CAMPUS:REPORT - Beiträge

Themenschwerpunkt "Ewiger Wettstreit"

„Gescheitert? So sehe ich mich nicht!“

2016-07-20 10:25:48 - Aufgezeichnet von Ulrike Bohnsack, Grafik: Fotolia/Thomas Bethge

Geschafft! Man ist Privatdozent/in und kreist dennoch weiter auf einer Umlaufbahn ins Ungewisse. Ein großes Thema. Nur reden möchten Betroffene darüber nicht. Jedenfalls nicht öffentlich. Wir haben lange gesucht. Warum es mit der Karriere hakt, erzählt jemand aus den Geistes- und Gesellschaftswissenschaften, wo besonders viele um eine Professur konkurrieren:

„Ich bin ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig es ist, Professor/in zu werden. Seit vielen Jahren versuche ich es – und hoffe immer noch. Auch mit Mitte 40. Wieso auch nicht. Ich weiß, dass ich gut bin. Und es gibt ermutigende Beispiele, dass es selbst jenseits der 50 klappen kann.

Warum es ich es noch nicht geschafft hab‘? Mein Werdegang ist nicht gradlinig; ich bin über den zweiten Bildungsweg zum Studieren gekommen, habe promoviert, danach habilitiert – mit einem Thema, das nicht gerade „in“ ist. Alles hat länger gedauert als geplant. Familie ist leider hinderlich, auch wenn sie mich sehr unterstützt. Mein Manko: Ich habe zu wenig Auslandserfahrung. Aber mit Kindern kann ich nicht einfach in die USA.

Ich hätte damals strategischer planen sollen. Networking, Gremienarbeit, möglichst ins angelsächsische Ausland gehen – das zählt. Lehre hingegen weniger, so meine Erfahrung. Mich beneiden dennoch viele: Ich habe eine sichere Stelle, mache das, was ich auch als Prof machen würde, nur ohne den Titel und für weniger Geld: forschen, lehren, Studiengänge mitentwickeln. Ich engagiere mich sehr.

Oft höre ich: Sei doch zufrieden damit. Aber ich möchte eine Professur. Warum eigentlich? Mich reizt, völlig selbstbestimmt und mit jungen Leuten zu arbeiten. Auch die Reputation ist was Tolles. Doch Prof sein ist nicht ohne: Der Exzellenzdruck macht hart, die Hahnenkämpfe sind nicht schön. Das Gehalt ist heute kein Argument mehr, so hoch ist das nicht.

25 Mal habe ich mich beworben. Je nach Ausrichtung des Lehrstuhls hat man 100 oder mehr Konkurrent/innen. Sechsmal war ich eingeladen. Manchmal wundert man sich, wer sich durchsetzt. Gut die Fäden zu ziehen, ist tatsächlich wichtig. Die Berufungsverfahren in Deutschland sind ernst, hart und undurchsichtig. In anderen Ländern ist das nicht so. Dort sind die Hierarchien flacher, vieles ist transparenter. Es gibt anerkannte unbefristete Positionen unterhalb der Professur – Senior Lecturer, Assistant Professor oder Maître de conférences. Das deutsche System kennt dagegen nur die Spitzenebene, das macht es dem Nachwuchs schwer. Daher ist das benachbarte Ausland für mich noch eine Option.

Natürlich kenne ich Kolleg/innen, die es geschafft haben, viele andere jedoch nicht. Einige sind Lehrer/in geworden. Manche haben schon während der Habilitation aufgegeben. Von denen, die ganz gescheitert sind, hört man nichts mehr. Weil sie denken, persönlich versagt zu haben.

Wie ich mich fühle, sollte es letztlich nicht klappen? Fragen Sie mich in ein paar Jahren. Vielleicht sehe ich mich dann doch als gescheitert – obwohl ich es nicht müsste. Denn ich habe viel erreicht. Aber es ist mein persönlicher Ehrgeiz: Ich will eine Professur.“