Lehre
Sommersemester 2026
MA Freies Mastermodul Literatur II
Der koloniale Blick. Literarische Rassediskurse um 1800
Di, 16-18
Von Natur aus gibt es keine ‚Rassen‘, weder Schwarze noch weiße Menschen. Dass das Konzept der Rasse das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung darstellt, ist heute wissenschaftlicher Konsens in Biologie, Zoologie und Genetik („Jenaer Erklärung“). In anthropologischen, physiognomischen und literarischen Texten des 18. Jahrhunderts lässt sich hingegen beobachten, wie die Menschheit in verschiedenfarbige ‚Rassen‘ eingeteilt wird, wie diese mit vermeintlich natürlichen Eigenschaften und Verhaltensweisen verknüpft und daraus angeblich höher und tiefer stehende, aber auch ästhetisch ‚schönere‘ und ‚hässlichere‘ Menschengruppe abgeleitet werden. Die Konstruktion von ‚Rassen‘ dient nicht zuletzt der Legitimation von Kolonialisierung und Sklaverei. Im Seminar vollziehen wir diesen Konstruktionsprozess kritisch nach, indem wir zum einen ‚rassentheoretische‘ Texte und zum anderen literarische Texte des späten 18. Jahrhunderts lesen, die sich mit dem Rassediskurs ihrer Zeit auseinandersetzen.
Gelesen werden neben theoretischen Texten von Lavater, Kant und Herder: Rathlef: Die Mohrinn zu Hamburg (1775), Friedrich Schiller: Die Räuber (1781), Kotzebue: Die Negersklaven (1796), Kleist: Die Verlobung in St. Domingo (1811).
BA Exemplarische Textanalyse II
Jammer! Schrecken! Mitleid! Wirkungsästhetik im Drama des 18. und 19. Jh.s
Di, 18-20
Warum berühren uns Dramen? Welche Wirkungen sollen sie historisch entfalten – und wie wird insbesondere Mitleid ästhetisch erzeugt? Diesen Fragen geht das Seminar anhand von Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti (1772), Friedrich Schillers Die Räuber (1781) und Georg Büchners Woyzeck (1836/37) nach. Im Zentrum steht die Analyse, wie Dramen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts gezielt Affekte mobilisieren und auf spezifische moralische Wirkungen ausgerichtet sind.
Das Seminar vermittelt grundlegende Techniken der Dramenanalyse und bietet zugleich einen Überblick über zentrale Entwicklungslinien von der Aufklärung über den Sturm und Drang bis zum Vormärz. Ergänzend erfolgt eine Einführung in propädeutische Grundlagen des wissenschaftlichen Arbeitens.
MA Freies Mastermodul Literatur II
Fascism: Literature, Film, Propaganda (COIL-Seminar mit Prof. Priscilla Layne, University of North Carolina at Chapel Hill)
Mi, 16-18
Online Intensiv-Phase: 13.5., 20.5., 27.5.: 16-20 Uhr, Co-Teaching mit USA
Der Begriff des Faschismus ist erneut hochaktuell – sowohl in Deutschland als auch in den USA. In politischen Debatten, medialen Diskursen und künstlerischen Auseinandersetzungen wird er neu verhandelt, zugespitzt und nicht selten strategisch instrumentalisiert. Das deutsch-amerikanische Co-Teaching-Seminar nimmt diese gegenwärtige Konjunktur des Faschismusbegriffs zum Anlass, seine historischen, theoretischen, ästhetischen und medialen Grundlagen ebenso wie seine aktuellen Bezüge kritisch zu analysieren.
Zu Beginn erarbeiten wir uns – in deutscher Sprache und im Präsenzformat – zentrale Positionen der Faschismusforschung sowie historische Grundlagen. Darauf aufbauend untersuchen wir in drei gemeinsamen Online-Doppelsitzungen mit einem German-Studies-Seminar der University of North Carolina zentrale Beispiele faschistischer Propaganda in Rede und Film: Adolf Hitlers Sportpalast-Rede (1943), Leni Riefenstahls NS-Propagandafilm Triumph des Willens (1935) sowie Veit Harlans antisemitischen Spielfilm Jud Süß (1940). Anschließend wenden wir uns literarischen Texten zu, die sich kritisch mit der Rolle von Kunst und Künstlern unter den Bedingungen faschistischer Herrschaft auseinandersetzen. Gelesen werden Klaus Manns Mephisto. Roman einer Karriere (1936) sowie Daniel Kehlmanns jüngster Roman Lichtspiel (2023). Beide Texte verhandeln die Frage, inwiefern sich politische und moralische Integrität innerhalb einer faschistischen Diktatur bewahren lässt. Die anhaltende Brisanz dieser Frage zeigt sich nicht zuletzt darin, dass Kehlmanns Lichtspiel 2025 von der New York Times zu den besten Romanen des Jahres gezählt wurde.
Die Arbeitssprachen des Seminars sind Deutsch und Englisch.
Mi (15.4.-6.5.), 16-18 Uhr: Reguläre Sitzungen in Präsenz
Mi (13.5., 20.5., 27.5.), 16-20 Uhr: Online-Doppelsitzungen im Co-Teaching mit USA
Mi (3.5.-17.6.), 16-18 Uhr: Reguläre Sitzungen in Präsenz
Zur Anschaffung:
Klaus Mann: Mephisto. Roman einer Karriere. Mit einem Nachwort von Michael Töteberg
Hamburg: Rowohlt Verlag 2019. ISBN-10: 3499276860
Daniel Kehlmann: Lichtspiel. Roman. Hamburg: Rowohlt 2025. ISBN-10: 3499013452
BA Literaturhistorisches Seminar II
Bürgerliches Trauerspiel: Class, gender, race
Do, 10-12
Als das erste deutschsprachige bürgerliche Trauerspiel, G.E. Lessings Miß Sara Sampson, erscheint, ist es eine Sensation: Die Stärke des Gefühlsausdrucks, die realistische Psychologie, die natürlich wirkende Sprache und die wirklichkeitsnahe Familiendarstellung erscheinen dem Publikum überwältigend. „[D]ie Zuschauer haben drey und eine halbe Stunde zugehört, stille geseßen wie Statüen, und geweint“, berichtet Karl Wilhelm Ramler von der Uraufführung in Frankfurt/Oder am 10. Juli 1755. Das bürgerliche Trauerspiel grenzt sich in vielerlei Hinsicht von der klassizistischen Regelpoetik, insbesondere der heroischen Tragödie ab. Nicht Staatsangelegenheiten, sondern Familienkonflikte motivieren die Handlung; nicht der Hochadel, sondern der Mittelstand stellt die Figuren; nicht auf Bewunderung für den Helden, sondern auf Mitleid und moralische Besserung zielt die Wirkungsästhetik. Darüber hinaus untersucht das Seminar das bürgerliche Trauerspiel als einen Schauplatz, an dem Standesdifferenzen (class), Geschlechterverhältnisse (gender) und koloniale bzw. rassistische Wissensordnungen (race) literarisch verhandelt, stabilisiert und problematisiert werden.
Gelesen werden neben Lessings tragödientheoretischen Schriften u.a. Dramen von Lessing (Miß Sara Sampson, Emilia Galotti), Wagner (Die Kindermörderin), Schiller (Kabale und Liebe) und Kotzebue (Die Negersklaven).