNERE SICHERHEIT „in der gegenwärtigen Kontroverse um die linksradikale Vergangenheit grüner Minister“ fehl am Platz (ebd.). Dieselbe Meinung vertritt auch Barbara Schweizerhof (Filmzentrale), für die „Petzolds Film mehr mit Phantasieren als mit Diskutieren zutun“ habe, „weshalb er zur Debatte keinen Beitrag“ leiste. Ihrer Meinung nach verzichte der Regisseur sogar bewusst auf explizite politische Vergangenheitsbezüge, um „seine Helden als letzte Mohikaner beschreiben“ zu können, „deren Riten uns faszinieren und anrühren, solange wir uns nicht damit auseinandersetzen müssen“.
Vollkommen eindeutig fällt jedoch die Kritik an Christian Petzolds Regiearbeit aus. Hier lobt die Presse besonders dessen Fähigkeit mit wenig Aufwand ein breites Spektrum an Eindrücken zu vermitteln. Seine Bilder bleiben „eiskalt und ruhig, seine Geschichte wird unaufgeregt und unspektakulär, ohne Parolen und Phrasen, aber präzise erzählt“, heißt es dazu in einem anonymen Beitrag in der Mitteldeutschen Zeitung (30.04.08). Ergänzend erklärt Rüdiger Suchsland (Artechock), dass es dem Regisseur gelinge „in kargen, lakonischen Bildern die nackte Verzweiflung“ zu zeigen, wodurch DIE INNERE SICHERHEIT zu einem „der eindrucksvollsten und mutigsten Filme seit langem“ werde. Jedoch sind es neben Petzolds Regiearbeit vor allem die schauspielerischen Leistungen, welche von den Pressestimmen besonders positiv hervorgehoben werden. „Es sind die Schauspieler, die diesem leisen, an die Nieren gehenden Film ihren Stempel aufdrücken“, schreibt Tom Ruder (Stimme.de, 14.11.2011). Ein besonderes Augenmerk fällt dabei auf Julia Hummer. „Barbara Auer und Richy Müller spielen dieses Elternpaar in all seiner Verlorenheit“ lobt Suchsland (Artechock), betont jedoch, dass die „eigentliche Entdeckung […] aber die großartige Julia Hummer“ sei. Dieser gelinge es laut Lueken „allein in ihrem Gesicht den Weg vom Kind zur Frau sichtbar“ zu machen (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.04.2010). „In ihrer Rolle hat das Nachwuchstalent Julia Hummer Großartiges geleistet“ schreibt auch Christina Moles Kaupp im Spiegel Online (30.01.2001) und betont dabei deren Talent, „ohne viele Worte den ganzen Ansturm sich widersprechender Gefühle“ zu zeigen (ebd.).
Insgesamt stellt DIE INNERE SICHERHEIT der Presse zufolge daher „ein beeindruckendes Ensemble in einem großartigen Roadmovie mit leisen, sensiblen Bildern“ dar (Kaupp: Spiegel Online, 30.01.2001), wodurch auch Christian Petzolds Stellung „in Frankreich oder den USA als eine der wichtigsten Stimmen des deutschen Kinos“ gerechtfertigt erscheint (Steinitz: Süddeutsche Zeitung, 23.06.2016).

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GESPENSTER

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu GESPENSTER [ ↑ ]
Petzolds Film GESPENSTER aus dem Jahr 2005 behandelt die vergebliche Suche der Protagonistin Nina (Julia Hummer) nach Nähe und sozialer Zugehörigkeit innerhalb der Großstadt Berlin. Durch die verzweifelten Versuche Ninas aus der Einsamkeit und ihremLeben als Außenseiterin auszubrechen, erhält der Zuschauer tiefe Einblicke in eine Welt voller Sehnsüchte und Ängste, die die Handlungen eines ganzen Lebens bestimmen und schließlich in eine Existenz münden, die nicht nur unglücklich macht, sondern auch gespensterhaft und unwirklich erscheint. Dadurch wird der Zuschauer mit der Frage konfrontiert, wie weit ein Mensch gehen muss, um Nähe und Zugehörigkeit zu erfahren. So erzählt GESPENSTER die Geschichte eines Ehepaares, welches auf der Suche nach ihrer entführten Tochter ist. Zeitgleich beschreibt der Film einen Tag aus dem Leben der Außenseiterin Nina. Diese beobachtet bei ihrer Arbeit, wie ein Mädchen namens Toni (Sabine Timoteo) erst von mehreren Männern verprügelt wird und anschließend, nachdem sie Ninas Arbeitskollegen zu bestehlen versucht hat, davonrennt. Nina hilft dem Mädchen bei der Flucht und freundet sich schnell mit Toni an. Beiden Mädchen merkt man an, dass sie Einzelgängerinnen sind und am sozialen Leben der Gesellschaft nicht teilnehmen. Nina, die ohne leibliche Eltern in Pflegefamilien großgeworden ist und auch ansonsten kaum soziale Kontakte hat, ist fasziniert von der selbstbewussten Herumtreiberin Toni und lässt sich von ihr dazu überreden eine Kaufhauskette zu bestehlen. Bei diesem Diebstahl lernt Nina wiederum ihrerseits eine für sie unbekannte Frau (Marianne Basler) kennen, die sie mit Marie anspricht. Diese ist davon überzeugt, in Nina ihr entführtes Kind wiederzuerkennen. Toni, die während der Begegnung dabei ist, bestiehlt die Fremde währenddessen, woraufhin beide Mädchen davonlaufen. Nina ist von Toni und ihrer neu entstandenen Freundschaft sichtlich eingenommen und lässt sich von ihr mitreißen. Sie merkt jedoch auch, dass die Begegnung mit der fremden Frau in ihr verborgene Sehnsüchte freigelegt hat. Jedoch verdrängt sie diese zunächst, da sie zu glauben anfängt, sich in Toni verliebt zu haben. Dies ändert sich allerdings im Laufe des Films, als Toni nach einer gemeinsamen Feier verschwunden ist. Im Gefühl wieder alleine zu sein, entscheidet sich Nina dazu, zurück an den Ort der Begegnung mit der Fremden zu gehen, in der Hoffnung, diese dort anzutreffen. Ihre Hoffnung bewahrheitet sich und es kommt zu einem Gespräch, bei dem die Frau namens Francoise Nina zu überzeugen versucht, dass diese ihre verschwundene Tochter Marie sei. Diese Unterhaltung wird jedoch durch ihren Ehemann Pierre (Aurélien Recoing) unterbrochen, der seine sichtlich mitgenommene Frau dazu auffordert, mit ihm zu kommen. Außerdem gibt er Nina zu verstehen, dass seine verschwundene Tochter tot ist und sie nicht, wie von seiner Frau angenommen, Marie ist. Nina bleibt alleine zurück. Der Film endet damit, dass Nina an den Ort zurückgeht, an dem sie mit Toni die Brieftasche durchsucht und weggeworfen hatte. Sie öffnet das Portemonnaie und findet eine computeranimierte Fotoabfolge, welche zeigt, wie das Gesicht der verschwundenen Tochter heutzutage aussehen würde. Nina erkennt die Ähnlichkeit zwischen sich und den Fotos, doch sie entscheidet sich das Portemonnaie samt Fotoabfolge wieder wegzuschmeißen und ihr Leben weiterhin alleine zu bestreiten. Somit wird das Scheitern der immer fortlaufenden Bemühungen Ninas aus der Einsamkeit zu entkommen und ein herkömmliches Leben zu führen zum zentralen Kern des Films. Auf sehr emotionale Art und Weise gelingt es Petzold dem Zuschauer aufzuzeigen, wie weit man bereit ist zu gehen, wenn man sich einsam und isoliert fühlt. Die Thematisierung von Verlust- und Identitätsängsten, welche als Auslöser der zentralen Sehnsüchte zu begreifen sind, führen zu der Erkenntnis, dass man die Vergangenheit nicht in der Gegenwart leben kann, ohne seelisch verletzt zu werden. So will Petzold das Ende bewusst offenhalten, da der Zuschauer die Ausgangsfrage für sich selbst beantworten soll. Es geht vor allem um die Übermittlung von Gefühlen durch eine melancholisch-deprimierende Atmosphäre, die den Zuschauer auf eine emotionale Reise mitnimmt, die sicherlich zum Nachdenken anregt.

