Charakteristika des Werks

Baden bei Gewitter

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Baden bei Gewitter [ ↑ ]
Marion Poschmanns Debüt-Roman Baden bei Gewitter erzählt präzise und einfühlsam in dreißig Kapiteln die Geschichte einer verhaltenen Annährung zwischen zwei ungleichen Figuren, die sich in einem Krankenhaus kennenlernen.
Der Sonderling Peter, knapp über fünfzig, Kettenraucher, arbeitslos und arbeitsunfähig, lebt in einer schäbigen Parterrewohnung und ist bereits von den selbstverständlichsten Handlungen und Entscheidungen des täglichen Lebens überfordert. Als er der jungen und ebenso zerbrechlichen Ich-Erzählerin des Romans begegnet, die wie er selbst an der Normalität des Alltags scheitert, entwickelt sich eine verstörende und einmalige Beziehung, die nur schwer zu definieren ist. („Sobald wir zusammen sind, ist er es, der den Part der Befürchtungen und Nervosität übernimmt, und ich werde außerordentlich gelassen…“, S. 187).
Die beiden Außenseiter teilen ein ähnliches Schicksal. Sie leiden unter einer Art Phantomschmerz, der wahrscheinlich durch die Abwesenheit des jeweils gegengeschlechtlichen Elternteils ausgelöst wurde und fühlen sich aufgrund dieser Gemeinsamkeit zueinander hingezogen. Peter hält ausschweifende Monologe, in denen er sich über seine physischen Beschwerden und sonstigen vermeintlichen Probleme beklagt, während die Ich-Erzählerin zuhört, kleine Arbeiten im Haushalt für ihn übernimmt und sich die meiste Zeit beobachtend zurückhält.
Die äußere Handlung des Romans ist überschaubar: Einige Besuche in Peters Wohnung, ein Treffen im Café auf der anderen Straßenseite sowie Erinnerungen und Reflexionen der Erzählerin. In Baden bei Gewitter geht es nicht darum eine dramatische Geschichte von zwei scheiternden Persönlichkeiten zu erzählen und es stehen auch weniger die psychologischen Aspekte und die Krankengeschichten der Figuren im Vordergrund. Es geht vielmehr um Menschlichkeit, Verständnis und die Wahrnehmung der Gesellschaft, von zwei Figuren, die kein Teil von ebendieser zu sein scheinen.
Durch eine konzentrierte Nahsicht auf die Dinge, wird dem/der LeserIn, genau das gezeigt, was im Alltag oft übersehen oder nur am Rande wahrgenommen wird. Die seelische Verfassung der Figuren spiegelt sich dabei in poetisierenden und detailgenauen Beschreibungen zum Teil banaler Gegenstände im Raum und in der Natur wieder, sodass die Grenze zwischen Innenwelt und Außenwelt verschmilzt („Ich gehe langsam weiter, ich trete nur behutsam auf und sehe mich von außen dieses Pflaster entlanglaufen, die Schultern in grauen Straßenbelag gehüllt wie einen schützenden Umhang, eine lange, schwere Schleppe.“, S. 113). Trotz der Tatsache, dass sich die Figuren in Poschmanns Roman nur geringfügig näher kommen, entsteht eine faszinierende Intimität zwischen ihnen, die für den/die LeserIn deutlich spürbar ist.

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Thematische Aspekte zu Baden bei Gewitter [ ↑ ]      

Einsamkeit/Melancholie
In Marion Poschmanns Werken gibt es einige wiederkehrende thematische Aspekte. Diese ziehen sich zum Teil wie ein roter Faden durch die unterschiedlichen Handlungen. Ein sehr dominantes Thema ist die Einsamkeit. In ihrem Roman Baden bei Gewitter ist das Thema „Einsamkeit“ von zentraler Bedeutung. Die beiden Hauptfiguren des Romans leben am Rande der Gesellschaft und verschließen sich die meiste Zeit mit ihren individuellen Problemen in ihren Wohnungen. Durch Beschreibungen des Alltags und Reflexionen der Ich-Erzählerin wird schnell deutlich, dass diese kaum Kontakt zu anderen Menschen hat, sich in Gesprächen stets zurücknimmt und nur selten ihrem Gegenüber Einblicke in ihre eigene Gefühlswelt erlaubt. Sowohl die Ich-Erzählerin als auch die zweite Hauptfigur des Romans, Peter, scheuen die Blicke anderer Menschen und fühlen sich von ihrer Umwelt bedroht. Der Roman beschreibt, wie zwei ungleiche Menschen, die einsam und zurückgezogen leben, zueinander finden. 
Bsp.: „Wir sitzen beide eingefallen da, mit hängenden Schultern, krummen Rücken, gesenktem Kopf. Wir haben beide die Angewohnheit, uns vor anderen Leuten kleinzumachen“ (S. 177), „…als sei mir die früher oder später bevorstehende Auflösung meiner eigenen Person gleichgültig, wenn nicht erstrebenswert, und als werde mit Ausnahme eines vagen Wunsches nach Gemeinsamkeit alles andere unwichtig.“ (S.187).
In Baden bei Gewitter kommt der Melancholie eine besondere Bedeutung zu, wenn die Ich-Erzählerin des Romans an zentrale Ereignisse aus ihrer Vergangenheit zurückdenkt. Durch den frühen Verlust des eigenen Vaters, den die Ich-Erzählerin nie verarbeiten konnte, fällt sie immer wieder in eine melancholisch-trübselige Stimmung, wenn sie allein ist. Ohne einen erkennbaren Ausweg empfindet sie Schmerz und lebt tagtäglich mit einer gewissen Traurigkeit, die sie sich selbst nicht erklären kann.
Bsp.: „Ich gebe zu, ich weiß kaum noch etwas von meiner Vergangenheit. Vielleicht ist die Finsternis überall, und ich kann mich nicht davon unterscheiden. Vielleicht ist das Schwarze die unhinterfragte, nicht hinterfragbare Regel, mit lichten Momenten als Ausnahme.“ (S. 209). „Melancholiker sehen die Welt flach und beengt. Optimisten erleben Weite und Panorama“ (S. 194)

