Berichte aus der Fakultät

Kommunikationswissenschaft

Drücken oder ziehen? Die Welt der Piktogramme

Piktogramme
Tür blitzt bei Berührung? Warnhinweise am Eingang von R12 (Foto: M. Arora)

Piktogramme begegnen uns überall im Alltag. Sie werden da eingesetzt, wo Sprache nicht funktioniert: Im Straßenverkehr und in Gebäuden. An Orten, wo Menschen international zusammenkommen. In Laboren. Denn sie geben schnelle Orientierung in einer fremden Umgebung, zeigen Verbotenes, Erlaubtes oder Gefahren an. Sie sind Werbeträger, Maskottchen, Protestzeichen, Sportsymbole. Dass sie all dies können, scheint an ihrer Eigenschaft zu liegen, unmittelbar verständlich zu sein, egal welchen kulturellen Hintergrund, welches Alter oder welche kognitiven Fähigkeiten der Betrachter hat. Doch wie werden Piktogramme eigentlich gestaltet, um dies zu leisten? Und wie werden sie von Betrachtern interpretiert? Diesen Fragen widmet sich die Doktorarbeit von Alexander Christian, die jetzt erschienen ist.

Piktogramme scheinen eindeutig auszusagen, was sie sagen sollen. Ihre schematische Reduktion auf das Wesentliche macht sie, so wird oft angenommen, von bestimmten Kontexten unabhängig. Was sonst könnte die ausgestreckte Handfläche bedeuten, wenn nicht: „Halt!“? Was der Totenkopf auf der Flasche, wenn nicht: „Sehr giftig – Lebensgefahr!“? Doch sind Piktogramme wirklich so unmittelbar verständlich wie allgemein angenommen? Oder müssen ihre Bedeutungen erst gelernt werden? Können durch Piktogramme sogar Missverständnisse entstehen? Die flache Hand kann auch auffordern: „push“ statt „pull“. Kinder hielten den Totenkopf mit den gekreuzten Knochen für eine Piratenflagge oder das Symbol eines Sportclubs. Mr Yuk wurde erfunden, ein grünes Gesicht im Stil eines Emoticons, das Ekel ausdrücken soll, um vor Giften zu warnen.
In seiner Arbeit hat der Autor dieses und eine Vielzahl weiterer historischer und aktueller Piktogramme aus verschiedenen kulturellen Kontexten betrachtet und kommunikationswissenschaftlich analysiert. Christian kann zeigen, dass Piktogramme wie andere Zeichen auch kontextabhängig sind und dass ihre Bedeutungen gelernt werden müssen. Wie Sprache sind sie dem gesellschaftlichen Wandel unterworfen und werden neuen Ansprüchen angepasst. So stellt der Autor fest, dass Piktogrammen Merkmale nonverbaler Kommunikation hinzugefügt werden. Durch Gestik und Mimik werden sie expressiver, durch Kombination und Sequenzierung komplexer.
Und im Gegensatz zu Wörtern sind Piktogramme eben nicht zuletzt Bilder. Sie haben neben ihrer funktionalen auch eine ästhetische Dimension. Dadurch können sie intuitiv interpretiert, kann neben die schematische Lesart eine freiere treten. Piktogramme können verändert, emotionalisiert und personalisiert werden. Zu Standardformen kommen individuelle Brechungen und Neuschöpfungen, wenn sie z.B. in andere Kontexte übertragen oder künstlerisch verarbeitet werden. Gerade wegen all dieser Möglichkeiten spielen Piktogramme, diese scheinbar einfachen Darstellungen, eine so große, durchaus komplexe Rolle in den verschiedensten kommunikativen Zusammenhängen.
Auf dieses interessante Thema ist auch der Deutschlandfunk aufmerksam geworden und hat Alexander Christian interviewt. Den Link zum Gespräch finden Sie hier.
Außerdem wird das Buch in der kommenden Ausgabe des NEK-Magazins vorgestellt. Nach der Lektüre von sieht man die Welt der Piktogramme mit anderen Augen – und denkt vielleicht: Ampelmännchen sind auch nur Menschenschemen...

Alexander Christian: Piktogramme. Tendenzen in der Gestaltung und im Einsatz grafischer Symbole.Köln: Herbert von Halem Verlag 2017

28.06.17/mca