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Thematische Aspekte zu GESPENSTER [ ↑ ]

Sehnsucht
Die Sehnsucht ist ein Aspekt, welcher in zahlreichen von Petzolds Filmen zu finden ist. Hierbei steht oftmals die Sehnsucht nach Zugehörigkeit zur Gesellschaft und der Wunsch nach Normalität im Fokus. Besonders deutlich wird dieser Wunsch in GESPENSTER anhand der Protagonistin Nina. Sie verkörpert eine Einzelgängerin, die sich jedoch eine Bezugsperson wünscht, da sie ohne leibliche Eltern aufgewachsen ist. Dies lässt sich vor allem an ihrem Verhalten gegenüber Toni veranschaulichen: Obwohl Toni sie bloß auszunutzen scheint, glaubt Nina hoffnungsvoll daran, in ihr eine wahre Freundin gefunden zu haben. Sie schenkt ihr Geld, Kleidung und lässt sie sogar bei sich übernachten, obwohl die beiden sich kaum kennen. Hieran wird deutlich, wie groß Ninas Sehnsucht nach Zugehörigkeit ist, dass sie Menschen, die ihr nur etwas Aufmerksamkeit schenken, sehr schnell ihr Vertrauen schenkt und sich ihnen gegenüber vom ersten Moment an loyal verhält. Nina hinterfragt nichts, was Toni tut, was ihren verzweifelten Wunsch nach Zugehörigkeit betont. Der einzige Wunsch, der größer ist als der, eine wahre Freundin zu haben, ist jener, ihren leiblichen Eltern nahe zu sein. Dies wird in der Szene deutlich, als Nina zum ersten Mal auf die Französin trifft, welche vorgibt ihre Mutter zu sein. In dieser Szene, in der die Französin Nina bezüglich ihrer Narbe und ihres Muttermals anspricht, zeigt sich Nina interessiert und ist bereit der fremden Frau ihre Fragen zu beantworten, obwohl Toni sie nachdrücklich dazu auffordert zu gehen.

Liebe und Sexualität
Nina ist eine Person, die in ihrem Leben wenig Zuneigung und Liebe erfahren hat. Davon ist auszugehen, da sie keine Freunde und auch keine Familie hat. Sie lebt in einem betreuten Wohnheim und scheint nicht oft Besuch zu bekommen, da die Leiterin über Tonis Anwesenheit recht überrascht zu sein scheint. Somit scheint es, dass die sexuelle Anziehung zwischen Nina und Toni der tiefe Ausdruck ihrer Wünsche nach Geborgenheit, Liebe und Nähe ist. Es geht dabei jedoch nicht vordergründig um den sexuellen Aspekt. Doch dadurch, dass Toni Nina küsst, erfasst Nina die angehende Freundschaft auch auf sexueller Ebene, jedoch ohne dafür von ihrer Seite aus etwas unternommen zu haben. Es ist lediglich etwas, das Nina als normal begreift, wenn man jemanden gernhat. Somit wird Ninas Unsicherheit in Sachen Liebe klar. Während der Zuschauer das Gefühl bekommt, dass Toni Nina bloß ausnutzt, vermittelt Nina den Anschein, dass sie sich in Toni verliebt. Dies wird vor allem durch die Tanzszene im roten Licht veranschaulicht. Des Weiteren wird das Thema Liebe auch durch die verzweifelte Suche der Eltern nach ihrer verschwundenen Tochter Marie thematisiert. Die Verzweiflung zeigt sich dabei vor allem in der angeschlagenen Verfassung der Mutter, welche zu Beginn des Films von ihrem Mann aus einer psychiatrischen Klinik abgeholt wird.

Identität und Selbstwertgefühl
Die ProtagonistInnen in Petzolds Filmen haben oftmals Schwierigkeiten damit, eine individuelle Identität auszubilden oder aufrecht zu erhalten, da sie aus verschiedenen Gründen von der Gesellschaft isoliert wirken. Das spiegelt sich auch im Selbstwertgefühl der Charaktere wider. Während beispielsweise Nina in GESPENSTER vorzugsweise als Einzelgängerin ihr Leben bestreitet, ordnet sich Yella im gleichnamigen Film nahezu allem unter, was ihr eine positive Zugehörigkeit in Aussicht stellt.
Vor allem in GESPENSTER spielt die Suche nach der eigenen Identität eine große Rolle. Nina kennt weder ihre leiblichen Eltern, noch hat sie Kontakt zu anderen Mitgliedern ihrer Familie. Sie weiß nicht einmal, woher sie kommt und kennt ihren Geburtsnamen nicht. Der gesamte Film versinnbildlicht daher in gewisser Weise einen Selbstfindungsprozess, der von Nina immer mal wieder angerissen, aber nie wirklich durchlaufen wird. Zwar glaubt sie zum Beispiel in Toni eine Freundin gefunden zu haben, wird jedoch von ihr enttäuscht. Im nächsten Moment glaubt sie, endlich der Teil einer richtigen Familie sein zu können und ihre leiblichen Eltern gefunden zu haben, doch diese Hoffnungen werden vom möglicherweise eigenen Vater zerschlagen, der es einfach nicht für möglich hält, dass seine vor Jahren entführte Tochter noch am Leben sein könnte.
Da Petzold vor allem bei GESPENSTER nur Indizien und Andeutungen dafür liefert, wie etwas im Zusammenhang stehen könnte, inszeniert er allein dadurch bereits die Identitätslosigkeit von Nina. Ob sie nämlich letztendlich überhaupt wirklich die Tochter des französischen Paars ist, bleibt offen. Es gibt lediglich Übereinstimmungen bei den Körpermerkmalen (Muttermal, Narbe), dem Alter und der äußeren Erscheinung. Somit ist auch unklar, ob es für Nina überhaupt je eine realistische Chance auf eine gesunde Identitätsbildung gegeben hätte.

Angst
Ein weiterer zentraler Aspekt in Petzolds Filmen ist die Angst und deren Bewältigung. Besonders in GESPENSTER wird die Protagonistin mit zahlreichen Ängsten konfrontiert. Eine erste Herausforderung für sie wird gleich zu Beginn des Films deutlich, als Toni von zwei Männern hinter einige Büsche gezerrt wird. Obwohl Nina sichtlich verängstigt ist, geht sie dennoch hinterher und beobachtet, wie Toni von den Männern verprügelt wird. Da sich die beiden jungen Frauen auf diese Weise kennenlernen, erfährt Nina, dass es lohnenswert sein kann sich seinen Ängsten zu stellen. Ebenso überwindet sie ihre Furcht, als sie in einem Bekleidungsgeschäft, von Toni angestiftet, Kleidung stiehlt, obwohl sie sichtlich Angst davor hat entdeckt zu werden. Jedoch gelingt es nicht jedem Charakter gänzlich, sich den individuellen Ängsten zu stellen, wodurch die Angst in den wirklich entscheidenden Momenten der Handlung meist überwiegt. Der Ehemann der Französin geht zum Beispiel lieber vom Tod seiner Tochter aus, weil er eine weitere Enttäuschung nicht ertragen könnte und dies seiner Frau nicht zumuten möchte.