Natur vs. Industrie
In Baden bei Gewitter ist die Naturthematik insofern als zentrales Thema zu nennen, als dass durch Beobachtungen und Beschreibungen von Naturphänomenen und natürlichen Gegebenheiten, die seelische Verfassung und das Innenleben der Figuren ausgedrückt wird. „Überall ein unkontrollierbares Übermaß an Laub, Zecken und Kurven, rötlich, rostig hellbraun, in verschiedenen Okkertönen gefärbt, gelbe und grüne Sprenkel.“ (S. 186). Darüber hinaus ist ein ganzes Kapitel, mit dem Titel „Tiefsee“, dem Leben der Flora und Fauna in den Ozeanen gewidmet und steht metaphorisch für die Hausbewohner und Nachbarn der Ich-Erzählerin, die ebenfalls soziale Probleme aufweisen und weitestgehend außerhalb der Gesellschaft leben.
Im Kapitel „Tiefsee“ findet man folgendes Beispiel: „In der frostigen Schwärze auf dem Meeresgrund ist das Angebot spärlich, und viele Tiere sind so gebaut, daß sie die seltenen Gelegenheiten, bei denen sich Beute zeigt, so gut wie möglich nutzen können.“ (S. 204).

Farbe/Farbsymbolik/Kontrast
Marion Poschmann spielt in ihren Werken immer wieder mit einer gewissen Farbsymbolik und Kontrasten. Bereits die Konstellation der beiden Hauptfiguren in ihrem Roman Baden bei Gewitter beschreibt ein auf den ersten Blick außergewöhnliches Gegensatzpaar, mit mehr Gemeinsamkeiten, als es die äußere Erscheinung vermuten lässt. Darüber hinaus ist in Baden bei Gewitter das Thema Licht und Schatten und die dadurch entstehenden Veränderungen im Raum, von Gegenständen, Möbelstücken und der Inneneinrichtung im Allgemeinen von zentraler Bedeutung. Die Ich-Erzählerin des Romans beobachtet ihre Umwelt präzise und beschreibt an vielen Stellen die Auswirkungen auf ihren eigenen Gemütszustand, wenn sich die Lichtverhältnisse ändern. „Schattigkeit ist stimmungsvoll und lässt die Gegenstände plastischer hervortreten. Die Beleuchtung soll jedoch auch genügend gleichmäßig sein, um schroffe Gegensätze zwischen hell und dunkel zu vermeiden.“ (S. 175).
„Die Kontraste werden stärker, die Pigmente strahlen intensiv, und die roten Farben verbinden sich zu einer lustigen, clownesken Vitalität, einer besonders hervorgehobenen Gruppe, zu der auch er in seinem roten Pullover gehört.“ (S. 192)

Familiengeschichte/Beziehungen
In Baden bei Gewitter geht es um eine sonderbare Beziehung, für die es keine treffende Bezeichnung gibt. Die junge, unsichere und introvertierte Ich-Erzählerin fühlt sich auf eine undefinierbare Art und Weise zu einem älteren Mann hingezogen, der seinen Alltag nicht allein bewältigen kann und zurückgezogen in seiner chaotischen Wohnung haust. Beide leiden unter „Phantomschmerzen“, wie es in dem gleichnamigen Kapitel heißt, der durch den frühen Verlust eines Elternteils ausgelöst wurde.

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Formale Aspekte zu Baden bei Gewitter [ ↑ ]
Ich-Erzähler
In den meisten Geschichten von Marion Poschmann wird der Leser mit einem Ich-Erzähler konfrontiert. Oftmals sind es Frauenrollen, die dadurch verkörpert werden. Auch Marion Poschmanns Roman Baden bei Gewitter wird aus der Perspektive einer namenlosen Ich-Erzählerin geschildert.

Kapitel
Marion Poschmann unterteilt die meisten ihrer Werke mit Kapiteln, um eine Struktur herzustellen. Der Roman Baden bei Gewitter ist in 30 Kapitel gegliedert. Dabei verwendet sie außergewöhnliche Titel für ihre Kapitel (z.B.: Wolfsmilch, Löschblattkindheit, Blumen und Buletten) die teilweise erst auf den zweiten Blick zu den jeweiligen Fließtexten passen.

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Schwarzweissroman

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Schwarzweissroman [ ↑ ]
Eine junge Frau besucht ihren Vater in den Weiten des Urals, der in einer künstlich angelegten Stadt auf der Grenze zwischen Europa und Asien arbeitet. Schnell wird ihr bewusst, dass diese Umgebung die Leute verändert. Isolation, Kälte und Uniformität lassen die Umgebung zum Feind des Individuums werden und reißen Abgründe in die tiefen und dunklen Teile der Seele, der dort verharrenden Menschen. Es wird Tristesse sowohl über die Art der Beschreibung, als auch über die Länge der Beschreibungen entwickelt bis zu dem Punkt, an dem der Leser und die junge Frau eins werden und er sich, genauso wie die Ich-Erzählerin über eine farbgebende Abwechslung freut. Dies ist zweifelsohne ein Merkmal der Poschmann Romane, die allesamt den Leser über die beschreibenden Umstände der Hauptpersonen in die Geschichte hineinsaugen. Wobei dieser Ort nur die Problematik der jungen Frau verstärkt und klarmacht. So hat sie in Deutschland weder eine berufliche Perspektive, noch den eigenen Antrieb ihre Dissertation fortzuführen. Genauer betrachtet kommt ihr dieser Ort im Ural sogar sehr gelegen, da hier die Gesellschaft, wie sie selber auch dabei ist einzufrieren. Neue Depressionen entstehen und alte Wunden schmerzen, wenn man sich dem Schicksal hingibt. Doch selbst an diesem verfluchten Ort, an dem sich die Menschen versuchen mit Alkohol und schnellem, bedeutungslosen, käuflichen Sex abzulenken, schafft sie es sich zu verlieben. Der Chef der kleinen Delegation von deutschen Arbeitern Wolfgang Grave macht sich die Protagonistin zu willen und benutzt diese für seine persönliche Befriedigung. Der jungen Frau ist diese Abwechslung in der Tristesse des Daseins in Magnitogorsk aber auch sehr gelegen. Marion Poschmann zeigt dem Leser von Schwarzweissroman, genau wie bei Baden bei Gewitter eine hochinteressante Personenkonstellation, die durch die äußeren Einflüsse behindert oder sogar fast ausgelöscht wird. So wirkt sich hier die bedrückende Stimmung, die durch die Umgebung, die deutsch – russische Geschichte im zweiten Weltkrieg und die daraus resultierende Isolation der kleinen deutschen Gruppe, sehr negativ auf die Beziehungen der Leute untereinander aus. Es werden einige Nebenschauplätze aufgemacht, die mit verschiedenen Charakteren besetzt werden. So gibt es das Pärchen, bei dem der Mann sich von seiner Frau trennen will und mit seiner jüngeren Affäre ein neues Leben beginnen möchte, oder der trinkende Mitarbeiter Albert, der gar nicht erwähnenswert in der Geschichte verstirbt. Besonders das Verhältnis zwischen der jungen Frau und ihrem Vater wird mit zunehmender Dauer der Geschichte immer besser und klarer. Sind es am Anfang noch sehr rudimentäre Unterhaltungen, die geführt werden, so ist am Schluss von einer richtigen Dialogstruktur zu sprechen. Die lähmende Untätigkeit der jungen Frau bricht am Ende auf und so verlässt sie zusammen mit ihrem Vater den trostlosen Ort, um in die radioaktive Sperrzone einzudringen. Dort endet die Geschichte dann abrupt: „Auf der harschen Schicht brannte eine eisige heiße Gasflamme, meine Fußspuren schwankten hinter mir, dünne blaue Schatten schwammen darin und brachen zitternd aus, dann blieb ich stehen, genau an dem Punkt, bevor alles durchsichtig wird“ (Schwarzweissroman S. 319). Besonders die letzte Passage des Satzes lässt den Leser nachdenklich zurück. Die 318 Seiten enden in einem „durchsichtig“ werden, was wie eine Erlösung im Gegensatz zu den zahllosen Kontrasten steht. Über die Bedeutung dieses Wortes kann man am Ende des Buches lange nachdenken, ob und in welchem Umfang einem die Geschichte klar geworden ist. Auch für die Charaktere in dem Buch lässt sich dies diskutieren.

