Im Bereich der Fachsprachen liegt noch immer ein starker Fokus auf der Sammlung, Erklärung und Übersetzung einzelner  Fachausdrücke, Nachschlagewerke zu Terminologien gibt es für die unterschiedlichsten Professionen.  Aber wie sieht es aus, wenn man über die Wortebene hinausgeht? Wohin sich wenden, wenn Fragen auftauchen, die nicht mit einzelnen Ausdrücken, sondern mit Wortkombinationen und sprachlichen Mustern zu tun haben?

Einer ‚fachfremden‘ Person  dürfte es zum Beispiel schwer fallen, zu entscheiden, welche Konstruktionen im   Wirtschaftsdeutsch  benutzt werden, um von Prozentzahlen, Inflationsraten und Arbeitsmarktzahlen zu sprechen. Zu Verwunderung könnte führen, dass man Liquidität bereitstellen und zuführen oder auch jemanden damit versorgen kann. Und was bedeutet es eigentlich, wenn Wachstum negativ ist? Konventionelle Nachschlagewerke halten für derlei Fragen nur bedingt Rat bereit.

Doch nicht nur im Bereich der Fachsprachen ergibt sich dieses Problem, sondern zum Beispiel auch beim Fremdspracherwerb.  Beim Lehren und Lernen rückt man mittlerweile vom Pauken isolierter Vokabeln ab und greift auf die Vermittlung miteinander auftauchender Wörter und sprachlicher Konstruktionen zurück. Die Systematisierung eines solchen Zugangs ist aber auch hier noch ein Feld mit viel ungenutztem Potenzial.

KoGloss stellt als sprachdidaktische Methode Möglichkeiten bereit, diesen Bedarf in eigenständiger Erarbeitung abzudecken.  Authentisches Textmaterial aus beliebigen Domänen und Professionen soll im Hinblick auf sprachliche Besonderheiten untersucht und festgehalten werden. Ziel ist es, typische sprachliche Muster des fokussierten Bereichs zu identifizieren und nutzbar zu machen, ohne dabei auf der Ebene einzelner Fachausdrücke zu verweilen. Für die Zusammenstellung und Auswertung der Texte ist kaum linguistisches Fachwissen nötig, so dass KoGloss nach kurzer Einarbeitungszeit  von NutzerInnen mit unterschiedlichsten sprachlichen Kompetenzen angewendet werden kann. Neben dem Wissenszuwachs bei der Arbeit am Textmaterial ist das Ergebnis ein Glossar mit spezifischen sprachlichen Mustern, die zum Beispiel für eine bestimmte Domäne charakteristisch sind oder helfen, ein spezielles Thema sprachlich zu erschließen.

Dabei arbeitet KoGloss mit einer niederschwelligen Form der digitalen Textanalyse. Hierfür wird zunächst Datenmaterial gesammelt, das den Zielbereich repräsentativ und in ausreichendem Umfang abdeckt. Die Sammlung könnte sich zum Beispiel aus einer Reihe fachsprachlicher Texte aus der Presse, Fachpublikationen und amtlichen Veröffentlichungen zusammensetzen, die online einsehbar sind oder aus dem eigenen beruflichen Hintergrund zur Verfügung gestellt werden. Anschließend kann das Material mit Hilfe einer frei zugänglichen Software analysiert werden, um das Auftauchen und die Funktion besonderer sprachlicher Muster selbst zu analysieren. Die Ergebnisse werden anschließend in einem digitalen Nachschlagewerk, dem Glossar, festgehalten.

Potenzielle NutzerInnen sind alle, die im Beruf und/oder in der Weiterbildung besonderes Augenmerk auf Fähigkeiten der Texterschließung und des Textverfassens legen müssen. Sowohl Muttersprachlern als Fremdsprachenlernenden kann KoGloss einerseits zu einer höheren Sprachbewusstheit verhelfen und andererseits bei ganz konkreten Umsetzungsfragen in Form eines Glossars zur Seite stehen.

Die Projektpartner sind die Universitäten Duisburg-Essen, Tartu, Vilnius und die Hochschule Ventspils. Die Methode wird also parallel für das Deutsche und für die drei kleineren Sprachen des Baltikums Estnisch, Lettisch und Litauisch erprobt. Dabei wird exemplarisch ein Teil der Fachsprache Wirtschaft untersucht, indem sich alle Projektpartner in der jeweiligen Sprache mit Texten zum Thema Konjunktur und Konjunkturentwicklung auseinandersetzen und sie auf fachsprachliche Muster hin untersuchen. Getestet wird das Verfahren vor allem im akademischen Rahmen in Seminaren mit Studierenden, findet aber auch Verbreitung und Anwendung in Workshops für Fremdsprachenlehrende und ÜbersetzerInnen. Im Laufe der zweijährigen Projektarbeit werden vier miteinander verknüpfte Konstruktionsglossare erstellt.

Die so erprobte Methode bietet die Möglichkeit, neue fachsprachliche Domänen in der eigenen oder einer fremden Sprache schnell und zielgerichtet zu erschließen. Daher erwarten wir, dass die Fähigkeit, eigene und fremde Sprachen zu analysieren deutlich gesteigert wird und zum unmittelbaren Nutzen für Kommunikationsberufe sein wird.