Unheimliches
Immer wieder durchziehen die Handlungsstränge eine Atmosphäre des Unheimlichen, welche durch bestimmte Motive, Situationen und Kameraperspektiven erzeugt wird. Besonders im Film GESPENSTER finden sich zahlreiche unheimliche Situationen. Als besonders gutes Beispiel dienen hier die Szenen, die aus dem Blickwinkel einer Überwachungskamera gezeigt werden. Dadurch, dass die Protagonistin darauf schwarz-weiß und sehr unscharf zu erkennen ist, wird eine besonders düstere Atmosphäre erzeugt. Denselben Effekt erzielt die Rückblende bezüglich der Entführung von Marie, ebenfalls aus der Perspektive einer Überwachungskamera. Besonders der Moment, als das Baby entführt wird, erzeugt hierbei eine beängstigende Stimmung. Ebenfalls wirkt die gefundene Fotoabfolge unheimlich, da siephantombildähnliche Elemente beinhaltet, aber auch dadurch, dass sich Nina in den erstellten Bildern wiedererkennt.

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Formale Aspekte zu GESPENSTER [ ↑ ]

Kameraführung
Bei all seinen Filmen arbeitet Petzold ausschließlich mit dem Kameramann Hans Fromm zusammen. Besonders auffällig ist, dass bei jedem der gemeinsamen Projekte die Kameraführung in erster Linie eine Begleitfunktion erfüllt. Damit ist gemeint, dass der Versuch unternommen wird, dem Zuschauer ein möglichst interaktives Filmerlebnis zu verschaffen, bei dem die RezipientInnen das Gefühl erhalten, sich selbst unmittelbar im Geschehen zu befinden. Häufig wird dazu der Over-the-shoulder-shotverwendet wie beispielsweise in zahlreichen Szenen von YELLA und GESPENSTER.
Eine Besonderheit ist die Verwendung der Steadicam, die es dem Kameramann ermöglicht, sich synchron zu den Schauspielern zu bewegen, wodurch der Akteur weiterhin im Mittelpunkt des Geschehens bleibt, während bei den ZuschauerInnen das Gefühl erzeugt wird, dass der Figur unmittelbar gefolgt wird. Besonders deutlich wird die Verwendung dieser Technik bei GESPENSTER in der Szene, als Nina alleine auf die Brücke im Wald zuläuft.
Vor allem bei GESPENSTER und YELLA wird häufig auf Nahaufnahmen und Zoomtechniken verzichtet, was eine gewisse Distanz zu den Figuren kreiert. Diese Distanz unterstützt dabei den Kontrast, der zwischen den Hauptfiguren und der vermeintlich normalen Welt besteht. Somit verdeutlicht auch die Kameraführung in gewisser Weise das Außenseiter-Dasein der Charaktere in der sozialen Gesellschaft. Die Ausnahme bildet bei GESPENSTER die Tanzszene zwischen Nina und Toni, wo abwechselnd das Gesicht der beiden in Nahaufnahme zu sehen ist. Jedoch bleibt die Einstellung dabei unscharf, wodurch wiederum die Ungewissheit und Aussichtslosigkeit dieser zwischenmenschlichen Beziehung verdeutlicht wird.
Generell verzichtet Petzold weitestgehend auf Nahaufnahmen (so auch in BARBARA) und zeigt stattdessen vorzugsweise Bilder, die in einem spezifischen Kontext stehen. Für seine Filme sind nicht bloß die Figuren als handelnde Subjekte entscheidend, sondern vielmehr die Umstände welche diese Handlungen bewirken.

Musik
Die musikalischen Elemente in GESPENSTER sind akzentuiert gesetzt. So gibt es fast ausschließlich nur bei dem französischem Ehepaar Musik zu hören, und zwar vor allem klassische Musik, wie Bachs Kirchenkantate Ich hatte viel Bekümmernis, in der es thematisch um Ängste, Sehnsüchte und Kummer geht. So wird die Dramatik in dem Film auch musikalisch unterstützt, was die Intensität des Mitgefühls mit dem trauernden Elternpaar erhöht.

Licht
Bei den Lichtverhältnissen setzt Petzold vorzugsweise auf natürliches Licht. Dies bedeutet jedoch nicht, dass gänzlich auf künstliche Lichtquellen verzichtet wird. Vielmehr geht es ihm darum „mit vorhandenem Licht zu arbeiten und das vorhandene Licht vielleicht ein wenig zu verstärken, damit es noch natürlicher aussieht“ (Dobewall). Auf diese Weise erhalten seine Filme eine besondere identifikatorische Wirkung, da die vordergründige Verwendung natürlicher und alltäglicher Lichtquellen begünstigt, dass die ZuschauerInnen die Filmbilder als besonders authentisch empfinden und sich so eine Nähe zu den Figuren und deren Umgebung einstellt. Das gesamte Werk erscheint auf diese Weise etwas realistischer und dadurch greifbarer.
Gleichzeitig spielt der Regisseur auch mit den natürlichen und alltäglichen Lichtquellen und erzeugt so bestimmte Emotionen bei den RezipientInnen. So kommt es beispielsweise, dass im Vergleich zu GESPENSTER, bei BARBARA, DIE INNERE SICHERHEIT und YELLA vermehrt Szenen bei Dämmerung oder in der Nacht gedreht worden sind. Dadurch wirken diese Filme auf den ersten Blick wesentlich düsterer und beängstigender.
Eine weitere Auffälligkeit findet sich bei GESPENSTER. Bei diesem Film ist die Tanzszene zwischen Nina und Toni hervorzuheben, die sich von den anderen Szenen in Hinblick auf die Lichtverhältnisse deutlich abgrenzt. Sie ist in einem kräftigen Rot gesetzt, was vordergründig durch die roten Glühbirnen im Raum erzeugt wird. Durch den Tanz in diesem Licht wird eine warme Atmosphäre geschaffen. Die Farbe Rot kann hierbei einerseits positiv als Zeichen für Liebe und Zuneigung gedeutet werden, andererseits symbolisiert sie ebenfalls Gefahr und kann daher als Warnung verstanden werden.
Da dieser Moment von Toni unterbrochen wird, welche den rot beleuchteten Raum verlässt, um etwas zu trinken zu holen und Nina alleine zurückbleibt, deutet dies bereits auf das Ende der kurzen und einseitigen Freundschaft hin.