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Thematische Aspekte zu Schwarzweissroman [ ↑ ]

Einsamkeit/Melancholie
Genau wie in der Hundenovelle ist in den Romanen Schwarzweissroman und Die Sonnenposition die Einsamkeit sehr eng mit der Melancholie verbunden. 
Einsamkeit wird in Schwarzweissroman nur selten direkt angesprochen und dennoch fühlt man die trostlose und melancholische Stimmung, die hier beschrieben wird genau. Über die Farbgebung der Beschreibungen wird dieses Gefühl gelenkt. „Erst  weiß, dann weiß, dann wieder weiß. Die Stille, Helle, Leere, Eiseskälte. Eine zurückgenommene Fläche, in sich gekehrt, unangreifbar. […] Vielleicht Schnee der die Dinge dicht umschloss. Dinge? Gab es Dinge? Man vermutete sie, man ging davon aus, daß sie da waren, irgendwo auf der anderen Seite der Wand, eingesperrt in diesem Weiß.“ (S.21)

Ruhrgebiet
Das Thema Ruhrgebiet wird in Schwarzweissroman sehr subtil in den Text mit eingewebt. So wird beiläufig erwähnt, dass Theo der Sohn eines Bergarbeiters aus Duisburg-Ruhrort sei. Dies fördert nicht nur die Thematik des Ruhrgebiets zu Tage, sondern gleichzeitig auch noch die Geschichte des selbigen, mit dem Verweis auf den Bergarbeiter. (Vgl. S.35) Des Weiteren finden sich Elemente zur Heimat der Autorin in den erwähnten Ruhrgebiet Clubs Schalke und Dortmund, bei denen das Resultat „2:0 Schalke – Borussia“ lautet. (Vgl. S.165) Durch solche Erwähnungen wird die Heimat für die arbeitenden Männer in die Realität nach Magnitogorsk geholt. Es geht damit soweit, dass in Kapitel 20 die Geschichte der Industrie am Beispiel von Alfred Krupp erzählt wird.

Farbe/Farbsymbolik/Kontrast
Die Bedeutung von Farbe spielt in Schwarzweissroman eine erhebliche Rolle und das nicht nur wegen des Buchtitels. Farben werden Eigenschaften zugeschrieben, die die Umwelt charakterisieren. So ist grau „bekanntlich die Farbe des Ostblocks. […] Als Farbe in höchstem Maße ausdruckslos und unpersönlich“ (S. 9). Weiß ist hingegen die erdrückende Masse von Schnee, der aber gleichzeitig auch die Kälte symbolisiert und damit nicht nur die Umgebung, sondern auch eine Gefühlswelt beschreibt. Auch der oftmals erwähnte „rote Mantel“ der Protagonistin trägt eine besondere Farbsymbolik in sich, hebt er doch, immer wenn er Erwähnung findet, seine Trägerin aus der Landschaft oder dem sozialen Umfeld hervor.

Familiengeschichte/Beziehungen
Verschiedene Formen von Beziehungen spielen in Schwarzweissroman eine wichtige Rolle. Sei es die Beziehung zwischen Vater und Tochter oder richtige Partnerschaften und Affären. Die thematische Ausarbeitung von Beziehungen gibt es in der ganzen Palette von scheiternden Beziehungen, über erloschene und dann wieder neu entfachte und die einfachen klassischen Affären, die manchmal nichts sagend sind, manchmal aber auch, zumindest bei einem Teil der Affäre, eine falsche Hoffnung geweckt hatte.

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Formale Aspekte zu Schwarzweissroman [ ↑ ]
Ich-Erzähler
Im Schwarzweissroman wird die Geschichte aus der Sicht einer jungen Frau erzählt, die ihre Umwelt stark reflektiert und den Leser auf diese Weise in ihre Gedanken mit einbezieht.

