Ameisen & Tektonik

Erste Erkenntnisse aus Skandinavien und Italien Gaspermeable Störungszonen und bevorzugte Siedlungsplätze roter Waldameisen

Geländebefunde von Südeuropa bis Nord-Skandinavien belegen, dass es eine starke Affinität hügelbauender Waldameisen zu gaspermeablen, rezent aktiven tektonischen Störungszonen gibt (Schreiber et al., 2009; Berberich & Schreiber 2013). Die Zusammenhänge, bzw. die eigentliche Ursache ist noch nicht geklärt. Aber es gibt erste Hinweise, dass aufsteigende Gase aus Störungszonen, die in der kalten Jahreszeit sehr kleinräumig eine Temperaturerhöhung im Boden bewirken, eine bedeutende Rolle spielen können. Eine extreme Sensibilität für geringste Temperaturerhöhungen des Untergrundes konnte bei Formica polyctena in einer Laufarena bereits nachgewiesen werden (Dr. Stefan Hetz, Humboldt-Universität Berlin). In sehr trockenen Jahren bieten die Hohlräume der Störungen im oberflächennahen Bereich Kondensationsfeuchtigkeit, die von den Ameisen genutzt werden kann.

Ein komplexerer Zusammenhang könnte auch im Zusammenspiel Gasfluss/Erdgezeiten liegen. Aus der Überlagerung der Anziehungskräfte von Sonne und Mond auf die feste Erdkruste resultieren regelmäßig wiederkehrende Erdgezeitenmaxima, die ein Vielfaches des geringsten Wertes (wenige Zentimeter) ausmachen (Anhebung der Erdkruste im Maximum bis zu 40 cm zwei mal am Tag). Diese Bewegungen üben einen Einfluss auf aufsteigende Gase aus, deren Schwankungen in der Quantität möglicherweise von den Ameisen registriert werden können. In diesem Fall liegt neben der Tag/Nacht bzw. Temperatur-Steuerung der biologischen Uhr der Waldameisen ein weiterer Rhythmusgeber vor, ein Vorteil für Standorte mit hoher Schneebedeckung, bei denen über längere Zeit der Kontakt zu den äußeren Rhythmen abgeschnitten ist. Dieser hochinteressante Aspekt bedarf umfangreicher Forschungen durch Biologen verbunden mit der Frage, ob es weitere Tierarten geben könnte, die diesen Rhythmus nutzen.

1. Skandinavien

Jüngste Untersuchungen in Skandinavien (Inari-See, Oslo-Graben) haben eindrucksvoll den Zusammenhang von Störungen und Waldameisen belegt.  Das tief erodierte Grundgebirge in Nordskandinavien wird gerade im Umfeld des Inari-Sees von lang durchhaltenden Störungen durchzogen. Durch geringe bzw. ganz fehlende Sedimentüberdeckung gelangen die Gase aus der Kruste ohne weitere Verzweigungen der Aufstiegswege direkt an die Oberfläche. Mit den gegebenen ökologischen Voraussetzungen haben sich unzählige Nester entlang dieser Störungszonen entwickelt (bis zur Barents-See!).

Höchstes Nest im Baumstamm auf NW-SE Störung südlicher Inari See

 

 

Verkrautetes Nest direkt im Sumpf am See, gegenüber am
Seerand weitere Nester
 
Zahlreiche Nester im Moor (Grabenanstich vorn). Ein Nest
vorn links, zahlreiche Nester über die gesamte Fläche verteilt. Nordrand
Inari-See
 

Besonders auffällig sind die Standorte direkt am Ufer der zahlreichen Seen, die hier bis in den Juni vereist sein können.

Ameisennest unmittelbar im offenen Uferbereich des Inari-Sees

Ameisenbau am See Retthelltjärn, östlich Sundvollen, 40 km nordwestlich Oslo