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Pressespiegel zu GESPENSTER [ ↑ ]
Christian Petzolds emotionales Großstadtdrama GESPENSTER, das die Sehnsucht nach Nähe und die Suche nach Zugehörigkeit innerhalb Berlins thematisiert, schneidet in den Kritiken sehr gut ab.
„Durch die Beschränkung auf das Nötigste entsteht der Reichtum in Christians Petzolds Filmen“ bemerkt Peter Körte von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (14.09.2005).
Gerade die Bilder und die Atmosphäre des Films lobt Körte, indem er betont, dass „je kühler und strenger Petzold seine Szenen und Bilder“ konstruiere, desto mehr spüre man „die Glut dieser Verzweiflung.“ Daran schließt sich auch Sascha Keilholz von critic.de (23.08.2005) an, wenn er die Bilder, die der Film vermittelt, als „Bilder der Einsamkeit, des Einbruchs von Einsamkeit oder des Ausbruchsversuchs aus der Einsamkeit heraus“ beschreibt. Auch die Ortsauswahl unterstütze die Atmosphäre des Films, da „Berlin als Topographie der Einsamkeit“ inszeniert werde, so Keilholz. Ebenfalls werden die Regie von Christian Petzold und die Kameraarbeit von Hans Fromm gelobt. Keilholz betont dabei, dass durch die gewählten Kameraperspektiven dem Zuschauer das Gefühl vermittelt wird, dass man die Protagonisten in ihrer Geschichte stets begleite, nie aber vollends ihr Innerstes blicken kann. Somit schafft Petzold es, mit „[…] erzählerischer und visueller Intelligenz so nachdrücklich von Gefühlen [zu] erzählen […], ohne dauernd darüber reden zu müssen“(ebd.).
Gerade Petzolds Verknüpfung der Figuren mit der Großstadt Berlin findet bei den Kritikern einen positiven Anklang.
In dieser Hinsicht beschreibt Christian Buß GESPENSTER bei Spiegel Online (15.09.2005) als ein „[…] grandioses Schauermärchen aus einer Großstadt“. Im „lange fälligen Film über die Berliner Gegenwart“ sieht Buß die Großstadt Berlin und die Protagonisten in einem besonderen Einklang. Die Hauptstadt wirke auf ihn wie „ein teurer und liebloser Illusionismus“ und seiein sonderbar lebensferner Ort“, dem die Seele „unter allerlei Bausünden“ verschüttet wurde. Somit können die Figuren des Films bei der Suche nach eigener Identität und Herkunft an so einem Ort nur scheitern, gelingen unmöglich, so Buß. Der Kritiker hebt hervor, dass dadurch GESPENSTER zur gelungenen „Großstadtsymphonie“ und zum „Schauermär“ werde, welches durch die passende Zusammensetzung von Ort und Figuren ganz ohne Schockelemente seine Wirkung beim den Zuschauer erzielt. Daran schließt sich auch Sascha Keilholz von critic.de an, der anmerkt, dass „[i]n den Filmen Christian Petzolds […] die Protagonisten immer alleine, isoliert [und] seelisch verwundet“ sind und […] [d]er Versuch, die Vergangenheit in der Gegenwart neu zu beleben, […] immer scheitern“ müsse, so auch in der Hauptstadt.
Ebenfalls als „ein Märchen aus der Großstadt“ charakterisiert Rüdiger Suchsland (Artechock) GESPENSTER und schließt sich damit der Mehrheit an. Dabei wird ebenfalls die passende Zusammensetzung von Schauplatz und Figuren hervorgehoben. So unterstreicht er, dass Christian Petzold den Zuschauer in bestimmte „Orte eintauchen“ lasse und dadurch aufzeige, „wie die Menschen wohnen, arbeiten, lieben und sie in Alltagssituationen“ beobachten kann. So seien seiner Meinung nach die Schauplätze immer auch ein Spiegelbild der Figuren. Die „Stadt trifft auf Wald, Bewegung auf Ruhe, Verzweiflung auf Aufbruch“, so Suchsland. Trotz all dieser Kontraste schaffe Petzold es, seinen Film ausgeglichen wirken zu lassen.
Jedoch kritisiert Suchsland die Teilung des Films in zwei Geschichten, die zwar miteinander verknüpft seien, jedoch für den Zuschauer ein „Ungleichgewicht“ darstellen, sodass die eigentliche Handlung „konstruiert“ wirke. Er fügt allerdings hinzu, dass der Film in erster Linie keiner der „Ereignisse, sondern einer der Emotionen“ sei. Auch Gunnar Decker (neues deutschland, 15.09.2005) lobt die realistische Erzählweise des Films, der laut Gunnar „alles so, wie es in Wirklichkeit ist“ darstellt und den Vorwurf der Künstlichkeit folgendermaßen entkräftet: “Die Lüge beginnt, wo ein Film den Anschein erweckt, er wäre kein Kunstprodukt. Gegen die große Animation fürs weiche Gemüt, mittlerweile auf allen Kanälen, setzt Petzold auf harte Distanz. Seine Filme zwingen in einen eigenen Rhythmus, sie befremden und quälen den, der sich bloß erbauen oder von sich selbst ablenken will“. Ein anonymer Beitrag von Zeit Online schließt sich den Meinungen, dass die Einstellungen des Films besonders gelungen seien, an, indem geschrieben wird, dass „Blätter, Bäume, Straßen, Dinge“ realitätsgetreu dargestellt werden und dadurch Platz für verschiedenste Deutungen geschaffen wird. Dennoch würden die Figuren, „die eine Parallelexistenz führen, immer eine Hand breit an der Gegenwart der Stadt vorbei“ wandern und das würde den Film „gespenstischer“ und „noch unheimlicher erscheinen“ lassen.