Personifikation
In ihren Romanen verwendet die Autorin häufig Personifikationen. So werden an manchen Stellen die handelnden Personen nur noch durch ihre auffälligsten Merkmale beschrieben. Dann kann es sein, das nicht mehr die Person selbst handelt, sondern der rote Mantel, der sich besonders durch seine Farbgebung, von seiner Umwelt abhebt. Dabei werden nicht nur einfache Gegenstände mit besonderer Farbgebung personifiziert, sondern Gegenstände die für einen Charakter eine Aussagekraft haben. Im Fall der Protagonistin ist es ihr roter Mantel, der sich schon im ersten Kapitel gegen die Uniformität des Ostblocks abhebt. So wird beschrieben, dass „ein roter Mantel wanderte durch den Schnee. Er wanderte die Magistrale entlang, er bewegte sich vorwärts wie ein Blutstropfen.“ (Schwarzweissroman S.129) An manchen Stellen gibt es darüber hinaus Beschreibungen, die eigentlich die Landschaft oder das Wetter im Ort beschreiben sollten, jedoch auch für die seelische Verfassung der Menschen vor Ort stehen können. Es werden die Beschreibungen dabei von dem eigentlich sichtbaren Beschreibungsbild auf die Gefühle von Menschen übertragen. An dem Beispiel aus dem thematischen Aspekt Einsamkeit/Melancholie lässt sich dies besonders gut herauslesen. Hier wird der Blick durch ein Fenster beschrieben und am Ende weiß der Leser nicht mehr, ob er gerade die Beschreibung des wirklich sichtbaren erhalten hat oder einen Einblick in die Gefühlslage der Beschreibenden. „Erst weiß, dann weiß, dann wieder weiß. Die Stille, Helle, Leere, Eiseskälte. Eine zurückgenommene Fläche, in sich gekehrt, unangreifbar. […] Vielleicht Schnee der die Dinge dicht umschloss. Dinge? Gab es Dinge? Man vermutete sie, man ging davon aus, daß sie da waren, irgendwo auf der anderen Seite der Wand, eingesperrt in diesem Weiß.“(Schwarzweissroman S.21).

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Pressespiegel zu Schwarzweissroman [ ↑ ]
Der Schwarzweissroman von 2005 hat in der Presse nicht besonders viel Aufmerksamkeit bekommen und die, die er bekommen hat, ist sowohl positiv als auch negativ. Nur Maike Albath (Deutschlandradio Kultur, 20.10.2005) weiß über den Roman nur positives zu berichten. Das Gesamtwerk ist stimmig und so „fasziniert die Lyrikerin und Schriftstellerin Marion Poschmann in ihrem dritten Buch vom ersten Satz an durch ihre furiose Sprache.“ Die Vermittlung von Fremde durch eindrucksvolle Bilder gelingt Marion Poschmann außerordentlich gut, nach der Meinung von Abath.
Eine gegenteilige Position nimmt André Hille (literaturkritik.de, 12.12.2005) ein, für den das Werk vor allem durch seine Langatmigkeit besticht. Hilles Beschreibung nach ist es „so endlos wie die Weiten Russlands sind nämlich die Beschreibungen in Poschmanns schwarz-weißem Roman.“ Die künstliche Aufrechterhaltung der „sibirischen Grundstimmung“ durch endlose Beschreibungen „erstickt alles in Sprache“. Auch Wechsel zwischen lyrischen Sprachelementen und der normalen Romanform missfällt dem Kritiker. Eher zwiespältige Erfahrungen hat S. Benedict-Rux (buchrezensionen.com, 21.05.2007) mit dem Buch gemacht. So stellt er klar fest, dass „die bildreiche Sprache, die mitunter beeindruckend ist und eine unwirkliche Atmosphäre schafft, welche dem Thema auch angemessen erscheint“ zwar ein durchaus positiver Aspekt ist, aber die Autorin auch die bildgebenden Beschreibungen mitunter übertreibt, so dass „sie in ihrer Masse manchmal genauso erdrückend wirken.“ Auch die offen bleibenden Fragen am Schluss des Buches wird nicht positiv konnotiert, sondern als Makel angesehen.

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Hundenovelle

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Hundenovelle [ ↑ ]
Die Novelle gliedert sich in vier Kapitel: „Brachland“, „Leeres Funkeln“, „Tröstungen“ und „Heimweh“, welche jeweils einen Umfang von rund 30 Seiten haben.  
Eine namenlose Ich-Erzählerin sitzt mitten in der sommerlichen Hitze in einem verlassen und dem Zerfall preisgegebenen Industriegebiet und beobachtet, wie rasch die Schöpfungen der Menschen von der Natur zurückerobert werden, sobald sie vom Menschen verlassen und nicht mehr gepflegt werden.
"Stadtbrache, vages Terrain. Nichtort, wo jederzeit alles möglich war und nie etwas geschah. Ruderalflora siedelte sich an, erhob sich an windigen Stellen, auf offenen Flächen, in Übergangsgegenden. Langsam, sehr langsam schraubten sich Pflanzen aus dem verhärteten Boden hervor, sie wuchsen spiralförmig, drehten sich unmerklich nach oben, zu den Seiten, füllten Raum aus, ließen Knospen klaffen, Blätter lappen, verstreuten Blütenstaub, all das sah niemand, zu langsam, man sah es nicht mit bloßen Augen, sah vielleicht das Resultat, eine Verlängerung, eine Verdickung". (S. 7/8)    
Während die Ich-Erzählerin dort, umgeben von Mückenschwärmen, vereinzelten Fledermäusen und auf dem Boden verstreuten Glasscherben und verrosteten Schrauben gedankenverloren sitzt, taucht plötzlich ein großer verwahrloster Hund aus einem Gebüsch auf. Er läuft auf die verängstigte Ich-Erzählerin zu und rollt sich vor ihren Füßen zusammen. Der Hund weicht der Ich-Erzählerin auf ihrem Heimweg nicht von der Seite. Nach verschiedenen Fußwegen und einer Straßenbahnfahrt schleicht sich der Hund in ihre Wohnung und damit in ihr Leben. Damit geht auch eine Umstellung ihres Tagesablaufs einher. Bisher war dieser darauf ausgelegt, sich von ihrer Umwelt abzukapseln und unsichtbar zu werden. Durch den Hund wird sie dazu genötigt aktiv Kontakt zu ihrer Umgebung aufzunehmen. Für sie stehen nun Besuche beim Hundefriseur, Telefonate mit dem Tierheim, welches sich für nicht zuständig erklärt, und Einkäufe im Tierfachgeschäft auf dem Programm. Zwar steht sie der Konsumindustrie rund um das Tier mit einer zynischen Kritik gegenüber, mag es aber andererseits nicht, wenn sie von fremden Menschen, Nachbarn oder anderen Hundebesitzern angesprochen wird, auch wenn diese nur gut gemeinte Tipps geben wollen. In manchen Phasen scheint es so, als wenn sie sich damit abgefunden hat Hundebesitzerin zu sein und sich mit dem Hund arrangieren muss. Sie achtet auf seine Bedürfnisse und sorgt für ihn. Dann wiederum ärgert sie sich genau darüber, dass sie zu solchen Umstellungen genötigt wird, in extremen Phasen wünscht sie ihm sogar diverse Qualen.   
Die Ich-Erzählerin gibt nur wenig Informationen über sich Preis, so dass nur ein kleiner Einblick in ihre Vergangenheit möglich ist. Sie hat mit ihrer Mutter zusammengelebt bis diese gestorben ist und hat sich mit dieser bis in die Nacht des Todes ein Doppelbett geteilt, seit der Vater die Familie verlassen hat. Die Erzählerin verlor nach dem Tod der Mutter ihren gut bezahlten Job im Labor und hat sich nie um eine andere Arbeit kümmert, um nun endlich die Einsamkeit zu genießen. Die bringt der Hund nun durcheinander, denn er zwingt sie, mehrmals am Tag hinaus zu gehen. Eine  Zeit lang sieht es fast so aus, als könnte er sie ein wenig aus ihrer Lethargie und Einsamkeit reißen, indem er ihr zeigt, wie man mit Stöcken spielt oder wo man schwimmen gehen kann. Trotz aller seiner Bemühungen kann der Hund die Ich-Erzählerin nicht aus ihrer ablehnenden Haltung der Umwelt gegenüber abbringen. Sie bleibt bei ihrem Vorhaben den Hund wieder los zu werden. Schlussendlich greift die Ich-Erzählerin zu radikalen Methoden, nachdem einfache Versuche den Hunde los zu werden gescheitert sind. Sie bindet den Hund weit draußen vor der Stadt in direkter Nähe eines Sees an, und überlässt ihn dort sich selber. Nach ihrer Ankunft in der Stadt macht sie sich Gedanken über den Hund und erwartet ihn an verschiedensten Orten zu sehen. Sie bereut ihre Tat und versucht es stellvertretend an anderen Tieren wieder gut zu machen. Als sie den Hund eines Tages, lange nach ihrer tierquälerischen Tat vor ihrer Haustür findet, kann sie ihn nur noch zum Sterben herein lassen. Nach dem Tod des Tieres in ihrer Wohnung verliert die Ich-Erzählerin vollends den Kontakt zur Realität.
Marion Poschmanns Hundenovelle ist in einem Maß melancholisch, dass es eigentlich als eine verschriftlichte Depression bezeichnet werden müsste. Von Anfang an kann man sich der hoffnungslosen und schwermütigen Stimmung nicht entziehen. Außer ausschweifenden Landschafts- und Gemütsbeschreibungen und kurzen Einblicken in das einsame Schicksal einer psychisch kranken Protagonistin passiert kaum etwas. Im Grunde wird eine unentdeckte, vereinsamte Parallelexistenz neben der Gesellschaft beschrieben, die bewusst jede Gelegenheit vermeidet in die Gesellschaft zurück zu finden.

