Die Studierendenstruktur in Hinblick auf die Kategorie Geschlecht im Fach Informatik/Computer Science ist im internationalen Vergleich sehr heterogen. In den slawischen, romanischen, südamerikanischen oder arabischen Ländern liegt der Anteil weiblicher Studierender in technischen Fächern oft über 40%. In Deutschland liegt der Anteil von Frauen im Fach Informatik bei nur ca. 17 %. Die kulturvergleichende Perspektive mit Bezug auf die Frauenbeteiligung im Informatikstudium entkräftet die häufig anzutreffenden Argumente eines vermeintlich geringen Interesses von Frauen in diesem Bereich (Schinzel 2007, S. 127 f.).
Die wichtigsten Ansätze zur Verbesserung der Lehre und nicht zuletzt Forschung in der Informatik sind, wie auch in den Natur- und Ingenieurwissenschaften, die Verknüpfung technischer Lehr- und Forschungsinhalte mit Inhalten und Fragestellungen der Gender Studies sowie anderer Disziplinen wie zum Beispiel aus den Geistes- und Sozialwissenschaften. Besonders interessante Beispiele für die Verknüpfung von Gender und Informatik werden im Folgenden vorgestellt.
Kompetenzforum Genderforschung in Informatik und Naturwissenschaften (gin)
Das "Kompetenzforum Genderforschung in Informatik und Naturwissenschaften" (gin), eine Einrichtung der Universität Freiburg/Schweiz, hat eigene Analyse-Kategorien entwickelt, um den spezifischen Fragestellungen dieser Fächer gerecht zu werden:
Women in Science and Technology
Science and Technology of Gender
Gender in Science and Technology
Mit diesen Fachkompetenzen soll der Dialog zwischen Natur- und Kulturwissenschaften gefördert werden. Das "gin" hat erreicht, dass seine Beiträge zu Gender-Studies in Informatik und Naturwissenschaft in die Studien- und Prüfungsordnungen der Informatik aufgenommen wurden. Die Lehrveranstaltungen der gin - ProfessorInnen, GastdozentInnen und MitarbeiterInnen vermitteln Basiskompetenzen und weiterführende Qualifikationen zu Gender-Aspekten in den Bachelor-, Master- und Diplom-Studiengängen der Informatik. Eine Einbindung in den Studiengang Bioinformatik und die Vernetzung mit der Fakultät für Biologie ist geplant. Ferner kooperiert das "gin" mit dem "Essener Kolleg für Geschlechterforschung" im Rahmen des Verbundes „Medizin und Geschlecht“.
Die Funktion der Leitung und Geschäftsführung des gin hat mitunter Prof. Dr. Britta Schinzel inne. Sie hat zahlreiche Publikationen zum Thema Gender und Informatik veröffentlicht, darunter auch ein Gutachten mit konkrete Vorschläge zur Erhöhung des Frauenanteils in diesem Fachgebiet: Curriculare Vorschläge zur Erhöhung des Frauenanteils in der Informatik: Möglichkeiten und Maßnahmen (pdf, 0,2 MB) Weitere frei aus dem Netz zu ladende Publikationen von Prof. Dr. Schinzel finden Sie hier.
Die US-amerikanische Carnegie Mellon University (CMU) in Pittsburgh, Pennsylvania kann eine Erfolgsgeschichte vorweisen: Innerhalb von 7 Jahren (von 1995 – 2002) schaffte sie es dank Maßnahmen zur Organisations-, Personalentwicklung und zur Qualitätssicherung der Lehre den Anteil der Studentinnen in der Informatik von 7% auf fast 45% Prozent zu erhöhen. Die Lehrenden integrierten die Kategorie Gender in einen Reformprozess des Informatik-Studiums.
Die verantwortlichen Dozenten und Dozentinnen, veränderten das Curriculum und den Lehrstil, machten interdisziplinäre Themen und Projekte e sich stärker an den Interessen der Studierenden orientieren zum festen Bestandteil des Studiums. Außerdem veränderten sie den Lehrstil indem sie zum Beispiel mehr Wert auf aktivierende Didaktik, Gruppenarbeit und frühes Experimentieren in Übungen gelegt haben. Ein wertschätzendes Kommunikationsklima wird nun als "Muß" angesehen. Zudem wurden Service, Betreuung und Unterstützungen für die Studierenden weiter verbessert.
Mehr Infos: Marion Kamphans & Sigrid Metz-Göckel & Anja Tigges (2003): Wie Geschlechteraspekte in die digitalen Medien integriert werden können - das BMBF-Projekt "MuSofT"", in: Internes Memorandum des Lehrstuhls für Software-Technologie der Universität Dortmund, Memo Nr. 141, MuSofT Bericht Nr. 4, Dortmund [Link]