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YELLA

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu YELLA [ ↑ ]
Der achte Spielfilm des Regisseurs Christian Petzold erzählt die Geschichte von Yella (Nina Hoss), einer jungen Frau, die sich, gefangen zwischen den Schattenseiten ihres Lebens in Wittenberge, eine bessere Zukunft erträumt. In diesem Traum ist sie in Hamburg.. Die junge Buchhalterin erhält dort ein Jobangebot und erhofft sich die Chance auf ein erfülltes Leben in der Großstadt. Jedoch soll sie niemals die Gelegenheit erhalten ihre Träume zu verwirklichen. Es scheint beinahe so, als wäre Yella das Glück nicht bestimmt. Verfolgt von ihrem stalkenden Ex-Mann (Hinnerk Schönemann) wird sie in die Arme eines korrupten Geschäftsmannes getrieben, in einer Welt, in der sie für beinahe alles und jeden um sich herum unsichtbar zu sein scheint. Jeder Versuch, der Normalität einen Schritt näher zu kommen, scheitert und als sie sich der Erfüllung ihrer Träume am nächsten sieht, kommt es zum dramatischen Höhepunkt der Handlung. Yella erkennt, dass für sie und den jungen Geschäftsmann nie eine Chance auf ein erfülltes Leben Bestand haben würde. Es war lediglich ein Traum, eine Vision, die sie im Moment ihres Todes sah. Eine Vision, die ihr kein besseres Leben, aber viel Schmerz offenbart. Aus diesem Grund entschließt sich die junge Frau ihre Höllenfahrt vorzeitig zu beenden und gemeinsam mit ihrem Ex-Mann und dessen Auto, rasen ihre Träume und Hoffnungen buchstäblich in die Tiefe.
Nachdem sich Buchhalterin Yella von ihrem Ex-Mann Ben getrennt hat und dessen Firma Insolvenz anmelden musste, lebt sie bei ihrem Vater (Christian Redl) in dessen Haus. Als sie von Herrn Schmitt-Ott (Michael Wittenborn) ein Jobangebot in Hannover erhält, ergreift die junge Frau die Möglichkeit ihrem tristen Alltag in Wittenberge zu entfliehen und sich ein eigenständiges Leben ohne den stalkenden Ex-Mann aufzubauen. Der lauert ihr nach ihrem Vorstellungsgespräch regelrecht auf und versucht sie zurückzugewinnen. Während Ben auf sie einredet, gelingt es ihm nicht gänzlich seinen Zorn zu verbergen, als er dabei auf Abweisung stößt.
Am ersten Arbeitstag wartet statt des bestellten Taxis Ben vor dem Haus von Yellas Vater und bittet darum, sie zum Bahnhof bringen zu dürfen. Nachdem Yella eingewilligt hat, kommt es während der Fahrt zum Streit zwischen den beiden, als Yella zu verstehen gibt, dass sie dessen gemeinsame Zukunftspläne nicht teilt. Er wird handgreiflich. Ihren Wunsch, daraufhin aussteigen zu dürfen ignoriert Ben, gesteht erneut seine Liebe, beschleunigt und verreißt das Lenkrad. Yella versucht gegenzulenken, doch das Auto rast von einer Brücke und stürzt in den Fluss. Sie überleben den Unfall und Yella lässt Ben zurück, um dennoch rechtzeitig ihren Zug nach Hannover zu bekommen. Dort stellt sich heraus, dass Schmitt-Ott sie belogen hat. Im Hotel begegnet sie jedoch Philipp (Devid Striesow), einem Private-Equity-Manager, der sich im selben Hotel wie Yella aufhält und ihr ein neues Jobangebot unterbreitet. Sie soll ihn auf ein Meeting begleiten und ihm mit ihren Fähigkeiten als Buchhalterin bei der Überprüfung der Bilanzen des Unternehmens, in das investiert werden soll, behilflich sein. Das Meeting verläuft erfolgreich und Yella erhält von Philipp 1000 DM in bar.
Wieder im Hotel angekommen bemerkt Yella, dass Ben ihr dorthin gefolgt ist und in ihrem Zimmer war. Sie läuft ihm bis zu einem Teich nach und wird dort von ihm allein zurückgelassen.
Das zweite Meeting, bei dem Yella assistiert, verläuft ebenfalls erfolgreich, woraufhin Philipp ihr einen Umschlag mit 75000 DM übergibt, die sie für ihn einzahlen soll. Zu diesem Zeitpunkt wird Yella klar, dass er seine Kunden betrügt. Als sich jedoch herausstellt, dass sich im Umschlag 25000 DM zu viel befinden, beschließt Yella, die überschüssige Summe heimlich an Ben zu schicken, damit er sich um die Rettung seiner Firma kümmert und sie in Frieden lässt. Jedoch fängt Philipp sie am Postkasten ab und stellt sie im Auto zur Rede. Beide verlassen das Auto daraufhin wortlos und kehren zurück in ihre Zimmer. Nach einem klärenden Gespräch zeigt Philipp Verständnis für die Situation mit ihrem Ex-Mann und bittet sie, auch beim nächsten Meeting wieder als seine Buchhalterin zu fungieren. Als auch das einen positiven Ausgang findet, bittet Philipp Yella, ihn nach Dessau zu weiteren Verhandlungen zu begleiten. Am selben Abend kommt es erneut zu einem unverhofften Wiedersehen mit Ben, woraufhin sie zu Philipp flüchtet und mit ihm die Nacht verbringt.
Während der Fahrt nach Dessau beschließt Yella in Wittenberge Halt zu machen, um Philipp ihrem Vater vorzustellen. Als der ihr Vorhaben bemerkt, kommt es jedoch zum Streit und Yella verlässt den Wagen. Philipp liest sie auf und berichtet von seinen Plänen bezüglich des Investments in ein Schlagbohrsicherheitssystem. Er bittet sie, bei ihm zu bleiben und Yella willigt ein, wohlwissend, dass er seine Kunden betrügt.
Als Philipp von seiner bevorstehenden Entlassung erfährt, fährt Yella eigenmächtig zu Dr. Gunthen (Burghart Klaußner), dem Leiter des Dessauer Unternehmens, um von ihm das restliche Geld für Philipps Vorhaben zu erpressen. Sie droht ihm damit, das Plagiat aufzudecken, welches er mit seinem Unternehmen begangen hat, woraufhin seine Karriere beendet wäre. Getrieben von großer Angst um die Existenz seiner Familie, begeht Dr. Gunthen am Folgetag Suizid. Yella flüchtet daraufhin in ein Taxi und bricht dort in Tränen aus. Als sie ihre Augen wieder öffnet, befindet sie sich wie zu Beginn in Bens Wagen. In diesem Moment wird deutlich, dass es sich hier um eine Erzählblase im Todesmoment handelt. Yella hat jedoch nicht ihr gelebtes Leben an sich vorbeiziehen sehen, sondern den Ablauf ihrer vermeintlichen Zukunft. Als Ben den Wagen in Richtung Wasser steuert, greift sie diesmal daher nicht ins Lenkrad und beide sterben. Sie entscheidet sich folglich lieber für den Tod als für das Leben welches sie mit Philipp erwarten könnte, da es ebenfalls unerfüllt bliebe.
Mit diesem Film zeigt Christian Petzold, wie verheerend sich Einsamkeit, Angst, Isolation und unerfüllte Sehnsüchte auf den Überlebenswillen des Menschen auswirken können. Des Weiteren scheint seine Hauptfigur nicht den Hauch einer Chance zu besitzen, ihr Schicksal positiv zu beeinflussen. Es bleibt also die Frage, ob der Mensch überhaupt eine Chance hat sich seinem Schicksal zu entziehen und falls nicht, wie viel Leid ertragbar ist.

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Thematische Aspekte zu YELLA [ ↑ ]

Sehnsucht
Durchaus ähnliche, aber auch gänzlich andere Formen der Sehnsucht werden in Petzolds Filmen BARBARA und YELLA thematisiert. Beide Titelfiguren verspüren den Wunsch, sich ein besseres Leben im Westen aufzubauen. Während bei Yella der Antrieb vom schwierigen Verhältnis zu ihrem Ex-Mann und ihrer Arbeitslosigkeit im heimischen Wittenberge ausgeht, sind es bei Barbara die direkten Abneigungen gegen die DDR, welche die Sehnsucht auf ein besseres Leben verstärken. Diese verzweifelte Sehnsucht wird in Barbaras Fall vor allem durch ihr Vorhaben, die Flucht durch eine Überquerung der See umzusetzen, deutlich, da so ein gefährliches Unterfangen oft mit dem Tod endet. Anhand ihrer Arbeit als Kinderärztin wird zudem deutlich, dass Barbara eine tiefe Sehnsucht danach verspürt, anderen Menschen, insbesondere Kindern, zu helfen.
Auch Yella wirkt auf den ersten Blick sehr hilfsbereit, jedoch wird ihre Hilfsbereitschaft von ängstlichen Motiven begleitet. Sie unternimmt beispielsweise den Versuch, einen Teil des Geldes, welches sie von Philipp erhalten hat, heimlich an ihren Ex-Mann Ben zu schicken. Zwar würde sie ihn dadurch bei der Rettung seiner Firma finanziell unterstützen, jedoch geht es ihr vordergründig um ihr eigenes Wohlergehen: Sie beabsichtigt nämlich, dass er sie nicht mehr stalkt, wenn er eine andere Beschäftigung hat. Der Wunsch nach Normalität, Sicherheit und persönlicher Autonomie steht daher bei ihr ähnlich wie in GESPENSTER und DIE INNERE SICHERHEIT im Fokus.
Sie möchte Philipp wiederum in seinem Vorhaben unterstützen, genügend Geld für sein privates Investment in ein Schlagbohrsicherheitssystem zu beschaffen. Dafür geht sie sogar soweit, dass sie sich alleine zu Dr. Gunthen nach Hause begibt und ihn massiv unter Druck setzt, bis dieser letztendlich den einzigen Ausweg im Suizid sieht. Er hinterlässt seine Frau und eine Tochter. Hieran wird deutlich, dass Yellas Sehnsucht nach Liebe und einer eigenen kleinen Familie so groß ist, dass sie nicht einmal davor zurückschreckt eine andere Familie zu zerstören. Anders als Barbara wird Yella daher vielmehr von ihrem unbewussten Selbsterhaltungstrieb getrieben.
Grundsätzlich lässt sich daher sowohl für GESPENSTER und DIE INNERE SICHERHEIT als auch für BARBARA und YELLA festhalten, dass das Motiv der Sehnsucht den Filmen ein großes Stück ihrer Dynamik verleiht. Diese Sehnsucht führt zu Verzweiflung, Schnelllebigkeit und gipfelt wie beispielsweise bei YELLA in drastischen Maßnahmen.