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Thematische Aspekte zu Hundenovelle [ ↑ ]

Einsamkeit/Melancholie
In der Hundenovelle hat die Einsamkeit eine zentrale Position. Man erfährt im Laufe der Handlung, dass die Protagonistin ihren einzigen verbliebenen gesellschaftlichen Kontakt, zu ihrer krebskranken Mutter, im Zuge deren Todes verloren hat. Zusätzlich verlor sie ihren Job in einem Labor, wodurch sie gezwungen ist, von ihrem Erspartem zu leben. Die daraus resultierende Einsamkeit und die damit einhergehende Ungezwungenheit empfindet sie als „ein Geschenk“. „Einsamkeit stellte ich fest, war ein Geschenk. Die Einsamkeit, in die ich geraten war, hatte ihre eigene Qualität. Etwas sehr Unauffälliges, sehr Stilles nahm mehr und mehr Besitz von mir, und ich beobachtete mit einer Art von Zufriedenheit, wie das, was ich bisher für mich gehalten hatte, immer mehr verschwand. Sobald man sich nicht bemühte, verschwand es. Sobald man keine Energie in Selbstdarstellung steckte, verschwand es." (S. 46/47).
Hier ist die Einsamkeit selbst verschuldet. Es geht auch um das daraus resultierende Unsichtbarwerden eines Menschen, der Kontakte zu anderen Menschen im größtmöglichen Ausmaß meidet und sich bevorzugt an Orten aufhält, an denen er möglichst einsam ist und er somit nicht auf andere Menschen trifft. Dadurch verliert sich dieser Mensch selber. Dies wird auch durch die sprachlichen Bilder der Einsamkeit und des Aus-der-Gesellschaft-Hinausgehens sehr deutlich gemacht.
Im letzten Kapitel der Hundenovelle, welches mit „Heimweh“ betitelt ist, stellt eine weitere Verbindung zu dem grundlegenden Thema der Melancholie heraus. „Melancholia balneum diaboli est“ so schreibt die Ich-Erzählerin auf diverse Postkarten mit Tiermotiven, welche sie daraufhin unfrankiert in den Briefkasten wirft. Die Empfänger sind einem Adressbuch entnommen, welches die Anschriften ehemalige Freunde und Bekannte enthält, zu denen sie keinerlei Kontakt mehr gehalten hatte. Sie schaufelte sich mit der Zeit ihr eigenes seelisches, psychisches, menschliches und gesellschaftliches Grab. Hier zeigt sie die mutwillig selbstverschuldete Einsamkeit in enger Bindung zu der tiefen Melancholie.

Natur vs. Industrie
Eine namenlose Ich-Erzählerin sitzt in der Hundenovelle mitten in der sommerlichen Hitze in einem verlassen und dem Zerfall preisgegebenen Industriegebiet und beobachtet, wie rasch die Schöpfungen der Menschen von der Natur zurückerobert werden, sobald sie vom Menschen verlassen und nicht mehr gepflegt werden. „Stadtbrache, vages Terrain. Nichtort, wo jederzeit alles möglich war und nie etwas geschah. Ruderalflora siedelte sich an, erhob sich an windigen Stellen, auf offenen Flächen, in Übergangsgegenden. Langsam, sehr langsam schraubten sich Pflanzen aus dem verhärteten Boden hervor, sie wuchsen spiralförmig, drehten sich unmerklich nach oben, zu den Seiten, füllten Raum aus, ließen Knospen klaffen, Blätter lappen, verstreuten Blütenstaub, all das sah niemand, zu langsam, man sah es nicht mit bloßen Augen, sah vielleicht das Resultat, eine Verlängerung, eine Verdickung". (S. 7/8)   

