Pressemitteilung der Universität Duisburg-Essen

Abfallwirtschaftskonzept für die „Riviera Sibiriens“

Kampf dem Müll am Baikalsee

[12.02.2007] Dem UNESCO-Weltnaturerbe Baikalsee im Herzen Sibiriens droht Gefahr: Nicht nur die Industrie auch der Tourismus hinterlässt an den Küsten des weltweit größten Süßwasserbinnensees unübersehbar Spuren. Das Problem: Die Region weiß nicht, wohin mit dem Müll. Am Lehrstuhl für Umweltmanagement der Universität Duisburg-Essen (UDE) entwickeln Wissenschaftler unter der Leitung von Professor Dr. Jan-Dirk Herbell deshalb ein Abfallwirtschaftskonzept für die Touristikgebiete des Baikalsees. In Zusammenarbeit mit der Technischen Universität Irkutsk, Vertretern von Kommunen und Nichtregierungsorganisationen wollen sie binnen zwei Jahren für den Beginn einer geordneten Abfallbeseitigung sorgen.

„Die blaue Perle Sibiriens“, „Riviera Sibiriens“, „Brunnen des Planeten“ ? viele malerische Umschreibungen gibt es für den wasserreichsten, tiefsten und ältesten Süßwassersee der Erde, der dem Volk der Burjaten ? größte ethnische Minderheit in Sibirien - sogar heilig ist. Dr. Olga Ulanova kennt den Baikal bestens. Sie ist in der Region aufgewachsen, im nahen Irkutsk an der Technischen Universität arbeitet sie als Dozentin für Rohstoffaufbereitung und Umweltschutz. Ihre Idee, das Müllproblem im Naturreservat zwischen Taiga und Steppe anzugehen, fand bei den Duisburg-Essener Kollegen schnell Unterstützung. Man kennt sich gut: Seit 2005 arbeitet Ulanova auch am Lehrstuhl von Professor Herbell, zunächst als Bundeskanzlerstipendiatin der Alexander von Humboldt-Stiftung, jetzt als Gastwissenschaftlerin.

„Wir entwickeln das kommunale Abfallwirtschaftskonzept modellhaft für die Insel Olchon“, sagt Dr. Eva Selic, die mit Ingenieurin Ulanova das Projektprogramm erarbeitet hat. „Olchon ist die größte Baikal-Insel und für den Tourismus in der Region am bedeutendsten.“ Im Herbst 2006 war Professor Herbell mit seiner russischen Mitarbeiterin zu einer ersten Bestandsaufnahme auf dem Eiland an der Westseite des Baikal. Eine schöne, wenn auch ernüchternde Reise: „Weder auf dem Festland noch auf den Inseln gibt es eine den modernen Ansprüchen genügende Abfallbeseitigung. Eine reguläre Deponie, eine irgendwie geordnete Müllablagerung ist nicht vorhanden“, so Professor Herbell.

„Wegen der vielen heiligen Stätten auf der Insel verstecken die Einwohner den Müll in den Wäldern.“ Die Touristen, für die Baikalregion zweitwichtigste Einnahmequelle, produzieren weiteren Abfall, einige Gäste zeigen sich zudem von ihrer schlechten Seite: „Vor allem durch wildes Campen sehen die wunderschönen Küsten und Strände wie Müllplätze aus“, klagt Dr. Ulanova. „Nicht nur dass sie so ihre touristische Attraktivität verlieren. Der zurückgelassene Unrat belastet Luft, Wasser und Boden und auf lange Sicht auch die Gesundheit der dort lebenden Menschen.“

Derzeit erstellen die Wissenschaftler eine Marktanalyse für Olchon, im Sommer folgt

wiederum vor Ort

eine Abfallanalyse. Ganz wichtig: die Finanzierungsstrategien für das lokale Abfallwirtschaftkonzept. „Wenn wir nachhaltige Entwicklung in der Region wollen und damit auch die ökologische Funktion des Baikalsees wiederherstellen bzw. erhalten wollen, dann müssen wir die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verbessern“, so Dr. Selic. „Ein Punkt ist zum Beispiel, dass wir den Menschen beibringen, dass Müll etwas wert ist, dass darin Wertstoffe sind, mit denen man Geld verdienen kann.“

Überhaupt muss viel über Aufklärung und Information passieren, sind sich die Umweltingenieure sicher. In den zwei Jahren Projektzeitraum sind deshalb zahlreiche Aktionen und Veranstaltungen für die breite Öffentlichkeit, aber auch für Behörden und Wissenschaft geplant.

An genereller Unterstützung mangelt es nicht: Am Projekt arbeiten Regional- und Kreisverwaltung, die Technische Universität Irkutsk und lokale Nichtregierungsorganisationen mit. Astrid Klug, Staatssekretärin im Bundesumweltministerium (BMU), machte sich beim Gouverneur des Irkutsker Gebietes, Alexander Tischanin, für das Projekt stark. BMU und Umweltbundesamt stellen Mittel aus dem „Beratungshilfeprogramm für den Umweltschutz“ zur Verfügung. Damit der Baikalsee bleibt, was er ist: ein Naturwunder der Erde.

Redaktion: Ulrike Bohnsack, Tel. 0203/379-2429

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