Liebe und Sexualität
Mitunter am stärksten vertreten sind die Facetten der Liebe jedoch in YELLA. Hier begegnet man der bedingungslosen Liebe eines Vaters zu seiner Tochter, der krankhaften Liebe eines Ex-Ehemanns der zum Stalker wird, der Liebe eines verzweifelten Mannes, der um jeden Preis seine Familie vor dem Ruin bewahren will und der naiven Liebe einer jungen Frau um der Liebe selbst willen. Doch die Liebe ist besonders in diesem Film genauso allgegenwärtig wie sie unerfüllt bleibt: Herr Fichte, der Yella bedingungslos liebt, muss sie ziehen lassen. Ben sieht sich gezwungen, sich selbst und seiner Ex-Frau das Leben zu nehmen, da sie sich gegen ihn entschieden hat. Dr. Gunthen nimmt sich selbst das Leben, damit seine Lebensversicherung in Kraft tritt und somit 200000 DM an Yella und Philipp gehen können, ohne dass die finanzielle Sicherheit seiner Frau und seiner Tochter darunter in Mitleidenschaft gezogen wird. Jedoch verliert seine Frau dadurch ihren Mann und seine kleine Tochter ihren Vater. Zu guter Letzt bleibt noch Yella selbst, welche sich bewusst für ihren Tod entscheidet, nachdem sie ihrer Zukunft begegnet ist.  

Angst
Auch bei YELLA und DIE INNERE SICHERHEIT fungiert Angst als zentrales Motiv. Während bei Jeanne in DIE INNERE SICHERHEIT die Angst davor entdeckt zu werden und die Angst vor dem Alleinsein dominieren, sind es bei YELLA die Angst vor der Einsamkeit, die Angst vor Konsequenzen und existenzielle Ängste im Allgemeinen. Gebündelt werden diese Ängste in Yellas Fall vor allem durch eine Person: Ben. Die gescheiterte Beziehung zu ihm sowie dessen Verhalten ihr gegenüber erwecken in Yella große Selbstzweifel. Sie beginnt auf Grund seiner Anschuldigungen sich selbst die Schuld für die Vorkommnisse zu geben, was während eines späteren Gesprächs mit Philipp deutlich wird, der sie direkt mit dieser Vermutung konfrontiert. Abgesehen davon fühlt sie sich von ihrem Ex-Mann verfolgt und fürchtet ihn sehr, was vor allem in der Szene deutlich wird, als sie aus ihrem eigenen Hotelzimmer von ihm zu Philipp flüchtet.

Unheimliches
In YELLA arbeitet Petzold mit dem Motiv des Unheimlichen. Dies wird besonders durch die Rahmenhandlung deutlich, welche mit Hilfe von sich wiederholenden beklemmenden Elementen (Blätterrauschen, krächzender Rabe, Hörsturz) immer wieder in die Binnenhandlung eingreift. Dabei besteht die Rahmenhandlung aus den Szenen vom Anfang bis zum Unfall von Yella und Ben, wird dann von der Binnenhandlung unterbrochen und setzt sich von dem Moment an fort, als Yella sich erneut in Bens Wagen befindet, bis zum Ende des Films. Folglich ist die Binnenhandlung des Films für sich genommen bereits als ein großes unheimliches Element dessen aufzufassen, da sie all die Dinge beinhaltet, die Yella kurz vor ihrem Tod vor ihrem inneren Auge sieht. Es handelt sich dabei um eine Projektion Yellas, welche zwar Facetten der Liebe aufzeigt, jedoch von den sie am stärksten prägenden Eindrücken wie Betrug, Furcht und dem Tod dominiert wird. Allein die Tatsache, dass sich dementsprechend Yellas Zukunft ebenso schwarz wie ihre gegenwärtige Situation zu diesem Zeitpunkt zeigt, erzeugt einen unheimlichen Beigeschmack.
Weiterhin sind es vor allem die Szenen mit Ben, welche hauptsächlich sehr düster gestaltet sind: Mal schleicht er sich während ihrer Abwesenheit in ihr Hotelzimmer und hinterlässt die Reste einer Mahlzeit und den flimmernden Fernseher, mal steht er in einer dunklen Ecke des Raumes und beobachtet sie erst einige Zeit, bevor die Aufmerksamkeit der Zuschauer durch seine Stimme auf ihn gelenkt wird und wieder ein weiteres Mal verschwindet er unauffindbar in die Nacht, nachdem er Yella von hinten überwältigt und ein Stück mit sich geschliffen hat. Sein ganzes Wesen birgt etwas Unheimliches, etwas Bedrohliches und Unwägbares. Das wird vor allem durch seine ständigen, psychotischen Stimmungsschwankungen und Gewaltausbrüche deutlich, so auch, als er Yella im Hotelzimmer zunächst wieder Vorschläge für eine gemeinsame Zukunft unterbreitet und sie dann plötzlich schlägt.

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Formale Aspekte zu YELLA [ ↑ ]
Musik
Klassischer Natur ist die Musik bei YELLA. Hier verwendet Petzold Beethovens Mondscheinsonate. Das Stück taucht zum ersten Mal auf, als Yella im Hotel auf Philipp trifft und zieht sich von da an leitmotivisch durch den gesamten Film. Da die Mondscheinsonate auf Grund ihrer untypischen Satzfolge als fantasievoll gilt, verstärkt sie die Unwirklichkeit, welche mit Yellas Zukunftsvision einhergeht. Sie wird somit zum Identifikationselement der Binnenhandlung.