Farbe/Farbsymbolik/Kontrast
In der Hundenovelle dreht sich alles um die innere Befindlichkeit der Ich-Erzählerin, dargestellt durch das Dunkle und Schwarze. Es wird bei vielen Gelegenheiten auch das Verhältnis zwischen der Protagonistin und dem Hund durch den Licht-Schatten-Kontrast dargestellt, wie zum Beispiel während des nächtlichen Spaziergangs, als der Hunde außerhalb des Lichtkegels jedes Mal komplett im Schatten verschwindet. Marion Poschmann skizziert in der Sonnenposition das Schloss sehr kontrastreich. Dabei steht die Inneneinrichtung aus vergangenen Zeiten im Gegensatz zu den modern eingerichteten psychiatrischen Einrichtungen. Statt einer hellen und freundlichen Einrichtung, die die Ängste der Patienten kompensieren soll, findet sich im Schloss eine düstere und dichte Möblierung wieder. Die Fassade bröckelt und ist abgenutzt (S. 215).

Familiengeschichte/Beziehungen
In der Hundenovelle spielt der Hund, welcher als Symbol und als thematischer Komplex in unterschiedlichen Bedeutungen und Deutungen auftaucht, eine große Rolle. Zum einem seinen Fähigkeiten entsprechend, Treue und Wachsamkeit, Konsequenz bei der Erfüllung seiner Aufgaben sowie Mut und Geschick. In dieser Novelle agiert der Hund tatsächlich als treuer Begleiter ganz im Sinne des Stereotyps. Sobald er sich seinen Mensch als Bezugspunkt einmal ausgesucht hat, bleibt er bei diesem und nichts bringt ihn mehr davon ab, in dessen Nähe zu bleiben. Der Hund ist also ein positiver Gegenpol zu der Ich-Erzählerin, der diese jedoch zu wenig in die Aktivität und Interaktion mit ihrer Umgebung und anderen Menschen antreibt.
Zum anderen spiegelt er als Schattenwesen häufig auch die Ängste der Protagonistin wider. Ihre Beziehung zu dem Hund ist einem ständigen Wechsel unterworfen. Mal fürchtet sie sich vor dem Hund und ist vor Angst nahezu starr und dann setzt sie sich aktiv mit dem Tier auseinander und macht durchaus positive Erfahrungen. Der Hund ist somit zum einen ein "Angst"-Gegner und zum anderen ihr letzter Rettungsanker, verkörpert in einer "Person".

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Formale Aspekte zu Hundenovelle [ ↑ ]

Kapitel
Die Hundenovelle besteht aus vier Kapitel: Brachland, Leeres Funkeln, Tröstungen und Heimweh. Jedes Kapitel ist ca. 30 Seiten lang. Obwohl die Novelle eine klare Konstruktion aufweist, ist diese keine fest vorgegebene Gattung. All ihre Bausteine und Elemente können bei jeder neuen Geschichte durch den Autor (Novellisten) frei gewählt und verwendet werden.

Vergleiche/Metaphern
Besonders die Gegebenheiten in Räumen und in der Natur sind in Marion Poschmanns Werken zentral. Die Autorin vergleicht vielfach Industriebrachen mit der Natur und beschreibt die Rückkehr der Natur: „Stadtbrache, vages Terrain. Nichtort, wo jederzeit alles möglich war und nie etwas geschah. Ruderalflora siedelte sich an, erhob sich an windigen Stellen, auf offenen Flächen, in Übergangsgegenden. Langsam, sehr langsam schraubten sich Pflanzen aus dem verhärteten Boden hervor, sie wuchsen spiralförmig, drehten sich unmerklich nach oben, zu den Seiten, füllten Raum aus, ließen Knospen klaffen, Blätter lappen, verstreuten Blütenstaub, all das sah niemand, zu langsam, man sah es nicht mit bloßen Augen, sah vielleicht das Resultat, eine Verlängerung, eine Verdickung.“ (Hundenovelle S.7f )

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Pressespiegel zu Hundenovelle [ ↑ ]
Die Hundenovelle aus dem Jahr 2008 ist in der Presselandschaft mit viel Wohlwollen aufgenommen worden. Dabei werden vor allem zwei verschiedene Herausstellungsmerkmale in dieser Novelle benannt. Die Thematik von Hund und Mensch und die Art und Weise, wie die Thematik im Buch umgesetzt wird. Christoph Schröder (Frankfurter Rundschau, 20.09.2008) lobt vor allem die hohe poetische Kunst, mit der Marion Poschmann diese „unbefriedigte Sehnsuchtsgeschichte“ stilecht erzählt. Dabei inszeniert die Autorin „ein Machtspiel“ zwischen den beiden Lebewesen, das trotz dem „philosophischen Fundament“, auf dem die Geschichte fußt, niemals die Leichtigkeit der Schreibart einbüßt. Eine besonders überschwängliche Lobeshymne auf Marion Poschmann, ihre Arbeit im Gesamten und auf die Hundenovelle findet man bei Barbara Villiger Heilig (Neue Züricher Zeitung, 08.10.2008). Für sie ist es einfach nur „wunderbar. Verwirrend, rührend, komisch, traurig, belebend und entspannend“, sich mit einem Text der Autorin auseinander zu setzen. Im konkreten Fall wird die Umsetzung der Thematik und der Schluss des Buches, der kein Happy End darstellt, hervorgehoben. „Es öffnet Augen, Ohren und – wieso nicht – Herz für jene Welt, die hinter oder neben den Menschen und ihrer zielgerichtet-ziellosen Betriebsamkeit existiert, gegenwärtig, geheimnisvoll, schrecklich und, eben, wunderbar: wie Poesie.“
Für Katrin Hillgruber (Der Tagesspiegel, 11.10.2008) reiht sich Marion Poschmann mit ihrem Roman in eine Reihe berühmter Persönlichkeiten ein, die sich alle mit dem Thema der „Melancholie“ beschäftigt haben. So wird die Essener Autorin in diesem Fall mit Leuten wie „Martin Luther, E.T.A. Hoffman und Albrecht Dürer“ verglichen, die ebenfalls über diese Thematik verschiedene Schriften verfasst haben bzw. Kunst zu diesem Thema geschaffen haben.
Die Hundenovelle ist dabei der bisher letzte Punkt einer Reihe von Werken der Autorin, in denen die Melancholie auf eindrucksvolle Weise vermittelt wird. Auch Dorothea Dieckmann (literaturkritik.de, 03.11.2008) scheut nicht den thematischen Vergleich zwischen verschiedenen Literaten und Marion Poschmann, wobei Dieckmann eher die intertextuellen Bezüge in der Hundenovelle anspricht und damit auf andere Literaten verweist. So wird „selbst aus dem `Funkeln´ Joesph von Eichendorffs und E.T.A. Hoffmanns im Titel des zweiten Kapitels ein `Leeres Funkeln´“. Diese Ausarbeitung und Veränderungen von Poschmann können nur als „betörend“ gut angesehen werden. Im Vergleich zu Konrad Lorenz attestiert Dieckmann der Autorin allerdings, dass ihre „Meditation über die wilde Natur des Menschen wegen allem Kunstwillen gezähmt wirkt - ganz im Gegensatz zu der lebendigen Souveränität des alten Konrad Lorenz.“