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Pressespiegel zu YELLA [ ↑ ]
Petzolds achter Spielfilm trifft bei den Kritikern auf ebenso positive Resonanz, wie seine Vorgänger. Christian Buß (Spiegel Online, 12.09.2007) spricht vom „exzellenten Ostwest-Drama YELLA“, welches den „unkörperlichen Kapitalstrom im Land“ nachzeichne.
Für Andreas Kilb (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.09.2007) stellt das Drama in diesem Zusammenhang den „beeindruckende[n] Beweis dafür“ dar, „dass der Autorenfilm wieder blüht“. Ein besonderes Augenmerk fällt bei den Filmkritiken abermals auf die Inszenierungskompetenzen von Petzold. Rüdiger Suchsland (Artechock) fasziniert dabei in besonderem Maße dessen „Präzision und Beobachtungsgabe“, gepaart mit der Befähigung, „diese mit poetischer Phantasie zu verbinden“. Der Kritiker hebt dabei die Zusammenarbeit zwischen Petzold und seinem Kameramann Hans Fromm hervor, auf deren Grundlage es gelinge, ein „pessimistisches Lebensgefühl […] in sorgfältig komponierte, minimalistische, hypnotische Bilder“ zu tauchen. „Die Präzision seiner Filme“ resultiere dabei aus einem „genuin politischen Interesse daran, wie unsere Gesellschaft funktioniert“ heißt es dazu von Ulrich Kriest in der Rheinischen Post (12.09.07).
Ausgehend von den vielgelobten Leistungen Petzolds, kritisiert Kilb (vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.09.2007), dass die vermeintlich wichtigen Preise, wie auch im Fall von YELLA zumeist jedoch nicht unmittelbar an ihn persönlich gehen. Dieser Umstand zeichnet sich ebenfalls durch den Schwerpunkt der meisten Filmkritiken zu YELLA ab, welcher auf der schauspielerischen Darbietung von Nina Hoss als Protagonistin liegt. Ihre Spielweise sei Birgit Glombitza zufolge von einer „Präzision und konzentrierter Zeichenhaftigkeit, die sich perfekt zur klaren Bildersprache ihres Regisseurs fügt“ (Die Zeit, 04.12.2007). Kriest hingegen fasst sich deutlich kürzer und bezeichnet die Umsetzung ihrer Rolle als Yella im gleichnamigen Film schlichtweg als „traumhaft gut“ (Rheinische Post, 12.09.2007). Diesem Urteil schließt sich Fritz Göttler (Süddeutsche Zeitung, 16.12.2008) an und verzeichnet die Ehrung ihrer Darbietung durch den Silbernen Bären als „erstaunlich für einen Film, in dem sie sich vor allem zurücknimmt, in sich zusammenkauert“.
Die einzig negative Kritik in Bezug auf Christian Petzolds achten Spielfilm, fällt jedoch ebenfalls gewissermaßen auf die Schauspielerin zurück. Suchsland (Artechock) bemängelt dabei die Besetzung von Ben (Hinnerk Schönemann) als den „einzige[n] Schwachpunkt des Films, nicht weil Hinnerk Schönemann schlecht wäre, sondern weil man Nina Hoss […] dieses Riesenbaby einfach nicht abnimmt“. Dennoch verzeichnet er die Auszeichnung der Schauspielerin auf der Berlinale 2007 als „überfällige Anerkennung“, hier jedoch vor allem vor dem Hintergrund von Petzolds Talent, „Schwieriges in ganz Einfaches zu überführen“ durch ein stimmiges Zusammenspiel von „Kamera, Farbdramaturgie und Musik“ (ebd.).
Unabhängig davon, wie „leise […], kunstvoll verdichtet und […] wenig authentizitätsheischend seine Filme auch daherkommen - Petzold fängt in ihnen doch stets die nervösen Schwingungen im Land ein wie kaum ein zweiter“ (Buß: Spiegel Online, 12.09.2007).

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BARBARA

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu BARBARA [ ↑ ]
Petzolds DDR-Drama BARBARA thematisiert die Suche einer Frau nach Identität und Glück innerhalb der DDR zu Beginn der 80 Jahre. Die Protagonistin glaubt dieses durch die Flucht aus dem sozialistischen Regime zu finden, muss allerdings erkennen, dass zu einem glücklichen und erfüllten Leben weitaus mehr gehört, als eine Veränderung der äußeren Lebensumstände in denen man lebt. Vor diesem Hintergrund vollzieht die zu Beginn des Films ängstlich und verbittert wirkende Hauptdarstellerin Barbara nach und nach einen Sinneswandel, der sie zu einem Umdenken hinsichtlich ihrer Einstellungen von Freiheit, Heimatverbundenheit und Liebe führt. So erzählt BARBARA die Geschichte von Barbara Wolff (Nina Hoss), einer Kinderärztin, die innerhalb der DDR in ein anderes Krankenhaus versetzt wird. Dort lernt sie ihren neuen Arbeitskollegen André Reiser (Ronald Zehrfeld) kennen. Dieser entwickelt schnell Interesse an der neuen Mitarbeiterin. Doch Barbara ist bereits von Anfang an ihre Abneigung gegenüber der Provinz, in der sie nun arbeiten muss, anzumerken. Sie meidet ihre Arbeitskollegen und erscheint als klassische Einzelgängerin. Es wird deutlich, dass die Abneigung weniger mit den Mitmenschen als mit dem Staat, in dem sie leben muss, zu tun hat. Ihre größte Sehnsucht ist es, aus der DDR in den Westen überzusiedeln. Deswegen kann sie für ihre Umwelt, in der sie lebt, auch keine positiven Gefühle entwickeln. Um dieser Sehnsucht nachzukommen, bereitet sie mit ihrem Freund Jörg (Mark Waschke), der bereits in Westdeutschland lebt, eine Flucht vor. Während sie im Verlauf des Films von Ängsten und der Ungewissheit getrieben wird, dass sie von dem sie kontrollierenden Offizier der Staatssicherheit (Rainer Bock) oder ihren Arbeitskollegen bei ihren Planungen ertappt wird, lässt sie sich dennoch immer mehr auf die Annäherungsversuche seitens des Kinderarztes André Reiser ein, obwohl sie Bedenken hat, ihm zu vertrauen. Gegen ihren Willen verliebt sie sich allmählich in den Kinderarzt und sie küssen sich. Zusammen pflegen sie die in einem Aufzuchtslager arbeitende Patientin Stella (Jasna Fritzi Bauer) wieder gesund, welche in das Krankenhaus eingeliefert worden ist. Barbara entwickelt schnell mütterliche Gefühle für Stella. Als Stella ins Aufzuchtslager zurück muss, flieht sie von dort und sucht verletzt Schutz bei der Kinderärztin. Diese ist jedoch im Begriff in dieser Nacht zu fliehen und beschließt gemeinsam mit Stella zum vereinbarten Fluchtpunkt an die Ostsee zu fahren. Der Film endet damit, dass sie sich dafür entscheidet, der erschöpften und verletzten Stella ihren Platz in dem bereitstehenden Schlauchboot zu überlassen, anstatt selbst zu fliehen. Sie opfert ihren Traum von einem Leben im Westen für die verletzte Stella und kehrt ins Krankenhaus zu André, der bereits an einem Patientenbett auf sie wartet, zurück. Barbara hat somit erkannt, dass Stella im Gegensatz zu ihr noch das ganze Leben vor sich hat und hat gelernt, dass es nicht nur auf die äußeren Umstände ankommt, um Vertrauen zu entwickeln und glücklich zu werden. Auch in Ostdeutschland.

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Thematische Aspekte zu BARBARA [ ↑ ]

Liebe und Sexualität
Auch bei BARBARA werden Liebe und Sexualität zu einem zentralen Thema. Einerseits befindet sich die Kinderärztin Barbara Wolf in einer festen Beziehung, andererseits hat sie jedoch auch Interesse an ihrem Arbeitskollegen André Reiser. Insofern ist BARBARA, neben seinen sozialkritischen und politischen Aspekten, auch eine Art Liebesfilm, in dem es um Partnerschaft, Liebe und sexuelles Begehren geht. Auch in Barbaras Fall kann man jedoch von einer unerfüllten Liebe sprechen. Obwohl sie sich offensichtlich stark für André interessiert, möchte sie die Beziehung zu ihrem Freund zunächst nicht beenden, da er sie finanziell absichert und ihr als Wegbereiter in den Westen dienen soll. Somit befindet sich die Protagonistin in einem ähnlichen Zwiespalt wie Jeanne in DIE INNERE SICHERHEIT. Jedoch muss Barbara zwischen dem Mann, für den sie etwas empfindet und dem, welcher ihr außer der wahren Liebe alles andere, was sie begehrt,, bieten kann, wählen.