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Die Sonnenposition

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Inhaltsangaben und Interpretationsansätze zu Die Sonnenposition [ ↑ ]
Bei dem Roman Die Sonnenposition von Marion Poschmann handelt es sich um einen Heimatroman, der über Deutschland nach der Wende aus der Sicht der Nachkriegsgeneration erzählt. Die Geschichte spielt um den Psychiater Altfried Janich, der gebürtig aus dem Westen stammt. Nach dem Fall der Mauer übernimmt er einen Job im Ostschloss, welches fernab im Osten liegt. Altfried Janich, der Ich-Erzähler, ist hier das Bindeglied zwischen der Begegnung Ost-West. Nachdem sein Freund Odilo schon zu Beginn des Romans bei einem Autounfall, dessen Umstände nicht genau geklärt werden können, ums Leben gekommen ist, verliert der Psychiater selbst den Halt. Er fängt an, für ihn untypische Verhaltensweisen an den Tag zu legen. Er schläft nachts nicht mehr und wandelt unruhig durch das Schloss, während er tagsüber genervt von den Patienten ist. Dabei nimmt er nicht mehr, wie er selbst beschreibt, die Sonnenposition für die Patienten ein. Er kann ihnen somit keinen Trost mehr spenden und den Weg weisen. Obwohl Odilo der Freund des Psychiaters war, weiß Altfried nicht besonders viel über ihn. Seine Schwester Mila, die die dritte Hauptperson des Romans bildet, hat ein Verhältnis mit Odilo, was Altfried selbst nach dessen Tod nicht weiß. Odilo und Altfried verband nur ihr Hobby Erlkönige zu jagen. Dabei ist nicht etwa ein Lebewesen oder eine Figur Goethes gemeint, sondern Prototypen von Autos, die nachts heimlich getestet werden. Altfried ist wie besessen hinter ihnen her zu jagen. Es ist wie eine Psychose. Bei dem Roman bleibt am Ende offen, ob Altfried schon selbst Patient oder weiterhin Psychiater in dem Schloss ist.
Poschmanns Werk ist weder ein politisch-historischer Roman, noch sehr  handlungsorientiert, es geht hier viel mehr um die Mittel der Literatur und die Wortmalerei, die die dunkle Atmosphäre kreieren. Die Autorin versucht dabei die Depressionen und die Grenzzustände dieser Krankheit in den Vordergrund zu stellen, weniger durch den Inhalt als vielmehr durch die Form. Durch die metaphorische Sprache und die Darstellung von Kontrasten (hell/dunkel) sollen die Grenzen und Abgründe der menschlichen Psyche dargestellt werden.
Auch die Figurenkonstellation ist auf diese Weise gestaltet. Altfried sieht Odilo als seinen Freund, obwohl er nichts über ihn weiß und auch das Verhältnis zu seiner Schwester ist kein inniges. Der Psychiater steht also alleine dar, sieht dies aber erst, nachdem Odilo tot ist. Altfried jagt nicht nur den Erlkönigen hinterher, man bekommen das Gefühl, dass er auch menschlicher Anerkennung bzw. Nähe hinterher jagt, welche er nur von seinen psychisch kranken Patienten bekommt. Doch weder von seiner Schwester, noch von seinen Eltern bekommt er diese Nähe. Man erfährt, dass Altrieds Vater tot ist und über die Mutter wird nichts gesagt. Die Geschichte der Familie wird nur an kleinen Einschüben erzählt, mehr erfährt man nicht über die Vergangenheit. Das Schloss wirkt hier wie ein Spuk- oder Geisterschloss. Nachts läuft Altfried wie ein Gespenst durch die Gänge und tagsüber läuft der normale Betrieb weiter. Marion Poschmann verwendet auf der einen Seite eine kühle und klare Sprache, auf der anderen Seite benutzt sie detailgenaue und metaphorische ausschweifende Umschreibungen. Dieser Kontrast bildet die Geschichte um den Psychiater ab, welcher zwischen seiner Einsamkeit und den aufdringlichen Patienten gefangen zu sein scheint.

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Thematische Aspekte zu Die Sonnenposition [ ↑ ]

Einsamkeit/Melancholie
Der Tod von Odilo in Marion Poschmanns Roman Die Sonnenposition lässt den Psychiater Altfried Janich den Halt verlieren (Vgl. S.25). Sein bester Freund stirbt bei einem Autounfall. Nach der Beerdigung läuft Altfried nachts ruhelos im Schloss umher und ist tagsüber genervt von seiner Arbeit und seinen Patienten. Außer seiner Schwester hat er niemanden mehr, der ihm nahe steht, wobei auch der Kontakt zu seiner Schwester ein nicht sehr persönlicher ist.

Natur vs. Industrie
In der Sonnenposition findet sich der Gegensatz von Natur und Industrie in dem Freund des Psychiaters wieder. Odilo liebt auf der einen Seite die Natur und ist als Biologe fasziniert von der Biolumineszenz, d.h. der Fähigkeit eines Lebewesens zu leuchten (Vgl. S. 59/70). Auf der anderen Seite ist Odilo wie besessen davon hinter Erlkönigen her zu jagen. Die getarnten Prototypen von Autos werden dabei nachts auf verlassenen Straßen getestet (Vgl. S. 73f.).