Identität und Selbstwertgefühl
In BARABARA wird noch eine etwas andere Form der Identitätslosigkeit thematisiert. Hier wird vielmehr eine Einschränkung der individuellen Identität durch die Staatsgewalt gezeigt. Daher entscheidet sich Barbara auch zunächst dafür, die DDR zu verlassen und in den Westen zu flüchten, wo sie glaubt, sich frei entfalten zu können. Jedoch stellt sie letztendlich das Glück ihrer Patientin Stella über das ihre und bleibt somit vorerst in der DDR gefangen.

Angst
Ninas Entscheidung, die Fotoabfolge wegzuwerfen zeigt, dass sie in ihrem Leben zu oft enttäuscht wurde und die Angst größer ist, als das Risiko einzugehen erneut verletzt zu werden.
Ebenso wird auch bei BARBARA die Angst immer wieder zum zentralen Thema. Es ist die Angst vor einer schrecklichen Zukunft in der DDR, die Barbara unter anderem dazu antreibt, ihre Heimat verlassen zu wollen. Aber nicht nur ihr ergeht es so. Auch die Patientin Stella hält es unter den Lebensbedingungen im sozialistischen Staat nicht mehr aus und unternimmt einen verzweifelten Versuch in den Westen zu flüchten. Immer wieder wird den ZuschauerInnen vermittelt, dass sich die ProtagonistInnen in und vor diesem Regime fürchten und Angst ihr ständiger Begleiter ist. Auch als Barbaras Wohnung von einem DDR-Offizier durchsucht wird, verspürt Barbara Angst entdeckt zu werden. Des Weiteren geht es in BARBARA auch um die Angst davor, einem anderen Menschen zu vertrauen. Dies steht hier im direkten Zusammenhang mit der DDR als Überwachungsstaat, in dem es nicht selten dazu kam, dass selbst die engsten Verwandten einander an die Stasi verrieten. Der Protagonistin fällt es daher schwer, Vertrauen zu ihren Mitmenschen zu entwickeln. Doch im Laufe der Handlung gelingt es Barbara, ihre Angst diesbezüglich ein Stück weit zu bewältigen, in dem sie Vertrauen zu ihrem Arbeitskollegen André fasst.

Unheimliches
BARBARA enthält eine Reihe unheimlicher Momente. So erweckt die Szene mit der Hausmeisterin, die Barbara den Keller zeigt, von Anfang an einen unheimlichen Eindruck. Barbara und die Hausmeisterin stehen alleine im Keller, der nur von einer kleinen Glühbirne beleuchtet wird, was eine unbehagliche Atmosphäre schafft. Zumal Barbara von der Hausmeisterin überaus lang und intensiv gemustert wird, was in der schon unbehaglichen Kelleratmosphäre nochmals für Schauern sorgt.
Ihre kühle und schroffe Art Barbara gegenüber verdeutlicht außerdem, dass sie sichtlich unglücklich über Barbaras Anwesenheit ist. Auch während der Busfahrten wird Barbara mit kühlen und musternden Blicken angestarrt, was ebenfalls zeigt, dass die Provinzgemeinschaft sie meidet. So lässt sich festhalten, dass Barbara überaus häufig von ihrer unmittelbaren Umgebung beobachtet wird, was eine bedrohliche Grundstimmung beim Zuschauer erzeugt und überaus unheimlich wirkt.

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Formale Aspekte zu BARBARA [ ↑ ]


Musik
BARBARA stellt eine Ausnahme dar, da dort weitestgehend auf musikalische Untermauerung verzichtet wird. Lediglich am Anfang und am Ende des Films ertönt Musik. Bemerkenswert ist die Auswahl des musikalischen Stückes At last I am free von Chic am Ende, da der Songinhalt der inneren Gefühlswelt von Barbara gleicht. Auch hier geht es um ein Individuum, welches sich nach einer besseren Zukunft sehnt und sich, auch wenn es am Ende nicht ganz gelingt, dennoch befreit fühlt.

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Pressespiegel zu BARBARA [ ↑ ]
Petzolds DDR-Drama BARBARA ist bei den Filmkritikern überdurchschnittlich positiv aufgenommen worden. Laut Anke Westphal von der Frankfurter Rundschau (12.02.2012) ist BARBARA aufs „Beglückendste“ gelungen. Sie hebt vor allem hervor, dass „[k]aum ein westlich sozialisierter Regisseur […] die Atmosphäre [der DDR] […] je so erfasst [habe] wie Petzold[…]“. Besonders gelungen sei ihrer Meinung nach, dass „die Verteidigung der Menschlichkeit in den Bemühungen Barbaras“ sehr eindrucksvoll inszeniert sei. Darüber hinaus lobt die Kritikerin die schauspielerische Leistung von Nina Hoss, die sich „mit ihrem Medusenblick durch Bilder und Zeiten wie ein wandelnder Archetypus“ überall zurechtfinde und dies „ohne sich indes in die jeweilige Gesellschaft einpassen zu müssen“. Die einzige Zugehörigkeit, die sich bei Nina Hoss erkennen lasse, sei „die zum Regisseur Christian Petzold“. Somit charakterisiert die Kritikerin das Zusammenarbeiten von Regisseur und Schauspielerin als sehr gelungen. Fritz Göttler von der Süddeutschen Zeitung (07.03.2012) ist der Meinung, dass Christian Petzolds Film „bewegend“ sei und einen „mitten ins Herz“ treffe. Daran schließt sich ebenfalls Verena Luecken von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (06.03.2012) an, indem sie BARBARA als einen „meisterhaften Film“ bezeichnet.
Daniel Sander von Spiegel Online (11.02.2012) schließt sich ebenfalls den positiven Kritiken an. Auch er lobt besonders die Leistung von Nina Hoss, der es gelingt „einen rätselhaften Charakter mit so viel Leben zu füllen, dass man ihr jeden Augenaufschlag abnimmt.“ Für Sander sticht nicht nur die schauspielerische Leistung der Protagonistin heraus, sondern auch „[d]ie Wärme, die diesen Film nach dem unterkühlten Anfang immer mehr durchdringt“. Diese Wärme „hat man so bei Petzold noch nicht erlebt“, so Sander.
Sander zeigt weiterhin auf, dass es der Film schaffe eine DDR zu zeigen, bei der auf der einen Seite der „gnadenlose Unrechtsstaat, eine Hölle aus Überwachung und Demütigung“ zu sehen sei und auf der anderen Seite das “normale Leben“, dass „[…] nicht nur das Unglück sieht und sich immer auch ein Stück Hoffnung wahrt“.Wenke Husmann von Zeit Online (13.02.2012) sieht die Leistung von Nina Hoss ebenfalls sehr positiv und beschreibt sie als „beeindruckend“. Am „wunderbaren Mienenspiel der Hoss“ könne der Zuschauer sich erfreuen. Kritik äußert Husmann allerdings an der Geschichte des Films. Der Film habe „[d]as Bestreben, eine möglichst authentische DDR zu schaffen und die Geschichte dann wieder von ihr zu befreien“, was aber für einiges an „Unstimmigkeiten“ sorgt. Petzold habe laut Husmann „die Liebesgeschichte aus ihrem unmittelbaren Kontext der DDR-Geschichte befreien wollen“, indem der Regisseur alles „allzu DDR-Augenfällige“ aus dem Film gestrichen hat. Das, kritisiert Husmann, habe dazu geführt, dass der Film den Zuschauer nicht „[w]irklich berühren“ könne.

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