Familiengeschichte/Beziehungen
In ihrem Roman Die Sonnenposition finden sich immer wieder Einschübe, in denen der Psychiater Altfried über die Vergangenheit seines Vaters berichtet. Wie er im Krieg als Kind in eine Truppenunterkunft gebracht wurde und er vorübergehend in ein Lazarett gebracht werden musste, da er an einer Lungenentzündung erkrankt war. Über die Mutter der beiden Kinder wird nichts berichtet, der Vater starb später bei Mila, die ihn zu sich genommen hatte. Die Rückblicke finden in Janichs Kopf statt, über die Eltern wird nie laut oder direkt gesprochen (Vgl. S. 225ff.). Die drei Hauptfiguren des Roman Altfried, seine Schwester Mila und sein Freund Odilo sind alle miteinander verbunden. Obwohl Altfried nicht viel über seinen Freund Odilo weiß, ist er nach dessen Tod sehr betroffen. Die Beziehung zwischen Mila und ihrem Bruder ist keine Innige. Mila hat ein Verhältnis mit dem Freund Odilo, doch davon weiß Altfried nichts. Selbst an Odilos Beerdigung schweigt Mila zu diesem Thema. (S. 36)

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Formale Aspekte zu Die Sonnenposition [ ↑ ]
Ich-Erzähler
In der Sonnenposition ist es hingegen ein männlicher Ich-Erzähler, der die Geschichte von seinem Standpunkt aus erzählt. Durch Erinnerungen und Reflexionen aktueller Ereignisse wird es dem/der LeserIn ermöglicht in die Gefühlswelt der Hauptfigur einzutauchen und in gewisser Weise die Gesellschaft mit ihren Augen zu sehen.

Kapitel
Bei der Sonnenposition wird die Geschichte in vier Oberkapitel unterteilt. Diese Oberkapitel enthalten nochmals sieben Unterkapitel, auch hier werden ähnlich wie bei Baden bei Gewitter Überschriften gewählt (z.B. Mischwesen oder Weiße Maulbeeren) bei denen sich nicht sofort erschließen lässt, wie sie zu dem Inhalt des Kapitels passen.

Personifikation
Bei der Sonnenposition dient das Schloss als Personifikation des Protagonisten Altfrieds. Das verfallene Schloss hat seine besten Jahre hinter sich und ist nach dem Fall der Mauer völlig heruntergekommen. „Das Schloss ist unbedeutend und heruntergekommen.“ (Die Sonnenposition S.8). Auch der Psychiater Altfried ist nicht mehr der gute Psychiater, der er einst war, nach dem Tod seines Freundes ist er nicht mehr in der Lage ein normales Leben zu führen. „Nachts stehe ich mindestens einmal auf und geistere durch die verlassenen Säle.“( Die Sonnenposition S. 13)

Vergleiche/Metaphern
In Marion Poschmanns Romanen dienen Metaphern und Vergleiche vor allem dazu, dem/der LeserIn einen Einblick in die sich ständig verändernden Gemütszustände der Hauptfiguren zu geben. „Von außen blickte er auf die damenhaften türkisblauen Trockenhauben, die mit sehr langen Hälsen und hochtoupierten Schaufrisuren beieinanderstanden und einen Leistungsvergleich ihrer Haargebilde anstellten. Er selbst begnügte sich mit einer normalen Kabinenfrisur.“ (Die Sonnenposition S. 56), der Psychiater wird hier als unbedeutend und klein beschrieben, die Beschreibung erfolgt von ihm selbst, was seine Haltung zu seiner eigenen Person zeigt.

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Pressespiegel zu Die Sonnenposition [ ↑ ]
Der neueste Roman von Marion Poschmann hat ein deutliches Medienecho erhalten. Dabei sind die einzelnen Rezensionen fast ausschließlich positiv. Sandra Kegel (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.08.2013) hebt die Kreativität der Autorin besonders hervor und verweist dabei auf die vielen Wortkreationen, die Marion  Poschmann in ihrem Roman benutzt. Auch die Kunst eine tiefgreifende Geschichte zu erzählen, die trotz vieler zeitlicher Sprünge und einer „philosophischen Grundstimmung“ absolut gut lesbar bleibt. Wie bei vielen vorangegangenen Werken der Autorin, wird auch hier die fantastische Verwendung der Sprache gelobt. Nicht nur Kegel, sondern auch Insa Wilke (Der Tagesspiegel, 01.09.2013) ist von der mehrschichtigen Erzählweise fasziniert und honoriert das in ihrer Rezension durch die Beurteilung „klug gedacht und geschrieben“. Negativ bewertet Wilke, dass die Geschichte nicht so richtig in Gang kommt und dass der Leser sich dauerhaft einem „leeren Zentrum“ in der Handlung ausgesetzt sieht. Dies ist allerdings einer der wenigen Makel aus ihrer Sicht, die den „großartig erdachten Roman“ abwerten. Genau diesen Punkt hebt Christoph Schröder (Die Zeit Online, 06.09.2013) hingegen positiv hervor. Das „leere Zentrum“ schafft eine geheimnisvolle Form, die nur wenig genaue
Betrachtungsweise zulässt, was wiederum den gesamten Roman mystifiziert. Nur an wenigen Stellen, merkt Schröder an, wird Poschmann „explizit und lässt uns einen kurzen Blick in die feine Mechanik ihres Romans werfen“. Der Kern der positiven Kritik dreht sich aber um die perfekte poetische Darstellungsform und die Schaffung einer „Universalpoesie“, die er der Autorin zuschreibt. Dabei wird nicht die Sonnenposition sondern auch die Hundenovelle lobend erwähnt. Die Poesie steht ebenfalls bei Susanne Mayer (Die Zeit Online, 26.09.2013), die anders als ihr Kollege zuvor die Vorzüge der bisher veröffentlichten lyrischen Werke von Marion Poschmann würdigt, im Vordergrund. Des Weiteren hebt sie die Komplexität des poetischen Verfahrens der Autorin hervor und, wie einige andere Kritiker zuvor auch schon, die Kreativität der Wortschöpfungen. Ein weiterer Punkt, der positiv erwähnt wird, ist die Doppeldeutigkeit und die vielen sprachlichen Dualismen, die das Thema von Licht und Schatten tragen. Katrin Hillgruber (Frankfurter Rundschau, 02.10.13) gefällt dies besonders gut und ihr Urteil besagt, es ist ein „thematisch und sprachlich außergewöhnlicher Roman“. Das wiederkehrende Thema Ost-West, welches auch schon in Schwarzweissroman behandelt wird, ist auch in der Sonnenposition gut durchdacht und umgesetzt.

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